In das Tessin des Vincenzo Vicari

Für Vincenzo Vicari konnte das 20. Jahrhundert gar nicht rasant genug voranschreiten. Gegenüber jeder technischen, medialen und kommerziellen Neuheit war der Luganer Fotograf aufgeschlossen. So experimentierte Vicari (1911 – 2007) früh mit Luftfotografie und fühlte sich von der Leidenschaft für sein Metier vollends ergriffen, wenn er hoch oben eine Kamera gegen die Luft pressen musste, weil er gezwungen war, „sich beim Fotografieren mit dem Oberkörper aus dem Flugzeug zu lehnen“.

Mit demselben Elan hat er zwischen 1930 und 1990 den Wandel im Tessin dokumentiert. Entstanden ist ein komplexes Konglomerat aus Werbebildern für Industriebetriebe und Tourismusbroschüren, Landschaftsaufnahmen, Porträts des sozialen Lebens und des Brauchtums sowie Fotos zu Bauboom und höchster Ingenieurskunst in Form von Wasserwerken. Vicaris Bilderfundus visualisiert die Umgestaltung des Südschweizer Kantons von einem verschlafenen, bäuerlich geprägten Fleckchen Erde zu einem urbanen Motor, der sich trotz seiner Kraft allerdings nur schwerfällig bewegt.

Außerhalb des Tessins ist Vicari noch wenig bekannt, was sich mit der ersten großen monografischen Ausstellung im MASILugano gerade ändert. Dass sich diese Schau nur virtuell besichtigen lässt, macht die begleitende Publikation umso relevanter: Ein handlicher Katalog, der mit 190 meist unveröffentlichten Aufnahmen, überwiegend in Schwarz-Weiß, eine Exkursion durch die Bildwelt dieses vielseitigen Chronisten unternimmt.

Und der rote Faden in dieser Fülle an vollkommen ungekünstelten Momentaufnahmen, Fotoreportagen, Porträts und Postkartenmotiven? Es ist eine von großer Leichtigkeit getragene Sensibilität, die auch noch der größten Bausünde eine Prise Poesie einhaucht. Ewas von dieser Sprezzatura ist sofort zu erahnen, wenn wir das Buch aufklappen und uns der Meister selbst in einer Polyfoto-Serie aus dem Jahr 1940 gleich mehrfach keck entgegenlächelt.   Alexandra González

Vincenzo Vicari  | Fotograf | Das Tessin im Wandel der Zeit

MASILugano, 29.08.2020–18.04.2021

Bildband herausgegeben von Damiano Robbiani. Mit Beiträgen von Antonio Mariotti, Damiano Robbiani, Gianmarco Talamona und Nelly Valsangiacomo, bei Scheidegger & Spiess, 44 Euro.

www.masilugano.ch/de/882/vincenzo-vicari

www.scheidegger-spiess.ch

Zu den “Häusern der Wiese” in Südtirol

Michele De Lucchi hat, wie schon öfter zuvor, im abgelegenen Sommerstall übernachtet. Der Architekt und Designer ist extra vom Lago Maggiore nach Radein angereist. Diesmal allerdings nicht als Hotelgast, sondern um seine beiden „Häuser der Wiese“ vorzustellen. Die neuen Holzpavillons ergänzen seit letzter Woche das auf über 1500 Meter gelegene historische Hotel Zirmerhof in der Nähe von Auer bei Bozen. Die zwei kleinen gerundeten Neubauten scheinen italienische Elemente, etwa Motive der Trulli in Apulien, mit Südtiroler Spezialitäten wie den Torbögen und Lärchenschindeln der typischen Heustadl zu verbinden. Sie sind komplett aus dem Bruchholz der umgebenden Wälder erbaut, das Ende 2018 durch den Jahrhundertsturm Vaia entstand – Tanne für die Konstruktionsbalken, Lärche für Vertäfelungen und das Dach.

Auf dem Zirmerhof, der in der fünften Generation von Josef Perwanger geführt wird, verbinden sich die Annehmlichkeiten eines kultivierten Hotels, in dem seit Jahrzehnten Nobelpreisträger, Staatsoberhäupter, Literaten und Künstler urlauben, mit einer Drama-Aussicht. Man genießt permanent das Panorama der Dolomitenkette und die Spaziernähe der Bletterbachschlucht, deren marshafte Gesteinsformationen zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Die Bauherren wünschten sich nur, dass regionale Motive und das Vaia-Holz vorkommen. Sonst hatte De Lucchi Carte Blanche.

Der um 1980 im Rahmen des Radical Design und der Mailänder Memphis-Gruppe berühmt gewordene Designer schlägt heute lieber den Weg der Nachhaltigkeit ein. Statt der bunten Marmor-, Resopal- und Laminat-Orgien von damals, mit deren Tischen und Lampen (die Zeichnung rechts) er es schon als 35-jähriger in die Sammlung des New Yorker MoMA geschafft hat, setzt er für seine skulpturalen Möbel  heute durchgehend feinstes Walnussholz ein. Für die sechs neuen Suiten und Maisonettes (samt eines großen Kaminfeuersalons über zwei Etagen für Family & Friends) fanden sage und schreibe 127 Variationen von Tischchen, Stühlen, Sesseln, Schränken – viele extra entworfen – Verwendung. Sie wurden von De Lucchis Experimentierlabor Produzione Privata, das sein Sohn Pico leitet, nach Maß gefertigt. Dazu kamen Teppiche, Armaturen, Türgriffe, Spiegel und Lampen aus vorhandenen Linien.

“Es gibt keine Verbindung zwischen den neuen Häusern und Memphis“, sagt De Lucchi später im Interview nach längerem Nachdenken. Aber ich habe diese Zeit der Provokationen sehr geliebt“. Heute gehe es um Anderes, meint der 68-Jährige. Er verweist etwa auf die in jedem der neuen Gästeräume dominiernden Armlehnsessel. “Von deren Holz wird man geradezu umarmt, wenn man darin sitzt“. Es gibt auch noch einen mystischen, fast Dada-haften Moment in einer aus dem 16. Jahrhundert stammenden Stube: Als Michele De Lucchi plötzlich wie ein Freimaurerlogen-Vorsitzender aus einer Holzbox, die aber wie eine kleine Schatztruhe aussieht, kleine Hölzchen nimmt und sie charmant verteilt. Sie tragen ein Siegel und erinnern an die nach De Lucchis Einschätzung leider im Verschwinden begriffene Generation italienischer Designstudios, die am liebsten limitierte kunsthandwerkliche Preziosen schaffen. So wie Danese, Dino Gavina – oder seine eigene Produzione Privata.

Die „Häuser der Wiese“ sind Refugien des Stils, die in ihrer Einzigartigkeit gleichermaßen an die Vergänglichkeit unserer schwerst gefährdeten Natur wie an die Kostbarkeit eines subtil betriebenen Holzhandwerks erinnern. Das Traditionshotel Zirmerhof mit seinen riesigen Wäldern, den frei lebenden Hochlandrindern und dem Grauvieh war für diese zwei Skulpturen in der Landschaft genau der richtige Landeplatz.

Text und Fotos: Alexander Hosch

Eine Nacht mit Halbpension in einer Suite in einem der “Häuser der Wiese” kostet zur Zeit pro Person 219 Euro, www.zirmerhof.com

Die Lampenzeichnung von Michele De Lucchi aus dem Jahr 1981 ist dem – vergriffenen – Katalog “Barbara Radice: Memphis”, Bangert Verlag, von 1984 entnommen.

Von k.u.k. in die Gegenwart

Bäume der Erkenntnis gedeihen zuhauf in diesem Garten Eden, der sich an die steil abfallenden Felsen von Arco Trentino schmiegt. Bedingt durch das milde Klima und die vor scharfen Winden schützende Lage wächst wirklich jedes Gehölz in dem verwunschenen Arboretum. Monterey-Zypresse, Sequoia,  Kampfer- und Avocado-Baum, Korkeiche, Agave, Seidenbaum und Fächerpalme sind nur einige der 200 Arten aus aller Welt, die in diesem Lehrgarten uralt werden. Auch exotische Zitrusfrüchte wie Bergamotte, Zedernapfel und Pomeranze reifen in einer pittoresken Limonaia.

Erzherzog Albrecht von Österreich hatte Arco zum Winterkurort sowie Altersrefugium gewählt und ließ das Paradies samt Villa 1873 nach seinen Vorstellungen anlegen. Hier erholte sich die graue Eminenz aus der Entourage Kaiser Franz Josephs von der strikten Ordnung am elitärsten Hof Europas. Man würde sich wünschen, die weiche Champagnerluft hätte seine neoabsolutistische Haltung nachgiebiger werden lassen, doch so war es nicht.

Wie auch in Wien schottete sich der Habsburger Hochadel hinter Gittern und Mauern von der Außenwelt ab. Es sollte 120 Jahre dauern, bis das erzherzogliche Arboretum – nun unter der Verwaltung des Museo Tridentino di Scienze Naturali in ein Freilichtmuseum verwandelt – jedem offenstand.


Ganz möchte man sich in Arco nicht von der schillernd-feudalen Vergangenheit lösen, denn der alte k.u.k-Glanz trägt mit seinen Magnolienalleen und kaum in Schuss zu haltenden Luxussanatorien wesentlich zur charmanten Noblesse bei. Dennoch wurde nun in Sichtweite des Arboretums ein herrlich demokratisches Projekt realisiert: Der Parco Nelson Mandela im Stadtteil Braile ist ein eindrucksvolles Urban-Gardening-Unterfangen, an dem Jung und Alt beteiligt sind.

Es duftet nach Melisse, Thymian, Minze und im Frühling dann nach blühenden Obstbäumen. Zwölf junge europäische Architekten haben kürzlich in einem Workshop eine zeitgemäße Parkmöblierung ausgetüftelt. Jetzt machen aparte Paravents, schattenspendende Pergolen und Sitzgelegenheiten, allesamt aus Holz, ihre Lockangebote. Wer Lust hat auf einen Apero, kommt frühabends vorbei, wenn der Park am belebtesten ist, bestellt einen Gin Tonic „biologico“ am Kiosk und beobachtet, wie nonchalant die Generationen in Italien miteinander umgehen. Das Habsburger Hofzeremoniell könnte nicht weiter entfernt sein.

Text und Fotos: Alexandra González

Nach Castello di Rivoli

Egal wie man in Turin landet – per Flugzeug, Auto oder Zug: Der Weg von München aus ist immer voller Alpenberge. Denn diese Stadt liegt noch näher an den weißen Riesen als München. Und 30 Kilometer westlich, schon in Richtung Sestriere, Aostatal oder anderer Turiner Haus-Skiberge, versteckt sich in den Hügeln ein Backsteinschloss von Filippo Juvarra, das nie fertig wurde. Der Grund: Es war so versailleshaft teuer, dass selbst die Herrscher von Savoyen am Ende nicht mehr zahlen konnten. Die Gipfel dahinter ragen davon unbeeindruckt seit 200 Jahren hoch. Gigantisch nah.

In der Barockruine aber ist – seit man sie 1984 in Form gebracht hat – Italiens ältestes Museum für zeitgenössische Kunst zuhause. Die grandiose Sammlung – dirigiert von der Ex-Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev – breitet sich in original stuckierten, aber sonst komplett ausgeräumten Hallen aus und gilt als die beste der Welt, was Italiens Arte Povera angeht (also Jannis Kounellis, Mario Merz, Michelangelo Pistoletto, Giuseppe Penone, Roberto Burri und Co). Und sie ist zumindest erstklassig, was Minimal Art, Land Art und alle Konzeptkünste angeht, die zwischen 1960 und der Gegenwart entstanden. Aktuell stellen Hito Steyerl und Anri Sala aus.

Dem Castello zugeteilt ist seit wenigen Wochen – und das ist ganz und gar unglaublich – eine nur 500 Meter entfernt liegende Schatzkammer der Kunst: die Collezione Cerruti. Bis vor kurzem war das eine Privatvilla. Doch Signor Cerruti vermachte alles an die Öffentlichkeit. Mit dem Shuttle fährt man jetzt in zwei Minuten vom Schloss zur Villa. Drin hat man dann etwa eine Stunde in kleiner Runde. Wofür? Für tausende Kunstschätze – Möbel, Bücher, Gläser, Porzellan, Skulpturen, Gemälde – die nach Quellen der New York Times zusammen 600 Millionen Euro wert sein sollen. Darunter finden sich – auf vier Etagen und 400 Quadratmetern – bestens gesicherte Goldgrundtafeln der frühen Renaissance, Werke von Renoir, Dutzende Arbeiten von Boccioni, Severini, Morandi, de Chririco, Fontana und auch gleich noch von Kandinsky, Klee und Picasso. Aber kaum verlässt der Gast diese Pracht und steht, davon noch ganz benommen, im Garten, übernimmt sofort wieder die alpine Gipfelsilhouette das Regiment, die hier als ständige Dramakulisse funktioniert.

Text und Fotos: Alexander Hosch

https://www.castellodirivoli.org/mostra/

Saas-Fee

Saas-Fee – das ist der Name einer Legende zwischen Walliser Gletschern und Zauberbergen. Der einmalig romantische Wintersport-Ort lockt hoch über der Vispa-Schlucht seit Jahrzehnten mit spitztürmigen Kirchen, malerischen kleinen Maiensässen im Dorfkern und einem unüberbietbaren Panorama samt 13 Viertausendern als winterweiße Krone.

Seit Kurzem punktet Saas-Fee aber auch mit neuen Schätzen. Der Wohntraum schlechthin ist seit 2014 – ausgerechnet eine Jugendherberge. Mit 50,5 gegen 49,5 Prozent nur denkbar knapp entschied sich die Saaser Bürgergemeinde überhaupt für ein eigenes Youth Hostel oben am Talschluss, vorher gab es keins. Doch dann durften die Planer durchstarten. Sie formten im Auftrag der Gemeinde und der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus in Zürich, die alle Schweizer Jugendherbergen trägt, einen grauen Holzbau mit vielen superben Details. Durch eine Sondergenehmigung des Kantons durfte er als erste fünfgeschossige Schweizer Wohnarchitektur überhaupt aus Holz entstehen. Die galten bislang als brandgefährlich – und waren deshalb verboten. Durch Vorfertigung der äußeren und inneren Wandelemente konnten die winterbedingt knappen Bauzeiten auf 1800 Meter gehalten werden. Die Architektur stammt vom Büro Steinmann & Schmid, die Tapeten und anderes von den Basler Textildesignern Matrix. Spektakulär ist, wie das alte Hallenbad, ebenfalls von Steinmann & Schmid überarbeitet, zu der beeindruckenden anthrazitfarbenen Spalandschaft Aqua Allalin erweitert wurde. Heißer Stein, Sprüheisdusche, Gletscherbalkon. Zwei verglaste Saunen mit Panoramafenstern zu den Steinböcken am Felskliff gegenüber. So bekam Saas Fee die einzige Spa-Jugendherberge der Welt, das grandiose wellnessHostel 4000, das auch noch besonders nachhaltig ist (mit Kollektoren aufgeheiztes Wasser, Erdregister in einem Felsspeicher). Auf den Übernachtungspreis werden einfach ein paar Franken draufgeschlagen, dann dürfen die Hostelgäste so oft sie wollen ins Spa-Paradies. Natürlich nützen angesichts der aktuellen Schneemassen vor allem viele Skifahrer das smarte Angebot.

Die zweite schlaue Geste an den Zeitgeschmack ist, dass da oben kein einziges Auto mehr mit Verbrennungsmotor fährt. Ausschließlich e-Mobile steuern als Hotelshuttles, Taxis, Lieferwagen oder Paketdienst die Hotels und Chalets des berühmten Gletscherdorfes an. E-Busse bringen die Skitouristen zu den verschiedenen Startpunkten für das Pistenvergnügen in Saas-Balen, Saas-Grund, Saas-Almagell und Saas-Fee (es geht bis auf 3.600 Meter).                                           Text: Alexander Hosch

Anreise nach Saas-Fee   Zug über Zürich bis Visp (Swiss Travel Pass, ab 205 € für 3 Tage), weiter mit dem Postbus (umsonst mit STP oder Saaser Bürgerpass). Skipass 1 Tag p. P. Erwachsene 73 CHF,  Kinder bis 15 Jahre: 35 CHF, Jugendliche von 16-19: 61 CHF. Nacht im wellnessHostel 4000: Doppelzimmer ohne/mit Wellness – 123/149 CHF; Bett im 6er-Zimmer 41/54 CHF; www.saas-fee.ch/de/hotel/wellnesshostel4000/ oder https://www.youthhostel.ch/de/hos tels/wellnesshostel4000/

Einen aktuellen Beitrag über das WellnessHostel 4000 in Saas-Fee gibt es auch in meinem Buch “Architekturführer Schweiz. Die besten Bauwerke des 21. Jahrhunderts”, Callwey Verlag, 36 Euro, S. 169. https://www.callwey.de/buecher/architekturfuehrer-schweiz/

 

In das Bergell der Künstler

Ein anhaltendes Donnern, ein Seitental voller Staub … und auf einen Schlag hatte sich das Leben im Bergell verändert. Im August wälzten der Bergsturz am Piz Cengalo und mehrere darauf folgende Murengänge hundertausende Kubikmeter Schlamm und Geröll durch das Val Bondasca. Die Katastrophe traf eine Talschaft am Rande der Schweiz, die sich schon sehr lange im Schatten des Engadiner Glitzertourismus geduckt hält. Gewiss, die Schneise der Verwüstung in der roten Zone um das Dorf Bondo ist unübersehbar. Doch der Rest der Gegend gilt unbedingt als sicher.

Daher kämpft die Region mit der herzerwärmenden Initiative #Forzabregaglia um seine Reputation und gegen stornierte Reisebuchungen. Besucher und Bewohner sind jetzt aufgefordert, mit aktuellen Fotografien in den sozialen Netzwerken eine Ode auf die Vielfalt des Bergell anzustimmen. Eigentlich kein Problem bei dieser Darbietung: Zwischen dem Malojapass und Chiavenna, 17 Kilometer nördlich des Comer Sees, fällt die Landschaft von 1815 auf 333 Höhenmeter ab. Ein schroffer Wechsel der Kulturen,  von nordisch alpin zu üppig mediterran, von graubündnerisch zu italienisch, fast so als hätte jemand plötzlich das Schwarzweißfernsehen auf Farbe umgestellt. 

Gerade im Winter ist es hier wie nirgendwo sonst in der Schweiz: Keine Snowciety, Hotelburgen und Dom-Perignon-Süppchen, dafür stille Schönheit und ein einzigartiges     Zwielicht, das die Gefilde in dunkle Töne taucht. Vier Monate lang schafft es die Sonne nicht über die Gipfel der gewaltigen Berge, trotzdem herrscht ein mildes Klima im Tal. Wegen dieses besonderen und beständigen Lichts kehrte Alberto Giacometti, der in Paris mit seinen ausgemergelten Gestalten Weltruhm erlangt hatte, am liebsten während des Winters in seine Heimat zurück. Das Grau der alten Dörfer – mit ihren Granitschindeldächern wirken sie wie Versteinerungen – ist die Farbe von Giacomettis Kunst. Seine spindeldürren, schattenhaften Figuren verkörpern das Bergeller Gefühl. Zerbrechlich, doch hartnäckig. Ein Eingeklemmtsein zwischen steilen Dreitausendern und eng stehenden Häusern. So eng, dass man sie in den schmalen Gassen mit ausgestreckten Armen berühren kann.

Eine der bedeutendsten Künstlerfamilien der Moderne hat das Bergell hervorgebracht. Da sind Albertos Vater Giovanni Giacometti, der große Kolorist. Und Diego, ein begabter Bildhauer und Designer, mit dem der berühmte Bruder das Pariser Atelier teilte. Auch Augusto Giacometti, der Jugendstil und Symbolismus weiterdrehte und die Glasmalerei erneuerte, kam von hier.

Augusto Giacometti, “Am Morgen der Auferstehung”, 1915, Wandbild in der Kirche St. Pietro in Stampa

Zahlreiche Spuren hat diese Malerdynastie hinterlassen, doch erst kürzlich wurden sie nachhaltig freigelegt. Vorangetrieben hat diese Entwicklung die Fondazione Centro Giacometti. Die Stiftung bietet Vorträge, geführte Exkursionen und eine neue App, den “Giacometti Artwalk”. Drei Jahre Recherche und reichlich filmische Erzählkunst wurden in diesen audiovisuellen Guide investiert.  Der Kulturkompass lotst die Nutzer zu den Wohnstätten und Ateliers, zu Staffeleistandorten hunderter Kunstwerke. Das Beste dabei: auf diese Art weitet sich das Bergell zum Museé imaginaire aller Giacomettis.

In dem auf einer Sonnenterrasse in 1000 Meter Höhe gelegene Dorf Soglio finden sie sich schließlich doch: die wärmenden Strahlen. Für den Alpenmaler Giovanni Segantini, der am Ende des 19. Jahrhunderts hier oben überwinterte und auch dem Licht der Berge verfallen war, betrat man in Soglio nichts Geringeres als “die Schwelle zum Paradies”. Daran kann selbst ein höllischer Felssturz nichts ändern.

Fotos: © Sammy Hart

Text: Alexandra González

Les Menuires

Wie wird man als Skiort nicht größer ? So etwas ist im Jahr 2017 in den Hochalpen eine wichtige Frage. Les Menuires, eine der schönsten Familien-Destinationen im französischen Skigebiet 3 Vallées, hat vor einiger Zeit entschieden: 25.000 Gästebetten sind genug! Wie verhindert man also weitere Bodenversiegelung, wo die größte Ski-Region der Welt doch schneesicher ist und garantiert weiter die Menschen strömen werden?

Die kleine Skistadt, benannt nach den Kohleminen von einst, sanierte 2012 als erstes ihre Hotel- und Appartementblocks. Nun sehen die Großbauwerke direkt am Skihang wieder blitzsauber aus. Vor allem der elegant und extralang wie ein Ocean Liner an der Schneepiste hingezogene „Brélin“ von 1973 ist ein spektakulärer Hingucker. Mit Flachdächern, Sonnenterrassen, langen Fensterzeilen und freiem Grundriss steht er im Geiste Le Corbusiers und gehört ganz offiziell zum französischen Architekturerbe des 20. Jahrhunderts.

Dann kam der zweite Streich, ein Novum. Die Stadtspitze überzeugte mit Hilfe der kommunalen Immobilienagentur Samrenov Besitzer von in die Jahre gekommenen Studios, diese doch mal zu renovieren und elf Jahre lang in den Ferienmietportalen des Ortes anzubieten. Dafür floss und fließt richtig Geld – bis zu 15.000 Euro pro Einheit. Cash! Und sogar, wenn man selbst umbaut. Das Modell ist ein Erfolg. Win-win: Die Gäste genießen nun zeitgemäße Küchen, Bäder und Interieurs. Und Les Menuires kriegt seine Altlasten strahlend schön – zudem muss es keine Neubauten genehmigen.

So kann sich Les Menuires nun wieder ganz auf seine größten Besonderheiten konzentrieren: die Freeride-Reviere zwischen Mont de la Chambre und Pointe de la Masse. Die Gäste können praktisch von jeder Unterkunft aus direkt mit ihren Skiern losstarten. Über die Seilbahnen ROC 1 und ROC 2 ist zum Beispiel ein phantastisches, weil besonders riesiges Gelände zu erreichen. Hier kann der Gast, bei vollkommener Stille und oft ganz allein, immer irgendwo erste Schwünge in den Tiefschnee setzen. Oder, wenn der letzte Schneefall schon ein paar Tage zurück liegt, sich von einem kundigen Guide im flachen Terrain über „Betonschnee“ geleiten lassen. Auf dem dann höchstens ein paar Eisbrösel bröckeln. Eine ganz eigene Kunst und Erfahrung.

Das Hochtal Vallée des Belleville ist auch als Ganzes besonders. Saint-Martin auf 1400 Metern Höhe spielt die faszinierende Rolle des authentischen Savoyer Dorfes. Hierher kommt, wer das Alte liebt. Jede Abweichung vom Original-Stil ist verboten. Alte Ställe, Brotbackhäuser und Bauernhöfe verbreiten Flair, darunter ein Lokal mit 3 Michelin-Sternen, La Buitte. Les Menuires auf 1850 Metern ist die Trabantenstadt von 1972, siehe oben – Stahlbeton in den Bergen, enorm effektiv und von rauhem Charme. Und Val Thorens schließlich ist das Juwel der Party-Jugend – ein legal High auf 2.300 Metern -, und somit das höchste Alpenskidorf. Bis knapp unter die Lawinenschutzzäune ist gebaut. Jedes Hotel ein kleiner Adlerhorst. Skifahren kann man im Mai noch. Und an der Piste geht hier täglich die Party ab, zum Beispiel im Folie Douce, einer Mischung aus Restaurant, Konzertclub und Afterski-Bar. So kann das Belleville-Tal mithalten im Wettbewerb gegen die luxuriösen Superstationen Courchevel und Méribel, die nur ein paar Lifte und Tiefschneeabfahrten weiter liegen.

Skigebiet  Die Saison 2017/18 startet am 9.12. – für je 6 Tage gibt es die Skipässe Solo (300 €), Duo (290 € pro Person), Tribu (285 € pro Person für Gruppen ab 3) und Familie (240 € pro Person). Zirka 600 km Abfahrten, 166 Skilifte (Les Trois Vallées gesamt).

Unterkunft  Neue 4-Sterne-Residenz Le Coeur des Loges, Suite/Appartement ab ca. 2000 € die Woche (Offerten günstiger), http://www.mmv.fr

Anreise  Flug München – Genf ca. 1 Stunde (ab ca. 106 Euro einfach) plus 1 1/2 Stunden Hotel-Shuttle. Oder Pkw.

Text: Alexander Hosch

Auf den Monte Verità

Die Nackten und die Roten: Der Monte Verità war um 1900 die heißeste Kommune des Abendlandes. In den hölzernen Licht-Luft-Hütten der Vegetarier gärten die Ideen für eine bessere Welt. 1926 kaufte der Bankier Eduard Freiherr von der Heydt den gesamten Wahrheitsberg und ließ ein Hotel im Bauhausstil darauf setzen. Die Hautevolee der Zwanzigerjahre logierte hier, nach der Meditation gab es nun Schampus statt Rohkost.

1978 verliebte sich der legendäre Ausstellungsmacher Harald Szeemann in den hoch über dem Lago Maggiore gelegenen Tessiner Ort und dessen Geschichte. Vier Jahre bereitete er seine Schau “Le mammelle della verità” (Die Brüste der Wahrheit) vor. 975 Original-Exponate, darunter Fotos, Briefe, Bücher, Kunstwerke und Kleidungsstücke, trug er zusammen, um den Lebensreformer-Kosmos neu zu arrangieren. Von 1982 bis 2009 war die Ausstellung in der historischen Casa Anatta zu sehen. Schließlich drohte dem Holzbau aus dem frühen 20. Jahrhundert der Verfall.

Es wurde geschlossen und aufwändig saniert. Jetzt steht die zweite Wiedergeburt des Hügels aus dem Geist der Zivilisationskritik bevor: Am 20. Mai wird die Casa Anatta samt minutiös rekonstruierter Szeemann-Ausstellung erneut eröffnet. Mit dieser Form des künstlerischen Reenactment erweist man nicht nur den Anarchisten und Anthroposophen, den Aussteigern und Nudisten der ersten Stunde Reverenz, sondern auch einem leidenschaftlichen Kurator, der in diesem Haus der Erinnerung “600 Viten mit 600 verschiedenen Paradiesvorstellungen” genial verdichtet hat.

Alexandra González

Ab dem 20. Mai können die Casa Anatta, Casa Selma und Casa dei Russi besichtigt werden. Der Padiglione Elisarion bleibt weiterhin wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

Fondazione Monte Verità
Strada Collina 84
CH-6612 Ascona
Tel. +41 91 785 40 40
Fax +41 91 785 40 50

alle Fotos: www.monteverita.org

In Dantes Höhle

Wikimedia Commons
Agnolo Bronzino, “Dante schaut auf den Läuterungsberg”, 1530

Vögel zwitschern, in der Luft liegt der hypnotische Honigduft des slowenischen SočaHornkrauts, die milde Frühlingssonne dringt noch mühelos durch das halbentfaltete Blätterdach der Hopfenbuchen. Ich kann mir auf meinem Rundgang durch die Tolminer Klammen beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb Dante Alighieri die sprachmächtigste Jenseitswanderung der Literaturgeschichte am Karfreitag 1300, also vor ganz genau 717 Jahren, ausgerechnet in diesem freundlichen Feenwald beginnen ließ. Bis ich mich selbst auf wackeligen Beinen und nur im fahlen Schein der Handytaschenlampe einige Meter in den engen, finsteren Eingang zur Höhle Zadlaška Jama hineintaste.

Hier also soll Dante die Inspiration zur Beschreibung des Inferno in seiner “Göttlichen Komödie” gefunden haben – jenem aberwitzig steil terrassierten Höllentrichter, der zum Erdmittelpunkt hinabstürzt. Er konnte kaum gewusst haben, dass sich das 1140 Meter lange Höhlensystem im Triglav-Nationalpark 41 Meter tief in den Berg bohrt, denn erst 1922 wurden die Kavernen erforscht. Doch dem Verseschmied, der mit seinem Meisterwerk den gesamten metaphysischen Kosmos des Christentums durchmessen hat, reichte ein kurzer Blick in den karstigen, vom Wasser des Isonzo-Gletschers zerklüfteten Fels, um die Pforten seiner Fantasie weit aufzustoßen.

Wikimedia Commons
Gustav Doré, “Dante verloren im Wald (Canto I der Göttlichen Komödie, Inferno)”

Was aber trieb den von den Papisten seiner Heimatstadt Florenz zum Teufel geschickten Dichter in diese einsame Gegend? Ganz einfach, er hatte bei seinem Freund Pagano della Torre, dem Patriarchen von Aquileia Zuflucht gefunden. Ihn besuchte der verbannte Poet auf dessen Festung Kozlov Rob, die heute  nahe des slowenischen Alpenstädtchens Tolmin als Burgruine Touristen anlockt.

Zurück im Tageslicht nehme ich mir vor, Kurt Flaschs preisgekrönte Neuübersetzung der “Göttlichen Komödie” zu lesen. Sie erschien vor zwei Jahren als Taschenbuch. Vielleicht hat uns Dante nicht nur großes Lesevergnügen zu bieten, sondern in seiner gesinnungsethischen Empörung über Habgier, Maßlosigkeit und die Skrupellosigkeit von Politikern auch einen Schlüssel zur Gegenwart.

Alexandra González

Die Dantehöhle ist über den zahlungspflichtigen Rundweg durch die Tolminer Klammen erreichbar. Sie sollte nur mit einem Führer und in geeigneter Höhlenausrüstung besucht werden. In der Schlucht unterhalb des Eingangs, am Zusammenfluss von Tolminka und Zadlaščica, befindet sich auf  einer Meereshöhe von 180 Metern der niedrigste Punkt der Triglav-Nationalparks. Weitere Info: www.dolina-soce.com/de/tal_der_entdeckungen/naturliche_sehenswurdigkeiten/2012042011541208/

Von Hollywood nach Leukerbad

Rassistische Kundgebung in Little Rock. Aus dem oscar-nominierten Dokumentarfilm “I Am Not Your Negro”. Photo courtesy of Magnolia Pictures.

“Moonlight” hat also bei der Oscar-Verleihung das Rennen gemacht. Dieser Film porträtiert schwarzes, schwules Leben in seiner Vielschichtigkeit, seinem Stolz und seinem Schmerz. Ein Sujet, das es im glamourversessenen Hollywood ganz und gar nicht leicht hat. Das macht diesen Sieg noch süßer. Auch in der Kategorie “Bester Dokumentarfilm” waren drei Produktionen nominiert, die sich mit dem Thema Schwarzsein in den USA befassen. Am Ende mussten sich die besseren – “I Am Not Your Negro” und “13th” – gegenüber “O.J.: Made In America” geschlagen geben. Ihre furiose Kraft beziehen diese Filme gerade jetzt aus einer erschreckenden Nähe zur amerikanischen Gegenwart. Daher sprengen sie mühelos die Fesseln ihrer Identity-Politics-Nische.

Plakat zum Film. Photo courtesy of Magnolia Pictures.

“I Am Not Your Negro” erzählt die Geschichte Amerikas mit den Worten des großartigen Autors und Bürgerrechtlers James Baldwin (1924 – 1987) neu. Die Basis für diesen Film ist sein 1979 begonnener, letzter, doch unvollendet gebliebener Text “Remember This House”. Um sein Lebensthema – die scharfsinnige Kritik an der rassistischen Gesellschaft – zu formulieren, musste Baldwin seine Heimat jedoch zunächst einmal verlassen.

Mit nur 25 Jahren zieht er nach Paris. Im Winter 1951 schlupft er dann mit seinem Schweizer Liebhaber Lucien Happersberger in Leukerbad unter. Ein schwuler, dunkelhäutiger Bohèmien in einem Walliser Nest – kann das gut gehen? Erst amüsiert sich Baldwin über den Hauch von Erstaunen, Neugier oder auch Entrüstung, der ihm stets folgt, dann legt er los. Er vollendet in Leukerbad nicht nur seinen ersten amerikanischen Roman „Go Tell It On The Mountain“ über die Geheimnisse einer unterdrückten schwarzen Familie in der Großen Depression. Später packt er seine Erlebnisse auch in einen weltklugen Essay über Rassismus: „Ein Fremder im Dorf“ ist vor wenigen Jahren, neu ins Deutsche übersetzt, in der edition sacré erschienen.

Er sei einfach ein lebendes Wunder, stellt Baldwin fest, als die Kinder ihn mit Schneebällen bewerfen und die Älteren ihm belustigt ins Haar fassen. „Im Scherz schlug man mir vor, ich solle es wachsen lassen und mir einen Wintermantel daraus machen.“ Aber Vorsicht, Baldwin ist für billige Agitation nicht zu haben, sondern eine smarter Analytiker des ungleichen Blicks, mit dem sich Schwarze und Weiße gegenüberstehen. „Im Grunde existiert der Schwarze als Mensch für Europa nicht. In Amerika jedoch war er selbst als Sklave ein unübersehbarer Teil des allgemeinen gesellschaftlichen Gefüges, und kein Amerikaner konnte es umgehen, ihm gegenüber Stellung zu beziehen.“ Gedanken von verstörender Aktualität. Und die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences (sie vergibt die Oscars) leistet sich in diesem Jahr mit ihrem vielfältigen Reigen aus Filmen von und über Afroamerikaner eine seltene Hommage an die Wirklichkeitsnähe.   Alexandra González

 

I Am Not Your Negro wird ab 30. März 2017 in den deutschen Kinos zu sehen sein.    

James Baldwin Fremder im Dorf — Ein schwarzer New Yorker in Leukerbad. Édition Sacré, 2012. Illustrationen: Blanc de Titane. 14.- SFR. / 11 €