Der Betonadler von Lyon

#16   Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es alte und ganz neue Architekturen, die jeder schon zu kennen glaubt. Dabei hat kaum einer je die Zeit gehabt, dort mal stehen zu bleiben. Wir besuchen sie. 

 

Objekt  TGV-Bahnhof am Flughafen Lyon Saint-Exupéry /  Ort  2, Rue de Grèce, F-69124 Colombier-Saugnieu /  Koordinaten  N 45° 43‘ 16“ O 5° 4‘ 34“ / Bauzeit  1989-1994 /  Bau-Grund Anschluss für Hochgeschwindigkeitszüge aus Paris oder Marseille / Aktuelle Nutzung  Fernverkehrsbahnhof zum Airport; in die City von Lyon sind es mit der Rhôneexpress-Tram nur 30 Minuten. Mit dem Shuttlebus östlich in die nächsten Alpen dauert es auch nicht viel länger.  / Öffnungszeiten  Rund um die Uhr; www.lyonaeroports.com / Schönster Augenblick  Wenn man bei der Ankunft oder Abfahrt den Kreisverkehr passiert, scheint die Vogelskulptur von Architekt Santiago Calatrava jedes Mal gerade abzuheben. Und klar spitzt aus Richtung Chambéry oder Grenoble manchmal ein Viertausender rüber!

Warum man immer dran vorbeifährt:  Weil so gut wie immer das eigene Flugzeug schon wartet, und man mal wieder zu spät beim Check In für die Weiterreise sein wird, also nichts wie weitergefahren bis zum Eingang des Flughafens! Oder weil man auf Schienen in Lyon Saint-Exupéry angekommen ist und zwar kurz die krasse Architektur des TGV-Bahnhofs bewundert hat, dann aber aus Zeitgründen doch wieder lieber die interne unterirdische Verbindung  zum Terminal des Airports genommen hat.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Der ehemalige Gare de Satolas, 24 km südöstlich von Lyon gelegen, ist mit Sicherheit einer der spektakulärsten Bauten des Spaniers Santiago Calatrava. Die Metall- und Betonrippen seines Tragwerks imitieren die Anatomie und die Flugbewegung von Vögeln. Wenn die Zwischenräume erleuchtet sind, vervielfacht sich der tierische Eindruck noch. Der 91,5 Millionen Euro teure Bahnhof verfügt über sechs Gleisanlagen, deren zwei mittlere Betonröhren den durchfahrenden Zügen vorbehalten bleiben, die über 300 Kilometer pro Stunde schnell sein können. Durch einen kompakten Tunnel um sie herum wird die Druckwelle der rasenden Züge abgemildert. Mit dem Flughafen ist der TGV-Bahnhof durch eine 180 Meter lange Stahlbrücke verbunden. Noch dramatischer erscheint des Bahnhofs Haupthalle, deren 1300 Tonnen schweres Dach 40 Meter hoch ist und eine Spannweite von 53 Metern hat.

Wie man hinkommt:  Die sowohl am Flughafen als auch am Bahnhof vorbeiführende A 432 verbindet die aus Turin kommende Autobahn A 43 mit der A 42 von Genf. Von dieser Verbindung aus sieht man Calatravas Betonvogel am besten. Kreisverkehre führen zu den Terminals. Passiert man sie, dann überlappen sich Glasflächen, Metallrippen und Betonwinkel des Bionischen Bauwerks zum Bewegtbild eines landenden Riesenarchaeopteryx.

copyright für Text, Fotos & Idee:  Alexander Hosch & Sabine Berthold

 

Die Kiefersfeldner Doppelspitze

 

 

 

 

 

 

#15   Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es alte und ganz neue Architekturen, die jeder schon zu kennen glaubt. Dabei hat kaum einer je die Zeit gehabt, dort mal stehen zu bleiben. Wir besuchen sie. 

Objekt  Speed Factory / Ort  Kaiserreichstraße 15, D-83088 Kiefersfelden / Koordinaten  N 47° 37‘ O 12° 11‘ / Bauzeit  2022-2024 / Bau-Grund Markenpavillon / Aktuelle Nutzung  Headquarter des Bergsportartikelherstellers Dynafit, Flagship Store, Ski- und Bindungsreparaturwerkstatt / Öffnungszeiten  Montag bis Samstag 10-18 Uhr; www.dynafit.com / Schönster Augenblick  Wenn die zwei Stahlgipfel direkt vor dem Bergmassiv aufleuchten

Warum man immer dran vorbeifährt:   Weil alle im Auto die ganze Zeit auf ein Aufblitzen des Wilden Kaisers hoffen! Manchmal soll er im Hintergrund kurz zu sehen sein. Oder sind es ehrlicherweise doch nur die Ausläufer des Kaisergebirges? Egal. Das Massiv, das alle dann suchen, ragt jedenfalls definitiv auf der anderen Seite der Autobahn hoch.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Um zu verstehen, dass es nicht nur bei Man U und bei den Grünen gut funktionierende Doppelspitzen gibt. Sondern auch südlich von München! Wie geschickt man vor die Kulissen der bayerischen und österreichischen Alpen zwei spitzzackige, 32 Meter hohe Türme an den Rand der Inntalautobahn zaubern kann, zeigt seit Herbst 2024 das nagelneue Gebäude der Dynafit Speed Factory. Und wie Branding dann fast automatisch klappt, das teilt die originelle Architektur von Barozzi Veiga aus Barcelona allen mit, die dran vorbeifahren. Denn die auf Tourenbindungen, Traillaufschuhe und andere Ausrüstungsgegenstände für Ausdauersportler spezialisierte Firma lockt mit einem hellen stählernen Gegengebirge schon von weitem viele Interessenten in ihren Shop. Kenner können sich dort ihre Bretter sogar selbst bauen – oder sie verlassen sich auf Experten, die für sie dann Tourenski nach Maß anfertigen. Bindungen, Schuhe oder Bekleidungsstücke der Marke mit dem Schneeleoparden werden vor Ort repariert. Mehrere schnellladende E-Tanksäulen gibt es direkt vor dem Gebäude oder bei den verschiedenen Outlets des sogenannten Kaiserreichs nebenan. Im Bistro Bivac lassen sich außerdem täglich wechselnde vegane oder vegetarische Spezialitäten bestelle.

Wie man hinkommt:  Die Speed Factory liegt kurz vor Kufstein und der österreichischen Grenze im Gewerbegebiet von Kiefersfelden, somit gerade noch in Bayern. Ausfahrt Kiefersfelden der Inntalautobahn A 12. Die Factory sieht sich als Treffpunkt für passionierte Bergsportler am nördlichen Eingangstor der Alpen. Man kommt von München auch stündlich mit dem Zug nach Kiefersfelden. Vom lokalen Bahnhof sind es zur Speed Factory zu Fuß etwa 25 Minuten.

 

Die perfekte Welle von Nizza

#14                   Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es tolle neue und alte Architekturen, die jeder zu kennen glaubt. Obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht. 

Objekt Allianz Riviera Stadion / Ort Boulevard des Jardiniers, F-06200  Nizza / Koordinaten N 43° 42´ 18,3´´, O 7° 11´ 33,5´´ / Bauzeit 2011-2013 / Bau-Grund Fußball-EM 2016 / Aktuelle Nutzung Fußballstadion des OGC Nice, Rugbystadion des RC Toulon & Sportmuseum Musée nationale du sport / Öffnungszeiten …siehe Museumswebsite – sonst nur zu Spielen, Konzerten und den 75-minütigen Führungen, www.ogcnice.com; www.museedusport.fr / Schönster Augenblick  Ständig (nach dem Spiel ist vor dem Spiel)

Warum man immer dran vorbeifährt:  Die Sonne scheint. Man hat die Skischuhe an. Und der Ski-Bus, der einen zu den Liften der sonnenüberfluteten Frühlingshänge von Isola 2000 in den Südalpen bringen soll, will am surreal vorbeiwischenden Stadion einfach nicht anhalten. Obwohl der Fahrer schon seit einer Minute von allen Seiten gerüttelt und geschüttelt wird …

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss:  Um zu verstehen, wie so ein klimaneutrales Stadion für 35.000 Menschen funktioniert. Die Arena von Nizza liegt in einem ausgewiesenen Ökogebiet, dem sogenannten Eco Vallée. Man kann es sehr einfach auch ohne Auto erreichen. Die 4000 Solarplatten auf dem Dach erzeugen mehr sauberen Strom als das Stadion von Architekt Jean-Michel Wilmotte selbst verbraucht. Der Hybridbau aus Stahl, Holz und Beton schafft mit diversen Umweltgimmicks sogar Plusenergiestandard. Und im integrierten nationalen Sportmuseum, das ein bisschen wie „unters Stadion geschoben“ aussieht, gibt es sogar eigene Programme für Babys und für Kleinkinder. Momentan und noch den ganzen Sommer über bereitet die zusammen mit dem Louvre erarbeitete Schau „Victoires“ die Besucher schon auf die Olympiade 2024 in Paris vor.

Die transluzenten ETFE-Module der Fassade erinnern übrigens ein wenig an die Münchner Allianz Arena von Herzog & de Meuron, die den selben Sponsor hat. In Nizza sind die einzelnen Kunststoffpaneele aber nicht wie Rauten geformt. Und alle zusammen sehen dort wie eine riesige Welle aus Schaum und Wasser aus. Naja, dieses Stadion wogt ja auch quasi direkt neben dem Mittelmeer.

Wie man hinkommt: Die Arena liegt supernah am Flughafen Nizza. Aus der Stadt fahren Busse und Trams hin, aus den nahen Strandorten Züge.

copyright für Idee, Text und Fotos: Alexander Hosch & Sabine Berthold

 

Libeskinds Shopping-Zacken in Bern



#13     Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es alte und neue Architekturen, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer sich je die Zeit nahm, dort mal stehen zu bleiben. Wir haben sie besucht.

Objekt  Einkaufs- und Erlebniszentrum Westside / Adresse  Riedbachstraße 100, CH-3027 Bern-Brünnen / Koordinaten  N 46°56.708’, O 007°22.425’ / Bauzeit  2006-2008 / Bau-Grund   Die Schweizer wollen mehr Spaß! / Aktuelle Nutzung  65 Läden, 14 Restaurants, 11 Kinos, 1 Hotel, 1 Erlebnisbad mit Riesenrutschen und Spa / Öffnungszeiten  Einkaufcenter www.westside.ch;  Erlebnisbad www.bernaqua.ch / Schönster Augenblick  Wenn die rote Außenrutsche wie eine Riesenkrake zwischen den glänzenden Silberzacken hindurchmäandert, kurz bevor man mit dem Auto in den Tunnel abtaucht.

Warum man immer dran vorbeifährt:  Weil doch die Ski auf dem Autodach schnellstmöglich ins Berner Oberland wollen und man den Bernern außerdem vor Weihnachten gar nichts wegkaufen will. Schluck! Hoffentlich sehen die Kinder im Vorbeifahren die Rutsche nicht…

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss:  Kurz nach der Jahrtausendwende hieß es plötzlich: Der Architekt Daniel Libeskind baut jetzt ein Kaufhaus! Unmöglich? Bald sah man auf dem Weg in den Süden das Unwahrscheinliche – und, Überraschung, die silberzackige Erweckungsarchitektur passt nicht nur zu jüdischen Museen, sondern auch zum Konzept einer Autobahn-Mall. Hingewürfelt wie ein Weltraumbahnhof für Sternenkrieger legt das polygonale Vergnügungs-Agglomerat der Migros-Kette seine Fangnetze aus. Nun fliegen dort aus 17 Metern Höhe Magic Eye, Black Hole und Emotion Ride in die Tiefe, die höchsten Rutschen der Schweiz. Es gibt ein Bad mit 18 Innen- und Außenbecken samt Silbertreppen sowie Wildwassercanyon. Und Papa kann in die Sauna gehen, während die anderen rutschen oder shoppen. Nebenan lässt sich unter Kinofilmen, Geschäften, Fresstempeln wählen. Rechts, links, oben, unten – gleich neben dem Weihnachtsbaum! Die schicken roten Corona-Hocker im Bild oben gibt es hier übrigens schon seit
Jahren. Augen machen kann auch, wer den dekonstruktivistischen Fahrrad-Parkplatz sieht. Dessen schräge Pfeiler halten Daniel Libeskinds Architektur-Versprechen: Niemals langweilig!

Wie man hinkommt: Das Westside liegt an der Autobahn A1 zwischen Bern und Murten-Neuchâtel. Nehmen Sie die Ausfahrt Nr. 32 Bern-Brünnen.

copyright Idee, Text und Bilder: Sabine Berthold & Alexander Hosch

 

Die Rosskopfgondeln über der Brennerautobahn

#12      Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir nehmen uns die Zeit und besuchen sie.

Objekt  Kabinenseilbahn auf den Rosskopf (Monte Cavallo) / Adresse  Alte Brennerpassstraße 12, I-39049 Sterzing (Vipiteno), Südtirol / Koordinaten  N 46° 54′ 54″, O 11° 22′ 59″ /  Bauzeit  1968-2019 /  Bau-Grund  Wer will schon bis  nach Madonna di Campiglio oder Cortina hinter zum Skifahren? / Aktuelle Nutzung Besuchertransport zur Bergstation, zur längsten Rodelbahn Italiens und ins Skigebiet Monte Cavallo (Tageskarte ca. 37-47 Euro); www.rosskopf.com / Betriebszeiten: Anfang Dezember bis Mitte April; Ende Mai bis Anfang Oktober / Schönster Augenblick  Sobald die Skisaison anfängt und die Gondeln die Autobahn queren, herrscht bei Skifahrern am Steuer sofort Serotonin-Alarm.

 

Warum man immer dran vorbeifährt:

Auf dem Heimweg vom Mittelmeerurlaub fürchten Autofahrer nichts mehr als den berüchtigten Brenner-Stau. Kaum einer hat dann das Herz oder die Muße, noch eine letzte Pause einzulegen – obwohl die Rosskopf-Gondeln, die hier malerisch die Fahrbahn kreuzen, im Winter wie im Sommer größtes Vergnügen versprechen…

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss:

Weil man so schnell dort ist! Die definitive Besonderheit im bequemen Kleinstskigebiet Sterzing ist die Landschaft: Man blickt von den Pisten des Monte Cavallo hinab jederzeit Richtung Dolomiten und übers Südliche Wipptal. Auf der nagelneuen 5-Kilometer-Talabfahrt wedeln die Skigäste unter den Sause-Brummis und Bussen durch – um dann, wenn sie wollen, gleich direkt in der Sterzinger Altstadt zum Shoppen abzuschwingen. Das nächste grandiose Alleinstellungsmerkmal der Sterzinger Rosskopfbahn ist, dass sie wahrscheinlich die einzige Alpengondelbahn darstellt, die im Drei-Meter-Abstand eine Autobahn überquert. Die weltweit tätige Seilbahnfirma Leitner hat sie einst gebaut, ein lokaler hidden champion aus dem 1000 Meter hoch gelegenen Städtchen. Das Sterzinger Unternehmen könnte an dieser Stelle auch gut kostenlos eine immerwährende Liftmaschinen-Markenwerbeschau veranstalten – für die vielen Millionen Europäer, die hier jährlich vorbeifahren. Tut es aber nicht. Stattdessen tauschte die Firma jetzt rechtzeitig zur Skisaison 2018/19 die Liftanlagen für die zweite Sektion in Richtung des 2.176 Meter hohen Monte Cavallo aus. Dort fährt nun eine sogenannte Telemixbahn: Kleine Gondeln sind abwechselnd mit 6er-Sesseln eingehängt; die Eltern und die Kinderskischule haben sich das so gewünscht. Die neue Bahn hat einen umweltfreundlichen DirectDrive-Elektromotor – das half bei der Entscheidung.

Wie man hinkommt:  

Bei der Ausfahrt Sterzing die A 22 verlassen und zum Ortseingang, wo wenige Meter unterhalb der Autobahn an der Alten Brennerstraße die Talstation liegt. Parken, Ski anschnallen, los geht’s.

Text und Fotos:  Alexander Hosch

(copyright für Idee, Text und Fotos: Alexander Hosch & Sabine Berthold)

Grafiken:  entdeckt im 3-Sterne-Hotel Rosskopf, www.hotel-rosskopf.it

Die rot-weiß-rote Dramaqueen an der Inntalautobahn

#11     

Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Bauwerke, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.

Objekt   Klosterkirche zum Heiligen Karl Borromäus / Ort   Volderwaldstraße 3, A-6060 Volders, Tirol /  Koordinaten  N 47° 16.970’  E 011° 33.215’ / Bauzeit   1620–54 / Bau-Grund   Die Pest kann uns mal! / Stil   früher Autobahn-Manierismus / Aktuelle Nutzung  Kirche des Servitenordens / Öffnungszeiten  tagsüber; Messe Fr 7 Uhr, So + Feiertage 10.30 und 18.30 Uhr / Schönster Augenblick   zehn Minuten vor Sonnenuntergang

Warum man immer dran vorbeifährt:   Hinter Hall wird die A12 durch einen Lärmschutzwall fast zur Röhre. Plötzlich poppt ein Kranz bauchiger Kapellen neben der Fahrbahn auf. Zu spät…

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Die rot-weiß-rote Karlskirche wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg vom Arzt Hippolytus Guarinoni zu Ehren des 1610 gestorbenen Mailänder Pestheiligen Karl Borromäus gebaut. Kaiser Rudolf unterstützte ihn. Sie ist ein rares Meisterwerk des Manierismus nördlich der Alpen. Dieser Übergangsstil von der Renaissance zum Barock kultivierte Übertreibungen – hier sind es die drei Kapellen, die einander wegzudrücken scheinen. Guarinonis Grundriss ist stark vom etwa zeitgleich erbauten Petersdom in Rom inspiriert. Der Papst sollte Augen machen! Der größte Schatz hier, neben dem Kuppelfresko, ist die Pietà (1707) von Andreas Damasch, links vom Eingang („Brugg’n-Mutter“). Die Serviten sind Mariendiener. Darstellungen der Schmerzvollen Maria, deren Verehrung auf die große Pest 1347–52 zurückgeht, sind typisch für den Orden.

Wie man hinkommt:  Die A12 Richtung Innsbruck in Wattens verlassen, auf der Bundesstraße bis Volders. In Gegenrichtung zwischen Hall und Wattens am Autobahnparkplatz hinterm Lärmschutzwall raus. Ganz vorn durchs Gebüsch steigen. Daneben liegt die Kirche.

(copyright für Idee, Text und Fotos: Alexander Hosch & Sabine Berthold)

 

 

Die drei Türme von Grenoble

#10    Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.

Objekt  Les 3 tours / Ort  Île Verte, F-Grenoble /  Koordinaten  45°11.867’ N 5°44.283’ O / Bauzeit  1963-67 / Bau-Grund  Grenoble muss moderner werden!  / Aktuelle Nutzung  Wohnungen / Öffnungszeiten  Privat; man kann natürlich mal die Tür einfangen, wenn einer rausgeht ! / Schönster Augenblick  Wenn man auf der Autobahn 41 aus Albertville drauf zufährt, glitzern bunte Mosaike und die Licht-und-Schatten-Spiele der Wohnwaben.

  Warum man immer dran vorbeifährt…   Die Türme sind ja schön und besonders, aber man muss doch so dringend auf die Route Napoléon weiter, die einen in den sonnigen Süden bis nach Cannes führt…!

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Es handelt sich zwar nicht um das Olympische Dorf – aber Grenoble war eindeutig mitten im Aufbruch. Als 1968 die Olympischen Winterspiele in die Hauptstadt der französischen Alpen kamen, standen „Les 3 tours“ (Die drei Türme) schon, vollzogen in einem sehr couragierten Stil. Jeder Turm hat 33 Stockwerke, davon 28 Wohnetagen mit insgesamt 504 Appartements. Sie wuchsen auf je 98 Meter hoch und waren damit eine Zeit lang Europas höchste Wohnbauten. Die Frage, ob Hochhäuser überhaupt in die Alpen gehören, wurde damals unter Stadtplanern heiß diskutiert. Manche argumentierten, dass so der Flächenfraß im Gebirge reduziert werden könne. Andere hoben das tolle Panorama für die Bewohner hervor. Den Gegnern war indes die stete Sicht auf übergroße Bauwerke suspekt, die dann quasi mit den Bergen konkurrieren. Grenoble aber war sich sicher: Also wurde die emblematische Wohnanlage der Architekten Roger Anger und Pierre Puccinelli nahe der City, auf der grünen Halbinsel in einer Schleife des Flusses Isère, gewagt. Zum Glück: Die monumentalen Mosaike des Designbüros L’Œuf centre d’études schmücken noch heute die Fassaden der Türme, die wie Bergmassive heißen – Tour Vercors, Tour Mont Blanc, Tour Belledonne. Der Grundriss beschreibt im Erdgeschoss elliptische Ringe. Auf dem Weg nach oben gehen sie in diamantförmige Etagen über, eine sehr anspruchsvolle Architektur. So verleiht das unübersehbare Trio dem Talkessel von  Grenoble seine markante Silhouette. Architekt Anger (1923-2008) wurde wenig später weltberühmt: Weil er in Indien die goldene Reißbrettstadt Auroville plante und baute.

Wie man hinkommt Am Ende der A 41 Richtung Stadtmitte fahren, zunächst gerade auf die Türme zu und auf die Avenue du Verdun biegen. Nach rechts auf den Boulevard de Chantourne, und entlang des Isère bis zur Brücke Pont de l´Ile Verte. Diese überqueren.

Text und Fotos:  Alexander Hosch

 

Das Wolkenschiff hinterm Salzkammergut

Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.   #9

Objekt  Wunderkammer des Brotes – Paneum / Ort  Kornspitzstraße 1, A-4481 Asten /  Koordinaten  48°12’57’’ N, 14°24’35’’ O / Bauzeit  2016/17 / Bau-Grund  Wunder à la Oberösterreich: Es ist ein silberner Laib erschienen!  / Aktuelle Nutzung  Museum der Brotgeschichte; Besichtigungen (demnächst auch für Gruppen); Seminare / Öffnungszeiten  Montag bis Samstag 10-18 Uhr / Schönster Augenblick  Wenn hinter dem Silberschiff orangefarben die Sonne untergeht…

Warum man immer dran vorbeifährt…   In diesem Fall, weil es ganz neu ist: Plötzlich ploppt direkt neben der Autobahn ein Raumschiff auf. Und – mal ehrlich – wer fährt schon nochmal zurück, wenn die nächste Ausfahrt erst ein paar Kilometer weiter winkt?

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!  Wegen des Dramas. Wunderkammer des Brotes – das hört sich schon ganz anders an als zum Beispiel: Brotmuseum. Und es sieht auch anders aus. Wie ein silbern gefärbter Brotteig. Wie ein Sahnehäubchen. Oder …wie die Arche Noah? So nennt der Architekt, Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au seinen jüngsten Bau. Na gut, lassen wir so durchgehen. Aber noch besser passt: Wolkenschiff. Seit fast 50 Jahren spielt das Wiener Architekturbüro mit Bildern von Wolken. Zuerst nur als Kunstutopie. Dann seit den 1990ern immer öfter als Bau-Form. Und seit ein paar Jahren auch auf der Website. So kündete vor vier Wochen der sogenannte Cloudletter #33 von der Vollendung des Paneum, direkt neben der Autobahn in Asten bei Linz. In Auftrag gegeben hat es Peter Augendopler, Erfinder des Kornspitz und Chef von Backaldrin („The Kornspitz Company“). Er hat Filialen in 50 Ländern der Erde. Wir treffen ihn vor seinem neuen Bauwerk. Weil es ihn sogar am Wochenende wie auf Schienen zu den 1200 Objekten aus 9000 Jahren Brotgeschichte treibt, die er gesammelt hat. Er zeigt sie nun – ganz im Stil eines barocken Kuriositätenkabinetts – seinen ersten Besuchern, bald werden es mehr sein. Uns zeigt er den kleinen Film über die Erfindung dieses Baus, die Stahlspiraltreppe, die unters Dach führt (und an Frank Lloyd Wrights Guggenheim Museum in New York denken lässt), eine ägyptische Korn-Mumie (die als getreidige Grabbeigabe diente), mittelalterliche Schandmasken für ruchlose Geiz-Bäcker… Und die einzigartige Freeform-Holzkonstruktion, die auf einer Box sitzt und ohne Stützen und Balken die spektakuläre Metallkuppel trägt. Draußen an der Fassade erklärt er uns noch, wie es gelingt, dass die 3000 Edelstahlschindeln scheinbar den Himmel erzittern lassen. „Ich wollte eine Architektur, die mich fordert und die noch waghalsiger ist, als ich sie mir vorstellen konnte“. Die ist ihm gelungen.

Wie man hinkommt    Von der A 1 aus Salzburg / Linz oder Wien die Ausfahrt Asten nehmen, auf der Landstraße Richtung St. Florian etwa einen Kilometer nach Süden fahren, links abbiegen und der Beschilderung zur Firma Backaldrin folgen. Dort steht das Paneum neben dem Headquarter.

(copyright Idee, Text und Fotos: Sabine Berthold & Alexander Hosch)

Die Kirche, die in der Felswand sitzt

Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.   #8

Objekt  Wallfahrtskirche Santuario Madonna Della Corona / Ort  I-37010 Spiazzi/Ferrara di Monte Baldo /  Koordinaten  45°38.967’ N 10°51.383’ O / Bauzeit  Um 1530 / Bau-Grund  Erscheinung einer Pietà  / Aktuelle Nutzung  Wallfahrtsort; täglich Gottesdienste; www.madonnadellacorona.it / Öffnungszeiten  jeden Tag 8-18 Uhr (April bis Oktober 7-19.30 Uhr) / Schönster Augenblick  Frühmorgens, bevor die Touristenbusse kommen

Warum man immer dran vorbeifährt

20 Kilometer südlich Rovereto ist die Kirche von der Autobahn 22 aus bei Peri für Sekunden zu sehen. Wie sie da ganz oben an der Ostflanke des Monte Baldo hell in der Kalksandsteinwand klebt! Unglaublich, denkt man – Gottes Prägestempel, hoch am Berg. Dann drängt schon der Rücken des Monte Cimo herein, die Gedanken wandern wieder an den nahen Gardasee.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!

Weil dieser Ort schon immer ganz besonders war. Zu heidnischer Zeit fanden hier Kulte statt. Ab 1000 lebten da oben christliche Eremiten. Seit 1437 gab es eine Kapelle und eine Einsiedelei, von der „Commenda der Jerusalemer Ritter“ verwaltet. Für 1522 wird die nächtliche Erscheinung einer Pietà in der Felswand behauptet, umspielt von Musik und blendendem Licht. Der Grund : Die schlimmen Türken hatten gerade das christliche Rhodos besetzt, nun sollten sie an der Renaissance scheitern! Ein Wallfahrtsort war geboren. Arbeiter und Gerät wurden zur eiligen Vergrößerung der Kirche nun per Winde abgeseilt – so wie 1530 auch der Bischof von Verona, der den Neubau besuchte. Später kamen eine Heilige Treppe (Scala sacra), ein Hospiz und immer wieder stattliche Kirchenanbauten dazu – 1540, 1625-80, 1899… Der aktuelle Bau wurde in einem gotischen Stil um 1978 errichtet, als die alte Kirche einzustürzen drohte. Nach Maltesern und Johannitern ist heute die Diözese Verona für das ganze Areal zuständig. Deren Priesterseminar kümmert sich um die Liturgien. Der größte Schatz ist die 70 cm hohe, bemalte Stein-Pietà von 1422 . Sie bildet das Zentrum des in den Fels geschlagenen Altarraums. Die Pietà wird von einer Dornenkrone und fünf Engelsgruppen umgeben. An anderen interessanten Stellen finden sich 167 alte Votivtafeln, eine „Grabstätte der Einsiedler“ in Glasschreinen und die zwischen 1900 und 1915 geschaffenen Carraramarmor-Statuen des Veroneser Bildhauers Ugo Zannoni.

Wie man hinkommt
Diese Perle lässt sich nicht so leicht einsammeln. Von der Ausfahrt Affi an der Gardaseeautobahn sind es 19 km bis Spiazzi. Von da oben erreicht man das Santuario in ¼ Stunde Abstieg entlang eines Bronze-Kreuzwegs. Der Pilgerpfad beginnt dagegen in Brentino in der Rebenlandschaft des Etschtals (Ausfahrt Ala-Avio). Ab da sind es gut 2 Stunden Fußmarsch hinauf bis zum Heiligtum.

(copyright Idee, Text und Fotos: Sabine Berthold & Alexander Hosch)

 

Zwei Grenzland-Ufos am Inn

Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.  Straßenrandperle #7

Objekte  Altes Passionsspielhaus und Neues Festspielhaus / Ort  Mühlgraben 56a, A-6343 Erl /  Koordinaten N 47° 40.390’ E 012° 10.260’/ Bauzeit 1956-59 und 2010-12 / Bau-Grund 1956 Wir zeigen es den Oberammergaunern!  / Bau-Grund 2010  Wir zeigen den Münchnern, wie man ein Konzerthaus baut! / Aktuelle Nutzung Tiroler Festspiele im Sommer 2017 und im Winter 2017/18; nächste Passion 2019; Einzeltermine übers Jahr / Öffnungszeiten und Tickets www.tiroler-festspiele.at ; www.passionsspiele.at / Schönster Augenblick  Zur blauen Stunde 

Warum man immer dran vorbeifährt:  Reine Nervosität. Man ist schon fast in Österreich, hat aber immer noch kein Pickerl für die kostenpflichtige Autobahn gekauft. Noch fünf Kilometer, dann ist es strafbar. (Außerdem war früher die Sicht ganz frei – heute baut sich nach einem superkurzen Blick auf die Architekturjuwelen gleich der Lärmschutzzaun auf.)

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Um am Karfreitag (14.April) die Matthäuspassion oder im Juli ein Konzert der Tiroler Festspiele zu genießen. Das Programm zwischen Kammermusikabend und großer Oper reicht von Beethoven bis Mozart und Rossini. Und vor allem gibt es VIEL Wagner. Den Ring und mehr. Aber eigentlich muss man schon allein wegen der Architektur hin. Der größte Schatz des weißen alten Passionsspielhauses ist die gebogene Lochfassade aus Sichtbeton. Erl gehört neben Oberammergau zu den ältesten Passionsspielorten der Welt. Die Tradition ist seit 1613 nachweisbar. Bei den Spielen wirkt alle sechs Jahre das ganze Dorf mit. Und für das 1933 abgebrannte Haus wurde in den 1950ern ein couragiertes neues Theater im Zeitstil erbaut. Unwillkürlich ertappt man sich dabei, wie man nachguckt, ob nicht doch irgendwo Le Corbusier als Architekt vermerkt steht… Aber nein, der hieß Robert Schuller und war in Innsbruck Schüler von Clemens Holzmeister. So wie der Bau von 1956 eine kleine Sensation für das alpine Mitteleuropa der Wirtschaftswunderzeit darstellte, wurde dies auch das neue Festspielhaus, ab 2010 von den Wiener Architekten Delugan Meissl gleich daneben errichtet. Die 1997 gegründeten Tiroler Festspiele hatten ein gut geheiztes Domizil für ihre zweite Jahreszeit gebraucht – die Winterfestspiele. Durch den 36 Millionen Euro teuren schwarzen Diamanten, der das Festspiel-Duo nahe Kufstein nun optisch zum Yin und Yang der Musikwelt macht, emanzipierte sich Erl weiter von den Musikmetropolen München, Salzburg und Wien. Nicht nur architektonisch, sondern auch was die Superlative angeht: Das neue Ufo hat den größten Orchestergraben der Welt. So werden die nächsten Jahre Musik- und Architekturpilger aus aller Welt und vor allem aus München hierher in die alpine Provinz kommen. Um zu bewundern, wie man – ganz ohne großen Terz – so ein Konzerthaus baut.

Wie man hinkommt:  Von der A 8 München – Salzburg beim Inntaldreieck auf die A 93 Richtung Kufstein abbiegen. Ausfahrten Nußdorf/Brannenburg oder Oberaudorf/Niederndorf. Mit dem Auto liegt Erl von München, Salzburg und Innsbruck jeweils grob nur etwa 45 Minuten entfernt.

(copyright für Idee, Text und Fotos: Alexander Hosch & Sabine Berthold)