
„Ist das ockergelbe Haus da drüben k. und k. oder italienisch?“, fragt die unbekannte Dame neben uns, bevor sie sich ein Stück der mit Nüssen, grappagetränkten Sultaninen und Pinienkernen gefüllten Gubana in den Mund schiebt. Wir sitzen an der Piazza della Vittoria in Gorizia auf einer der Panchine Narranti, vier dieser „sprechenden Bänke“ wurden in der Altstadt verteilt, um mittels QR-Code etwas über die Historie Gorizias zu erzählen. Doch die Frage nach dem ockergelben Haus lässt sich nicht so leicht beantworten. Wie der schneckenförmige friulanische Festtagskuchen Gubana ist auch die Geschichte der Doppelstadt am Fuß der Julischen Alpen reichlich verschlungen.
Das italienische Gorizia und das slowenische Nova Gorica wurden getrennt und sind als Kulturhauptstadt Europas 2025 wieder zusammengewachsen. Gorizias wechselvolle Geschichte im Schnelldurchlauf: Zunächst war es eine mittelalterliche Grafschaft, dann Teil der Republik Venedig, bevor es unter die Herrschaft der Habsburger gelangte und das österreichische Görz schließlich im Ersten Weltkrieg wieder an Italien fiel. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien neu gezogen und Gorizia geteilt. Nun entwickelte sich Nova Gorica als sozialistisches Vorzeigeprojekt mit modernen Krankenhäusern, Schulen und Wohnbauten, eine Planstadt nach den Vorstellungen des Le Corbusier- und Plečnik-Schülers Edvard Ravnikar. Durchlässig wurde die Grenze erst wieder mit dem EU-Beitritt Sloweniens im Jahr 2004. Heute können wir am neu gestalteten Europaplatz einen Fuß auf italienischen und einen auf slowenischen Boden setzen und dabei den Herzschlag Mitteleuropas fühlen.

Das Kulturprogramm GO! Borderless läuft schon seit Monaten auf Hochtouren, bezieht die Region bis Udine, Triest und die alpine Soča flussaufwärts mit ein. Der Veranstaltungsreigen aus Kunst, Tanz, Theater, Musik, Kino und Gastronomie (etwa eine beschwingte Zugreise durch das malerische Weinland des Vipava-Tals) endet am 5. Dezember in dem Lichtkunstspektakel „Stop the City Moment 4“.

Wir empfehlen, mit einem Spaziergang durch die Via Rastello, der ältesten Straße Gorizias, zu starten. Sie beginnt an der Piazza della Vittoria. Im Jugendstilgebäude Casa Krainer, Hausnummer 43, befindet sich die originellste Spielstätte von G0! 2025. Während im ersten Stock der Trentiner Videokünstler Stefano Cagol in einprägsamen Bildern gegen die Klimakrise protestiert, dokumentiert der abgenutzte Parkettboden unter dem perfekt erhaltenen Kassenhäuschen und den imposanten Eichenregalen im Erdgeschoss die 100-jährige Liebe der Bewohner Gorizias zu ihrem Eisenwarenladen Ferramenta Krainer.
Auch der Palazzo Attems Petzenstein liegt nur einen Katzensprung entfernt. Das seit 1900 dort ansässige Provinzmuseum beherbergt eine Pinakothek und spannt in der eigenen Sammlung den Bogen vom Stillleben mit Görzer Obst – eine paradiesische Vielfalt mit der Kirsche als Königin – bis zu den Julischen Futuristen und darüber hinaus. Und nichts geht hier ohne Zoran Mušič, einen der berühmtesten Söhne dieser grenzüberschreitenden Stadt.

Für die Werkschau „Zoran Mušič. La Stanza di Zurigo, le opere, l’atelier“ wurde nicht nur das venezianische Atelier des 1909 in Bukovica nahe Görz geborenen Künstlers rekonstruiert, sondern auch sein „Zürcher Zimmer“. Mušič gestaltete es Ende der 1940er-Jahre als Haus im Haus der Geschwister Charlotte und Nelly Dornacher in Zollikon. Die beiden nutzten diesen Künstlerraum im Souterrain als Partykeller der Extraklasse.

Die Wandmalereien zeigen mit Tieren beladene Barken, märchenhafte Venedigansichten und sich liebevoll umarmende Grazien. Auch die bestickten Vorhänge und Tischdecken aus Leinen und Jute sind erhalten. Traditionelle Gattungsgrenzen oder Materialbeschränkungen, Unterscheidungen zwischen dem Naiven und dem Erhabenen, all das ließ Mušič hinter sich.
Mal in Blau, mal gepunktet, als einzelne Fohlen oder in der Herde und immer als Symbole der Freiheit ziehen die „Cavallini“ durch Mušičs Œuvre, das jenseits des Palazzo Attems Petzenstein auf Schloss Dobrovo in den Weinbergen der slowenischen Brda sowie im mittelalterlichen Dorf Štanjel zu sehen ist.
Die Pferdchen erinnern an Höhlenzeichnungen, schweben auf spindeldürren Beine durch die flirrende, karge Landschaft des Südens. Im Gegensatz zu diesen heiteren Tierdarstellungen stehen die den Horror bündelnden Zeichnungen aus dem Konzentrationslager Dachau, wohin Mušič deportiert worden war, nachdem die Gestapo ihn der Spionage bezichtigt hatte. Dieses Trauma verarbeitete er ab 1970 auch im Bilderzyklus „Wir sind nicht die Letzten“, der ebenfalls gezeigt wird.
Ganz nahe kommt man der Künstlerseele in Mušičs Landschaften. Karstimpressionen aus Istrien und Dalmatien sind ebenso darunter wie die in wenigen Pinselstrichen eingefangenen kahlen Hügelformationen rund um Siena. „Diese wüsten Landschaften gleichen dem Leben. Ein von der Sonne versengtes und vom Wind durchgerütteltes Leben“, sagte Mušič, der 2005 im Alter von 96 Jahren in Venedig starb. Es war ein langes, produktives Leben, das sich durch Grenzen nicht einhegen ließ – ein Idealfall für GO! Borderless.
Text und Fotos © Alexandra González
Die Alpen kratzen oft malerisch am bayerischen Himmel. In Bernried scheint man sie zum Beispiel dabei zu erwischen, sobald man bei schönem Wetter entlang des Buchheim-Museums in die Nähe des Wassers gelangt. Das 2001 eröffnete Gebäude
Museumsbau über Dorfstraßen und einen grünen Pfad zwischen Bäumen und Wiesen ist ein willkommenes Vorspiel für Pechsteins künstlerische Zwiegespräche mit der Natur (Abb.: Gestürzte Kornpuppen, 1949). Die war dem expressionistischen Maler, der von 1906 bis 1912 der Künstlergruppe Die Brücke angehörte, mehr als wichtig. Die neue Bernrieder Sommerschau „Vision und Werk“, wohl die bislang größte des Künstlers (1881-1955), wurde jetzt möglich, weil das Zwickauer Max-Pechstein-Museum vier Jahre lang geschlossen hat. Das reiche Opus aus dem Besitz der Kunstsammlungen Zwickau (wo Pechstein geboren ist) geht nun zusammen mit Werken der Max Pechstein Stiftung sowie aus einigen Privatsammlungen während dieser Zeit auf eine Ausstellungstournee, die nach der Kunsthal Rotterdam nun Bernried, später das Lentos Linz und weitere Stationen in Mitteleuropa umfasst.
In Bernried müsse ich aber mit den Original-Bergen vor Ort vorlieb nehmen, so vertröstet mich die Maler-Enkelin Julia Pechstein auf der Vernissage und lacht. Die Dame mit dem eleganten Kopftuch (Foto) erzählt, dass zu den rund 100 Exponaten von Max Pechstein hier in Bernried noch zirka 80 Stücke aus dem Besitz der Sammlung Buchheim gekommen sind. An jedem Tourneeort werden andere Pechstein-Inkunabeln oder -Raritäten dazustoßen – je nach Möglichkeit und Bereitschaft privater Besitzer, sich eine Zeit lang von ihren Arbeiten zu trennen. Gibt es denn auch Bilder, die ihr Opa in den Alpen malte? „Ja, etwa einige wunderschöne Darstellungen vom Chiemsee, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind.“ Ich
werde später tatsächlich im Internet eine pittoreske Wolkenstimmung in Rosa und Orange samt See aus dem Jahr 1947 erblicken, mit den Chiemgauer Alpen im Hintergrund. „Aber vor allem malte mein Großvater 1923/24 Ansichten im Schweizer Hochgebirge. Denn dort hatte er einen Gönner, der den Aufenthalt in Wallis für ihn ermöglichte. So konnte er am Fluss Rhône arbeiten und in Saas-Almagell, wo es Bilder und auch Fotos von hölzernen Almhütten auf Steinfüßen von ihm gibt.“ Julia Pechstein versucht, möglichst alle Standorte, an denen ihr Opa je gearbeitet hat, selbst kennenzulernen, sagt sie – auch diesen. „Ein Teil dieser Schweizer Alpenbilder von Max Pechstein soll gezeigt werden, wenn diese Schau später im Art Museum in Luzern Halt machen wird“, verspricht sie – sie freue sich sehr darauf. Alpine-Kultur-Aficionados streichen sich diesen Zeitraum (8.7. bis 5.11. 2028) also ruhig schon mal für einen Besuch am Vierwaldstätter See im Kalender an!
Aber jetzt müssen erst einmal alle nach Bernried. Die Schau dort zeigt nun eindrücklich bis in den Herbst Pechsteins Urvertrauen in die Kunst, die Natur und in die Menschen, denen er begegnete. Statt Alpengipfeln sieht man dort Bauern, Felder und Blumen aus seiner sächsischen Heimat. Oder die Fischer, die Boote und die Stimmungen, die vor allem am Meer eingefangen wurden – etwa auf Usedom oder an der Kurischen Nehrung, im heutigen Polen und Litauen, zuweilen auch in Italien – und einmal, 1914, während einer mehrmonatigen Südseereise in die damalige deutsche Kolonie Palau, wo ihn die Einheimischen, die Masken und die Farben des
Südens inspirierten. Ein toller Trumpf dieser Ausstellung ist das verwegene Farbkontext für die Wände, deren intensive Blau-, Grün, Rot- und Gelbwerte die Bilder – auch und gerade die schwarz-weißen Holzschnitte wie „Untergehende Sonne am Ostseestrand“ von 1948 oben – zur Geltung kommen lassen. Eigenhändige Fotos von Max Pechstein und Handschriftliches geben für die Grafiken und Unikate einen stimmigen Rahmen. Ein Porträtfoto, seine Originalstaffelei und Atelierfarben (Abb. weiter oben) akzentuieren diesen Eindruck. Das berühmteste Bild der Bernrieder Ausstellung zeigt Pechstein gleichwohl nicht als Maler, sondern als lässiges Motiv im roten Pullover. 1910
porträtierte der Brücke-Kollege Erich Heckel ihn in Dangast im roten Pullover als „Der schlafende Pechstein“. Diese Leinwand aus dem Besitz des Buchheim-Museums gilt längst als eine der Ikonen des deutschen Expressionismus. Mindestens seit es 1974 auch zu einer der schönsten Briefmarken der Bundespost wurde. – Diese neue Ausstellung bietet jetzt eine extrem kurzweilige und rasch zu verwirklichende Kleine Flucht zur Kunst ins schönste oberbayerische Voralpenland.
„Max Pechstein – Vision und Werk“, Buchheim Museum der Phantasie Bernried, noch bis 26. 10. 2025; www.buchheimmuseum.de



Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Franz Marc (hier sein Gemälde Affenfries), Paul Klee, Renée Sintenis, Paul Meyerheim, Gabriel von Max, August Macke und anderen aus der Zeit von etwa 1880 bis 1940. Sie stellt sie nebst zeitgenössischen Fotografien, Zoo- oder Zirkus-Plakaten zur Diskussion.
Die Ausstellung hat zwei Etagen und sieben Abschnitte (Flanieren im Zoo, Der Großstadtzirkus, Der Paradiesgarten, Tierethik und Naturschutz, Menschelnde Tiere usw.). Die Höhepunkte: Niemand scheint die Regungen der Zootiere so tief nachempfinden zu können wie der Blaue Reiter Franz Marc, dem dieses Museum gewidmet ist. Zu sehen etwa in seinem wunderbaren „Affenfries“ von 1911. Unvergleichlich bis heute bleibt auch der poetische Humor von Paul Klee, dessen Zeichnungen und Aquarelle von Fischen, Vögeln oder Nashörnern der 1920er bis 1940er Jahre von einem überzeitlichen Humanismus durchstrahlt werden. Sowie drittens die kleinen Bronzeplastiken von Renée Sintenis, links unten ein Junges Dromedar nebst einem Baby-Elefanten, beide aus den 1920er Jahren. Nicht nur ihre Miniaturhaftigkeit rührt, die extreme Nahbarkeit und Direktheit der Tierdarstellungen macht diese Kunstwerke zeitlos.
Und so trifft man in der wunderbaren Schau auf zahlreiche großartige Charakterstudien von Lebewesen in ihrem Element, andererseits auf manch grausame Beispiele von Zwang, Zucht und Schaulust. Die besten Künstler sahen indes – wie der Dichter Rilke – auch damals schon den traurigen Blick von Zootieren, die wohl ahnten, dass es hinter tausend Stäben für sie keine richtige Welt gibt. – Eine tolle, anregende und diskussionswürdige Ausflugs-Ausstellung, die man den ganzen Sommer über und bis in den Herbst zum Besuch mit den besten Freunden oder seiner Familie nutzen sollte.
„Die Moderne im Zoo“, Franz Marc Museum, Kochel, bis 9. November 2025, www.franz-marc-museum.de. Geöffnet Di bis So und an Feiertagen jeweils 10 bis 18 Uhr, ab November 10 bis 17 Uhr. Das Museum kooperiert mit dem Münchner Tierpark Hellabrunn – es gibt einen Podcast sowie Spezialführungen, Gewinnspiele, Vorträge. – Kochel ist von München stündlich per Zug erreichbar; das Museum liegt zu Fuß dann noch etwa 30 Minuten vom Bahnhof Kochel entfernt.


Kannte der Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) etwa LSD? Nein, das gab es in den 1930er Jahren noch nicht. Aber womöglich hatte er andere
Seelentröster, die das Gemüt entgrenzen, die Formen wuchern lassen und dabei helfen, die Farbwelten zum Explodieren zu bringen. Im Gemälde „Scene aus dem Sommernachtstraum“ von 1937, gerade zu Gast in Bernried am Starnberger See, jedenfalls ergießen sich die Pigmente gleichsam in psychedelischen Strömen. Gesichter werden darin eins mit den Bäumen, oder sie zerfließen in Linien am Firmament. Der in Nazi-Deutschland verfemte ehemalige Die Brücke-Star lebte damals in Davos und hat dort bis
In der Schau geht es in erster Linie um Bilder und ihre Rahmen. Der Münchner Rahmenexperte Werner Murrer hat dieses Verhältnis in langer Geschäftstätigkeit erforscht. Für die Ausstellung „Wiederentdeckt & Wiedervereint“ hat er jetzt mit seinen Co-Kuratorinnen Rajka Knipper und
Katharina Beisiegel viele solche Gesamtkunstwerke des deutschen Ober-Expressionisten zusammengetragen. Kirchner nämlich hat die schmückenden Holzleisten um seine Gemälde stets selbst bemalt. Ohne Rahmen war ein Bild für diesen Künstler nicht fertig. Oft tauchten die Palettenfarben des jeweiligen Sujets nochmals an den Rändern, in den Spalten und Falzen auf, in feinen Tönen, manchmal auch in breiten Linien. Um sich auf den getreppten, profilierten oder mit Rundstäben verzierten Leisten als Besonderheit ins Spiel zu bringen. Rund 150 Bild-Rahmen-Paare von Kirchner sind insgesamt bekannt, viele tragen die typische Mischung aus Goldbronze mit abgetöntem Grün oder Blau. Eine der in kühlem Violett gehaltenen
Wände der Sonderschau haben die Kuratoren allein mit leeren Rahmen aus Kirchners Nachlass geschmückt – denn manchmal fehlen die vor 90 bis 120 Jahren entstandenen zugehörigen Bilder. Es war die Zeit, als von vielen konservativen Bürgern selbst für moderne Sujets lieber „neobarocke Monsterrahmen“ (so Murrer in seiner Begrüßungsrede) gewählt wurden. Und Kirchners individuelle Originalrahmen – heute ein gesuchter Schatz! – mussten in solchen Fällen dann eben weg, weil sie wohl nicht zur Wohnzimmereinrichtung der Besitzer passten.
Das Ölbild „Blonde Frau in rotem Kleid“ von 1932 aber (siehe Aufmacherbild sowie zwei Ausschnitte in diesem und im mittleren Absatz) ist herrlich komplett. Es stellt hier eines der schönsten Doppelpacks aus Bild und Rahmen dar. In den schlichten goldbronzierten Nadelholz-Rahmen nahm der Künstler grüne, blaue und rosafarbene „Flecken“ und Striche aus der Farbwahl des Gemäldes mit auf und führte das Motiv auf diese Weise einfach über seineen Bildrand hinaus. Wie bei jedem anderen Auftrag hatte Kirchner die Profile selbst in seinem Skizzenbuch vorgezeichnet, die rohen Leisten in Goldbronze gefasst und diese
anschließend, in Abstimmung mit dem Gemälde, bemalt. Ein Kunstwerk hörte für Kirchner – spätestens seit er 1918 in die Schweiz emigriert war – definitiv nicht mehr mit dem Bildrand auf. Kirchners spezielle Davoser Rahmen, aber auch simplere Bretter-Rahmen sowie andere Beispiele mit Stufen, Treppen und Eckverbindungen sind an den Wänden dieser überaus sehenswerten Ausstellung natürlich genau erklärt – alpine Reinkultur! Eine tolle Schau, die danach, in veränderter Form, ans Kirchner-Museum in Davos geht.
Werner Bätzing hat gerade eine umfassende Mensch-Umwelt-Geschichte vorgelegt. Unsere Gattung tritt darin titelgebend als ein Clan von Zerstörern 
Werner Bätzing, Homo destructor. Eine Mensch-Umwelt Geschichte. Von der Entstehung des Menschen zur Zerstörung der Welt, C. H. Beck Verlag, 32 Euro
Auf Streifzügen durch die Prosecco-Hügel lohnt sich immer auch ein Abstecher nach Possagno. Dieser am Fuße des Monte Grappa im nördlichen Veneto gelegene Ort gehört ganz und gar Antonio Canova, der 1757 hier geboren wurde. Und seit 1957 auch ein bisschen Carlo Scarpa.

Ganz anders die weiblichen Figuren, für die Canova eine weit poetischere Sprache fand. Die Drei Grazien liebkosen sich in einer einzigen fließenden Bewegung. Und wenn Psyche mit spitzen Fingern auf Amors Handfläche einen Schmetterling setzt, wird der Mythos mit einem Mal greifbar und lebendig.
Mitte der 1950er-Jahre betraut man den 1906 in Venedig geborenen Architekten Carlo Scarpa mit dem Erweiterungsbau der Gypsotheca. Er befreit die Skulpturen, zumindest einige von ihnen, aus ihrer Totenstarre, indem er mit Helligkeit, Heiterkeit und Leichtigkeit interveniert. Seine aus den Ecken des Annex in den Raum ragenden Quaderfenster, Splitlevel und Wasserbecken lassen das Museum behaglich erscheinen – und zugleich lush wie eine kalifornische Villa. Amor, Psyche und viele andere Schönheiten baden und tanzen jetzt im Licht.
Auch Canovas kleine, expressive Terracotta-Modelle, die unerwartet modern anmuten, erhalten in neuen Holzvitrinen endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.
Einmal im Monat, immer am letzten Freitag um 16 Uhr, öffnet bei freiem Eintritt das Format Open Haus in der Mittelhalle im Haus der Kunst. Gute Gelegenheit für Besucher:innen, die genau dann in den nächsten Monaten in
lassen. In verschiedenen handwerklichen und industriellen Verfahren sind sie, teils bei der italienischen Firma Alpi, teils in Gampers Londoner Studio, aus Furnieren und Holzresten hergestellt worden. Sie erinnern einerseits irgendwie an die dramatischen und in Auktionen immer sündteuren Möbel von Carlo Bugatti aus der Zeit um 1900. Und ein bisschen an sperrige Alltagsmöbel aus dem Baumarkt, denen jemand im Überschwang zu viele verschiedene Farben, Formen und Materialien verpasst hat. 






In Bad Gastein tut sich was. Seit Jahrzehnten lümmeln
Das Panorama ist aber auch wirklich unkopierbar. Eine tiefe Schneise für den berühmten Wasserfall hat die Natur hier geschlagen. Drumherum baut sich malerisch ein steinerner, aber auch irgendwie sehr versteinerter Ort der Belle Époque auf. Darunter scheint einem das lange Tal die Traumaussicht bis nach Hofgastein und Dorfgastein unter den Augen wegziehen zu wollen. Darüber türmen sich die höchsten Salzburger Tauerngipfel. Ganz und gar zauberhaft. Und immer noch so, als hätte man das alles hier in jener Ära vergessen, in der die radonhaltigen Wasserquellen entdeckt wurden. Damals kam das aristokratische Europa von St. Petersburg bis Madrid hierher.
Hohen Scharte im benachbarten Hofgastein investiert. Ebenfalls mit immer neuen Gimmicks locken Felsentherme und Alpentherme. Bars, Hütten und Hotels rüsten unermüdlich für das Wunschpublikum der Zukunft auf: jung, solvent, kosmopolitisch, urban.
Die Boutiquehotels Haus Hirt, Miramonte und Regina etwa haben früh erkannt, dass Bad Gastein reif für junge Erlebnishungrige ist. Deshalb kommen seither ein paar Hipster aus Berlin, Moskau, Kyiv, London, Amsterdam und Kopenhagen. Für die sprechen einige der Angestellten „only english, please“, was an einem
normalen Ski-Nachmittag im März zwar ein wenig albern klingt, aber immerhin gut zum Lese-Angebot auf dem Coffeetable passt: Monocle, Wallpaper, Financial Times. Da will der Ort also hin. Gut so! Das Karma, die Speisekarten – Earl Grey Tea zu Marillen-Palatschinken – und die ersten chicen Interiors sind bereit dafür. So bereit.
Tagespass Ski amadé Gastein (Hauptsaison): 63,50 €
Hat eigentlich noch eine:r Gedanken frei für die Feinstofflichkeit des 
Christy Doran, der Wahl-Schweizer in der internationalen Jazzszene, hat das wunderschöne CD-Album zu unserem Glück trotzdem fertig eingespielt. In der Zentralschweiz, im Luzerner Drums4Life Studio. Halb akustisch, halb mit E-Gitarre. Es ist ein Zukunftstraum und eine Erinnerung geworden, die Hommage an den Malerfreund. Ein paar Mal tobt er, wie man es von Doran gewohnt ist, wie Jimi Hendrix über die Saiten, rasend schnell. Fusion & Free. Viel öfter aber geht es diesmal langsam. Schwebejazz. Das ist dann ein großes Plöngen und sanftes Streicheln, alles hallt achtsam, mäandert bedächtig, wird sanft gepickt oder klingt leise nach.