In die Kulturhauptstadt Gorizia/Nova Gorica

„Ist das ockergelbe Haus da drüben k. und k. oder italienisch?“, fragt die unbekannte Dame neben uns, bevor sie sich ein Stück der mit Nüssen, grappagetränkten Sultaninen und Pinienkernen gefüllten Gubana in den Mund schiebt. Wir sitzen an der Piazza della Vittoria in Gorizia auf einer der Panchine Narranti, vier dieser „sprechenden Bänke“ wurden in der Altstadt verteilt, um mittels QR-Code etwas über die Historie Gorizias zu erzählen. Doch die Frage nach dem ockergelben Haus lässt sich nicht so leicht beantworten. Wie der schneckenförmige friulanische Festtagskuchen Gubana ist auch die Geschichte der Doppelstadt am Fuß der Julischen Alpen reichlich verschlungen.

Das italienische Gorizia und das slowenische Nova Gorica wurden getrennt und sind als Kulturhauptstadt Europas 2025 wieder zusammengewachsen. Gorizias wechselvolle Geschichte im Schnelldurchlauf: Zunächst war es eine mittelalterliche Grafschaft, dann Teil der Republik Venedig, bevor es unter die Herrschaft der Habsburger gelangte und das österreichische Görz schließlich im Ersten Weltkrieg wieder an Italien fiel. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien neu gezogen und Gorizia geteilt. Nun entwickelte sich Nova Gorica als sozialistisches Vorzeigeprojekt mit modernen Krankenhäusern, Schulen und Wohnbauten, eine Planstadt nach den Vorstellungen des Le Corbusier- und Plečnik-Schülers Edvard Ravnikar. Durchlässig wurde die Grenze erst wieder mit dem EU-Beitritt Sloweniens im Jahr 2004. Heute können wir am neu gestalteten Europaplatz einen Fuß auf italienischen und einen auf slowenischen Boden setzen und dabei den Herzschlag Mitteleuropas fühlen.

Das Kulturprogramm GO! Borderless läuft schon seit Monaten auf Hochtouren, bezieht die Region bis Udine, Triest und die alpine Soča flussaufwärts mit ein. Der Veranstaltungsreigen aus Kunst, Tanz, Theater, Musik, Kino und Gastronomie (etwa eine beschwingte Zugreise durch das malerische Weinland des Vipava-Tals) endet am 5. Dezember in dem Lichtkunstspektakel „Stop the City Moment 4“.

Wir empfehlen, mit einem Spaziergang durch die Via Rastello, der ältesten Straße Gorizias, zu starten. Sie beginnt an der Piazza della Vittoria. Im Jugendstilgebäude Casa Krainer, Hausnummer 43, befindet sich die originellste Spielstätte von G0! 2025. Während im ersten Stock der Trentiner Videokünstler Stefano Cagol in einprägsamen Bildern gegen die Klimakrise protestiert, dokumentiert der abgenutzte Parkettboden unter dem perfekt erhaltenen Kassenhäuschen und den imposanten Eichenregalen im Erdgeschoss die 100-jährige Liebe der Bewohner Gorizias zu ihrem Eisenwarenladen Ferramenta Krainer.

Auch der Palazzo Attems Petzenstein liegt nur einen Katzensprung entfernt. Das seit 1900 dort ansässige Provinzmuseum beherbergt eine Pinakothek und spannt in der eigenen Sammlung den Bogen vom Stillleben mit Görzer Obst – eine paradiesische Vielfalt mit der Kirsche als Königin – bis zu den Julischen Futuristen und darüber hinaus. Und nichts geht hier ohne Zoran Mušič, einen der berühmtesten Söhne dieser grenzüberschreitenden Stadt.

Für die Werkschau „Zoran Mušič. La Stanza di Zurigo, le opere, l’atelier“ wurde nicht nur das venezianische Atelier des 1909 in Bukovica nahe Görz geborenen Künstlers rekonstruiert, sondern auch sein „Zürcher Zimmer“. Mušič gestaltete es Ende der 1940er-Jahre als Haus im Haus der Geschwister Charlotte und Nelly Dornacher in Zollikon. Die beiden nutzten diesen Künstlerraum im Souterrain als Partykeller der Extraklasse.

Die Wandmalereien zeigen mit Tieren beladene Barken, märchenhafte Venedigansichten und sich liebevoll umarmende Grazien. Auch die bestickten Vorhänge und Tischdecken aus Leinen und Jute sind erhalten. Traditionelle Gattungsgrenzen oder Materialbeschränkungen, Unterscheidungen zwischen dem Naiven und dem Erhabenen, all das ließ Mušič hinter sich.

Mal in Blau, mal gepunktet, als einzelne Fohlen oder in der Herde und immer als Symbole der Freiheit ziehen die „Cavallini“ durch Mušičs Œuvre, das jenseits des Palazzo Attems Petzenstein auf Schloss Dobrovo in den Weinbergen der slowenischen Brda sowie im mittelalterlichen Dorf Štanjel zu sehen ist. Die Pferdchen erinnern an Höhlenzeichnungen, schweben auf spindeldürren Beine durch die flirrende, karge Landschaft des Südens. Im Gegensatz zu diesen heiteren Tierdarstellungen stehen die den Horror bündelnden Zeichnungen aus dem Konzentrationslager Dachau, wohin Mušič deportiert worden war, nachdem die Gestapo ihn der Spionage bezichtigt hatte. Dieses Trauma verarbeitete er ab 1970 auch im Bilderzyklus „Wir sind nicht die Letzten“, der ebenfalls gezeigt wird.

Ganz nahe kommt man der Künstlerseele in Mušičs Landschaften. Karstimpressionen aus Istrien und Dalmatien sind ebenso darunter wie die in wenigen Pinselstrichen eingefangenen kahlen Hügelformationen rund um Siena. „Diese wüsten Landschaften gleichen dem Leben. Ein von der Sonne versengtes und vom Wind durchgerütteltes Leben“, sagte Mušič, der 2005 im Alter von 96 Jahren in Venedig starb. Es war ein langes, produktives Leben, das sich durch Grenzen nicht einhegen ließ – ein Idealfall für GO! Borderless.

Text und Fotos © Alexandra González

https://www.go2025.eu/en

 

Zu Max Pechstein ins Museum der Phantasie

Die Alpen kratzen oft malerisch am bayerischen Himmel. In Bernried scheint man sie zum Beispiel dabei zu erwischen, sobald man bei schönem Wetter entlang des Buchheim-Museums in die Nähe des Wassers gelangt. Das 2001 eröffnete Gebäude von Behnisch Architekten liegt direkt am Starnberger See. Und unten bei den drei tönenden Kunstschaukeln von Jeppe Hein zieht die Bergkulisse im Süden sofort magisch den Blick von jeder und jedem an. Wir haben Bernried diesmal wegen Max Pechstein angesteuert. In nur einer halben Stunde von München fuhren wir mit der sogenannten „Werdenfelsbahn“. Der 20-minütige Fußweg abwärts vom Bahnhof zum Museumsbau über Dorfstraßen und einen grünen Pfad zwischen Bäumen und Wiesen ist  ein willkommenes Vorspiel für Pechsteins künstlerische Zwiegespräche mit der Natur (Abb.: Gestürzte Kornpuppen, 1949). Die war dem expressionistischen Maler, der von 1906 bis 1912 der Künstlergruppe Die Brücke angehörte, mehr als wichtig. Die neue Bernrieder Sommerschau „Vision und Werk“, wohl die bislang größte des Künstlers (1881-1955), wurde jetzt möglich, weil das Zwickauer Max-Pechstein-Museum vier Jahre lang geschlossen hat. Das reiche Opus aus dem Besitz der Kunstsammlungen Zwickau (wo Pechstein geboren ist) geht nun zusammen mit Werken der Max Pechstein Stiftung sowie aus einigen Privatsammlungen während dieser Zeit auf eine Ausstellungstournee, die nach der Kunsthal Rotterdam nun Bernried, später das Lentos Linz und weitere Stationen in Mitteleuropa umfasst.

In Bernried müsse ich aber mit den Original-Bergen vor Ort vorlieb nehmen, so vertröstet mich die Maler-Enkelin Julia Pechstein auf der Vernissage und lacht. Die Dame mit dem eleganten Kopftuch (Foto) erzählt, dass zu den rund 100 Exponaten von Max Pechstein hier in Bernried noch zirka 80 Stücke aus dem Besitz der Sammlung Buchheim gekommen sind. An jedem Tourneeort werden andere Pechstein-Inkunabeln oder -Raritäten dazustoßen – je nach Möglichkeit und Bereitschaft privater Besitzer, sich eine Zeit lang von ihren Arbeiten zu trennen. Gibt es denn auch Bilder, die ihr Opa in den Alpen malte?  „Ja, etwa einige wunderschöne Darstellungen vom Chiemsee, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind.“ Ich werde später tatsächlich im Internet eine pittoreske Wolkenstimmung in Rosa und Orange samt See aus dem Jahr 1947 erblicken, mit den Chiemgauer Alpen im Hintergrund. „Aber vor allem malte mein Großvater 1923/24 Ansichten im Schweizer Hochgebirge. Denn dort hatte er einen Gönner, der den Aufenthalt in Wallis für ihn ermöglichte. So konnte er am Fluss Rhône arbeiten und in Saas-Almagell, wo es Bilder und auch Fotos von hölzernen Almhütten auf Steinfüßen von ihm gibt.“ Julia Pechstein versucht, möglichst alle Standorte, an denen ihr Opa je gearbeitet hat, selbst kennenzulernen, sagt sie – auch diesen. „Ein Teil dieser Schweizer Alpenbilder von Max Pechstein soll gezeigt werden, wenn diese Schau später im Art Museum in Luzern Halt machen wird“, verspricht sie – sie freue sich sehr darauf. Alpine-Kultur-Aficionados streichen sich diesen Zeitraum (8.7. bis 5.11. 2028) also ruhig schon mal für einen Besuch am Vierwaldstätter See im Kalender an!

Aber jetzt müssen erst einmal alle nach Bernried. Die Schau dort zeigt nun eindrücklich bis in den Herbst Pechsteins Urvertrauen in die Kunst, die Natur und in die Menschen, denen er begegnete. Statt Alpengipfeln sieht man dort Bauern, Felder und Blumen aus seiner sächsischen Heimat. Oder die Fischer, die Boote und die Stimmungen, die vor allem am Meer eingefangen wurden – etwa auf Usedom oder an der Kurischen Nehrung, im heutigen Polen und Litauen, zuweilen auch in Italien – und einmal, 1914, während einer mehrmonatigen Südseereise in die damalige deutsche Kolonie Palau, wo ihn die Einheimischen, die Masken und die Farben des Südens inspirierten. Ein toller Trumpf dieser Ausstellung ist das verwegene Farbkontext für die Wände, deren intensive Blau-, Grün, Rot- und Gelbwerte die Bilder – auch und gerade die schwarz-weißen Holzschnitte wie „Untergehende Sonne am Ostseestrand“ von 1948 oben – zur Geltung kommen lassen. Eigenhändige Fotos von Max Pechstein und Handschriftliches geben für die Grafiken und Unikate einen stimmigen Rahmen. Ein Porträtfoto, seine Originalstaffelei und Atelierfarben (Abb. weiter oben) akzentuieren diesen Eindruck. Das berühmteste Bild der Bernrieder Ausstellung zeigt Pechstein gleichwohl nicht als Maler, sondern als lässiges Motiv im roten Pullover. 1910 porträtierte der Brücke-Kollege Erich Heckel ihn in Dangast im roten Pullover als „Der schlafende Pechstein“. Diese Leinwand aus dem Besitz des Buchheim-Museums gilt längst als eine der Ikonen des deutschen Expressionismus. Mindestens seit es 1974 auch zu einer der schönsten Briefmarken der Bundespost wurde. – Diese neue Ausstellung bietet jetzt eine extrem kurzweilige und rasch zu verwirklichende Kleine Flucht zur Kunst ins schönste oberbayerische Voralpenland.

Text und Fotos:  Alexander Hosch

„Max Pechstein – Vision und Werk“, Buchheim Museum der Phantasie Bernried, noch bis 26. 10. 2025; www.buchheimmuseum.de

Die Züge von München nach Bernried verkehren stündlich (Fahrtdauer: ab 31 Minuten).

 

 

 

Nach Kochel zur „Moderne im Zoo“

Einer der Höhepunkt: Paul Klees Kreidezeichnung „Ein Tier bald wieder heiter“ aus dem Jahr 1940.

 

Rassismus, Kolonialismus, Tierwohl, „Exotik“ – aus vielerlei Gründen blicken wir als Gesellschaft heute skeptischer auf die zoologischen Gärten in unseren Städten als vor hundert Jahren. Aber auch manche Künstler der Moderne – wie der Expressionist Franz Marc – hatten als Besucher im Tierpark schon einen anderen, einen mitfühlenden Blick auf die dort gefangen gehaltenen Geschöpfe. Wenn auch nicht alle. So braucht es in der neuen Ausstellung „Die Moderne im Zoo“ in Kochel am See durchaus die Warnhinweise wegen unangemessener Darstellungen oder auf für Kinderaugen ungeeignete Künstlerbilder etwa von Elefanten, die für die Sensationslustigen von damals zum Handstand gezwungen wurden.

Die aktuelle Schau im Franz Marc Museum, direkt unter dem Alpengipfel Herzogstand in einem herrlichen Park gelegen, versammelt rund 100 Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Grafiken von Alfred Kubin, Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Franz Marc (hier sein Gemälde Affenfries), Paul Klee, Renée Sintenis, Paul Meyerheim, Gabriel von Max, August Macke und anderen aus der Zeit von etwa 1880 bis 1940. Sie stellt sie nebst zeitgenössischen Fotografien, Zoo- oder Zirkus-Plakaten zur Diskussion.

Die Ausstellung hat zwei Etagen und sieben Abschnitte (Flanieren im Zoo, Der Großstadtzirkus, Der Paradiesgarten, Tierethik und Naturschutz, Menschelnde Tiere usw.). Die Höhepunkte: Niemand scheint die Regungen der Zootiere so tief nachempfinden zu können wie der Blaue Reiter Franz Marc, dem dieses Museum gewidmet ist. Zu sehen etwa in seinem wunderbaren „Affenfries“ von 1911. Unvergleichlich bis heute bleibt auch der poetische Humor von Paul Klee, dessen Zeichnungen und Aquarelle von Fischen, Vögeln oder Nashörnern der 1920er bis 1940er Jahre von einem überzeitlichen Humanismus durchstrahlt werden. Sowie drittens die kleinen Bronzeplastiken von Renée Sintenis, links unten ein Junges Dromedar nebst einem Baby-Elefanten, beide aus den 1920er Jahren. Nicht nur ihre Miniaturhaftigkeit rührt, die extreme Nahbarkeit und Direktheit der Tierdarstellungen macht diese Kunstwerke zeitlos.

Und so trifft man in der wunderbaren Schau auf zahlreiche großartige Charakterstudien von Lebewesen in ihrem Element, andererseits auf manch grausame Beispiele von Zwang, Zucht und Schaulust. Die besten Künstler sahen indes – wie der Dichter Rilke – auch damals schon den traurigen Blick von Zootieren, die wohl ahnten, dass es hinter tausend Stäben für sie keine richtige Welt gibt. – Eine tolle, anregende und diskussionswürdige Ausflugs-Ausstellung, die man den ganzen Sommer über und bis in den Herbst zum Besuch mit den besten Freunden oder seiner Familie nutzen sollte.

Text und Fotos: Alexander Hosch

„Die Moderne im Zoo“, Franz Marc Museum, Kochel, bis 9. November 2025, www.franz-marc-museum.de. Geöffnet Di bis So und an Feiertagen jeweils 10 bis 18 Uhr, ab November 10 bis 17 Uhr. Das Museum kooperiert  mit dem Münchner Tierpark Hellabrunn – es gibt einen Podcast sowie Spezialführungen, Gewinnspiele, Vorträge. – Kochel ist von München stündlich per Zug erreichbar; das Museum liegt zu Fuß dann noch etwa 30 Minuten vom Bahnhof Kochel entfernt.

 

Auf dem romantischen Weg vom Bahnhof Kochel zum Museum, im Hintergrund der Gipfel des Herzogstand. Die Abbildungen darüber zeigen Paul Klees Bleistiftzeichnung „Theater der Tiere“ sowie seine exquisite Darstellung eines Fischs.

Zur expressionistischen Fantasie

Kannte der Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) etwa LSD? Nein, das gab es in den 1930er Jahren noch nicht. Aber womöglich hatte er andere Seelentröster, die das Gemüt entgrenzen, die Formen wuchern lassen und dabei helfen, die Farbwelten zum Explodieren zu bringen. Im Gemälde „Scene aus dem Sommernachtstraum“ von 1937, gerade zu Gast in Bernried am Starnberger See, jedenfalls ergießen sich die Pigmente gleichsam in psychedelischen Strömen. Gesichter werden darin eins mit den Bäumen, oder sie zerfließen in Linien am Firmament. Der in Nazi-Deutschland verfemte ehemalige Die Brücke-Star lebte damals in Davos und hat dort bis zu seinem Selbstmord nur ein Jahr später genau so eruptiv gemalt: leuchtend, schwelgerisch, ungebeugt. Allein schon der Blick in diese Farbexplosionen ist allemal die kleine Flucht ins Voralpenland wert, wo das faszinierende Kirchner-Gemälde jetzt zusammen mit nicht weniger als 50 weiteren bis Januar bleibt und den reichen eigenen Bestand des Museums der Phantasie mit Buchheims Expressionistenkollektion ergänzt.

In der Schau geht es in erster Linie um Bilder und ihre Rahmen. Der Münchner Rahmenexperte Werner Murrer hat dieses Verhältnis in langer Geschäftstätigkeit erforscht. Für die Ausstellung „Wiederentdeckt & Wiedervereint“ hat er jetzt mit seinen Co-Kuratorinnen Rajka Knipper und Katharina Beisiegel viele solche Gesamtkunstwerke des deutschen Ober-Expressionisten zusammengetragen. Kirchner nämlich hat die schmückenden Holzleisten um seine Gemälde stets selbst bemalt. Ohne Rahmen war ein Bild für diesen Künstler nicht fertig. Oft tauchten die Palettenfarben des jeweiligen Sujets nochmals an den Rändern, in den Spalten und Falzen auf, in feinen Tönen, manchmal auch in breiten Linien. Um sich auf den getreppten, profilierten oder mit Rundstäben verzierten Leisten als Besonderheit ins Spiel zu bringen. Rund 150 Bild-Rahmen-Paare von Kirchner sind insgesamt bekannt, viele tragen die typische Mischung aus Goldbronze mit abgetöntem Grün oder Blau. Eine der in kühlem Violett gehaltenen Wände der Sonderschau haben die Kuratoren allein mit leeren Rahmen aus Kirchners Nachlass geschmückt – denn manchmal fehlen die vor 90 bis 120 Jahren entstandenen zugehörigen Bilder. Es war die Zeit, als von vielen konservativen Bürgern selbst für moderne Sujets lieber „neobarocke Monsterrahmen“ (so Murrer in seiner Begrüßungsrede) gewählt wurden. Und Kirchners individuelle Originalrahmen – heute ein gesuchter Schatz! – mussten in solchen Fällen dann eben weg, weil sie wohl nicht zur Wohnzimmereinrichtung der Besitzer passten.

Das Ölbild „Blonde Frau in rotem Kleid“ von 1932 aber (siehe Aufmacherbild sowie zwei Ausschnitte in diesem und im mittleren Absatz) ist herrlich komplett. Es stellt hier eines der schönsten Doppelpacks aus Bild und Rahmen dar. In den schlichten goldbronzierten Nadelholz-Rahmen nahm der Künstler grüne, blaue und rosafarbene „Flecken“ und Striche aus der Farbwahl des Gemäldes mit auf und führte das Motiv auf diese Weise einfach über seineen Bildrand hinaus. Wie bei jedem anderen Auftrag hatte Kirchner die Profile selbst in seinem Skizzenbuch vorgezeichnet, die rohen Leisten in Goldbronze gefasst und diese anschließend, in Abstimmung mit dem Gemälde, bemalt. Ein Kunstwerk hörte für Kirchner – spätestens seit er 1918 in die Schweiz emigriert war – definitiv nicht mehr mit dem Bildrand auf. Kirchners spezielle Davoser Rahmen, aber auch simplere Bretter-Rahmen sowie andere Beispiele mit Stufen, Treppen und Eckverbindungen sind an den Wänden dieser überaus sehenswerten Ausstellung natürlich genau erklärt – alpine Reinkultur! Eine tolle Schau, die danach, in veränderter Form, ans Kirchner-Museum in Davos geht.

Text & Fotos © Alexander Hosch

„Wiederentdeckt & Wiedervereint. Rahmen und Bilder von Ernst Ludwig Kirchner“, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried, bis 12. Januar 2025, https://www.buchheimmuseum.de/aktuell/2024/wiederentdeckt-wiedervereint

Zu den Anfängen

Werner Bätzing hat gerade eine umfassende Mensch-Umwelt-Geschichte vorgelegt. Unsere Gattung tritt darin titelgebend als ein Clan von Zerstörern auf. Der Zustand der Natur und der miserable Umgang des Menschen mit ihr stehen im Vordergrund. Die so faszinierende wie universale Welterzählung, welche der Autor auf 462 Seiten entwirft, schöpft aus vielen Wissensgebieten. Sie ist – bei aller inhaltlichen und intellektuellen Komplexität – in einfacher Sprache verfasst. Die Hypothesen sind mutig und klar. Eine davon lautet, zugespitzt: Mit der Geschichte der Stadt beginnt die Geschichte des Krieges und auch die des Raubbaus an der Natur. Eine andere klingt so: „Um die drohende Zerstörung der vom Menschen geprägten Welt zu verhindern, ist es nötig, dass wir einen Schritt zurückgehen und die vormodernen Erfahrungen wieder stärker berücksichtigen“.

Bätzing startet quasi vor acht Millionen Jahren, streift den Homo sapiens, analysiert Selbstvorsorge und Überschusswirtschaft, vergleicht Jäger und Sammler mit Bauernkulturen und den ersten Großsiedlungen vor 3000 Jahren, bewertet, welche Bedeutung das Auftauchen von Demokratie, Schrift, Münzen oder Schulden zur Zeit der griechischen Polis hatte. Und so fort.

Was das alles mit den Alpen zu tun hat? Nun, der Autor ist seit fast 50 Jahren in erster Linie Alpenforscher. Er lehrte als Kulturgeograf an den Unis Bern, Wien und Erlangen-Nürnberg. Viele Erkenntnisse hat er zwischen den Gipfeln von Slowenien bis Südfrankreich, hauptsächlich aber in der Schweiz, gewonnen. Sie speisen dieses Buch, das der C. H. Beck Verlag als Opus magnum preist. Hier zwei von Bätzings hochaktuellen Befürchtungen über die Alpen, die der Experte uns gegenüber vor Kurzem am Telefon geäußert hat: „Eines der größten Probleme ist die Verstädterung der Alpengemeinden. Beispiel Davos – dort lebten um 1900 noch 80 Menschen. Jetzt sind es 12 000. Und jeden Winter kommen 50 000 Touristen dazu.“ Oder: „Seit China angekündigt hat, seine Bevölkerung an den Skisport heranzuführen, ist unter 300 Skigebieten in den Alpen ein Verdrängungswettbewerb um den asiatischen Markt entstanden. In der Schweiz sieht man längst die Auswirkungen: Neue Seilbahnen in Grindelwald, am Kleinen Matterhorn, an Rigi, Titlis, Pilatus. Überall wird ausgebaut. Ein riesiger ökologischer Fußabdruck. Dabei ist Skisport in Europa eigentlich ein schrumpfendes Feld.“

Mit Homo destructor legt der 74-jährige Wissenschaftler, der heute in Bamberg lebt und ein Archiv für integrative Alpenforschung pflegt, gleichsam nebenbei eine elegante Kapitalismuskritik vor. Die meisten Mechanismen der liberalen Wirtschaftskreisläufe werden darin von ihm komplett in Frage gestellt. Etwa wenn er geistlos-repetitive Tätigkeiten von heute mit solchen von früher vergleicht – und daran erinnert, dass bei uns zu deren Bewältigung in der Frühzeit der Industrialisierung unfreie Menschen aus Gefängnissen, Waisenhäusern etc. zwangsrekrutiert wurden. (Und in den vielen, tendenziell gerade einer wachsenden Zahl von Erdbewohnern imponierenden Autokratien ist das noch immer so.) Einen Kardinalfehler sieht Bätzing in der weitgehenden Aufhebung von Gemeineigentum (wie der Allmende): Zuerst im Römischen Recht, später in Gesetzestexten, Erlassen, Bewegungen der Renaissance oder Aufklärung – und bis zu uns heute. Sie sind Beispiele für gesellschaftliche Umbrüche zum Nutzen einzelner Gruppen, unter denen aber die Mehrheit zu leiden hat. Und mit ihr leidet die Natur, die seit Entstehung dieser Weltsicht vor allem als Ressource und als Material zur Überschussproduktion betrachtet wird. Ein fast zu stilles Buch! Manchmal lieber zurückrudern zu den Anfängen? Nach dieser Lektüre besteht kein Zweifel mehr: Für Mensch und Natur wäre es gut.

Text & Fotos: Alexander Hosch

Werner Bätzing, Homo destructor. Eine Mensch-Umwelt Geschichte. Von der Entstehung des Menschen zur Zerstörung der Welt, C. H. Beck Verlag, 32 Euro

 

Zu Canova und Scarpa nach Possagno

Auf Streifzügen durch die Prosecco-Hügel lohnt sich immer auch ein Abstecher nach Possagno. Dieser am Fuße des Monte Grappa im nördlichen Veneto gelegene Ort gehört ganz und gar Antonio Canova, der 1757 hier geboren wurde. Und seit 1957 auch ein bisschen Carlo Scarpa.

Schon aus der Ferne leuchtet kalkweiß der Tempio Canovano, eine Pfarrkirche von römischer Grandezza, denn der Meister konnte nicht nur klassizistische Skulptur. In der Pasticceria wird das Schaumgepäck Meringa di Canova verkauft. Und im beschaulichen Ortskern verbergen sich hinter einer schlichten Fassade das Geburtshaus des Künstlers und das Museo Gypsotheca Antonio Canova voller Gipsabgüsse.

Wie Kraftprotze aus einem Superhelden-Comic bevölkern heroische Kolosse die als Basilika konzipierte Ausstellungshalle von 1836: Herkules packt Lichas an Schopf und Fuß, spannt ihn kopfüber als wäre er sein Bogen.

Theseus geht einem Zentauren an die Gurgel. Und Napoleon tritt überlebensgroß, nur mit einem Feigenblatt bedeckt, als Friedensstifter auf (nun ja, an der Selbstgerechtigkeit des Franzosen haben sich schon viele Männer abgearbeitet, zuletzt Ridley Scott und sein düsterer Superstar Joaquin Phoenix). Urspünglich war die idealisierte Aktstatue für einen Ehrenplatz auf der Place Vendôme gedacht, doch der Wirbel, den die Marmorskulptur bei ihrer Ankunft in Paris erzeugte, brachte den Kaiser in Verlegenheit, daher verbot er ihre Präsentation in der Öffentlichkeit. Am Ende besiegelte die Schlacht bei Waterloo nicht nur Napoleons Untergang, sondern auch das Schicksal zahlreicher die Bonaparte-Familie abbildender Kunstwerke – und so endete der „Friedensstifter“ als Kriegstrophäe in der Residenz des britischen Generals Wellington.

In den Gipsabgüssen stecken noch die Rèpere, Bronzenägel, die Canova als Bezugspunkte angebracht hatte, um Maße und Proportionen auf den Marmorblock zu übertragen. Mit einem Finish aus Wachs und Pigmenten wollte er den kalten Stein schließlich zum Leben erwecken. Aber seine monumentalen Kerle wirken dennoch in Kraft erstarrt.

Ganz anders die weiblichen Figuren, für die Canova eine weit poetischere Sprache fand. Die Drei Grazien liebkosen sich in einer einzigen fließenden Bewegung. Und wenn Psyche mit spitzen Fingern auf Amors Handfläche einen Schmetterling setzt, wird der Mythos mit einem Mal greifbar und lebendig.

Mitte der 1950er-Jahre betraut man den 1906 in Venedig geborenen Architekten Carlo Scarpa mit dem Erweiterungsbau der Gypsotheca. Er befreit die Skulpturen, zumindest einige von ihnen, aus ihrer Totenstarre, indem er mit Helligkeit, Heiterkeit und Leichtigkeit interveniert. Seine aus den Ecken des Annex in den Raum ragenden Quaderfenster, Splitlevel und Wasserbecken lassen das Museum behaglich erscheinen – und zugleich lush wie eine kalifornische Villa. Amor, Psyche und viele andere Schönheiten baden und tanzen jetzt im Licht.

Auch Canovas kleine, expressive Terracotta-Modelle, die unerwartet modern anmuten, erhalten in neuen Holzvitrinen endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.

Für diese Sensibilität hätte Antonio Canova seinen Landsmann geliebt. Für seine Ode an die tägliche Wanderung der Sonne auch. Für die Fähigkeit, im Spiel von Licht und Schatten eine ganz eigene Kunst zu erzeugen sowieso.

Heute vor 45 Jahren ist Carlo Scarpa, Schöpfer von Räumen im Licht, im japanischen Sendai gestorben.

Text und Fotos ©Alexandra González

www.museocanova.it/en/

In ein bizarres Sitz-Paradies


Einmal im Monat, immer am letzten Freitag um 16 Uhr, öffnet bei freiem Eintritt das Format Open Haus in der Mittelhalle im Haus der Kunst. Gute Gelegenheit für Besucher:innen, die genau dann in den nächsten Monaten in Martino Gampers neuer Installation zum Beispiel sitzen, trinken, Stühle verrücken, nach gewissen Regeln sogar deren Funktionen und Charaktere verändern dürfen – oder auch einfach nur gesellig beisammen lümmeln. Der Südtiroler Designer und Künstler hat – als Artist in Residence – seine Schau mit einer kurzen Performance zwischen Tanz, Pantomime und Wirkungstheater à la Pina Bausch gestern selbst eröffnet. „Sitzung“ ist einerseits ein herrlich buntes Potpourri typisch rustikaler, also scheußlich-schöner alpenländischer Eckvariationen. Und andererseits ein gelungenes Beispiel der neuen partizipativen und sozialeren Ausrichtung des Münchner Ausstellungshauses. Die Stühle hat Gamper extra entworfen und bauen lassen. In verschiedenen handwerklichen und industriellen Verfahren sind sie, teils bei der italienischen Firma Alpi, teils in Gampers Londoner Studio, aus Furnieren und Holzresten hergestellt worden. Sie erinnern einerseits irgendwie an die dramatischen und in Auktionen immer sündteuren Möbel von Carlo Bugatti aus der Zeit um 1900. Und ein bisschen an sperrige Alltagsmöbel aus dem Baumarkt, denen jemand im Überschwang zu viele verschiedene Farben, Formen und Materialien verpasst hat. Weiterlesen

Slow Motion in Bad Reichenhall

Cooler Kuren? Gar nicht so leicht. Viele traditionelle Heilbäder im Alpenraum ringen um einen Ausgleich zwischen Nostalgie und überlebenswichtigem Bezug zur Gegenwart. Wer im Königlichen Kurpark von Bad Reichenhall am Alpensole-Springbrunnen sitzt und beim Anblick der Wasserspiele einen Rhythmus zum Meditieren sucht, spürt auch, wie fragil dieser Frieden sein kann.

Bad Reichenhall liebt, ja beschützt seinen Slow-Tourismus und setzt neben dem geradezu hypnotischen Regenerationseffekt der Parkanlage auf Kultur, Architektur, Technik. Außer dem Industriedenkmal „Alte Saline“ hat dieser bayerische Ort im Grenzland von Extravaganz und Kassenleistung, Belle-Époque-Melancholie und moderner Aufbruchstimmung mindestens noch zwei weitere Asse im Ärmel.

Da wäre zum einen das ReichenhallMuseum im historischen Salinenkasten, wo die für die Salzgewinnung schuftenden Holzknechte mit der kostbaren Naturalie Getreide bezahlt wurden. Heute speichert das Museum die Kulturgeschichte der Stadt. Vor drei Jahren wurde es nach aufwändiger Sanierung und Neukonzeption wiedereröffnet. Für ein Ferienwochenende ist es hier viel zu leer. Dabei hält das schöne, schlichte Haus mit den weiß ausgemalten und geschlämmten Wänden und Decken (sie entsprechen dem Originalzustand um 1500) besondere Geschichten parat. So kann man in einem ausgepolsterten Audio-Kabinett unter einem flirrenden Sternenhimmel Ohr und Herz den lokalen Sagen öffnen, etwa der vom Gold des Untersbergs oder von den Wildfrauen auf der Gmain.

Reichenhall war gewissermaßen das Dubai des Mittelalters. Ohne Salz keine Vorrathaltung, also glich die Bedeutung dieser Ressource der des Erdöls heute. Vom 7. bis Ende des 12. Jahrhunderts entwickelte sich die örtliche Saline zur leistungsfähigsten des östlichen Alpenraums und brachte der Stadt Wohlstand. Obschon einen alles andere als fairen. Das bezeugen Exponate wie Margot Benacerrrafs  Dokumentarfilm „Araya“ von 1959, in dem die französische Regisseurin die unmenschlichen Arbeitsbedingungen an einer Meersaline in Venezuela festhält. Stellvertretend für das harte und entbehrungsreiche Leben der Salineros aller Länder und Zeiten.

„Wir gebieten, dass ihr euren durch großen Reichtum aufgeblasenen Übermut bändigt“, maßregelte Kaiser Heinrich VI. bereits 1194 die Reichenhaller Bürger. Doch sein Befehl verpuffte in der Champagnerluft und die Bourgeoisie pflegte weiterhin ihren übergeschnappten Snobismus: Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ließen sich betuchte Kurgäste von sogenannten Sesselträgern sogar in die hochalpinen Zonen befördern – körperliche Betätigung galt als unfein.

Seit 1928 übernimmt die Predigtstuhlbahn gesellschaftsübergreifend den Job, kräfteschonend auf den Reichenhaller Hausberg zu kommen. Diese älteste im Original erhaltene Großkabinenseilbahn ihrer Art ist eine weitere Trumpfkarte der Stadt an der Saalach. Nahezu lautlos schwebt der feuerrote, zwölfeckige „Salonpavillon“ einem Panoramagebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit auf 1583 Metern Höhe entgegen. Aus lediglich drei Beton-Stützen besteht die steil geführte Seilstrecke. Maximale Seil-Spannweite: 1.000 Meter. Zum Fürchten, wenn man bedenkt, dass sich bis vor wenigen Jahren an den Monumentalstützen massive Schäden abzeichneten. Nach allen Regeln der Kunst (Materialtransport nur über Helikopter!) wurde auch dieses atemraubende Ingenieur-Bauwerk saniert, was ihm 2020 den Bayerischen Denkmalpflegepreis einbrachte.

Auf der Sonnenterrasse des Bauhaus-Restaurants, mit Weitblick über das bayerische Meer, den Wilden Kaiser und die Loferer Steinberge, hat man einige Zugeständnisse an hippe Retroversessenheit gemacht. Liegt es an den weichen Loungemöbeln aus den Fifties oder doch an dem Highball, dass die Zeit auch hier oben so wunderbar träge dahinfließt?

Text und Fotos © Alexandra González

Ins neue Kaiserbad

In Bad Gastein tut sich was. Seit Jahrzehnten lümmeln im Zentrum starre, leere Riesen herum – morbide Luxushotel-Karosserien aus längst vergangenen besseren Zeiten. Jetzt künden Plakate endlich neue Unterkünfte für eine neue Zeit an. Inzwischen  gibt es sogar eine gesperrte Orts-Durchfahrt und richtige Kräne an der Baustelle rund um das Ensemble aus Grand Hotel Straubinger, Alter Post und Badeschloss. Das Land Salzburg hat 2018 einige der maroden alten Paläste mit den Zuckerbäckerfassaden gekauft – um sie flugs an Investoren weiterzureichen, die das unvergleichliche Setting nun bis 2023 für sich und ihre Vier- bis Fünf-Sterne-Services nutzen wollen. Hotels, Bars, Gyms, Spas. Her damit.

Das Panorama ist aber auch wirklich unkopierbar. Eine tiefe Schneise für den berühmten Wasserfall hat die Natur hier geschlagen. Drumherum baut sich malerisch ein steinerner, aber auch irgendwie sehr versteinerter Ort der Belle Époque auf. Darunter scheint einem das lange Tal die Traumaussicht bis nach Hofgastein und Dorfgastein unter den Augen wegziehen zu wollen. Darüber türmen sich die höchsten Salzburger Tauerngipfel. Ganz und gar zauberhaft. Und immer noch so, als hätte man das alles hier in jener Ära vergessen, in der die radonhaltigen Wasserquellen entdeckt wurden. Damals kam das aristokratische Europa von St. Petersburg bis Madrid hierher.

Im – heute ungenutzten – Kongresshaus mit den Glaskuppeln sang und tanzte zu Silvester 1982 Liza Minelli. Der aktuelle Besitzer träumt für den denkmalgeschützten Bau von einer Seilbahnlinie – oder einem Alpen-Campus.

Wann wird Bad Gastein wieder komplett wachgeküsst sein? Mal sehen. 65 Millionen Euro wurden 2018/19 in eine neue Seilbahn zur Schlossalm und zur Hohen Scharte im benachbarten Hofgastein investiert. Ebenfalls mit immer neuen Gimmicks locken Felsentherme und Alpentherme. Bars, Hütten und Hotels rüsten unermüdlich für das Wunschpublikum der Zukunft auf: jung, solvent, kosmopolitisch, urban.

Ein kleiner Teil davon ist schon da. Einige Barbetreiber und Hoteliers, die Gastein längst als Wintersport-Destination der Zukunft entdeckt haben, kosten mit ihren Gästen aus aller Welt – allesamt Ski-Desperados – den Zauber dieses alten Kaiserbades der Sommerfrischler aus dem 19. Jahrhunderts schon seit zwanzig Jahren aus. Die Boutiquehotels Haus Hirt, Miramonte und Regina etwa haben früh erkannt, dass Bad Gastein reif für junge Erlebnishungrige ist. Deshalb kommen seither ein paar Hipster aus Berlin, Moskau, Kyiv, London, Amsterdam und Kopenhagen. Für die sprechen einige der Angestellten „only english, please“, was an einem normalen Ski-Nachmittag im März zwar ein wenig albern klingt, aber immerhin gut zum Lese-Angebot auf dem Coffeetable passt: Monocle, Wallpaper, Financial Times. Da will der Ort also hin. Gut so! Das Karma, die Speisekarten – Earl Grey Tea zu Marillen-Palatschinken – und die ersten chicen Interiors sind bereit dafür. So bereit.

Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

Tagespass Ski amadé Gastein (Hauptsaison):  63,50 €

Zum Saisonende: 59 €  (ab 19. März)

Bilder: Preimskirche, brutalistisches Kongresshaus von 1974, barocke Fassadendetails, Front und Interiors des Hotels Miramonte

Up in the aerosol

Hat eigentlich noch eine:r Gedanken frei für die Feinstofflichkeit des Jazz? Dafür, tatsächlich mal wieder ein handgemachtes Album analog durchzuhören? Also als Ganzes. Von einem Musiker, der persönlich bestimmt hat, was genau 49 Minuten und 3 Sekunden lang zu hören ist. Der lieber selbst für seine Hörer aussucht, welcher der zehn neuen Takes als Nächstes kommt. – Und hat jemand die Muße, das faszinierende Art Work dafür zu bewundern, also das Booklet und die schön gestaltete Hülle aus viel Rot und ein bisschen Weiß, mit filigranen Grafikschatten und der sachlichen Type für die Namen der Interpreten und den Titel? Die Zeit, die Begriffsnuancen zu gewichten, die der Albumtitel Aerosols herübersprüht? Oder trotz seiner scheinbaren Federleichtigkeit mit sich herumschleppt, je nachdem.

Das Projekt Aerosols wuchs während des zweiten Coronawinters 2020/21. Es scheint darin eine Prise Freiheit aus dem letzten Jahrhundert zu walten. Sie liegt im Zusammenkommen vieler kleiner Augenblicke, in denen nichts, kein Schwebeteilchen, dem Zufall überlassen wird. Die eine Hälfte dieses neuen Tonträgers, der im November erscheint, stellen die zehn Solo-Musikstücke von Jazzgitarrist Christy Doran dar, der aus Irland stammt, aber mit seiner Gitarrenschule schon seit 49 Jahren unter Alpengipfeln lebt: in Luzern am Vierwaldstätter See. Die andere ist ein Booklet mit Bildern des Künstlers Stefan Banz. Töne und Acrylgemälde entstanden dabei teilweise parallel. Der eine malte, während der andere Stücke spielte oder komponierte. Sie waren mit ihrer Koproduktion so gut wie fertig.

Im Mai 2021 ist Stefan Banz dann plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben. Christy Doran, der Wahl-Schweizer in der internationalen Jazzszene, hat das wunderschöne CD-Album zu unserem Glück trotzdem fertig eingespielt. In der Zentralschweiz, im Luzerner Drums4Life Studio. Halb akustisch, halb mit E-Gitarre. Es ist ein Zukunftstraum und eine Erinnerung geworden, die Hommage an den Malerfreund. Ein paar Mal tobt er, wie man es von Doran gewohnt ist, wie Jimi Hendrix über die Saiten, rasend schnell. Fusion & Free. Viel öfter aber geht es diesmal langsam. Schwebejazz. Das ist dann ein großes Plöngen und sanftes Streicheln, alles hallt achtsam, mäandert bedächtig, wird sanft gepickt oder klingt leise nach.

Keine Sorge: Morgen kommt der alles bestimmende Soundbrei dann wieder in perfekter Beliebigkeit aus Ihrer Spotification, wenn Sie das wollen. – Hier und heute aber, auf diesem Album, ist nichts nur Willkür. Da hat random mal Pause. Garantiert.

Text und Fotos: Alexander Hosch

(Das grobkörnige Porträt ganz oben zeigt Christy Doran während eines Auftritts im Scharfrichterhaus Passau in den 1990er Jahren.)

Christy Doran / Stefan Banz, Aerosols, 2021, Label: Juno Records / Challenge Records / Between the Lines, BTLCHR71251.