Einfach edel

Spielte das hochalpine Österreich vor 95 Jahren etwa eine Rolle für die weltberühmten Möbel und Bauten von Charlotte Perriand? Genau das wollten wir Trüffelsucher von der Alpinen Kultur gern letzte Woche von zwei Superspezialisten hören: Von der Tochter Pernette Perriand-Barsac (Foto) und ihrem Ehemann Jacques Barsac, die in Paris die Archives Charlotte Perriand leiten. Nun, vielleicht eine kleine Rolle! „Sicher ist nur“, so die beiden auf unsere Frage, „dass Charlotte schon in den 1930er Jahren in den Nachtzug von Paris nach Sankt Anton stieg, um dort mit ihren Ski die Weihnachtsferien zu verbringen“. Das ist doch ein Grund mehr für alle Alpen- und Kulturfreunde, einen Blick in die frisch eröffnete neue Ausstellung zu werfen, die jetzt unter dem Titel „Charlotte Perriand. Moderne leben – Design, Fotografie, Architektur“ im Museum der Moderne in Salzburg auf dem Mönchsberg gastiert. Sie lässt das Werk der bedeutenden Gestalterin (1903 bis 1999) extrem aktuell erscheinen.

Im Vordergrund der Schau, die in Teilen schon in Krefeld zu sehen war und noch zur Fundaçió Joan Miró in Barcelona weiterzieht, steht die Epoche zwischen etwa 1927 und 1945. Perriand arbeitete bis 1937 im Pariser Office des Stararchitekten Le Corbusier an den kühlen, funktionalistischen Metallmöbeln, die bis heute mit großem Erfolg von der italienischen Firma Cassina produziert werden. In den – ebenfalls in Salzburg reich präsentierten – Jahren danach entwarf die naturbegeisterte Gestalterin erste Hocker und Stühle aus Holz (rechts) nach dem Vorbild alpiner Bauernmöbel, die sie vor allem aus Savoyen kannte und aus Yenne bei Grenoble, wo ihre Großeltern lebten. Solche rustikalen Melkschemel und Dreibeinstühle stellten für sie den Inbegriff eines Lebens im Einklang mit der Natur dar, wie sie selbst es in ihrer Freizeit führte. Josep Lluís Sert, ein Kollege bei Le Corbusier, kannte Charlotte Perriand gut und schrieb 1956: „Sie liebt die Volksarchitektur und bäuerliche Einrichtung, weil sie die Menschen liebt und kennt. Diese Volksarchitektur ist das Gegenteil von dem, was gefragt ist; sie ist normal, menschlich und hat eine ganz eigene Schönheit. Sie kommt nicht so schnell aus der Mode wie unsere Stilobjekte“. Weitere Teile ihrer ersten österreichischen Retrospektive widmen sich Perriands Natur- und Sachfotografie, die sie früh in Ausstellungen und Artikel integrierte, sowie ihrem Exil in Japan. Die bekennende Kommunistin verbrachte ab 1940 sechs Jahre im Fernen Osten, wo sie Gestaltungsaufträge des japanischen Handelsministeriums bekam und minimalistische Möbel aus Bambus und Holz (im Bild die Chaiselongue basculante) entwarf.

Das aufsehenerregendste Exponat in Salzburg ist aber zweifellos der Nachbau einer hochalpinen Schutzhütte auf der Basis von Originalplänen durch Studierende der TU München und der Fachhochschule Salzburg. 1937 präsentierte sie das leichtgewichtige Refuge Bivouac auf der Pariser Weltausstellung am Ufer der Seine. In den Wintermonaten 1938/39 wurde es dann, nicht allzuweit von Chamonix und Mont Blanc entfernt, auf dem Sattel des Mont Joly unter Realbedingungen erprobt. Perriand hatte die vorgefertigte Biwakschachtel aus Holz, Aluminium, Seilverspannungen und einem Rahmengestell aus Befestigungsrohren zusammen mit Freunden dort selbst in 2200 Meter Höhe aufgebaut. Es war die frühe Version eines Tiny House – mit viel Stauraum, einem Tisch und mehreren flachen Sitz-Truhen, ausgedacht als Schlaf- und Ruheplatz für bis zu zehn Bergsteiger oder Skifahrer, die auf dem Weg zum Gipfel pausieren wollten. Perriand hatte bei eigenen Erkundungen genau solche Schutzbauten immer wieder vermisst. Man erkennt in Salzburg jetzt in dem fast 90 Jahre alten Entwurf, dessen Bestandteile nur 40 Kilo wiegen, eine starke Aktualität, auch die extreme Expertise und das Gespür der Schöpferin. Der begehbare Nachbau des Refuge Bivouac, 2025 aus Kiefernsperrholz und Aluminium gefertigt, ist zur Zeit der Mittelpunkt der Ausstellung. Er soll nach der Ausstellung in Salzburg bleiben. Wo genau, steht noch nicht fest, sagte uns Museumsdirektor Harald Krejci.

Charlotte Perriand schaffte es als eine der ganz wenigen Frauen, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit bedeutsamen Beiträgen in die Gestaltungsgeschichte einzugehen. In Salzburg steht dafür maßgeblich ein von ihr einst geschaffener und nun von Cassina initiierter Modellraum mit ihren Möbelentwürfen für das Architekturbüro von Le Corbusier. Die Reinterpretiation einer Wohnung aus Küche, Bad, Schlafraum und Salon mitsamt Mobiliar, Leuchten, Stoffen erweckt ein Originalenvironment vom Pariser Herbstsalon des Jahres 1929 zum Leben. Die Möbel in diesem Raum (die meisten sind Reeditionen) dürfen von den Besuchern der Salzburger Schau ausprobiert werden. In einem weiteren Lern-Raum können Sessel mit verschiedenen Oberflächen (Wellpappe, Baumwolle, Leder) getestet und bewertet werden. Andere Highlights der Ausstellung sind Perriands modulare Aufbewahrungsmöbel, die sie aus fernöstlichen Traditionen weiterentwickelte (unten bunte Regalstützen), ihre Zeichnungen von Wurzeln, Hölzern, Tierknochen und Steinen sowie Gemälde des kubistischen Malers Fernand Léger, der in der Zwischenkriegszeit ein enger Freund und Mitstreiter war.

 

Charlotte Perriand, Absolventin der Pariser Union Centrale des Arts Décoratifs, führte ein Leben, das einerseits eng mit dem Glamour der 1920er Jahre verbunden war. Kaum 25-jährig entwarf sie als Partnerin Le Corbusiers die wichtigsten der eleganten Möbel aus Leder und Metall für dessen schon damals weltbewegende Gebäude. Zugleich war sie in ihrer Freizeit stets eng mit der Natur, dem einfachen Leben und ganz normalen Leuten verbunden. Viele Wochenenden im Jahr bereiste sie die Alpen, um sich vornehmlich im Wallis, in Savoyen oder nahe Grenoble und Annecy als Sportlerin zu betätigen. Das ist die vielleicht wichtigste Lektion dieser Ausstellung: Dass die Adjektive „edel“ und „einfach“ weder in menschlichen noch in gestalterischen Dingen einen Gegensatz darstellen. Wir haben uns in Salzburg, gemäss den Interessen der Alpinen Kultur, natürlich vor allem auf den montanen Wochenendunterschlupf und andere schlichte und humane Aspekte gestürzt. Es gibt aber noch viele andere kleine Aspekte in dieser Schau. Unbedingt hinfahren und entdecken!

Alexander Hosch

„Charlotte Perriand. Moderne leben – Design, Fotografie, Architektur“, Museum der Moderne auf dem Mönchsberg, Salzburg, bis 13.9. 2026; www.museumdermoderne.at

Parallel läuft in Grenoble eine zweite Schau: „Charlotte Perriand. La montagne re-créative“, musée de Grenoble, bis 23. August 2026. Sie zeigt Perriands zwischen 1927 und 1938 realisierte Fotografien vom Gebirge; www.museedegrenoble.fr

 

 

 

 

Unsere früheren Beiträge über Charlotte Perriand:

 

 

 

 

 

 

Primavera in Sanremo!

Wir von der Alpinen Kultur lieben ja vor allem die Berge. Aber mindestens einmal im Jahr lockt uns das nahe Meer. Und so sind wir diesmal nach unseren letzten Skitagen der Saison in Limone Piemonte, wo es eh schon ganz traumhaft nach Orangenbäumen duftet, noch etwas weiter gen Süden gefahren – nach Sanremo. Denn kaum 50 km von unserer Skipiste an der 2755 hohen Rocca dell´Abbisso fängt schon die Blumenriviera an. Auch in Italien laufen nämlich die Südalpen direkt am Mittelmeer aus. Oder besser gesagt: die Ligurischen Alpen! Was das allein schon für ein magischer Name ist.

 

Hier trafen wir den Frühling. In Sanremo duftete alles gleich noch viel mehr nach Blüten, Zitrusfrüchten und frischen Kräutern. Am nächsten Morgen stieg auch noch das große Blumenfest, eine Art Privatfasching mit viel Tanz und einer Wagenparade (Fotos oben und ganz unten). Der größte Unterschied der italienischen Riviera zur benachbarten Côte d´Azur ist ja der Blumenwahnsinn – tausende Gewächshäuser scheinen überall die Hügel hochzuklettern, alle Plätze und Lokale sind festlich mit Nelken, Ranunkeln, Strelitzien und Anemonen geschmückt. So wurde die kleine Kurstadt vor 150 Jahren zum Paradies für Urlauber. Erst kamen aus ganz Europa die Adligen, die Zarin Maria Alexandrowna ließ an der Promenade, die immer noch Corso Imperatrice heißt, sogar die ersten Palmen pflanzen. An diese Zeit erinnern im Zentrum die Zwiebelkuppeln der russisch-orthodoxen Kirche, die noch immer viel eigene Community hat. Drinnen drängeln sich dann die Ikonen. Neben einem prachtvoll mit Murano-Leuchtern und Ornamenten im Liberty Style glänzenden Casino (Foto) ist die kleine, bunte Schwester der Basilius-Kathedrale (Fotos ganz unten) die exzentrische Topsehenswürdigkeit von Sanremo.

Im Frühstücksbereich des neuen Hotel Europa Palace sagte dann als erstes Vico Magistrettis wunderbare Atollo-Tischleuchte aus den Seventies freundlich „Buon mattino“ zu uns. Da bekamen wir Designaficonados sofort feuchte Augen – und noch viel bessere Laune. Unser nach sechs Jahren Umbau vor nicht allzulanger Zeit wieder eröffnetes Hotel von 1874 verbindet ganz offensichtlich das Beste aus zwei Welten. Der Komfort des fin de siècle trifft auf äußerst erfrischende Kunstwerke und einen Einrichtungs-Look ganz von heute – oder sogar von morgen! Stil? Boutique-Grand-Hotel passt vielleicht am besten. Gott sei dank liegt das Hotel Europa Palace Sanremo gleich gegenüber des schmucken Casinos, das bereits 1905 unter dem Namen Kursaal als Veranstaltungsort für Feste, Aufführungen, Konzerte und allerlei Glücksspiele eröffnete. Und zum Glück befindet es sich auch nahe an der historischen russisch-orthodoxen Kirche, sodass wir in diese beiden krass faszinierenden Sonderwelten öfter kleine Ausflüge unternehmen konnten.

Foro: Europa Palace Sanremo 

Zwar machen die typischen Bagni oder stabilimenti balneari (Strandbäder) von Sanremo um diese Zeit gerade erst auf. Aber die hartgesottensten Gäste saßen mit ihrem caffè schon draußen. Und wir schwammen natürlich, zum ersten Mal in diesem Jahr, in freier Natur. Wenn auch nur kurz und arg fröstelnd. Wie kommt es, dass es hier so viel günstiger ist als in Montecarlo oder in französischen Seebädern wie dem nahen Menton? Sanremo jedenfalls, das sagen alle, hat auch noch ebenso viel Charme und Geschichte wie Nizza oder Cannes. Die Franzosen, so sahen wir, shoppen am liebsten Kleidung und Lebensmittel. Nicht wenige verbringen hier auch ihre Ferien.

Fotos: Europa Palace Sanremo

Das Europa Palace ist als einziges Hotel seiner Klasse in Sanremo ganzjährig geöffnet, hat 70 Zimmer, fünf Sterne und mehrere Restaurants, in denen es uns vor allem die lokale Spezialität Gamberi in allen Variationen, der typische Schokoflan „Bunet“ und ein Sorbet namens „Montebianco“ angetan haben. Man kriegt Zimmer mit Balkon zur See (siehe Aufmacherfoto) überraschend günstig; die große Penthouse-Suite mit Panoramaterrasse kostet allerdings ein Vielfaches. Die Interieurs sind mit Holz und dunklem Stahl minimalistisch eingerichtet, überall brilliert das Designkonzept aus filigranen Midcentury-Möbeln sowie Sesseln und Stühlen in verschiedenen Grüntönen und in Altrosa. Irgendwann während ihres Aufenthalts müssen Urlaubende unbedingt mal ins schicke und pittoreske neue Lokal Babeuf spazieren. Dessen italienische Tapas, am besten mit Anchovis, haben wir in den Altstadtgassen entdeckt. Dazu wird Roséwein aus Dolceacqua gereicht.

Da nehmen wir uns doch gleich vor, auch nächstes Frühjahr wieder unsere Skistation in den ligurischen Alpen ein paar Tage früher zu verlassen – um Ostern gemütlich-elegant am Meer von Sanremo ausklingen zu lassen. Die Heimfahrt wird uns wieder ein Stück durch die französischen Seealpen, und dann über Cuneo, Turin, Mailand und den Gardasee führen. Was für ein Trip! Wirklich nirgendwo lassen sich die letzten Skiferien besser mit dem allerersten Badeurlaub des Jahres verbinden.

Text und Fotos: Alexander Hosch

Hotel Europa Palace: Doppelzimmer aktuell ab 250 Euro, je nach Saison auch günstiger. Ganzjährig geöffnet; Wellness & Gym, Haustiere bis 25 kg erlaubt www.europapalacesanremo.com

 

 

 

 

Der Eintritt in die Russisch-Orthodoxe Kirche Cristo Salvatore von 1913 kostet pro Person 1 Euro.

 

 

 

 

Das Babeuf in der Altstadt von Sanremo, via Palma 20/22, ist auf mediterrane Küche spezialisiert und auf natürliche lokale Weine wie den weißen Vermentino bzw. Rosé oder Rosso aus Dolceacqua. www.babeufsanremo.com

 

 

 

Im Architekturparadies

Seit langem besitzt Weil am Rhein eines der schönsten Architekturensembles in Europa. Warum? Weil in den letzten 35 Jahren in dieser nur 10 Minuten von Basel entfernten kleinen badischen Stadt viele preisgekrönte Weltarchitekt:innen ihre ersten Bauwerke in Deutschland oder sogar überhaupt außerhalb ihrer Heimat errichtet haben. Frank O. Gehry, Álvaro Siza, Zaha M. Hadid und Tadao Ando gehören dazu. Ihre kleinen und großen Gebäude haben im Vitra Campus heute Aufgaben als Fabrikbauten, Showrooms, Ausstellungshallen, Bushaltestellen und skulpturale Follies. Oder, wie im Fall von Hadid, als Feuerwehrhaus.

Der jüngste, gerade erst eingeweihte Pavillon auf der Weiler Architektur-Schaustelle stammt von Balkrishna Doshi. Der Inder hatte, als er 2018 beauftragt wurde, gerade erst den Pritzkerpreis verliehen bekommen, der seit langem als „Architekturnobelpreis“ gilt. 2023 starb er dann – und so wurde das sogenannte Doshi Retreat samt seines Meditationsgartens das letzte Bauwerk, an dem er arbeitete. Die ganze Architekturparade von Weil am Rhein war von Anfang nur aus einem Grund möglich: Weil Rolf Fehlbaum, der Chef des Möbelherstellers Vitra, sich für die nebenan produzierten Qualitätsmöbel von Ray & Charles Eames, Jean Prouvé, Verner Panton, den Bouroullecs und vielen anderen sowie für seine eigene exquisite Schausammlung moderner Sitzmöbel eine adäquate Umgebung wünschte. Das Doshi Retreat, gleich neben dem fast 40 Jahre alten Bau von Frank M. Gehry für das renommierte Vitra Design Museum gelegen, passt da nun qualitativ extrem gut dazu.

An einem sonnigen Februartag, wie er im Markgräflerland keine Seltenheit ist, erweist sich der neue Pavillon für uns Gäste dann als das erhoffte Geschenk an alle Sinne. Er entschädigt schon allein dafür, dass man die unweit beginnenden Alpen von hier leider nicht sieht. Nach der Besichtigung des vergleichsweise trubeligen Gehry-Museums laufen wir zum Doshi Retreat nur 100 Meter weiter ums Eck – und werden sogleich von einer ganz anderen, sehr warmen und östlichen Stimmung einfangen. Doshi Retreat wirkt als eine Welt der Versenkung. Obwohl diese nicht lautlos ist. Betritt man sie, entpuppt sich der doppelte Pfad zum „Kontemplationsraum“ als Parcours der Klänge. Meditative Harmonien dringen aus Bodengittern im roten Sand. Der Architekt und seine Mitstreiter haben dafür rund um einige Bäume, Sitzbänke und Grasinseln ein Wegelabyrinth zwischen rostfarbenen Stahlplatten und verborgenen Lautsprechern angelegt. „Er ließ sich dafür von einem Traum mit zwei verschlungenen Kobras inspirieren“, so seine Enkelin Khushnu Panthaki Hoof, die mit ihrem Ehemann maßgeblich am Projekt beteiligt war.

Die Stahlwannen, die die beiden Schlangen-Pfade umsäumen, führen uns Besucher mal unters Erdniveau und mal zu Stufen mit Sitzplätzen auf Pflanzeninseln. Wundervolles Licht, getönt von den Schatten der Bäume oder vom warmen Orangerot des Rosts, fällt in die Gassen. In dem spirituellen Raum am Ende eines kleinen Tunnels warten Gong, zwei weiße Bänke und ein Messingschirm, der das Ambiente überspannt – ein Arrangement zwischen Himmel und Erde, das an kosmische Architekturbauten aus der Maharadschazeit denken lässt und an den Land-Art-Pionier James Turrell, der mit seinen Skyspaces auf ähnlich zauberhafte Weise Himmelsformationen einfängt. Balakrishna Doshis Beitrag ist eine Bereicherung, wie sie selbst in dieser edlen Architekturparade bisher noch gefehlt hat.

Text & Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

 

 

Doshi Retreat 2025

Vitra Campus, Weil am Rhein

Vitra Design Museum

Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr

www.design-museum.de

Doshi Retreat ist Teil der 2-stündigen Architektouren durch den Vitra Campus, die täglich in drei Sprachen stattfinden. Andere Höhepunkte sind Gehrys Museumsbau von 1989 (oben), Hadids Feuerwehrhaus, Fabrikhallen von Nicholas Grimshaw, Álvaro Siza und Sanaa, ein Konferenzpavillon von Tadao Ando (1993), eine kleine Kuppel von Buckminster Fuller (Querformat ganz u.), die Gräser und Stauden des Oudolf-Gartens aus den 2020ern sowie – in ihm verteilt – jüngere Tiny Houses von Renzo Piano, Marina Tabassum (Hochformat u.) und Tsuyoshi Tane (kl. Bild).

Die kommenden Ausstellungen widmen sich der Designerin Hella Jongerius (ab 14.3.2026), dem Designer Verner Panton (ab 23.5.2026) und dem Architekten Geoffrey Bawa (ab 26.9.2026). – Nebenan im Vitra Schaudepot / Barragán Gallery dauert die Schau „Science Fiction Design. Vom Space Age bis zum Metaverse“ noch bis 10.5.2026.


Der perfekte Umbau

Zu Fuß, per Auto, per Bus, per Rad. Egal wie man hinkommt, jede:r sieht sofort, dass die Isarphilharmonie etwas Besonderes ist. Gegenüber steht ein altes Heizkraftwerk. Davor fließt ein kleiner Kanal. Daneben beginnt der Flaucher, eine bewaldete Strand- und Freizeitlandschaft an der Isar. Und rundherum brausen tagaus, tagein die Autos über den Mittleren Ring, eine Art City-Highway. Dabei scheint Münchens jüngster Konzertbau, blitzschnell errichtet zwischen 2018 und 2021, auf den ersten Blick „nur“ ein Umbau zu sein. Es steckt indes auch ein Neubau mit drin. Trotzdem hat es die Isarphilharmonie innerhalb weniger Jahre zum neuen Markenzeichen geschafft. Aus einer citynahen Gegend, die bisher eher als Wohngebiet bekannt war denn als Ausgehviertel, ist durch sie nun gemeinsam mit dem ebenfalls neuen Volkstheater unerwarteterweise eine angesagte Kulturmeile geworden.
Die Architekten des Umbaus mit Neubau, Deutschlands größtes Baubüro gmp aus Hamburg, nahmen jetzt diesen Erfolg sehr gern zum Anlass für eine Schau, die ebenso perfekt zur eigenen Ausrichtung wie auch zum „Gasteig HP8“ passt, so der andere Name der Isarphilharmonie. Auf zwei Etagen des sogenannten „Blumenbunker“ am Viktualienmarkt ist seit kurzem eine Wanderausstellung, die mit je anderen Projekten schon in Berlin, New York, Hamburg, Venedig und Shanghai zu sehen war, angerichtet. Die Münchner Architekturgalerie bespielt den Hochbunker am Viktualienmarkt aus den 1930-ern schon seit einiger Zeit und präsentiert jetzt mit gmp – 500 Mitarbeiter in 13 Ländern – eine Firma, die weltweit baut. Neun Umbauprojekte werden mit Videos, Modellen, Plänen, Schnitten und Fotos gezeigt, unter anderem die Hyparschale Magdeburg, die Alsterschwimmhalle Hamburg, das Olympiastadion Berlin (siehe Ausstellungsfoto) und das Estadio Bernabeu in Madrid. Vor allem aber kann man sich zweimal Münchner Lokalkolorit abholen: Einmal in Form eines frühen Entwurfs – von 1970 – für das Europäische Patentamt an der Erhardstraße in Isarnähe. Bei dieser seither kontinuierlich transformierten, seit 2022 sogar denkmalgeschützten gmp-Architektur wurden zuletzt unter anderem Etagen neu strukturiert und die Fassaden sanft überarbeitet. Und zweitens geht es eben darum, wie die Isarphilharmonie zum Knüller werden konnte. Auf sie konzentrieren wir uns hier.

Ursprünglich ging es einfach nur um einen Ersatzbau für die Zeit der Gasteig-Sanierung im Stadtteil Haidhausen. Und eigentlich wartet München ja auch seit Jahren auf den großen Konzerthallen-Wurf im Werksviertel. Doch beide Vorhaben – der teure Umbau des Bildungs- und Kulturzentrums Gasteig von 1985 und der noch teurere Neubau – kommen schlecht vom Fleck. Vielleicht auch deshalb einigten sich die Münchner Architekturfans gemeinsam mit den Konzertbesuchern schnell auf die Ansicht, dass mit der vergleichsweise kleinen Isarphilharmonie ein herausragendes Intermezzo entstanden ist. Ein Provisorium, das am besten gleich bleiben sollte!

Für rund ein Zehntel (43 Millionen Euro) des Preises einer herkömmlichen Konzertarchitektur bekam München 1900 Sitzplätze, ein minimalistisch-funktionales Design und eine allüberall wunderbare Akustik. Pragmatisch hatte man sich früh für eine Art Fertigbau entschieden. Das heißt: Das hölzerne Innenleben wurde größtenteils schon in der Fabrik zusammengesteckt, die Modulwände waren dann vor Ort noch zu verbinden und mussten in das Stahltragwerk und die nüchterne Neubau-Hülle integriert werden. Eine alte Backstein-Trafohalle der Stadtwerke behält rein äußerlich aber die Oberhand des Ensembles. Sie arbeitete man als Ankunftsbauwerk (Halle E) um, in das neben den Ticketschaltern und Zugängen zum Musiksaal weitere Einrichtungen für die Allgemeinheit wie Teile der Stadtbibliothek und der Volkshochschule einzogen. Die historische Glasdecke wurde dafür restauriert, blaue Gitter, Böden und Gebäudestruktur erlebten eine Ertüchtigung. Ein materiell überzeugender Übergang – Polycarbonatfenster, Industrietreppen, helles Fichtenholz – schiebt sich zwischen Altbau und Neubau. Eine zweite kleine Stahlhalle und Zubauten für Proben, Gastronomie et cetera komplettieren inzwischen das gemischte Areal, auf dem nebenan nach wie vor verschiedene kleine Gewerbe betrieben werden. Prozedere und Resultat des Musikhausbaus erwiesen sich als praktisch, pünktlich, qualitätvoll, kostengünstig. Von Sol Gabetta bis Igor Levit, von Hélène Grimaud bis Simon Rattle waren inzwischen viele der besten Musiker schon mal da – und kommen immer wieder. Auch die verschiedenen Münchner Symphonieorchester haben ihre neue Basis gefunden Die Architektur, oft zu Unrecht als Kostentreiberin von Großprojekten gescholten, hat in diesem Fall an der Tatsache, dass aus dem Stadtteil Sendling ein neues Kulturzentrum geworden ist, den entscheidenden Anteil.

Also ist unser Beitrag diesmal nicht wie sonst ein Aufruf an die Städter, zum Genuss von Kunst und Kultur in die Berge zu fahren. Sondern hier sind, umgekehrt, zwei gute Gründe für die Alpianer, den nächsten Münchenausflug mit einem Galeriebesuch im „Blumenbunker“ oder einem Konzert in der Isarphilharmonie zu verbinden – am besten beides! Kommt doch alle mal nach unten in die Stadt, um einen Gipfel der Musikarchitektur zu besteigen!

Text und Fotos:  Alexander Hosch

„Umbau. Nonstop Transformation“ von gmp Architekten, Architekturgalerie München, Blumenstraße 22, bis 6. Dezember 2025  – geöffnet: Mittwoch bis Samstag 15-19 Uhr. www.architekturgalerie-muenchen.de

Malen nach Zahlen

Mal sitzt das Lächeln schief, mal wirkt es selig. Hier kräuselt sich ein Mund zur Schlangenlinie, dort werden Zähne gezeigt: Wer Stefan Sagmeisters Ausstellung BETTER im andalusischen Kulturzentrum La Térmica besucht, darf einen Tischtennisball bemalen, um seiner momentanen Verfassung Ausdruck zu verleihen, solange dieses kugelrunde Emoji dann zu den vielen anderen ins Regal gelegt wird. So kommt es, dass Málaga gerade das charmanteste Stimmungsbarometer der Welt besitzt, ersonnen von einem Grafikdesigner aus Vorarlberg, der seit vielen Jahren in New York lebt.

Heute bringt die milde Wintersonne die bunten Azulejos in den Gängen der ehemaligen Casa de Misericordia zum Leuchten. Dieses „Haus der Barmherzigkeit“ beherbergte gut 100 Jahre lang Waisenkinder, verarmte alte Menschen sowie andere Schutzbedürftige und ist seit 2012 ein spannendes Zentrum für Gegenwartskultur im einst industriell geprägten Süden der spanischen Stadt. Aus den Ateliers schallt Gelächter, und man kann sich im Augenblick kaum vorstellen, dass jemand ein übellauniges Gesicht zeichnet.

 

 

 

 

 

Doch das subjektive Wohlbefinden ist empfindsam wie eine Mimose. Ständig bedroht, so Stefan Sagmeister, durch die Aufmerksamkeitsökonomie der Medien. Diese kenne nur eine Währung: Bad News, die in atemraubendem Tempo auf uns einprasseln. Durch die verengte Sicht auf kurzfristige Phänomene und desaströse Ereignisse würde sich der Eindruck einer außer Kontrolle geratenen Welt voller Skandale und Katastrophen nur noch verstärken.

Sagmeister hat genug von dieser Schwarzmalerei und bietet ein einfaches Gegenmittel an: die Langzeitbeobachtung. Er erhebt Datensätze aus Archiven und Institutionen, um mit den gewonnen Zahlen tatsächliche Zustände zu beschreiben und den Blick zu weiten: „Viele Dinge, die den Menschen wichtig sind, haben sich überraschend gut entwickelt“.

Der 1962 geborene Bregenzer wäre nicht er selbst, würde er die aus seiner Glücksforschung geschürften Erkenntnisse nicht fulminant visualisieren: Auf kuriose, eklektische Bildträger, darunter von ihm designte Kleidung, Brillen und historische, in Auktionen günstig ersteigerte Ölgemälde, setzt er Infografiken, die den Nachweis liefern: Die Welt ist besser als sie meint. Und immer wieder zoomt Sagmeister beispielhaft in den Lebensraum Alpen.

In dem Werk White on White etwa kombiniert er den Entwurf für die Kuppel eines Barockpalastes, Schöpfer unbekannt, mit einem Balkendiagramm zur Anzahl der Personen, die in Tirol bei einem Lawinenunglück gestorben sind: Seit 1982 sich die Gesamtzahl fast halbiert. Auch die Betrachtung seiner eigenen Familie scheint Sagmeisters These von der allmählichen Verbesserung unseres Daseins zu stützen: Während die Ururgroßeltern Jakob und Johanna Sagmeister noch den Tod von sechs Kindern betrauern und mit der nackten Existenz ringen mussten, gehörte die nächste Generation schon zu den 15% alphabetisierten Zeitgenossen und erfreute sich an dem kleinen Wohlstand, den der eigene Antiquitätenladen in Bregenz ermöglichte. Mit den Sagmeisters ging es stets bergauf, bis hinein in die Designsphären des nicht mehr ganz so jungen Sprosses.

 

 

 

 

 

 

 

Absolut neu ist Stefan Sagmeisters Glücksformel nicht. Seit der Antike vertrauen Philosophen wie Aristoteles und Epikur auf die Kraft des tröstlichen Denkens. Ein glückliches Leben ist ein Leben, das sich am Guten orientiert.

Immerhin, Sagmeisters Ringen um eine angewandte Ästhetik des Rosigen bescherte ihm exquisite Gestaltungsaufträge – von Triest über Wien bis in die Ozark Mountains. Die kreativen Früchte sind nun in der Ausstellung zu sehen: Für die Manufaktur J.&L. Lobmeyr schuf er eine Serie von mit tropischen Blättern handbemalten Kristallgläsern. Doch sein Meisterstück ist die Kriechtierparade im Ledger building von Bentonville, Arkansas, einem Mountainbike-Mekka in den USA.

 

 

 

 

 

 

Die sechs Stockwerke dieses Coworking-Space sind durch eine befahrbare Außenrampe verbunden. Man radelt gewissermaßen bis zu seinem Schreibtisch und rollt dabei über 100 heimische Insekten. Ohne sie zu beschädigen freilich, denn die Kreaturen wurden von der Mayersch’en Hofkunstanstalt in München kongenial aus Mosaiksteinen gefertigt und hier minuziös am Boden installiert. Zwischen ihren Zangen oder auf dem Rücken transportieren die Tiere Juwelen in den schönsten Schmuckfarben von Rubinrot bis Smaragdgrün. Endstation ist die Rooftop-Terrasse, wo die abgelegten Steine Stefan Sagmeisters Mantra formen: Now is better.

Text und Fotos © Alexandra González

Ausstellung BETTER. Stefan Sagmeister noch bis 2. März 2025 im Kulturzentrum La Térmica, Málaga

latermicamalaga.com

 

Samtenes Gipfeltreffen

Ein Instant-Konzert in München wäre natürlich der Wahninn gewesen. So aber wurde es immerhin eine wunderbare Überraschungsausstellung für das Haus der Kunst, die – nur Stunden vorher angekündigt – am Freitag begann. Im Geheimen vorbereitet, war sie von langer Hand geplant. Pussy Riot stellen genau dort nun bis 2. Februar 2025 im ehemaligen Luftschutzbunker des Ausstellungshauses aus (www.hausderkunst.de). Die allesamt feministischen und queeren Musikerinnen, Aktivistinnen und Künstlerinnen berichten in der Schau voller Farbenfreude und mit handgeschriebenen Wandbotschaften über ihren Velvet Terrorism, also den gewaltfreien Widerstand, der sich gegen Putins Homophobie wie auch gegen Russlands Krieg in der Ukraine richtet. Mit Videos aus Moskauer Kirchen und von Moskauer Dächern, die jetzt zwischen bunten Wänden gezeigt werden. Mit Aktionen, farbigen Masken und Klebestreifen, mit Fotos, mit Installationsgerät und mit Punkmusik protestieren sie. Was immer wieder zu Schlägen und Verletzungen, zu Arresten und Verfolgung der Protagonistinnen führt. Die samtene Rebellion von Pussy Riot gegen Putin, einen der vielen rechten Irren, die zur Zeit die Welt bedrohen, ist für die Mitstreiterinnen seit mehr als einem Jahrzehnt lebensgefährlich – auch wenn die meisten mittlerweile im Ausland leben. Putins Geheimdienstler und Kleptokraten sind aber vermutlich überall. Deshalb war die strikte Geheimhaltung der Münchner Termine bis gestern Mittag notwendig. Abends jedoch fand im vollbesetzten Terrassensaal ein Gespräch von Haus-der-Kunst-Chef Andrea Lissoni mit einigen der Akteurinnen des Kunstkollektivs statt. Widerstand gegen einen russischen Polit-Zombie von heute, im Herzen und im Keller eines Fascho-Tempels von früher – das ist eine doppelte Brechung. Die Überraschung ist gelungen, die Ausstellung sehr gut. Unbedingt hingehen!

© Text & Fotos: Alexander Hosch

Salzburger Brickflats

Wenn wir an Salzburg denken, kommen uns  zuerst die majestätische Festung Hohensalzburg, die barocken Kirchen oder die zauberhaften Altstadtgassen in den Sinn. Doch auf unserem letzten Ausflug haben wir etwas ganz Besonderes entdeckt – die Welt der Brickflats von Raphael Vangelis. „Ziegelsteinwohnungen“ als Miniaturkunstwerke.

Unser Tag beginnt am Hauptbahnhof. Wir nehmen den Ausgang Lastenstraße, und kaum haben wir den Bahnhof verlassen, fällt unser Blick auf eine kleine, unscheinbar wirkende Kunstinstallation. Brickflats, Raphael VangelisIn der Wand sitzt ein winziger Reisender auf einem Koffer, in einem Kästchen nicht größer als ein Ziegel. Es ist ein skurriler und gleichzeitig nachdenklich stimmender Anblick. Der kleine Mensch in seinem Miniaturraum, ohne Platz, um die Beine auszustrecken, erinnert an die klaustrophobischen Wohnverhältnisse, mit denen viele heutzutage konfrontiert sind.

Weiter geht es in die Steingasse, eine der ältesten Straßen Salzburgs. An dem Haus, das von einem Ladenschild mit der Aufschrift „Tändlerei“ dominiert wird, entdecken wir das nächste Werk von Vangelis. Auf einem Mauervorsprung thront ein winziges Paar, eng umschlungen. Ihre Körperhaltung spricht Bände – Nähe und Geborgenheit in einem Räumchen, das kaum Platz für mehr lässt als ihre Zweisamkeit. Auch hier spielt Vangelis eindrucksvoll mit dem Thema Wohnungsnot. 

Unser letztes Ziel ist die Clemens-Holzmeister-Stiege jenseits der Salzach. Eine charmante Treppe, die vom Toscanini-Hof auf den Mönchsberg führt. Und dort auf halber Höhe, gut sichtbar zwischen den Mauersteinen, entdecken wir den dritten Brickflat – einen winzigen Bücherwurm, der unter seiner Lektüre zu wohnen scheint.

Die Brickflats von Regisseur und Künstler Raphael Vangelis sind nicht nur eine faszinierende künstlerische Intervention im städtischen Raum, sondern auch ein Kommentar zur sozialen Situation. Steigende Mietpreise und zu wenige Unterkünfte sind in fast allen Städten Europas ein Problem. Durch die Integration seiner Miniaturwohnungen in echte Mauern „besetzt“ er die Immobilien auf kreative Weise.

Bücherwurm

Salzburg, bekannt für seine prächtige Architektur und reiche Geschichte, hat durch die Brickflats von Vangelis eine avantgardistische Note hinzugewonnen. Vielleicht stoßen wir auf unserer nächsten Reise in die Mozartstadt schon auf weitere dieser faszinierenden kleinen Wohnungen. Oder wir suchen bald mal London, Paris, Los Angeles, New York und Barcelona ab, wo es andere Brickflats von Vangelis gibt.

Text und Fotos: Sabine Berthold

 

Zu den Gipfeln der Renaissance

Bernardino Licinio, Bildnis einer jungen Frau mit ihrem Verehrer, ca. 1520; Paris, Galerie Canesso
Tizian, Bildnis der Isabella von Portugal (Detail), 1548; Madrid, Museo Nacional del Prado

Was ist das nur für ein tolles Felsmassiv da, neben dem der Maler Tizian 1548 Isabella von Portugal porträtiert hat? Und welcher Alpenberg mag das sein, vor dem der kleine Maggi-Junge (Bild-Detail gleich unten) mit seinen Angehörigen um 1575 vor Tintoretto posierte? „Vielleicht ein ganz realer Gipfel in der Nähe des Anwesens der Familie Maggi in Feltre? Genau wissen wir es nicht“, sagt Sammlungsdirektor Andreas Schumacher, der in der Alten Pinakothek die italienischen Gemälde betreut. „Es wäre bei den Motiven dieser Ausstellung natürlich zusätzlich spannend gewesen, auch diese Details noch herausfinden!“

Tatsächlich würde das die Gebirgskunsthistoriker wie uns von der Alpinen Kultur natürlich schon brennend interessieren! Denn in der neuen Schau „Venezia 500<<“, die heute in der Alten Pinakothek in München begonnen hat, tun sich bald in jedem zweiten der rund 85 Bilder – Grafiken, Zeichnungen und Gemälde aus der Zeit der venezianischen Renaissance – unbekannte Gipfel auf. Entweder zieren sie als alpine Idealkulisse die sakralen, mythologischen oder aristokratischen Personengruppen. Oft aber bilden sie wohl ganz real die in der Nachbarschaft vorgefundene Natur ab. In der Tat ist Venedig von den Dolomiten ja nicht viel weiter entfernt als München von der Zugspitze. Und so wie sich bei uns an klaren Tagen nicht selten eine Alpenkulisse hinter der Stadtsilhouette abzeichnen kann, lassen sich unweit der Serenissima an Tagen mit günstigem Wetter zuweilen die Marmolata oder Teile der Dolomitenkette erblicken. Jedenfalls, wenn man nicht nur auf die Kirchen und in die Wasserwellen der Kanäle schaut.

Giovanni Bellini, Maria mit Kind zwischen Johannes dem Täufer und einer unbekannten Heiligen (Ausschnitt), 1500-1505; Venedig, Galleria Dell´Accademia
Giovanni Battista Cima da Conegliano, Hl. Hieronymus in der Wildnis (Ausschnitt), ca. 1500/05; Washington, National Gallery of Art

In der Schau geht es natürlich erst einmal um ganz anderes als um Bergspitzen. Die Kuratoren ließen nach vierjähriger Vorbereitung 70 Gastgemälde von Tizian, Palma il Vecchio, Sebastiano del Piombo, Mantegna, Bellini und Lorenzo Lotto aus Paris, Madrid, New York, Florenz usw. zum Vergleich nach München transportieren. Und vor allem ließen sie 15 eigene venezianische Renaissancebilder der Alten Pinakothek nach allen Regeln der Technik und der Kunst durchleuchten, restaurieren und stilistisch wie kunsthistorisch neu beforschen. Heraus kam mindestens eine Sensation: Die AP besitzt nämlich offenbar ein zweites Gemälde des genialen, schon 1510 mit nur 32 Jahren verstorbenen Venezianers Giorgione, von dem in der ganzen Welt nur etwa 20 gesichert zugeschriebene Malereien existieren.

Andrea Previtali, Allegorie der Fortuna, ca. 1490; Venedig, Galleria dell’Accademia
Bartolomeo Veneto, Maria mit Kind, ca. 1505; Bergamo, Accademia Carrara

Derweil können wir Bergfexe in der Ausstellung all die wunderbaren venezianischen Zeichnungen und Gemälde mit Hieronymus, der Muttergottes, mit verschiedenen Kalvarienbergen, mit Apollo, Adonis, der Allegorie der Fortuna oder den Adligen der Epoche nach bekannten Gipfeln und Spitzen, Ketten und Hügeln absuchen.

Kein einziges Wasserbild ist in der AP dabei! Auch keine Venedig-Vedute. Denn nie war eine Renaissanceschau über die alten Venezianer alpiner als diese Präsentation, die das damalige Verhältnis von Natur und Landschaft zu Menschengruppen analysiert.

Also welcher blaue Gipfel quetscht sich – siehe Aufmacherbild – unter die rechte Achsel des jungen Edelmanns, der um 1500 auf Bernardino Licinios Tafel von einer sich entkleidenden bella donna hingerissen wird? Was für eine Landschaft ragt da dolomitenhaft hinter Johannes dem Täufer und Maria auf? In welchem Bergdorf zwischen Venetien und Lombardei versteckte sich in dem Gemälde von 1505 Bartolomeo Venetos Maria mit dem Kind? Und was für ein schmuckes Seegebirge – anstatt der trockenen Hügel Syriens und Palästinas – umfängt den Heiligen Hieronymus in der Wildnis? – Ohne Zweifel wartet in dieser begeisternden neuen Münchner Ausstellung zur Zeit mindestens eine Doktorarbeit auf eifrige junge Erforscher der alpinen Natur und Kultur.

Text und Fotos: Alexander Hosch

Ausstellung „Venezia 500<<, Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei“, Alte Pinakothek München, bis 4. Februar 2024

https://www.pinakothek.de/de/venezia500

Palma il Vecchio, Maria mit Kind und den hl. Rochus und Lucia, 1513/15; München, Alte Pinakothek

 

Endlich: Münchner Denkmal für Snowden!

Übertrieben wäre es, in diesen feucht-trüben Tagen davon zu schwärmen, dass auch hinter unserer neuesten Trouvaille wieder fern und klar die bayerischen Alpen aufragen. Aber von der überraschendsten Münchner Kunstausstellung des Jahres können wir berichten! Denn ein französischer Street Artist namens Invader hat gerade 18 Bilder im Stadtbild hinterlassen. Darunter: Ein aus fast 2000 bunten Mosaikfliesen gelegtes Konterfei des amerikanischen Publizisten und Whistleblowers Edward Snowden. Nur ein paar Meter vom Viktualienmarkt entfernt applizierte der Pariser Künstler das 2,60 mal 2,10 Meter große Pixelportrait Snowdens an eine Schulhauswand. Beinahe in Steinwurfweite der Staatskanzlei.

Der um die Demokratie besorgte Snowden hatte 2013 Dokumente des US-Geheimdienstes NSA geleakt, aus denen hervorging, dass die Ami-Spitzel praktisch die ganze Welt aushorchen, wie es ihnen gerade passt – auch das Handy der Bundeskanzlerin. Weil seitdem aber nicht die NSA von der Justiz der Vereinigten Staaten verfolgt wird, sondern Snowden, muss dieser in Russland ein qualitativ schwer einzuschätzendes, nunmehr schon fast zehn Jahre dauerndes Lebens-Intermezzo von Putins Gnaden fristen. In Amerika droht ihm lebenslange Haft. Trotz seines Einsatzes für die Freiheitsrechte auch deutscher Menschen taten die Politiker der damaligen Groko wie auch die der aktuellen Ampel seither für Edward Snowden: Exakt gar nichts.

Wie schön, dass nun aber offenbar ein großer und weiser Kopf dieses Monument zum 10-jährigen Leakjubiläum, das neue Münchner Mahnmal, bei Invader bestellt hat! Ach, das waren gar nicht unsere Politiker? Wie zu hören ist, initiierte der nach Banksy bekannteste Street Artist die Aktion in München selbst – incognito und ohne Auftrag oder Erlaubnis. Der Künstler, der seit fast 30 Jahren guerillamäßig die Großstädte der Welt bereist und mit seinen verpixelten frühen Computerwesen bestückt, hat nun lauter Werke ins Stadtbild gezaubert, die kongenial mit dem Genius Loci spielen: Brezn und Münchner Kindl am Sendlinger Tor. Pac-Man, der sich eine Mass Bier schnappt, an der Fassade des Lindwurmstüberl. Ein Regenbogen an der Thalkirchnerstraße. Ein „Brezen-Invader“ am Partyschiff Alte Utting. Motive an einem Blumenstand des Viktualienmarkts, im Westend und rund um die Donnersberger Brücke.

Vermutlich in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag sei Invader in München gewesen, mutmaßt das Bayerische Fernsehen. Anfang Mai habe der Mann, der sich einst nach dem Achtzigerjahre-Computerspiel „Space Invader“ benannte, dann mit Spezialkleber seinen Snowden auf die Hauswand am Altstadtring aufgetragen, brachte die FAZ in Erfahrung. Wie dem auch sei. Wir halten diese sympathische Disruption für die beste Münchner Kunst-Idee seit langem. Man könnte jetzt doch einfach aus der Situation Gewinn ziehen und das geschenkte Bild zum Beispiel nächste Woche feierlich als Denkmal für die Demokratie enthüllen.

Wir sind jedenfalls schon gespannt, wie die bekanntesten Freiheitskämpfer aus der bayerischen Politik pünktlich zum beginnenden Wahlkampf mit dem Mosaik, das ja jetzt nun mal einfach da ist, umgehen. Zwar ist Edward Snowdens Fliesenkonterfei, übrigens auch eine nicht ganz unvirtuose Handwerkskunst, inzwischen von einem Werbeplakat verdeckt worden. Die Veranstaltung ist aber schon vorbei. Den Lappen kann man also ohne Schaden wieder abmachen. Und so dem Hauptwerk der zur Zeit besten und wichtigsten Münchner Kunstausstellung den Platz einräumen, den es verdient.

Text und Fotos:    Alexander Hosch

Brezen-Motiv von Invader am Aufgang zur Alten Utting. Foto: Sabine Berthold

Für immer verbunden

Die Geburt einer Glocke steht am Ende eines nervenzehrenden und schweißtreibenden Prozesses. Erst, wenn sie nach dem Guss abgekühlt aus der Erde gegraben wird und der erste Anschlag erfolgt, wissen die Handwerker, ob sie volltönend und in der richtigen Frequenz erklingt. Zahlreiche dieser Wunschkinder hat die Erdinger Glockengießerei zwischen 1850 und 1971 zur Welt gebracht. Für ihren Wohlklang gefeiert wurden die tonnenschweren Bronzeriesen des Traditionsbetriebs überall. Das tontiefste Exemplar Bayerns (nach der Christus-Salvator-Glocke in Kloster Scheyern) ist die Jubiläumsglocke im Turm von St. Peter in München, von dem man bei klarem Wetter die Berge sieht. Sie stammt ebenso aus Erding wie das Geläut in der Benediktinerabtei Santa Maria de Montserrat bei Barcelona oder die Marienglocke der voralpinen Klosterkirche Andechs.

Seit vergangenem Herbst zieht ein stilisierter Glockenturm auf der Erdinger Fehlbachbrücke die Blicke auf sich und ruft Erinnerungen an dieses faszinierende Metier wach. Der Münchner Künstler Christian Hinz ist dafür tief in die Historie der Erdinger Gießerei eingetaucht.

Seine Skulptur besteht aus zwei Edelstahlplatten, die im Kreuz zueinander auf der Brücke verankert und miteinander verschweißt wurden. Gemeinsam formen die beiden Platten im oberen Bereich die Silhouette einer Glocke. In der Nacht illuminiert, verschwimmt die Skulptur beim Vorbeifahren zu einer leuchtenden Bewegung und bringt viel Magie in das ländliche Erding.

Und es gibt noch einen Grund, warum uns dieses Kunstwerk trotz seines kühlen Materials so herzerwärmt. In den Rundstäben hat Christian Hinz 1500 Schlösser eingehängt und auf 500 davon die Namen von Glockengießern, Glocken, deren Größe, Schlagton und Standort geprägt. Allesamt aus der Erdinger Gießerei, versteht sich. Wer mag, kann sich bei den verbleibenden Vorhängeschlössern als Poetin oder Poet betätigen und einen Spruch von Künstlerhand eingravieren lassen. Viele Liebesbekundungen sind bereits darunter. Reichlich Neugierde hat bei Christian Hinz eine Zahlenreihe erzeugt, die ein Erdinger Bürger in Auftrag gegeben hat: „Niemand außer ihm weiß, was dieser Code bedeutet.“

Es empfiehlt sich – wie bei einem Tattoo – reiflich zu bedenken, welche Message man über den Fluten des Fehlbachs zu hinterlassen wünscht, denn anders als die Legionen von Liebesschlössern an Brücken, werden diese hier nicht aufgeknackt und entsorgt, sondern sind für den Verbleib geschaffen.

Ich habe übrigens einen Vers aus Juan Ramón Jiménez „Giralda“ verewigen lassen. Das Gedicht über den Glockenturm der Kathedrale von Sevilla bedeutet mir viel, weil mein Vater in dessen Schatten aufwuchs. Immer noch wundere ich mich, wie Christian so viel Text auf dieser winzigen Fläche unterbringen konnte. Auch das gehört zu den Geheimnissen, die diese moderne Hommage an das Glockengießerhandwerk umflort.

Text: Alexandra González

Fotos © Christian Hinz und Alexandra González

https://christian-hinz.com/glockenturm/