Im Architekturparadies

Seit langem besitzt Weil am Rhein eines der schönsten Architekturensembles in Europa. Warum? Weil in den letzten 35 Jahren in dieser nur 10 Minuten von Basel entfernten kleinen badischen Stadt viele preisgekrönte Weltarchitekt:innen ihre ersten Bauwerke in Deutschland oder sogar überhaupt außerhalb ihrer Heimat errichtet haben. Frank O. Gehry, Álvaro Siza, Zaha M. Hadid und Tadao Ando gehören dazu. Ihre kleinen und großen Gebäude haben im Vitra Campus heute Aufgaben als Fabrikbauten, Showrooms, Ausstellungshallen, Bushaltestellen und skulpturale Follies. Oder, wie im Fall von Hadid, als Feuerwehrhaus.

Der jüngste, gerade erst eingeweihte Pavillon auf der Weiler Architektur-Schaustelle stammt von Balkrishna Doshi. Der Inder hatte, als er 2018 beauftragt wurde, gerade erst den Pritzkerpreis verliehen bekommen, der seit langem als „Architekturnobelpreis“ gilt. 2023 starb er dann – und so wurde das sogenannte Doshi Retreat samt seines Meditationsgartens das letzte Bauwerk, an dem er arbeitete. Die ganze Architekturparade von Weil am Rhein war von Anfang nur aus einem Grund möglich: Weil Rolf Fehlbaum, der Chef des Möbelherstellers Vitra, sich für die nebenan produzierten Qualitätsmöbel von Ray & Charles Eames, Jean Prouvé, Verner Panton, den Bouroullecs und vielen anderen sowie für seine eigene exquisite Schausammlung moderner Sitzmöbel eine adäquate Umgebung wünschte. Das Doshi Retreat, gleich neben dem fast 40 Jahre alten Bau von Frank M. Gehry für das renommierte Vitra Design Museum gelegen, passt da nun qualitativ extrem gut dazu.

An einem sonnigen Februartag, wie er im Markgräflerland keine Seltenheit ist, erweist sich der neue Pavillon für uns Gäste dann als das erhoffte Geschenk an alle Sinne. Er entschädigt schon allein dafür, dass man die unweit beginnenden Alpen von hier leider nicht sieht. Nach der Besichtigung des vergleichsweise trubeligen Gehry-Museums laufen wir zum Doshi Retreat nur 100 Meter weiter ums Eck – und werden sogleich von einer ganz anderen, sehr warmen und östlichen Stimmung einfangen. Doshi Retreat wirkt als eine Welt der Versenkung. Obwohl diese nicht lautlos ist. Betritt man sie, entpuppt sich der doppelte Pfad zum „Kontemplationsraum“ als Parcours der Klänge. Meditative Harmonien dringen aus Bodengittern im roten Sand. Der Architekt und seine Mitstreiter haben dafür rund um einige Bäume, Sitzbänke und Grasinseln ein Wegelabyrinth zwischen rostfarbenen Stahlplatten und verborgenen Lautsprechern angelegt. „Er ließ sich dafür von einem Traum mit zwei verschlungenen Kobras inspirieren“, so seine Enkelin Khushnu Panthaki Hoof, die mit ihrem Ehemann maßgeblich am Projekt beteiligt war.

Die Stahlwannen, die die beiden Schlangen-Pfade umsäumen, führen uns Besucher mal unters Erdniveau und mal zu Stufen mit Sitzplätzen auf Pflanzeninseln. Wundervolles Licht, getönt von den Schatten der Bäume oder vom warmen Orangerot des Rosts, fällt in die Gassen. In dem spirituellen Raum am Ende eines kleinen Tunnels warten Gong, zwei weiße Bänke und ein Messingschirm, der das Ambiente überspannt – ein Arrangement zwischen Himmel und Erde, das an kosmische Architekturbauten aus der Maharadschazeit denken lässt und an den Land-Art-Pionier James Turrell, der mit seinen Skyspaces auf ähnlich zauberhafte Weise Himmelsformationen einfängt. Balakrishna Doshis Beitrag ist eine Bereicherung, wie sie selbst in dieser edlen Architekturparade bisher noch gefehlt hat.

Text & Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

 

 

Doshi Retreat 2025

Vitra Campus, Weil am Rhein

Vitra Design Museum

Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr

www.design-museum.de

Doshi Retreat ist Teil der 2-stündigen Architektouren durch den Vitra Campus, die täglich in drei Sprachen stattfinden. Andere Höhepunkte sind Gehrys Museumsbau von 1989 (oben), Hadids Feuerwehrhaus, Fabrikhallen von Nicholas Grimshaw, Álvaro Siza und Sanaa, ein Konferenzpavillon von Tadao Ando (1993), eine kleine Kuppel von Buckminster Fuller (Querformat ganz u.), die Gräser und Stauden des Oudolf-Gartens aus den 2020ern sowie – in ihm verteilt – jüngere Tiny Houses von Renzo Piano, Marina Tabassum (Hochformat u.) und Tsuyoshi Tane (kl. Bild).

Die kommenden Ausstellungen widmen sich der Designerin Hella Jongerius (ab 14.3.2026), dem Designer Verner Panton (ab 23.5.2026) und dem Architekten Geoffrey Bawa (ab 26.9.2026). – Nebenan im Vitra Schaudepot / Barragán Gallery dauert die Schau „Science Fiction Design. Vom Space Age bis zum Metaverse“ noch bis 10.5.2026.