Primavera in Sanremo!

Wir von der Alpinen Kultur lieben ja vor allem die Berge. Aber mindestens einmal im Jahr lockt uns das nahe Meer. Und so sind wir diesmal nach unseren letzten Skitagen der Saison in Limone Piemonte, wo es eh schon ganz traumhaft nach Orangenbäumen duftet, noch etwas weiter gen Süden gefahren – nach Sanremo. Denn kaum 50 km von unserer Skipiste an der 2755 hohen Rocca dell´Abbisso fängt schon die Blumenriviera an. Auch in Italien laufen nämlich die Südalpen direkt am Mittelmeer aus. Oder besser gesagt: die Ligurischen Alpen! Was das allein schon für ein magischer Name ist.

 

Hier trafen wir den Frühling. In Sanremo duftete alles gleich noch viel mehr nach Blüten, Zitrusfrüchten und frischen Kräutern. Am nächsten Morgen stieg auch noch das große Blumenfest, eine Art Privatfasching mit viel Tanz und einer Wagenparade (Fotos oben und ganz unten). Der größte Unterschied der italienischen Riviera zur benachbarten Côte d´Azur ist ja der Blumenwahnsinn – tausende Gewächshäuser scheinen überall die Hügel hochzuklettern, alle Plätze und Lokale sind festlich mit Nelken, Ranunkeln, Strelitzien und Anemonen geschmückt. So wurde die kleine Kurstadt vor 150 Jahren zum Paradies für Urlauber. Erst kamen aus ganz Europa die Adligen, die Zarin Maria Alexandrowna ließ an der Promenade, die immer noch Corso Imperatrice heißt, sogar die ersten Palmen pflanzen. An diese Zeit erinnern im Zentrum die Zwiebelkuppeln der russisch-orthodoxen Kirche, die noch immer viel eigene Community hat. Drinnen drängeln sich dann die Ikonen. Neben einem prachtvoll mit Murano-Leuchtern und Ornamenten im Liberty Style glänzenden Kasino (Foto) ist die kleine, bunte Schwester der Basilius-Kathedrale (Fotos ganz unten) die exzentrische Topsehenswürdigkeit von Sanremo.

Im Frühstücksbereich des neuen Hotel Europa Palace sagte dann als erstes Vico Magistrettis wunderbare Atollo-Tischleuchte aus den Seventies freundlich „Buon mattino“ zu uns. Da bekamen wir Designaficonados sofort feuchte Augen – und noch viel bessere Laune. Unser nach sechs Jahren Umbau kürzlich wieder eröffnetes Hotel von 1874 verbindet ganz offensichtlich das Beste aus zwei Welten. Der Komfort des fin de siècle trifft auf einen Einrichtungs-Look ganz

Foto: Europa Palace in Sanremo

von heute – oder sogar von morgen! Stil? Boutique-Grand-Hotel passt am besten. Gott sei dank liegt es gleich gegenüber des Kasinos und nah an der russischen Kirche, sodass wir in diese beiden krass faszinierenden Sonderwelten öfter kleine Ausflüge unternehmen konnten.

Zwar machen die typischen Bagni oder stabilimenti balneari (Strandbäder) von Sanremo um diese Zeit gerade erst auf. Aber die hartgesottensten Gäste saßen mit ihrem caffè schon draußen. Und wir schwammen natürlich, zum ersten Mal in diesem Jahr, in freier Natur. Wenn auch nur kurz und arg fröstelnd. Wie kommt es, dass es hier so viel günstiger ist als in Montecarlo oder in französischen Seebädern wie dem nahen Menton? Sanremo jedenfalls, das sagen alle, hat auch noch ebenso viel Charme und Geschichte wie Nizza oder Cannes. Die Franzosen, so sahen wir, shoppen am liebsten Kleidung und Lebensmittel. Nicht wenige verbringen hier auch ihre Ferien.

Fotos: Europa Palace in Sanremo

Das Europa Palace ist als einziges Hotel seiner Klasse in Sanremo ganzjährig geöffnet, hat 70 Zimmer, fünf Sterne und mehrere Restaurants, in denen es uns vor allem die lokale Spezialität Gamberi in allen Variationen, der typische Schokoflan „Bunet“ und ein Sorbet namens „Montebianco“ angetan haben. Man kriegt Zimmer mit Balkon zur See (siehe Aufmacherfoto) überraschend günstig; die große Penthouse-Suite mit Panoramaterrasse kostet allerdings ein Vielfaches. Die Interieurs sind mit Holz und dunklem Stahl minimalistisch eingerichtet, überall brilliert das Designkonzept aus filigranen Midcentury-Möbeln sowie Sesseln und Stühlen in verschiedenen Grüntönen und in Altrosa. Irgendwann während ihres Aufenthalts müssen Urlaubende unbedingt mal ins schicke und pittoreske neue Lokal Babeuf spazieren. Dessen italienische Tapas, am besten mit Anchovis, haben wir in den Altstadtgassen entdeckt. Dazu wird Roséwein aus Dolceacqua gereicht.

Da nehmen wir uns doch gleich vor, auch nächstes Frühjahr wieder unsere Skistation in den ligurischen Alpen ein paar Tage früher zu verlassen – um Ostern gemütlich-elegant am Meer von Sanremo ausklingen zu lassen. Die Heimfahrt wird uns wieder ein Stück durch die französischen Seealpen, und dann über Cuneo, Turin, Mailand und den Gardasee führen. Was für ein Trip! Wirklich nirgendwo lassen sich die letzten Skiferien besser mit dem allerersten Badeurlaub des Jahres verbinden.

Text und Fotos: Alexander Hosch

Hotel Europa Palace: Doppelzimmer aktuell ab 250 Euro, je nach Saison auch günstiger. Ganzjährig geöffnet; Wellness & Gym, Haustiere bis 25 kg erlaubt www.europapalacesanremo.com

 

 

 

 

Der Eintritt in die Russisch-Orthodoxe Kirche Cristo Salvatore von 1913 kostet pro Person 1 Euro.

 

 

 

 

Das Babeuf in der Altstadt von Sanremo, via Palma 20/22, ist auf mediterrane Küche spezialisiert und auf natürliche lokale Weine wie den weißen Vermentino bzw. Rosé oder Rosso aus Dolceacqua. www.babeufsanremo.com

 

 

 

Im Architekturparadies

Seit langem besitzt Weil am Rhein eines der schönsten Architekturensembles in Europa. Warum? Weil in den letzten 35 Jahren in dieser nur 10 Minuten von Basel entfernten kleinen badischen Stadt viele preisgekrönte Weltarchitekt:innen ihre ersten Bauwerke in Deutschland oder sogar überhaupt außerhalb ihrer Heimat errichtet haben. Frank O. Gehry, Álvaro Siza, Zaha M. Hadid und Tadao Ando gehören dazu. Ihre kleinen und großen Gebäude haben im Vitra Campus heute Aufgaben als Fabrikbauten, Showrooms, Ausstellungshallen, Bushaltestellen und skulpturale Follies. Oder, wie im Fall von Hadid, als Feuerwehrhaus.

Der jüngste, gerade erst eingeweihte Pavillon auf der Weiler Architektur-Schaustelle stammt von Balkrishna Doshi. Der Inder hatte, als er 2018 beauftragt wurde, gerade erst den Pritzkerpreis verliehen bekommen, der seit langem als „Architekturnobelpreis“ gilt. 2023 starb er dann – und so wurde das sogenannte Doshi Retreat samt seines Meditationsgartens das letzte Bauwerk, an dem er arbeitete. Die ganze Architekturparade von Weil am Rhein war von Anfang nur aus einem Grund möglich: Weil Rolf Fehlbaum, der Chef des Möbelherstellers Vitra, sich für die nebenan produzierten Qualitätsmöbel von Ray & Charles Eames, Jean Prouvé, Verner Panton, den Bouroullecs und vielen anderen sowie für seine eigene exquisite Schausammlung moderner Sitzmöbel eine adäquate Umgebung wünschte. Das Doshi Retreat, gleich neben dem fast 40 Jahre alten Bau von Frank M. Gehry für das renommierte Vitra Design Museum gelegen, passt da nun qualitativ extrem gut dazu.

An einem sonnigen Februartag, wie er im Markgräflerland keine Seltenheit ist, erweist sich der neue Pavillon für uns Gäste dann als das erhoffte Geschenk an alle Sinne. Er entschädigt schon allein dafür, dass man die unweit beginnenden Alpen von hier leider nicht sieht. Nach der Besichtigung des vergleichsweise trubeligen Gehry-Museums laufen wir zum Doshi Retreat nur 100 Meter weiter ums Eck – und werden sogleich von einer ganz anderen, sehr warmen und östlichen Stimmung einfangen. Doshi Retreat wirkt als eine Welt der Versenkung. Obwohl diese nicht lautlos ist. Betritt man sie, entpuppt sich der doppelte Pfad zum „Kontemplationsraum“ als Parcours der Klänge. Meditative Harmonien dringen aus Bodengittern im roten Sand. Der Architekt und seine Mitstreiter haben dafür rund um einige Bäume, Sitzbänke und Grasinseln ein Wegelabyrinth zwischen rostfarbenen Stahlplatten und verborgenen Lautsprechern angelegt. „Er ließ sich dafür von einem Traum mit zwei verschlungenen Kobras inspirieren“, so seine Enkelin Khushnu Panthaki Hoof, die mit ihrem Ehemann maßgeblich am Projekt beteiligt war.

Die Stahlwannen, die die beiden Schlangen-Pfade umsäumen, führen uns Besucher mal unters Erdniveau und mal zu Stufen mit Sitzplätzen auf Pflanzeninseln. Wundervolles Licht, getönt von den Schatten der Bäume oder vom warmen Orangerot des Rosts, fällt in die Gassen. In dem spirituellen Raum am Ende eines kleinen Tunnels warten Gong, zwei weiße Bänke und ein Messingschirm, der das Ambiente überspannt – ein Arrangement zwischen Himmel und Erde, das an kosmische Architekturbauten aus der Maharadschazeit denken lässt und an den Land-Art-Pionier James Turrell, der mit seinen Skyspaces auf ähnlich zauberhafte Weise Himmelsformationen einfängt. Balakrishna Doshis Beitrag ist eine Bereicherung, wie sie selbst in dieser edlen Architekturparade bisher noch gefehlt hat.

Text & Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

 

 

Doshi Retreat 2025

Vitra Campus, Weil am Rhein

Vitra Design Museum

Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr

www.design-museum.de

Doshi Retreat ist Teil der 2-stündigen Architektouren durch den Vitra Campus, die täglich in drei Sprachen stattfinden. Andere Höhepunkte sind Gehrys Museumsbau von 1989 (oben), Hadids Feuerwehrhaus, Fabrikhallen von Nicholas Grimshaw, Álvaro Siza und Sanaa, ein Konferenzpavillon von Tadao Ando (1993), eine kleine Kuppel von Buckminster Fuller (Querformat ganz u.), die Gräser und Stauden des Oudolf-Gartens aus den 2020ern sowie – in ihm verteilt – jüngere Tiny Houses von Renzo Piano, Marina Tabassum (Hochformat u.) und Tsuyoshi Tane (kl. Bild).

Die kommenden Ausstellungen widmen sich der Designerin Hella Jongerius (ab 14.3.2026), dem Designer Verner Panton (ab 23.5.2026) und dem Architekten Geoffrey Bawa (ab 26.9.2026). – Nebenan im Vitra Schaudepot / Barragán Gallery dauert die Schau „Science Fiction Design. Vom Space Age bis zum Metaverse“ noch bis 10.5.2026.


Kleine Flucht per Ski… und nach Olympia!

Drei Skifahrer, drei Autoren und jede Menge Skipisten. Genau 111 Strecken in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien, die man unbedingt gefahren sein muss, wählten Stefan Herbke, Thomas Biersack und Christoph Schrahe zusammen für eine Buchproduktion des Emons Verlag aus. Von der Schweizer „Schilthorn“ in Mürren, die schon James Bond mit seinen Brettln beackert und beschossen hat („Im Geheimdienst ihrer Majestät“), bis zur Gletscherpiste „St. Anna“ (nächstes Foto unten)  hoch über Andermatt und zum „Dammkar“ im Karwendelgebirge bei Mittenwald. Vom „Langen Zug“ bei Lech bis zur „Kögele-Abfahrt“, die nur 19 km entfernt von Innsbruck beginnt und von der Axamer Lizum auf Tiroler Kennerwegen bis fast hinab ins Inntal führt. Ihre Geschichten füllen die Neuauflage des vor 5 Jahren schon einmal veröffentlichen, jetzt komplett überarbeiteten Buches. Rund 20 neu dazu gewählte Pisten sind mit dabei.
Welche Alpenhänge soll man da nur herausziehen? Weil gerade die Winterolympiade in Mailand und Cortina beginnt, haben wir uns entschlossen, aus Aktualitätsgründen die Auswahl für Norditalien genauer unter die Lupe zu nehmen. 14 Abfahrten zwischen Südtirol und Trentino, werden im neuen Buch vorgestellt. Nicht wenige Sportbegeisterte werden dort ja in den nächsten zwei Wochen unterwegs sein. Erste Überraschung: Von den konkreten olympischen Strecken wie der berühmten „Stelvio“ in Bormio (Abfahrtslauf der Männer) oder den legendären Pisten der „Tofane“ in Cortina d´Ampezzo (alle alpinen Damendisziplinen) ist keine dabei. Stattdessen schicken uns die Spezialisten lieber auf die „Schmugglerabfahrt“, die an der österreichischen Grenze im Ötztal beginnt, und zur „Rosim“ – sie gehört zum höchstgelegenenen italienischen Skigebiet in Sulden. An dieser Stelle gibt es nämlich, schwärmen sie, einen Cinemascope-Blick auf den Fast-Viertausender Ortler und seine Bergkollegen. Ebenfalls dabei: Die „Holzriese“-Piste an den Drei Zinnen, eine der steilsten Skipisten Italiens, die mit bis zu 72 Prozent Gefälle gleichermaßen Skifahrertraum und Mutprobe darstellt. Zum Glück gibt´s auch eine Umfahrung.

Man erfährt in diesem Buch übrigens nicht nur die rosaroten Nachrichten. Sondern zum Beispiel auch dass für die „Geister“-Abfahrt am Stilfserjoch, das 1932 eines der ersten alpinen Sommerskigebiete überhaupt war, die Besucherzahlen in den letzten 25 Jahren förmlich eingebrochen sind, wegen der Gletscherschmelze natürlich. Das Skivergnügen zwischen Mai und November wird es dort also nicht mehr ewig geben. Viel positiver ist da doch der Anblick der Spalier stehenden Dolomiten entlang der sonnigen „Trametsch“. Auf ihr lässt sich vom Plose-Gipfel über stolze 7,8 Kilometer bis fast in die Altstadt von Brixen abfahren. Die Skigäste halten auf das Panorama mit dem Häusermeer unten im Tal (560 m) zu, wobei sie nur bis nach St. Andrä auf 960 m hinabwedeln oder -carven können. Auch andere Klassiker aus Südtirol oder Trentino fehlen nicht – von der „Laurin 2“ in Carezza bei Bozen unterm Rosengarten über die „Seceda“ mit Blick auf Langkofel, Plattkofel, Seiser Alm zur „Sellaronda“, die vier Täler verbindet, bis zur Pustertaler Paradepiste „Ried“ mit 7,4 Kilometern ohne Ziehwege und Querpassagen. Von der 9 km langen Piste „Lagazuoi – Armentarola“ (nächstes Foto) , einem Aushängeschild von Dolomiti Superski, das mehr oder weniger die Gebiete von Cortina, Alta Badia und Cinque Torri aneinanderknüpft, sieht man die olympischen Gefilde immerhin ein bisschen: Die verschiedenen Tofana-Gipfel sind hier gleich vis à vis.

Die drei weitgereisten und äußerst hangerprobten Autoren sammeln genau genommen nicht ausschließlich Pisten, sondern auch Skirouten und Tourenabfahrten. Es ist ein großes Vergnügen, von ihren sportlichen Skiabenteuern und den landschaftlichen Highlights in den zentralen Alpen zu lesen. Einige davon werden wir in den nächsten 14 Tagen vom Fernsehsessel aus genießen können.

Text:   Alexander Hosch

Christoph Schrahe, Stefan Herbke, Thomas Biersack: 111 Skipisten in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol, die man gefahren sein muss, Broschur, Emons Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-7408-2633-8,
18,95 €, www.emons-verlag.de

 

 

 

„Olympia 2026 Milano Cortina“ dauert von 6. bis 22. Februar 2026. Die Spezialdisziplinen finden an zahlreichen verschiedenen norditalienischen Orten wie Bormio, Antholz, Cortina d’Ampezzo und Livigno statt.

Die Tugend der Langsamkeit

Jazz, der hübsche Bordercollie mit den hellblauen Augen, will einfach nicht umkehren. Wir sind nach einer Nacht in der Hütte am See samt Tourenski und Bergführer Baptiste schon mehr als eine Stunde zum Mont Cenis aufgestiegen. Doch der Hund unserer Hüttenwirte Nathalie und Alexis begleitet uns noch immer. Wird er etwa auch bei der jetzt anstehenden Abfahrt neben uns herlaufen? Die Tiere – und zwar die wilden und die zahmen – sind eine der großen Besonderheiten eines Urlaubs in der Haute Maurienne Vanoise. Wolfs- und Fuchsspuren haben wir gestern im Schnee gesehen. Schneehasen, Gämsen und sogar Steinböcke sind uns begegnet. Adler und Geier kreisten über die winterweiße Landschaft. Dieses Hochtal ist die stille Seite der Savoie – und ihre Seele. Slow food. Slow life. Slow movements. Hier urlauben Menschen, die auf glamouröse Skistationen – wie Val d’Isère oder Courchevel gleich an den anderen Flanken des Vanoise-Nationalparks – lieber verzichten. Es ist wohl sehr lang her, dass Bezwingertypen wie Napoleon (mit seinen Reitern) oder Hannibal (mit seinen Elefanten) hier ihr Unwesen getrieben haben.

Wir erlebten Jazz, Baptiste und die zweitägige Skitour zur Berghütte Le Toët am Ufer des Lac du Mont Cenis auf 2.043 m Höhe als Abschluss und Höhepunkt von fünf Tagen in einem in Deutschland wenig bekannten Winterferiengebiet. Nichts kommt gegen die hochalpinen Gipfel- und Wolkenstimmungen an, die wir sahen, während wir je fünf Stunden pro Tag mit den Tourenski unterwegs waren. Mal auf, mal ab. Dabei blinzelten wir nicht selten in die Sonne des benachbarten Italiens, wo sich im Osten der noch ältere Nationalpark Gran Paradiso direkt an den 1963 gegründeten französischen Parc nationale de la Vanoise anschließt. Gold wert war daneben, dass unsere Hüttenwirtsleute Klasseköch:innen sind: Sie servierten Fondue Savoyarde, Tartiflette mit Reblochon und ein besonderes Sorbet mit krustigem Dezembergebäck. (Es gibt für Debüttanten auch noch eine etwas kürzere Variante der Tour, die an der Sesselbahn La Ramasse beginnt.)

Ein zweiter Glanzpunkt waren tags zuvor die Tierbeobachtungen am Collet de la Madeleine. Diese Stelle am Talende, kurz vor Bonneval-sur-Arc, ist ein Lieblingsziel in der Haute Maurienne, welches Familien oder Freundesgruppen am besten in Schneeschuhen und idealerweise zusammen mit einem kompetenten Guide wie dem Fotografen und Tierexperten Olivier Trompette erkunden. Er zeigte uns mit seinem Luxusfernrohr, wie die Steinböcke hundert Meter höher durch die Felszacken lugten – fast so als stünden sie direkt neben uns. Am selben Abend erzählte uns Sébastien Brégeon, der Sektorchef des Vanoise-Parks für die Haute Maurienne, von den vier Geierpaaren, die es hier gibt, und davon, dass im Vanoise-Massiv jetzt wieder um die 2000 Steinböcke ihr tägliches Auf-und-ab-Spiel treiben, wo sie hier doch um 1960 schon einmal fast ausgestorben waren. Wegen des besonderen Schutzes im ältesten Nationalpark Frankreichs sind sie über die Jahre aus dem nahen Italien wieder eingewandert. Bei Gesprächen über Gott, die Welt und die Natur erfahren wir im Lokal „Relais des Deux Cols“ bei Diot (das sind typische Würste), Tarte Beaufort (mit dem heimischen Käse) und würzigem regionalen Mondeuse-Rotwein noch viel mehr über das sinnvolle Zusammenwirken von Tourismus und Landschaftsschutz, wie es hier praktiziert wird. Die Natur schützen, Fauna und Flora zählen und klassifizieren, das Wissen der Einheimischen stärken sowie Führungen anbieten – das seien, sagt Sébastien Brégeon, die vier wichtigsten Aufgaben der Belegschaft des Parc national de la Vanoise.

Alpin-Skifahren kann man hier natürlich auch. Sechs jeweils nicht allzu große Skidörfer gibt es in der Maurienne rund um Val Cenis. Sie heißen zum Beispiel Aussois, Bessans, La Norma oder Bonneval – und sie bieten zusammen 350 km Piste. Manche sind aneinandergebunden. Der anspruchsvollste Weg nach unten ist die nach einer Rennfahrerin der 70er-Jahre benannte schwarze Abfahrt Jacot am Lift Met. Vor allem aber gibt es grüne, rote und blaue Pisten – Skispaß für wirklich alle. Die Ticketpreise sind mäßig, verglichen mit bekannteren Skiorten: 40 bis 55 Euro pro Tag.

Lieber als Rekorde und Sensationen schreiben sich die Touristiker hier also Atmosphäre, authentische Erlebnisse und stille Schönheit auf die Fahnen. Die Restaurants und die Pensionen bedienen in den Dörfern und entlang der Hänge mit regionaler Küche und weitgehend leistbaren Unterkünften die Stilvorstellung von Leuten, die slow holidays verbringen wollen – auf Schneeschuhwanderungen oder bei einer Visite in der – teils von Robotern betriebenen – Beaufort-Käseproduktions-Kooperative. Zu den Sportvergnügungen gehört hier viel nordischer Skilanglauf. Dafür gibt es 200 km gespurte Loipen. Athletische Besonderheiten sind Biathlon (es gibt ein Leistungszentrum in Bessans) oder das Eisklettern an einem Wasserfall direkt neben der Biathlonanlage. Davor oder danach besichtigt man Bonneval-sur-Arc – als einziges Dorf in der Savoie trägt es für seine wunderschönen Verzierungen und uralten Holz- oder Steinfassaden sowie Läden voller regionaler Produkte völlig zurecht das Prädikat eines der „plus beaux villages de la France“.

Es ist dabei genussvoll, das einzige Viersternehotel Le Saint Charles zu erleben – mit Pool, Spa, verschiedenen Saunen und gutem Restaurant. Und doch seien alle im Tal froh darüber, so sagt man uns, dass hier in Sachen Luxushotellerie nicht weiter aufgerüstet werden soll. Denn dann würde vielleicht irgendwann ein ähnlicher Run entstehen wie in der benachbarten Tarentaise. Und davon will man sich ja gerade unterscheiden. Als Gast lässt sich das bestens nachvollziehen. Die Aprèsskistadel-Meute haben wir hier, in diesem wunderbaren Tal, von dem aus der Frejus-Tunnel Richtung Piemont so gut erreichbar ist, jedenfalls keinen Augenblick vermisst. Und die italienischen Nachbarn urlauben hier übrigens sowohl im Winter wie im Sommer gern, weil die Haute Maurienne Vanoise in vielen Belangen günstiger ist als die benachbarten Skiorte Sestriere oder Val di Susa. Deutsche Gäste tragen in der ganzen Savoie allerdings im Moment nur 4 Prozent zu den Übernachtungszahlen bei. Sogar aus Brasilien kamen zuletzt mehr, nämlich 5 Prozent. Spitzenreiter sind die Franzosen, dahinter Engländer, Belgier, Niederländer.

Den Tag und die Nacht vor der Ankunft in den Bergen (oder vor der Rückreise) sollte man in Chambéry verbringen. Nichts ist hier spannender als die Tatsache, dass diese hübsche Pforte zum Hochgebirge früher die Hauptstadt eines unabhängigen Herzogtums war. Savoyen wanderte dann im 19. Jahrhundert öfters zwischen Frankreich und Italien hin und her. Angehörige des Hauses stellten von 1861 bis 1946 die italienischen Könige. Wegen seiner exquisiten Lage und der geschichtlichen Disposition gibt es in Chambéry bis heute zahlreiche sehenswerte Adelspaläste mit Trompe-l’œil-Malereien, ein Schloss mit Sainte Chapelle, eine Kathedrale sowie die sehr adrette Innenstadt mit dem Elefantenbrunnen.

Zum Schluss soll ein weiterer Höhepunkt unserer Tage in der Haute Maurienne Vanoise genannt werden, die Begegnung mit den Menschen! Unbezahlbar: Die ruhige, selbstgewisse Ausstrahlung und die selbstverständlich wirkende, vorbildhafte Physis unserer verschiedenen Guides, die hier in den fordernden Gefilden des Hochgebirges nicht selten neben touristischen Einsätzen als Biathleten oder Skilehrer, als Bergführer, Hüttenwirt, Fotograf oder Tierbeobachter den Rest des Jahres noch Brotberufe als Käser oder Almlandwirt ausüben. Sie alle leben in einer Gegend, in der sie wirklich leben wollen. Und das merkt man ihnen in jeder Sekunde an.

© Text & Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

 

 

Anreise  Je nach Startregion kann der Zug über Paris direkter und schneller sein als über die Schweiz. Von Paris Gare de Lyon nach Chambéry braucht der schnellste TGV etwa nur drei Stunden. Vier Stunden sind es idealerweise (mehrere Verbindungen täglich) von Paris Gare de L’Est zum TGV-Bahnhof in Modane, einer Pforte zur Haute Maurienne Vanoise. Außerdem verkehren von Chambéry oder von den Flughäfen Genf oder Lyon Shuttlebusse ins Zielgebiet weiter. Sie sind vorher buchbar über www.altibus.com.

Hôtel Le Saint Charles, Val Cenis, ab 146 Euro ÜF, https://www.hotel-saintcharles.com/  

Hotel in Chambéry: La Maison des Ducs, DZ ab 110 Euro + 18 Euro Frühstück, maisonsdesducs.com

Gîte Le Toët, Val Cenis (Mont Cenis) ab € 89 pro Nacht/Bett im Mehrfaschzimmer mit HP,  giteletoet.com, http://www.giteletoet.com/

Preis für eine kleinere Skitour (2 Stunden): wochentags 155 €, sonntags 200 € und an Feiertagen 250 €

Skigbiet Val Cenis 175 km Pisten bis auf 2800 m; Skipass 6 Tage 254 Euro. Val Cenis und die vier nächstliegenden Skigebiete Aussois, Bonneval-sur-Arc, La Norma und Val Fréjus bieten die Möglichkeit, mit dem 6-Tage-Skipass neben dem unbegrenzten Zugang auch zu allen Loipen mit der Skipasserweiterung ESKI-MO auch je einen Tag in den anderen vier Areas zu verbringen; „dynamique pricing“ seit 2023; valcenis.de, valcenis.ski.

Besichtigung/Verkostung in der Kooperative zur Herstellung von Beaufort und Bonneval-Käse: www.coophautemaurienne.fr/visites/visite-cooperative

Tierbeobachtungen mit Olivier Trompette ab 25 Euro für den halben Tag, https://randolivier-vanoise.webnode.fr/hiver-2025-2026/Mit etwas Glück begegnet man Steinbock, Fuchs, Gams, Geier & Co. Bordercollie Jazz ist gibt es nur exklusiv zu erleben: für Gäste der Berghütte Le Toët.

www.explore-savoie.com

www.chamberymontagnes.com

www.haute-maurienne-vanoise.com

Der Betonadler von Lyon

#16   Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es alte und ganz neue Architekturen, die jeder schon zu kennen glaubt. Dabei hat kaum einer je die Zeit gehabt, dort mal stehen zu bleiben. Wir besuchen sie. 

 

Objekt  TGV-Bahnhof am Flughafen Lyon Saint-Exupéry /  Ort  2, Rue de Grèce, F-69124 Colombier-Saugnieu /  Koordinaten  N 45° 43‘ 16“ O 5° 4‘ 34“ / Bauzeit  1989-1994 /  Bau-Grund Anschluss für Hochgeschwindigkeitszüge aus Paris oder Marseille / Aktuelle Nutzung  Fernverkehrsbahnhof zum Airport; in die City von Lyon sind es mit der Rhôneexpress-Tram nur 30 Minuten. Mit dem Shuttlebus östlich in die nächsten Alpen dauert es auch nicht viel länger.  / Öffnungszeiten  Rund um die Uhr; www.lyonaeroports.com / Schönster Augenblick  Wenn man bei der Ankunft oder Abfahrt den Kreisverkehr passiert, scheint die Vogelskulptur von Architekt Santiago Calatrava jedes Mal gerade abzuheben. Und klar spitzt aus Richtung Chambéry oder Grenoble manchmal ein Viertausender rüber!

Warum man immer dran vorbeifährt:  Weil so gut wie immer das eigene Flugzeug schon wartet, und man mal wieder zu spät beim Check In für die Weiterreise sein wird, also nichts wie weitergefahren bis zum Eingang des Flughafens! Oder weil man auf Schienen in Lyon Saint-Exupéry angekommen ist und zwar kurz die krasse Architektur des TGV-Bahnhofs bewundert hat, dann aber aus Zeitgründen doch wieder lieber die interne unterirdische Verbindung  zum Terminal des Airports genommen hat.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Der ehemalige Gare de Satolas, 24 km südöstlich von Lyon gelegen, ist mit Sicherheit einer der spektakulärsten Bauten des Spaniers Santiago Calatrava. Die Metall- und Betonrippen seines Tragwerks imitieren die Anatomie und die Flugbewegung von Vögeln. Wenn die Zwischenräume erleuchtet sind, vervielfacht sich der tierische Eindruck noch. Der 91,5 Millionen Euro teure Bahnhof verfügt über sechs Gleisanlagen, deren zwei mittlere Betonröhren den durchfahrenden Zügen vorbehalten bleiben, die über 300 Kilometer pro Stunde schnell sein können. Durch einen kompakten Tunnel um sie herum wird die Druckwelle der rasenden Züge abgemildert. Mit dem Flughafen ist der TGV-Bahnhof durch eine 180 Meter lange Stahlbrücke verbunden. Noch dramatischer erscheint des Bahnhofs Haupthalle, deren 1300 Tonnen schweres Dach 40 Meter hoch ist und eine Spannweite von 53 Metern hat.

Wie man hinkommt:  Die sowohl am Flughafen als auch am Bahnhof vorbeiführende A 432 verbindet die aus Turin kommende Autobahn A 43 mit der A 42 von Genf. Von dieser Verbindung aus sieht man Calatravas Betonvogel am besten. Kreisverkehre führen zu den Terminals. Passiert man sie, dann überlappen sich Glasflächen, Metallrippen und Betonwinkel des Bionischen Bauwerks zum Bewegtbild eines landenden Riesenarchaeopteryx.

copyright für Text, Fotos & Idee:  Alexander Hosch & Sabine Berthold

 

Die Kiefersfeldner Doppelspitze

 

 

 

 

 

 

#15   Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es alte und ganz neue Architekturen, die jeder schon zu kennen glaubt. Dabei hat kaum einer je die Zeit gehabt, dort mal stehen zu bleiben. Wir besuchen sie. 

Objekt  Speed Factory / Ort  Kaiserreichstraße 15, D-83088 Kiefersfelden / Koordinaten  N 47° 37‘ O 12° 11‘ / Bauzeit  2022-2024 / Bau-Grund Markenpavillon / Aktuelle Nutzung  Headquarter des Bergsportartikelherstellers Dynafit, Flagship Store, Ski- und Bindungsreparaturwerkstatt / Öffnungszeiten  Montag bis Samstag 10-18 Uhr; www.dynafit.com / Schönster Augenblick  Wenn die zwei Stahlgipfel direkt vor dem Bergmassiv aufleuchten

Warum man immer dran vorbeifährt:   Weil alle im Auto die ganze Zeit auf ein Aufblitzen des Wilden Kaisers hoffen! Manchmal soll er im Hintergrund kurz zu sehen sein. Oder sind es ehrlicherweise doch nur die Ausläufer des Kaisergebirges? Egal. Das Massiv, das alle dann suchen, ragt jedenfalls definitiv auf der anderen Seite der Autobahn hoch.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Um zu verstehen, dass es nicht nur bei Man U und bei den Grünen gut funktionierende Doppelspitzen gibt. Sondern auch südlich von München! Wie geschickt man vor die Kulissen der bayerischen und österreichischen Alpen zwei spitzzackige, 32 Meter hohe Türme an den Rand der Inntalautobahn zaubern kann, zeigt seit Herbst 2024 das nagelneue Gebäude der Dynafit Speed Factory. Und wie Branding dann fast automatisch klappt, das teilt die originelle Architektur von Barozzi Veiga aus Barcelona allen mit, die dran vorbeifahren. Denn die auf Tourenbindungen, Traillaufschuhe und andere Ausrüstungsgegenstände für Ausdauersportler spezialisierte Firma lockt mit einem hellen stählernen Gegengebirge schon von weitem viele Interessenten in ihren Shop. Kenner können sich dort ihre Bretter sogar selbst bauen – oder sie verlassen sich auf Experten, die für sie dann Tourenski nach Maß anfertigen. Bindungen, Schuhe oder Bekleidungsstücke der Marke mit dem Schneeleoparden werden vor Ort repariert. Mehrere schnellladende E-Tanksäulen gibt es direkt vor dem Gebäude oder bei den verschiedenen Outlets des sogenannten Kaiserreichs nebenan. Im Bistro Bivac lassen sich außerdem täglich wechselnde vegane oder vegetarische Spezialitäten bestelle.

Wie man hinkommt:  Die Speed Factory liegt kurz vor Kufstein und der österreichischen Grenze im Gewerbegebiet von Kiefersfelden, somit gerade noch in Bayern. Ausfahrt Kiefersfelden der Inntalautobahn A 12. Die Factory sieht sich als Treffpunkt für passionierte Bergsportler am nördlichen Eingangstor der Alpen. Man kommt von München auch stündlich mit dem Zug nach Kiefersfelden. Vom lokalen Bahnhof sind es zur Speed Factory zu Fuß etwa 25 Minuten.

 

Wilder Gletscher & stilles Tal

Unser Tourguide Roy vor der Silhouette der mehr als 4000 Meter hohen Muzelle. Hier an einer der höchsten Stellen des Skigebiets von Les 2 Alpes erholen sich die Tourengeher vom anstrengenden Aufstieg – zugleich beginnen einige der schönsten Alpinabfahrten der französischen Alpen.

Drei Dörfer empfangen in der bei uns kaum bekannten Skiurlaubslandschaft Serre Chevalier, wo die sonnigen französischen Südalpen ihren Anfang nehmen. Das Sahnehäubchen hier ist jedoch, dass der Skispass schon in Briançon beginnt – in der höchst gelegenen Stadt der Europäischen Union. Auf 1326 Metern wird ihre Vedute von nicht weniger als fünf sternförmigen Forts des Militärbaumeisters Vauban gekrönt, der sie zur Barockzeit für den Sonnenkönig baute. Besucher finden deshalb in der alpinen Festungsstadt heute eine Art San Gimignano der Berge vor – mit Erdwällen, Wehrtürmen, südlichen Piazzas und italianisierenden Cafés. Direkten Liftanschluss gibt es auch: Ab hier bis zum Col du Galibier erstrecken sich jeden Winter 250 km Pisten. Und ideal als Zwischenspiel: Im Gebäude einer alten Militärskischule, das ab 1902 zusätzlich eine Skifabrik beherbergte, logiert seit 2023 die Kletterhalle Bloc 027. Gäste können an ihren knallbunten Wänden auf zwei Etagen professionell bouldern. Und danach im integrierten Restaurant regionales Slowfood genießen.

Hat man dann die romantischen Stadtgassen erst verlassen, wird am Profil einer Perlenkette, aufgereiht aus den Dörfer Chantemerle, Villeneuve-la-Salle und Monêtier-les-Bains, schnell der Appeal des Skigebiets Serre Chevalier erkennbar: stilvolle Gemütlichkeit. So sieht eine Ferienregion aus, die sich zufriedene Gäste wünscht, aber ein naturschädliches Wachstum im Tal für überflüssig hält. Während in anderen französischen Skistationen Remmidemmi oder schnödes Bling-Bling den Ton angeben, punktet etwa das vornehme Grand Hôtel de Serre Chevalier, das in den 1950er Jahren erbaut wurde, mit seiner langlebigen alten Holzfassade und dem diskreten Charme der Bourgeoisie. Nach dem Genuss der Pisten plant man hier lieber stilgerecht ein paar ruhige Stunden in den heißen Wassern der Grands Bains de Monêtier oder die Teilnahme an einer Schneeschuhwanderung in der Natur der Lärchenwälder samt nächtlichem Iglu- oder Tipi-Fondue. In fünf Jahren, wenn in Villeneuve und im benachbarten Montgenèvre bei den Olympischen Winterspielen 2030 Snowboard-Wettbewerbe in der Half Pipe und im Boardercross ausgetragen werden, soll im Fort des Têtes von Briançon in 1440 Meter Höhe das Olympische Dorf installiert sein, sodass die Athleten direkt in einem Unesco-Weltkulturerbe untergebracht sind. Ob diese schicke Lösung auch wirklich nachhaltig und ökologisch sauber ist, wird gerade noch geprüft.

Lisa Gibello, die regionale Presseattachée, weiß längst, dass grüne Werte im Skisport Zukunft versprechen können. Deshalb sei Serre Chevalier so zögerlich mit grandiosen Neubauten. Ein immer größerer Teil der für den Liftbetrieb erforderlichen Energie, so sagt sie uns mit Blick auf die anspruchsvollen deutschen Gäste der Zukunft, stamme aus erneuerbaren Quellen. „Wir nutzen unsere Turbinen, Generatoren und das Wasser des Flusses Guisane parallel für eine Wollmanufaktur, die Mühlen, die Landwirtschaft und die Produktion des künstlichen Schnees.“ Und der Technische Direktor der Skistation erklärt beim Mittagessen im Höhenrestaurant Café Soleil, dass es für die Loipen neuerdings eine zu 100 Prozent ökologisch elektrifizierte Schneeraupe gibt, während der Rest der Einsatzfahrzeuge inzwischen mit Öko-Benzin statt Diesel bewegt wird. Die Busse, die im Tal verkehren, müssen leider von den Skigästen extra bezahlt werden – das ist verbesserungswürdig, aber eigentlich das einzige Manko in dem schönen Ski-Tal. Im April hat man die Sonne und die bis in 2800 Meter reichenden Abfahrten dafür wunderbarerweise fast für sich allein!

Der Autor bei seinem Gleitschirmflug auf Skiern über dem Skidorf Les 2 Alpes. Während auf 1650 Metern im April nicht mehr alles weiß ist, sind die Startplätze oben im Gletscherbereich bis in den Juli hinein schneesicher. Foto: Office de Tourisme Les 2 Alpes

Das ist in Les 2 Alpes natürlich anders. Selbst lange nach Ostern kommen die Skifahrer noch in Scharen in Europas höchstgelegenes Gletscherskigebiet. Busfahren ist hier aber stets für alle umsonst. Das Skidorf auf 1650 Metern liegt zwei Stunden Autofahrt weiter nordwestlich und gehört schon zur Dauphiné. Es entwickelte sich seit den 1950er Jahren und wird von einem gänzlich anderen Flair durchwirkt. Obwohl der Ort jenseits der Wetterscheide liegt, die in Frankreich geografisch Nord- und Südalpen – Savoyen von der Provence – trennt, erfreut er sich kaum weniger des Sonnenscheins als Serre Chevalier. Zu beiden Seiten der Hochebene, auf die Les 2 Alpes sich bettet, gibt es weiter unten romantische alte Dörfer, in die man absteigt oder per Ski und Seilbahn abfährt: Vénosc und Mont-de-Lans. Les 2 Alpes selbst besteht im Wesentlichen aus einer langgezogenen Hauptstraße mit Hotels und Shops sowie höher gelegenen Chaletsiedlungen. 80 Restaurants und Bars wie Monsieur K oder Ginette prägen die von Franzosen, Engländern, Belgiern, Niederländern und Italienern – nicht aber von Deutschen – dominierten Skiwinter, die sich bis in den Juli ziehen. Nirgendwo in Frankreich dauert die Skisaison länger.

In Cédrics Sonnenbrille spiegelt sich unser Skivergnügen. Der staatlich diplomierte Skiguide war früher Abfahrts-Champion und hilft als Skilehrer seit 1994 den Gästen von Les 2 Alpes auf ihren Wegen durch den Pistenschungel.

Geht es um Skisport, reizen in dieser Umgebung vor allem die grandiosen Tourenabfahrten. Auf 3400 und 3600 Meter kann man sie beginnen – oder, als Winterwanderer, einfach den Blick von den Bergriesen des Parc National des Écrins wie der Muzelle bis hinüber zum Mont Blanc richten. Wir sind heute mit Cédric unterwegs, 50 Jahre alt und ein ehemaliger Skirennfahrer. Unser Skiguide liebt es schnell zu fahren und braust mit uns auf seinen Wegen durch die Sektoren Fées, Toura, Diable oder Crêtes. Von Les 2 Alpes aus, erzählt er,  gibt es Verbindungen ins europaweit bekannte Naturskigebiet La Grave, das die Hänge um den fast 4000 Meter hohen Berg La Meije erkunden lässt. Dort – zu Fuß oder per Ski etwa eine Stunde weiter – ist man ohne Lifte und Schneekanonen unterwegs. Und meist auf anstrengende Aufstiege, Fellskier, gute Guides und sein eigenes Freeride-Können angewiesen. In Les 2 Alpes aber verbindet die brandneue, 180 Millionen Euro teure Seilbahn Jandri das Dorf auf 1600 Metern mit den allerhöchsten Pisten. Ein Höhepunkt ist die 16 km lange Genießerabfahrt im Sektor Toura, vom Gletscher Dôme de la Lauze ganz oben bis ins 2200 Meter tiefere Dorf Mont-de-Lans. Wer lieber in der Sonne schlemmt, kann im Höhenrestaurant Diable au Cœur zum butterweichen Rinderfilet das Gletscherbier genießen, das dessen Chef selbst braut.

Besonders charmant an Les 2 Alpes ist also praktisch alles. Es geht halt laut dort oben zu. Am meisten überrascht aber waren wir von einem Privatlift, der Gäste ins Dorf Vénosc hinunterbringt. Lokale wie Le Cours de la Vie (Der Lauf des Lebens) zelebrieren hier mit authentischem Ambiente, lokaler Küche und regionalen Produkten stilistisch den maximalen Unterschied zur noblen Skistation oben, wo die Appartements Quadratmeterpreise wie in Paris St. Germain haben. In Vénosc dagegen kann man sich bei einem Glas Wein wie im Dorf in der Provence fühlen. Kaum zehn Minuten entfernt vom Skilift zum Gletscher.

Autor Alexander Hosch (li.), hier mit Skijournalistenkollege Stefan Gruber, am 4. April 2025 im neuen Restaurant Monsieur K in Les 2 Alpes.

© Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

 

 

 

Kletterhalle Briançon  https://bloc27.fr

Grand Hôtel de Serre Chevalier Zimmer ab 145 €   https://www.serre-chevalier.com/en/accommodation/hotels/grand-hotel-spa-nuxe

Skitagespass Serre Chevalier 51,50 – 63 €, www.serre-chevalier.com

Skitagespass Les 2 Alpes 53,50 – 63 €  https://www.skipass-2alpes.com/en/tous-nos-tarifs-hiver

Übernachtung im Hotel Chamois Lodge: DZ ab 130 €  https://www.chamoislodge.fr/en/

Weitere Informationen:      www.les2alpes.com

Die kühle Wilde

Besonders gut war sie als Pastellmalerin und Aquarellistin. Das beweist etwa das Bild Lissy von 1931 oben. Und das zeigt jetzt die ganze neue Kunstschau „Ich als Irrwisch“ im Franz Marc Museum über Elfriede Lohse-Wächtler, die schon mit 16 ihre Heimat Dresden verließ, um die 1920er Jahre zeichnend, malend – und in selbstgeschneiderten Kostümen tanzend – in Hamburg zu verbringen. In Bordellen, in Nachtcafés, in St. Pauli und am Hafen. Selbst brav verheiratet, fand sie mit anderen anscheinend sehr selbstverständlich zu einem künstlerischen Ausdruck, den man später Neue Sachlichkeit nannte.

Die Ausstellung versammelt 80 Werke, deren meiste in den Jahren 1929 bis 1931 entstanden. Was man begeistert sieht: Elfriede Lohse-Wächtler brannte in dieser kurzen Zeit als Künstlerin ein wahres Feuerwerk ab. Als hätte sie gewusst, dass sie nicht ewig aus dem Vollen schöpfen kann. Äußerst reif und beeindruckend wirklichtsnah sind ihre Selbstbildnisse, die ganz ohne Hybris und Inszenierung auskommen. Als Raucherin, als Bubikopf-Amazone, als Dame, als Girlie, als Kranke. Schon 1932 wurde die junge Frau dann mit der Diagnose Schizophrenie in eine Landesheil- und Pflegeanstalt eingewiesen, und 1935 unter den Nazis zwangssterilisiert. 1937 ereilte ihre Kunst die Brandmarkung als „entartet“, 1940 starb sie im Zuge der nationalsozialistischen Krankenmorde in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein.

Dass die Kunst hier im Vordergrund steht, und nicht das Schicksal, ist ein großer Verdienst dieser kleinen Retrospektive im Kocheler Expressionistenmuseum im Voralpenland. Die neusachliche Künstlerin wird als hochbegabte Interpretin ihrer Welt vorgestellt, die in manchen Aspekten Otto Dix oder George Grosz ebenbürtig war, deren Ruhm oder Erfolg sie jedoch nicht einmal im Ansatz je erlangte. Die Einteilung der Säle („Selbst“, „Typen“, „Patienten“, „St. Pauli“, „Hafen“, „Paare“, „Bruder“) ist nicht biografisch, sondern thematisch. Der Vergleich mit österreichischen Nachkriegskünstlerinnen wie Maria Lassnig oder Kiki Kogelnik wird jemandem, der jetzt die Kocheler Ausstellung erleben darf, nicht als zu kühn erscheinen. Als Malerin und Seelenporträtistin war Else Lohse-Wächtler (1899-1940) ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Eine selbstbewusste Frau wie sie hätte so manche kleine Revolution von heute sicher gern früher angestoßen.

© Text und Fotos (Räume, Landschaft):   Alexander Hosch

Elfriede Lohse-Wächtler, „Ich als Irrwisch“, Franz Marc Museum, Kochel am See. Die Ausstellung beginnt am Montag, 2. März, und dauert bis 9. Juni 2025, www.franz-marc-museum.de      

 

 

Von Tiers bis Tizian

 

An den Dolomiten ist für den, der schon immer gern in dieses Gebirge reiste, oft genau das am interessantesten, was er dort nie gesucht hätte. Tizian etwa! War das nicht dieser geniale Renaissance-Maler, der in Venedig ein kardinales Rot erfunden hat? Und der die dramatisch-edlen Madonnen auf seinen Gemälden in fast prunkhaft elegante Damen verwandelte? Der außerdem ein ums andere Mal raffinierte Porträts von Päpsten oder Kaiserinnen umsetzte, natürlich in deren eigenem Auftrag? Genau das war Tizian. Aber ein Bergbub war er eben auch. Geboren ist Tiziano Vecellio um das Jahr 1490 in Pieve di Cadore, heute ein Wintersportort in der Provinz Belluno und nahe am Westrand des Friaul gelegen. Dort stand sein Elternhaus. Der neue Guide 111 Orte in den Dolomiten, die man gesehen haben muss, erinnert uns daran.

Das Museum, das heute in Tizians einstigem Elternhaus Gäste empfängt, ist eine dieser tollen Stellen. Natürlich sind manche Plätze in der Auswahl erwartbar, etwa die berühmten Drei Zinnen, die alte Bahn im Grödnertal, die Unesco-geprüfte Bletterbachschlucht oder die Vajolettürme bei Tiers. Andere, vor allem die jüngeren Preziosen aber sind höchst überraschend – wie die mehr als 2000 Meter hoch gelegene Oberholzhütte der Bozener Architekten Peter Pichler und Pavol Mikolajcak. Unter dem Eggentaler Horn erbaut, dem mit 2799 Metern höchsten Gipfel des Latemar, ist die Fichtenkonstruktion von 2016 samt ihrer Lärchenholzhülle ein beeindruckend avantgardistisches Verbindungsglied zwischen gestern und heute. Diese kühne Architektur erzählt uns von der Zukunft der Bergsteigerei. Natürlich kann man einkehren, es gibt eine Sesselbahn, und der Themenwanderweg Latemar Natura mit 15 interaktiven Stationen fängt hier an. Auf dem Gipfelplateau des Kronplatz bei Bruneck irritiert noch eine weitere frivole Architektur – Zaha Hadids im Jahr 2015 vergrabenes sechstes Messner Mountain Museum Corones, hier abgebildet, in dem auf 2275 m Gemälde, Fundstücke und Erinnerungen aus der Geschichte des Alpinismus untergebracht sind. Aus dem Berg ragen lediglich drei futuristische Erker aus Beton, Glas und Metall heraus. Es ist das höchstgelegene Museum Südtirols, und im Moment versucht es saisonbedingt gerade, die Pistenfreaks im Skirama-Kronplatz-Gebiet in eine kleine Kulturpause zu locken.

Und dann die Cliffhangerwand über Cortina d’Ampezzo! Sie ist einer der beliebtesten alpinen Klettergründe für unzählige Hollywoodproduktionen der letzten 70 Jahre. Unter anderem wurden hier Der rosarote Panther, Katastrophenfilme und Produktionen mit Sophia Loren, Sylvester Stallone und Clint Eastwood gedreht, um nur die berühmtesten Schauspieler zu nennen. Aber was genau es mit der Reifeprüfung für Extremkraxler an der Faloria-Seilbahn auf sich hat, ist sonst nur den Spezialisten bekannt. Das und vieles andere erfährt man in diesem kleinen Band, der für seine Leser deshalb eine kleine Schatzbox darstellt. Das Kameraparadies Dolomiten wird hier wie ein Promi vorgestellt: Jeder der 111 Orte zwischen Südtirol, dem Trentino, Friaul und Venetien bekommt eine Seite, ein ganzseitiges Foto (oder maximal zwei) – und einen kleinen Steckbrief. Sehr schönes Buch!

© Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

Giulia Castelli Gattinara. 111 Orte in den Dolomiten, die man gesehen haben muss. Mit Fotografien von Mario Verin, 240 Seiten, ISBN 978-3-7408-1972-9. 18,00 €, Emons Verlag, 2024

 

 

Meister des Alpenveilchens

Die Alpenveilchen, auch Zyklamen genannt, haben es gern ein bisschen schattig und gehören als Pflanzengattung in die Unterfamilie der Mysteriengewächse. Und da sind wir dann schon ganz nah bei jenem üppigen Stoffmuster, das Hermann Obrist im Jahr 1896 auf einem Wandbehang mit Alpenveilchen in der damals viel beachteten Schaufensterauslage des Kunst-Salon Littauer zeigte: Eine goldfarbene Seidenstickerei prangte auf einer fast zwei Meter hohen Stoffhülle aus Wolle. Prompt wirkte der opulente Kurvenschwung auf die Passanten am Münchner Odeonsplatz wie eine Dynamitladung. Der Entwurf wurde sogleich stilistisch mit einem Peitschenhieb assoziiert. Und, schwups, war aus einem hübschen Ornament das Gründungsmanifest des Jugendstils geworden. Im behäbigen Münchner Gestaltungseinerlei kurz vor der Jahrhundertwende mit seinen vielen Neostilen kam dieses Fanal wie gerufen. Nun ist dies goldene Alpenveilchen, kaum 200 Meter entfernt von da wo alles anfing, nach langer Zeit wieder in einer Ausstellung zu sehen.

Alpenveilchen sind Primelgewächse und vor allem im Mittelmeerraum, in den Süd- und Ostalpen zuhause. In der Tat war Obrists florale Etüde aber mehr ein abstraktes Symbol als eine realistische Vorlage. Die Stickerin Berthe Ruchet hatte es aus dem Helldunkelkontrast eines zwischen Licht und Schatten changierenden Seidenfadens komponiert. Ungewohnt kraftvoll, überschwänglich, fast übertrieben schnörkelig. So setzten sich Obrists gezeichnete oder gestickte Feuerlilien und andere zarten Blumen früh als Inbegriff des Jugendstils durch und in Szene. Sie wurden Zeichen für die Abkehr von Industrialisierung und grauer Vorstadt sowie für die Zuwendung zu einer neuen schwelgerischen Epoche, die dem Historismus in Architektur, Kunst und Kunsthandwerk den Kampf ansagte.
Aber waren die Münchner Jugendstilkünstler etwa alle Naturburschen? Keineswegs. Es ging mehr um Eskapismus und eine Flucht nach innen. Typische Motive waren schöne Frauen mit wallenden Haaren, atemberaubend attraktive oder grotesk geformte Tiere, Mischwesen. Oder bunt stilisierte Pflanzen, die in Form von Möbeln, Leuchtern oder Kerzenhaltern mit girlandenhaften Extremitäten eine herbeigesehnte Natur spiegelten. Ihre Naturerfahrung fanden Maler wie Franz von Stuck, Karikaturisten wie Thomas Theodor Heine, Architekten wie Martin Dülfer und Theodor Fischer eher im Salon als in der Wildnis. Ihre Kunst war ein städtischer Stil – so etwas wie die Urban Art der Jahre um 1900. Auch ihre auf Fassaden in Schwabing, am Harras, auf der Ludwigshöhe, in der Maxvorstadt projizierten Tiere und Lebewesen – Drachen, Lindwürmer, Nixen, Elfen – stammten eher aus Fabeln und Sagen als aus dem realen heimischen Wald. August Endells berühmte farbige Wanddekoration, die – bis die Nazis sie 1939 abschlugen – das Fotostudio Hof-Atelier Elvira an der Von-der-Tann-Straße zierte, wurde von Bühnenbildnerinnen jetzt extra für die neue Schau farbig und in Originalgröße nachgebaut. Beispiele für eine reale alpine oder voralpine Kultur gibt es aber auch – etwa das Gemälde einer Bootsfahrerin von Leo Putz oder Plakate nebst Gefäßen, die an die Jugendstilzeit in den Keramischen Werkstätten in Herrsching am Ammersee erinnern.

Wie die meisten der 450 Exponate in der seit gestern offenen Ausstellung Jugendstil. Made in Munich in der Münchner Kunsthalle stammt Hermann Obrists Wandbehang aus dem Besitz des Stadtmuseums, das derzeit wegen Renovierung geschlossen ist. Die von Hängepflanzen zugewucherten Höfe rund um die Kunsthalle München sind deshalb jetzt für das nächste halbe Jahr der Idealort für Einblicke in den Münchner Jugendstil! Die Schau lässt Räume aus längst nicht mehr existenten Jugendstilhäusern der Stadt in einer Art Reenactment mit Originalinventar wiederauferstehen. Und sie organisiert im Nebenprogramm Spaziergänge zu den vielen noch existierenden Bauten aus der Zeit. Von einem mehr wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, bewerten die Aufsätze im Katalog unter anderem den hohen Abstraktionsgrad neu, der im Münchner Jugendstil angelegt war.

Der Wille, Neues und Niedagewesenes zu erschaffen, zeigte sich vor allem bei Hermann Obrist, der auch in puncto florale alpine Kultur unser Mann in der neuen Ausstellung ist. Siehe etwa in unserem Foto hier die rätselvolle Gipsskulptur Modell Bewegung von 1914, die schon als Spirale, Wendeltreppe und Muschel apostrophiert worden ist. Obrist, in der Nähe von Zürich geboren, war ursprünglich Naturwissenschaftler und Medizinstudent gewesen, ehe er sich schließlich der Bildhauerei von Grabmälern, Brunnen und Skulpturen sowie Möbeln und allerlei Stoffdesigns zuwandte. Er war zutiefst vom britischen Arts and Crafts Movement beeinflusst. In Florenz gründete er ein Stickereiatelier mit italienischen Kunsthandwerkerinnen, die er dann 1895 mit nach München brachte. Seine Motive gehen mehr als die der anderen Münchner Künstler dieser Jahre von tatsächlicher Natur aus und führen deren Formen schon ins Visionär-Expressionistische weiter: Pilze, Kristalle, mit Dornen und Blüten bewachsene Zacken, eine Felsgrotte mit loderndem Fluss und organisch wucherndes Grün bevölkern auch Obrists Zeichnungen, die zu den stärksten Arbeiten der Münchner Schau gehören. Zu sehen bis ins Frühjahr, mit all den anderen faszinierenden Mysteriengewächsen von Richard Riemerschmid, Bernhard Pankow, Otto Eckmann, Bruno Paul, Peter Behrens, Olaf Gulbransson und vielen anderen.

Text und Fotos: © Alexander Hosch

„Jugendstil. Made in Munich“, Kunsthalle München, bis 23. März 2025.

Mit Objekten aus dem Kunsthandwerk, aus Skulptur, Malerei, Grafik, Fotografie, Mode und Schmuck, www.kunsthalle-muc.de