Zu Fuß, per Auto, per Bus, per Rad. Egal wie man hinkommt, jede:r sieht sofort, dass die Isarphilharmonie etwas Besonderes ist. Gegenüber steht ein
altes Heizkraftwerk. Davor fließt ein kleiner Kanal. Daneben beginnt der Flaucher, eine bewaldete Strand- und Freizeitlandschaft an der Isar. Und rundherum brausen tagaus, tagein die Autos über den Mittleren Ring, eine Art City-Highway. Dabei scheint Münchens jüngster Konzertbau, blitzschnell errichtet zwischen 2018 und 2021, auf den ersten Blick „nur“ ein Umbau zu sein. Es steckt indes auch ein Neubau mit drin. Trotzdem hat es die Isarphilharmonie innerhalb weniger Jahre zum neuen Markenzeichen geschafft. Aus einer citynahen Gegend, die bisher eher als Wohngebiet bekannt war denn als Ausgehviertel, ist durch sie nun gemeinsam mit dem ebenfalls neuen Volkstheater unerwarteterweise eine angesagte Kulturmeile geworden.
Die Architekten des Umbaus mit Neubau, Deutschlands größtes Baubüro gmp aus Hamburg, nahmen jetzt diesen Erfolg sehr gern zum Anlass für eine
Schau, die ebenso perfekt zur eigenen Ausrichtung wie auch zum „Gasteig HP8“ passt, so der andere Name der Isarphilharmonie. Auf zwei Etagen des sogenannten „Blumenbunker“ am Viktualienmarkt ist seit kurzem eine Wanderausstellung, die mit je anderen Projekten schon in Berlin, New York, Hamburg, Venedig und Shanghai zu sehen war, angerichtet. Die Münchner Architekturgalerie bespielt den Hochbunker am Viktualienmarkt aus den 1930-ern schon seit einiger Zeit und präsentiert jetzt mit gmp – 500 Mitarbeiter in 13 Ländern – eine Firma, die weltweit baut. Neun Umbauprojekte werden mit Videos, Modellen, Plänen, Schnitten und Fotos gezeigt, unter anderem die Hyparschale Magdeburg, die Alsterschwimmhalle Hamburg, das Olympiastadion Berlin (siehe Ausstellungsfoto) und das Estadio
Bernabeu in Madrid. Vor allem aber kann man sich zweimal Münchner Lokalkolorit abholen: Einmal in Form eines frühen Entwurfs – von 1970 – für das Europäische Patentamt an der Erhardstraße in Isarnähe. Bei dieser seither kontinuierlich transformierten, seit 2022 sogar denkmalgeschützten gmp-Architektur wurden zuletzt unter anderem Etagen neu strukturiert und die Fassaden sanft überarbeitet. Und zweitens geht es eben darum, wie die Isarphilharmonie zum Knüller werden konnte. Auf sie konzentrieren wir uns hier.
Ursprünglich ging es einfach nur um einen Ersatzbau für die Zeit der Gasteig-Sanierung im Stadtteil Haidhausen. Und eigentlich wartet München ja auch seit Jahren auf den großen Konzerthallen-Wurf im Werksviertel. Doch beide Vorhaben – der teure Umbau des Bildungs- und Kulturzentrums Gasteig von 1985 und der noch teurere Neubau – kommen schlecht vom Fleck. Vielleicht auch deshalb einigten sich die Münchner Architekturfans gemeinsam mit den Konzertbesuchern schnell auf die Ansicht, dass mit der vergleichsweise kleinen Isarphilharmonie ein herausragendes Intermezzo entstanden ist. Ein Provisorium, das am besten gleich bleiben sollte!
Für rund ein Zehntel (43 Millionen Euro) des Preises einer herkömmlichen Konzertarchitektur bekam München 1900 Sitzplätze, ein minimalistisch-funktionales Design und eine allüberall wunderbare Akustik. Pragmatisch hatte man sich früh für eine Art Fertigbau entschieden. Das heißt: Das hölzerne Innenleben wurde größtenteils schon in der Fabrik zusammengesteckt, die Modulwände waren dann vor Ort noch zu verbinden und mussten in das Stahltragwerk und die nüchterne Neubau-Hülle integriert werden. Eine alte Backstein-Trafohalle der Stadtwerke behält rein äußerlich aber die Oberhand des Ensembles. Sie arbeitete man als Ankunftsbauwerk (Halle E) um, in das neben den Ticketschaltern und
Zugängen zum Musiksaal weitere Einrichtungen für die Allgemeinheit wie Teile der Stadtbibliothek und der Volkshochschule einzogen. Die historische Glasdecke wurde dafür restauriert, blaue Gitter, Böden und Gebäudestruktur erlebten eine Ertüchtigung. Ein materiell überzeugender Übergang – Polycarbonatfenster, Industrietreppen, helles Fichtenholz – schiebt sich zwischen Altbau und Neubau. Eine zweite kleine Stahlhalle und Zubauten für Proben, Gastronomie et cetera komplettieren inzwischen das gemischte Areal, auf dem nebenan nach wie vor
verschiedene kleine Gewerbe betrieben werden. Prozedere und Resultat des Musikhausbaus erwiesen sich als praktisch, pünktlich, qualitätvoll, kostengünstig. Von Sol Gabetta bis Igor Levit, von Hélène Grimaud bis Simon Rattle waren inzwischen viele der besten Musiker schon mal da – und kommen immer wieder. Auch die verschiedenen Münchner Symphonieorchester haben ihre neue Basis gefunden Die Architektur, oft zu Unrecht als Kostentreiberin von Großprojekten gescholten, hat in diesem Fall an der Tatsache, dass aus dem Stadtteil Sendling ein neues Kulturzentrum geworden ist, den entscheidenden Anteil.
Also ist unser Beitrag diesmal nicht wie sonst ein Aufruf an die Städter, zum
Genuss von Kunst und Kultur in die Berge zu fahren. Sondern hier sind, umgekehrt, zwei gute Gründe für die Alpianer, den nächsten Münchenausflug mit einem Galeriebesuch im „Blumenbunker“ oder einem Konzert in der Isarphilharmonie zu verbinden – am besten beides! Kommt doch alle mal nach unten in die Stadt, um einen Gipfel der Musikarchitektur zu besteigen!
Text und Fotos: Alexander Hosch
„Umbau. Nonstop Transformation“ von gmp Architekten, Architekturgalerie München, Blumenstraße 22, bis 6. Dezember 2025 – geöffnet: Mittwoch bis Samstag 15-19 Uhr. www.architekturgalerie-muenchen.de
Mal sitzt das Lächeln schief, mal wirkt es selig. Hier kräuselt sich ein Mund zur Schlangenlinie, dort werden Zähne gezeigt: Wer Stefan Sagmeisters Ausstellung BETTER im andalusischen Kulturzentrum La Térmica besucht, darf einen Tischtennisball bemalen, um seiner momentanen Verfassung Ausdruck zu verleihen, solange dieses kugelrunde Emoji dann zu den vielen anderen ins Regal gelegt wird. So kommt es, dass Málaga gerade das charmanteste Stimmungsbarometer der Welt besitzt, ersonnen von einem Grafikdesigner aus Vorarlberg, der seit vielen Jahren in New York lebt.







Ein Instant-Konzert in München wäre natürlich der Wahninn gewesen. So aber wurde es immerhin eine wunderbare Überraschungsausstellung für das Haus der
Dächern, die jetzt zwischen bunten Wänden gezeigt werden. Mit Aktionen, farbigen Masken und Klebestreifen, mit Fotos, mit Installationsgerät und mit Punkmusik protestieren sie. Was immer wieder zu Schlägen und Verletzungen, zu Arresten und Verfolgung der Protagonistinnen führt. Die samtene Rebellion von Pussy Riot gegen Putin, einen der vielen rechten Irren, die zur Zeit die Welt bedrohen, ist für die Mitstreiterinnen seit mehr als einem Jahrzehnt lebensgefährlich – auch wenn die meisten mittlerweile im Ausland leben. Putins Geheimdienstler und Kleptokraten sind aber vermutlich überall. Deshalb war die
strikte Geheimhaltung der Münchner Termine bis gestern Mittag notwendig. Abends jedoch fand im vollbesetzten Terrassensaal ein Gespräch von Haus-der-Kunst-Chef Andrea Lissoni mit einigen der Akteurinnen des Kunstkollektivs statt. Widerstand gegen einen russischen Polit-Zombie von heute, im Herzen und im Keller eines Fascho-Tempels von früher – das ist eine doppelte Brechung. Die Überraschung ist gelungen, die Ausstellung sehr gut. Unbedingt hingehen!

In der Wand sitzt 



Andreas Schumacher, der in der Alten Pinakothek die italienischen Gemälde betreut. „Es wäre bei den Motiven dieser Ausstellung natürlich zusätzlich spannend gewesen, auch diese Details noch herausfinden!“




Übertrieben wäre es, in diesen feucht-trüben Tagen davon zu schwärmen, dass auch hinter unserer neuesten Trouvaille wieder fern und
Wie schön, dass nun aber offenbar ein großer und weiser Kopf dieses Monument zum 10-jährigen Leakjubiläum, das neue Münchner Mahnmal, bei Invader bestellt hat! Ach, das waren gar nicht unsere Politiker? Wie zu hören ist, initiierte der nach Banksy bekannteste Street Artist die Aktion in München selbst – incognito und ohne Auftrag oder
Erlaubnis. Der Künstler, der seit fast 30 Jahren guerillamäßig die Großstädte der Welt bereist und mit seinen verpixelten frühen Computerwesen bestückt, hat nun lauter Werke ins Stadtbild gezaubert, die kongenial mit dem Genius Loci spielen: Brezn und Münchner Kindl am Sendlinger Tor. Pac-Man, der sich eine Mass Bier schnappt, an der Fassade des
Lindwurmstüberl. Ein Regenbogen an der Thalkirchnerstraße. Ein „Brezen-Invader“ am Partyschiff Alte Utting. Motive an einem Blumenstand des Viktualienmarkts, im Westend und rund um die Donnersberger Brücke.
Vermutlich in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag sei Invader in München gewesen, mutmaßt das Bayerische Fernsehen. Anfang Mai habe der Mann, der sich einst nach dem Achtzigerjahre-Computerspiel „Space Invader“ benannte, dann mit Spezialkleber seinen Snowden auf die Hauswand am Altstadtring aufgetragen, brachte die FAZ in Erfahrung. Wie dem auch sei. Wir halten diese sympathische Disruption für die beste Münchner Kunst-Idee seit langem. Man könnte jetzt doch einfach aus der Situation Gewinn ziehen und das geschenkte Bild zum Beispiel nächste Woche feierlich als Denkmal für die Demokratie enthüllen.
umgehen. Zwar ist Edward Snowdens Fliesenkonterfei, übrigens auch eine nicht ganz unvirtuose Handwerkskunst, inzwischen von einem Werbeplakat verdeckt worden. Die Veranstaltung ist aber schon vorbei. Den Lappen kann man also ohne Schaden wieder abmachen. Und so dem Hauptwerk der zur Zeit besten und wichtigsten Münchner Kunstausstellung den Platz einräumen, den es verdient.
Die Geburt einer Glocke steht am Ende eines nervenzehrenden und schweißtreibenden Prozesses. Erst, wenn sie nach dem Guss abgekühlt aus der Erde gegraben wird und der erste Anschlag erfolgt, wissen die Handwerker, ob sie volltönend und in der richtigen Frequenz erklingt. Zahlreiche dieser Wunschkinder hat die Erdinger Glockengießerei zwischen 1850 und 1971 zur Welt gebracht. Für ihren Wohlklang gefeiert wurden die tonnenschweren Bronzeriesen des Traditionsbetriebs überall. Das tontiefste Exemplar Bayerns (nach der Christus-Salvator-Glocke in Kloster Scheyern) ist die Jubiläumsglocke im Turm von St. Peter in München, von dem man bei klarem Wetter die Berge sieht. Sie stammt ebenso aus Erding wie das Geläut in der Benediktinerabtei Santa Maria de Montserrat bei Barcelona oder die Marienglocke der voralpinen Klosterkirche Andechs.
Und es gibt noch einen Grund, warum uns dieses Kunstwerk trotz seines kühlen Materials so herzerwärmt. In den Rundstäben hat Christian Hinz 1500 Schlösser eingehängt und auf 500 davon die Namen von Glockengießern, Glocken, deren Größe, Schlagton und Standort geprägt. Allesamt aus der Erdinger Gießerei, versteht sich. Wer mag, kann sich bei den verbleibenden Vorhängeschlössern als Poetin oder Poet betätigen und einen Spruch von Künstlerhand eingravieren lassen. Viele Liebesbekundungen sind bereits darunter. Reichlich Neugierde hat bei Christian Hinz eine Zahlenreihe erzeugt, die ein Erdinger Bürger in Auftrag gegeben hat: „Niemand außer ihm weiß, was dieser Code bedeutet.“










Die Architekturbiennale in Venedig ist stets ein Parcours feinster Ideen. Er wird allerdings noch immer vom etwas angestaubten Konzept der
Was ist Scarch? Ein Mix der englischen Begriffe für „Skulptur“ und „Architektur“, den Not Vital schon früher erfand. 2003 erbaute er in Niger, zusammen mit lokalen Handwerkern, einen Pyramidenturm aus rotem Lehm. Diesmal hat er einen poetischen Treppenturm aus sanft spiegelndem Aluminium errichtet. Wie damals, heißt er „House to Watch the Sunset“. Not Vital führt das inzwischen globalisierte Scarch-Vorhaben damit mitten in die berühmte Palladio-Kirche aus dem 16. Jahrhundert – eben San Giorgio Maggiore. Sein dreigeschossiger Turm mit Stufen an drei Seiten steht im Zentrum der Vierung unter der Kuppel und interpretiert die venezianische Renaissancewelt neu. Man kann sogar sagen, er prägt sie für ein halbes Jahr (bis 21. 11.) kräftig um. Es gibt oben einen 3 x 3 Meter großen Raum und Zugänge an drei Seiten, zu drei Etagen. Danach wandert dieses letzte Scarch-Projekt nur noch nach Tonga im Südpazifik.
Not Vital, der rund um die Welt an vielen Orten wohnende und arbeitende Schweizer, hat in Palladios Meisterwerk jenseits des 13 Meter hohen Stufenturms noch fünf andere Skulpturen und Installationen versteckt. Die Environments gehen allesamt Beziehungen zu den Gemälden und Dekorationen ein und wurden, zusammen mit den Mönchen, zwischen Altarraum, Chor, Kreuzgang 
und Kloster platziert: Zwei minimalistische Silberobjekte, eine Neon-Schrift, ein futuristisches Geweih, eine Textilarbeit. Eine Silberarbeit – im meist unzugänglichen Konklave-Raum, in dem 1800 ein neuer Papst gesucht wurde – etwa repräsentiert genau diesen damals neu gewählten Pius VII. Not
Vitals anspruchsvolles und enigmatisches Konzept integriert die von Palladio mit sinnestäuschenden
Bodenmustern und in beispielloser Schönheit errichtete Kirche, das Kloster und die originalen Gemälde von Tintoretto und Carpaccio, die hier real hängen, als wäre all das nichts.
Generationen gleich, die etwa als Zuckerbäcker das Engadin verließen und später wieder heimkehrten. «Randolins» (Rätoromanisch für Schwalbe) nannte man sie. Und wenn diese Vorfahren zurückkamen, sagten sie in ihrer Mundart: «Che Bellezza Esa Na Sana Che Bellezza Hanna» (welche Schönheit, sie wissen nicht, welche Schönheit sie haben). Genau das
verkündet Not Vitals skulpturales Neonschriftbild jetzt auch in San Giorgio Maggiore. Che bello, wie schön! Noch eine Achse zwischen der Serenissima in der Lagune und Not Vitals Unterengadiner Alpen, wo im heimatlichen Tarasp ein weiterer 13 Meter hoher Treppenturm in den Himmel ragt.
Und so steht auch dieses nomadische, transkontinentale Projekt Not Vitals wieder dafür, dass unser Planet eine große gemeinsame Heimat sein soll.
Für einen kurzen Moment zeigt sich der Himmel über Salzburg an diesem Starkregenwochenende in schönstem Blau-Weiß. Glück gehabt, denn bei einer durchgängig grauen Wolkenschicht funktioniert das Spektakel mit dem Opaion, diesem ovalen Himmelsloch in James Turrells „Sky Space“ gleich weniger gut; dann versinkt der Kunstraum auf dem Mönchsberg nämlich ebenfalls in Grautönen. Wohingegen er jeweils zur Dämmerung minutenlang im farbigen Helldunkel der Turrell’schen Lightshow changiert. Licht ist alles.

