Friede den Hütten

Overtourism ist im Berchtesgadener Land wahrlich kein Fremdwort, nicht einmal in der Pandemie. Und so strömen die Besucher, darunter zahlreiche indische und japanische Touristen, an diesem sonnigen Herbstwochenende wieder nach Berchtesgaden, an den Königssee und auf den Obersalzberg. We do Europe in two weeks. Für viele, sehr viele gehört offenbar auch historischer Grusel in Hitlers protzigem „Adlerhorst“, dem Kehlsteinhaus, dazu. Sogar eine Corona-Teststation ist dort oben in Betrieb.

Unmittelbar an den Nationalpark Berchtesgaden grenzt das Saalachtal im österreichischen Pinzgau und in seinem nördlichsten Winkel liegt die Gemeinde Unken nahe dem Grenzübergang Steinpass.

In der einzigen Bäckerei des Orts hat man seit Monaten kaum mehr Touristen gesehen. Inder? Japaner? Schon gar nicht. Jetzt fragen wir uns, weshalb man eine Nazigeisterstunde am Obersalzberg verschwenden muss, wenn man doch die Kultur dieser Landschaft im Unkner Regionalmuseum Kalchofengut viel besser erfasst? Also, auf geht’s ins Saalachtal statt auf den unheilvollen Hitler-Hügel!

Heute gibt es Wassermusik, sagt der Kustos Sepp Auer am Sonntagnachmittag und schmunzelt. Aber nicht von Händel. Am Haus wurde der Wasserlauf aus dem Brunnen über eine Rinne unterhalb der Dachtraufe umgeleitet und plätschert schließlich malerisch in einen Trog hinab.

Vor dieser Klangkulisse tönen die italienischen Partisanenlieder, die Jazzmusikerin Nane Frühstückl und Helmar Hill am Akkordeon gerade vortragen, noch spritziger. Ihr Auftritt dient quasi als Schlussakkord der „Bach“-Konzerte im Saalachtal –  ein Festival der besonderen Art, denn die Spielorte liegen „am Bach, am See, am Brunnen, am Wasserfall, im Kneippbad und wo es sonst noch sprudelt und fließt“.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Kalchofengut 1498. Vor 10 Jahren hat Sepp Auer das Museum übernommen und behutsam umgebaut. Jetzt gibt es etwa einen modernen Medienraum. Die Substanz dieses typischen Beispiels eines Mitterpinzgauer Einhofs ließ er freilich unberührt, so glänzt die uralte Rußschicht in der Rauchkuchl herrlich fettig wie eh und je. In der Schönkammer stapeln sich Stickereien, Klöppelspitze, handgewebtes Leinen. Und in der Sakralkammer ist ein Kreuzwegzyklus mit einer raren 15. Station zu bewundern – die bildliche Darstellung der Kreuzauffindung durch die heilige Helena.

Ein besonders zauberhaftes Museumsexponat wurde vom Kustos, der auf ein langes Berufsleben als Schreiner zurückblickt, in dreimonatiger Tüftelarbeit manuell gefertigt: das Diorama eines stattlichen Unkner Bauernhofs samt Nebengebäuden in ihrer Almlandschaft.

Verständnis für bäuerliches Rebellentum gegen die Obrigkeit suggeriert die aktuelle Wechselausstellung „Wilderei – Not und Leidenschaft“. Hier trifft man auf: Mena. Diese äußerst wehrhafte Wildschützin aus den 1930er Jahren versteckte eine erlegte Gams gerne unter den Latschenzapfen in ihrem Buckelkorb und ihre Büchse unter dem Kittel.

Nicht auszudenken, wäre sie derart ausgerüstet in das sogenannte Führersperrgebiet am Obersalzberg vorgedrungen und hätte mit einem beherzten Einsatz ihrer Flinte dem Spuk ein Ende bereitet. Dann würden die Touristen aus nah und fern heute nicht (nur) zu Hitlers ehemaligem Feriendomizil strömen, sondern nach Unken.

Fotos und Text © Alexandra González

Nur noch bis 3. Oktober 2021 ist das Regionalmuseum Kalchofengut geöffnet, dann wieder im nächsten Sommer – oder nach Vereinbarung.

http://www.kalchofengut.at

https://www.obersalzberg.de/home

Schöner sterben

Tote Bauwerke sind, solange sie gut aussehen, besser als jedes hässliche neue Archi-Nichts. Davon lebt der traumschöne Ski-Ort Bad Gastein im Salzburger Land prächtig. Berliner und andere westliche Hipster, Moskauer und andere östliche Oligarchen streifen seit Jahren wonnevoll durch eine Wintermärchen-Topografie aus kaiserlichen Kurparks, Wasserfällen und verlassenen Grand Hotels.

David Schalko ist bekannt als Braumeister österreichischer Gegenwartsdramen, in Bild und Schrift. Er legt nach der TV-Serie Braunschlag und dem Film Aufschneider mit Josef Hader jetzt Bad Regina vor – seinen dritten Roman. Der Ortsname ist erfunden, aber die Blaupause für die präzis aus Heilwasser, Zaubersanatorium, brutalistischem Kongresszentrum, Casino und Partymeile zusammengeprintete Touri-Idylle glaubt man zu kennen. In Schalkos literarischer Handlung sind zunächst die Architekturen die Stars. Der zarte Glamour ihres Verfalls puderzuckert eine Dorfwelt unter feschen Alpengipfeln. Nach und nach nimmt allerdings ein beachtliches Österreich-Bashing Fahrt auf.

„Der Österreicher war schon Nationalsozialist, bevor Hitler kam. In Österreich ist jeder ein Nazi. Acht Millionen Einzelfälle“, sagt einmal unvermittelt, aber geschliffen, der Intellektuelle unter den Dörflern. Auch sonst werden – im Gasthaus – immer wieder posttraumatische Bewirtungs-Störungen hinausgedonnert. Das ist der Schalko-Sound. Dazu wird eine Reihe ziemlich kaputter Ösi-Existenzen kredenzt. Monströs bösartige Scheinriesen. Oder unterwürfige Angsthasen, die sich zu allem zu klein fühlen. Das frühere Sex-Sekten-Mitglied Selma. Die irre alte Zesch. Der Vamp des Kaffs, Gerda. Ein frustrierter Ex-Clubbesitzer, Othmar, der mit dem Bürgermeister Heimo, dem abgetakelten Adligen Wegenstein und vierzig anderen letzten Bewohnern der Fast-Geisterstadt tief im Felsgestein Seltsames erlebt. Genüsslich fuhrwerkt der Autor in diesem Setting herum und lässt seine Personnage – als Trauma-Raumschiff Österreich – durch Bad Regina irren. Über einen „Chinesen“, der nach und nach alle Häuser aufkauft, dringen dann aktuelle Zukunftsängste herein. Was will der böse Fremde nur?

Ist das wirklich ein Roman?, fragt sich der Leser zuweilen, wenn der Text wie beiläufig Aphorismen ausspuckt, die nach Serien-Cliffhangers klingen. Oder wenn der Schriftsteller nahtlos Kammerspiel-Dialoge à la Burgtheater in die Prosa streut. Hasst Schalko seine Heimat? Möchte er der nächste Thomas Bernhard werden? Ist er es schon? Am kurzweiligsten liest sich Bad Regina überall da, wo mit schickem Namenszauber die Leser und Themen von heute abgeholt werden. Es gibt das Hotel Waldhaus, das Beisel Luziwuzi, den tief im Unterbewusstsein weiter rumorenden 90er-Jahre-Felsenclub Kraken, den gedächtnislos dahinvegetierenden Ex-DJ Alpha X aus Manchester und einen Dorfpolizisten, der den Transvestiten Petzi liebt. Skurril.

An manchen Stellen ist das 400-Seiten-Werk etwas langatmig, da wird zu genau erklärt, es treten zu viele Charaktere mit Eigenheiten auf, die man längst vergessen hat, wenn sie das nächste Mal auftauchen. Dann stockt das Lesevergnügen etwas. Aber der Roman findet ein feines Ende, in dem stimmig und in eleganter Sprache alles aufgelöst wird. Am besten ist es, sich vorzustellen, dass Schalko hier eigentlich gleich ein Filmskript vorgelegt hat. Der Regisseur Wes Anderson mag 2014 im oscarprämierten Arthousefilm Grand Budapest Hotel schon die zauberschönsten Bilder aller Zeiten für den Kult des aparten Verfalls gefunden haben.

Aber sei´s drum. Jetzt will man so schnell wie möglich den abgründigen Humor der grotesken Dorfkamarilla aus Bad Regina auf einem Bildschirm sehen.         Text und Foto:  Alexander Hosch

David Schalko, Bad Regina, 2021 (3. Auflage), Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05330-2, 24 Euro.

Kulturalpinwelt!

Schon öfter haben wir bei Alpine Kultur über neue Schutzhütten, Bücher oder Ausstellungen des Deutschen Alpenvereins berichtet. Jetzt ist es einmal umgekehrt: Die Redaktion der alpinwelt, Vierteljahresschrift der Sektionen München & Oberland des DAV, hat uns gebeten, zur Herbstausgabe 2020 einen Text über den Stilwandel in der alpinen Architektur beizutragen. Alexander Hoschs Essay beschäftigt sich unter anderem mit Umnutzungen, mit kleinformatigen Wohnarchitekturen und mit Aspekten der Nachhaltigkeit und Langlebigkeit des neueren Bauens in den Bergen. Außerdem geht es darum, wie man etwa Retrobauten der 1970-er-Jahre unter den Gipfeln klug wiederverwenden kann. Und wie zwischen Steinriesen, Hügeln, Wäldern und Wiesen Flächenfraß und Monsterstadelei zu vermeiden sind. Unsere Bilder zeigen, von oben nach unten, die Hüttentürme des Hotels Tannerhof in Bayrischzell (Architekt Florian Nagler) von 2011, das Cover der aktuellen alpinwelt, die Kapelle Salgenreute (2017) in Krumbach, Vorarlberg (Architekt Bernardo Bader) und die Frühstücks-Kugel von 1972 inmitten des Tauerngebirges, oberhalb von Sportgastein am Liftende des Gebiets Ski Amadé (Architekt Gerhard Garstenauer).                          

Fotos: Alexander Hosch

Die alpinwelt gibt es nicht am Kiosk. DAV-Mitglieder bekommen sie zugeschickt. Sie liegt außerdem in zahlreichen Sportfach- und Klettergeschäften in und rund um München kostenlos aus. Oder Link zum Download des Heftes anklicken: www.alpenverein-muenchen-oberland.de .                          

Nach der Gaudi

Mit dem Auge eines Kabarettisten macht sich Lois Hechenblaikner immer wieder nach Ischgl auf: Um in den Schifahrermonaten den Ort und seine Spaßfolterexzesse zu dokumentieren. Seit 26 Jahren. Da tun sich ein paar Fragen auf:  Ist der Fotograf, was Musik und Ästhetik angeht, vielleicht selbst Masochist? Oder locken dort im Verborgenen die Fifty Shades of White? Die Antwort ist einfacher und komplizierter zugleich: „So etwas muss eine Einschreibung auf der Seelenlandschaft sein, sonst tust du dir das nicht an“, sagte der Tiroler gerade zur SZ und begründete seinen Zwang biografisch: Er sei – im Alpbachtal – selbst als Sohn einer Gastwirtsfamilie aufgewachsen.

Jetzt hat die Coronakrise das eigentlich multiple Problemphänomen der Après-Skistadelwelten auf ein einziges Stichwort reduziert, das inzwischen schon wie eine Diagnose klingt: Ischgl. Behördenversagen und Leichtfertigkeit sorgten für die Sofort-Ansteckung von Skifahrern aus aller Welt mit Covid-19 und für katastrophale Presse überall. Ein Vertrauensschock, von dem sich der Ort so schnell nicht erholen wird.

Nun ist gerade Hechenblaikners gleichnamiger Fotoband erschienen,  – wie die Vorgänger “Volksmusik” und „Winter Wonderland“ beim Steidl Verlag. Der Fotograf konnte dafür aus 9000 Ischgl-Fotos wählen. Stilistisch ist er mit seiner Leica meist in den Spuren der anekdotischen und der dokumentarischen Pressefotografie des 20. Jahrhunderts unterwegs. Zeigen, was ist. Das klingt altmodisch, ist aber ein großes Kompliment. Weil der Tiroler nicht wie andere das tun, bereitwillig auf das Stilmittel der Ironie verzichtet – nur weil das neuerdings bei manchen als politisch unkorrekt gilt. Hechenblaikner urteilt mit jedem Bild. Die Fotos sind laut, der Inhalt kann grob und hässlich sein. Das Werk aber ist gut und subtil. Der Betrachter kann das heftige Urteil teilen. Oder lieber den perfekten Bildaufbau bewundern.

So durchdringt ein schaurigschöner Charme des Schrecklichen das Buch und alle seine Fotos von Betrunkenen und anderweitig Enthemmten. Jodelsuff, Trachtenexzesse und chauvinistische T-Shirt-Botschaften bevölkern darin die Tränken vor den Monsterpensionen, deren Gesamtheit Hechenblaikner neulich  – Stephen King lässt grüßen – in einem TV-Beitrag ein „alpines Shining“ genannt hat. Als Ästhet weiß er genau, wie gut den Schlechtwetter-Kompositionen des ewigen Graubraun, Grün und Weiß der Berge im Bild manchmal die grellen Farben der Bierträger, Anoraks oder in Vitrinen geparkten Luxusautos tun. Das macht er sich auf seiner Spurensuche zunutze. Nur für einzelne Aufnahmen holt er Optiken oder Techniken der Becher-Schüler zu Hilfe, wobei diese explizit künstlerischen Fotos mit ihrer Maximalästhetik eher als Thementrenner und wie vegane Beilagen wirken. Das Beef aber kommt blutig.

Bleibt eine Frage: Geht´s nächsten Winter in Ischgl wieder genau so weiter? Keiner weiß es. Fest steht nur, dass garantiert der Fotograf wieder kommen wird. Ein sehr gutes, ein wahrhaftiges Buch.

Text: Alexander Hosch

 

Lois Hechenblaikner: Ischgl, 2020, Steidl Verlag, 224 Seiten. Fotoband mit einem Essay von Stefan Gmünder. ISBN 978-3-95829-790-6,  34 Euro.

Auf den Gipfeln der Moderne

Bis zu acht Personen bietet Charlotte Perriands “Tonneau”-Hütte Unterschlupf. Entwurf von 1938, realisiert 2012

Spätentschlossene haben nur noch wenige Tage Zeit, um im TGV nach Paris zu sausen und sich in der Ausstellung “Charlotte Perriand: Inventing a New World” (Fondation Louis Vuitton; bis 24. Februar 2020) von einer Pionierin der modernen Alltagswelt den Kopf verdrehen zu lassen.

L’ Art de vivre?  Hat diese Stilikone komplett umdefiniert. Erdenschweres wird bei ihr federleicht, Kantiges geschmeidig, Kühles wohlig warm, Eckiges passt ins Runde. Und im Mittelpunkt steht immer der Mensch.

Mit ihren Savoyer Wurzeln trug die weltläufige Architektin und Designerin die Alpen im Herzen. Ihre Passion für das Skifahren und Bergsteigen spiegelt sich in etlichen in der Retrospektive aufgefädelten Projekten wieder und trieb sie an den Wochenenden regelmäßig aus dem Pariser Atelier: “Wir brachen freitagabends zum Jura oder in die Alpen auf und kehrten montagmorgens in das Atelier zurück, nicht immer in guter Verfassung, aber glücklich.”

Modell des Ski-Resorts Les Arcs. Fotoprojektion: Die zur offenen Landschaft hin ausgerichtete Apartmentanlage

Schirm oder Karussell? Dachkonstruktion der “Tonneau”-Schutzhütte

Perriand plante für eine Dutzend Menschen ebenso virtuos wie für Abertausende. So präsentiert diese Schau ihre in der Konstruktion an ein Karussell erinnernde “Tonneau”-Schutzhütte, die 1938 entworfen und 2012 von Cassina realisiert wurde – ebenso wie die französische Skistation Les Arcs (1967-1989). Den Massentourismus domestizierte Perriand, indem sie die lichtdurchfluteten Apartmenthäuser bogenförmig in die Landschaft integrierte und von jeder der zahlreichen Wohneinheiten einen unverstellten Blick in die Berge ermöglichte.

Übrigens, eine Handvoll Personen würde ausreichen, um die Refuges im Nu aufzubauen. Selbstverständlich packte Charlotte Perriand immer mit an (Foto unten).

Text und Fotos © Alexandra González

www.fondationlouisvuitton.fr/en/exhibitions/exhibition/charlotte-perriand.html

 

Neues von der Wolkenschieberbande

Villa S. mit lokaltypischem Salettl, Millstätter See in Kärnten, 2006.          Foto:   Alexander Hosch

„Wolke“ heißen alle ihre Entwürfe seit dem Gründungsjahr 1968. Damals und ungefähr bis 1995 aber nummerierte das Architekturbüro coop Himmelb(l)au erst einmal nur Kunstaktionen, Skulpturen, Cafés, Bars oder kleine Pavillons durch. Mittlerweile reicht der Wolkengürtel rund um die Welt – von Aalborg in Dänemark und Lyon in Frankreich bis Dalian oder Shenzhen in China, Busan in Südkorea und Los Angeles in den USA. Und er umfasst Großprojekte: Museen, Opern, die BMW Welt, Banken, Hochschulen.

Diese aktuellen Ikonen kommen alle vor in der neuen Filmdokumentation von Mathias Frick über die Architekten. Dennoch geht es vor allem zurück: nach Österreich, wo die Geschichte von coop Himmelb(l)au anfing und wo Wolf D. Prix, der unumschränkte Matador des Büros, beeinflusst unter anderem von Keith Richards´ Gitarrenriffs, seit 50 Jahren gegen Bürokratie und Architekturfolklore kämpft. Gegen den Wiener Barock kämpfte er anfangs auch. Doch wenn man genau hinschaut: Ist der – in seiner zeitgenössischer Gestalt – nicht längst ein genuiner Teil der himmelblauen Architektur?

Details der Villa S. (o. und r.). Unten Wolf D. Prix im Salettl. Fotos: Alexander Hosch

 

„Architektur muss brennen“ zitiert im Titel ein frühes, radikales Prix-Gedicht. Der Film hat im Zentrum heitere und melancholische Interviewausschnitte mit Prix. Im Büro in der Spengergasse im 5. Wiener Bezirk Margareten. Im Haus Soravia am Millstätter See, das in Kärnten liegt, aber fast wie eine Tropenvilla aussieht. Oder im verlassenen, teilrestaurierten Elternhaus an der slowakischen Grenze, wo Prix in Hainburg einst als Sohn eines Architekten aufgewachsen ist und 2011 die Martin-Luther-Kirche gebaut hat. Der befreundete Bildhauer Erwin Wurm kommt in der Dokumentation zu Wort, ein Wissenschaftler, Architekturjournalisten. Einmal sieht man den jungen Prix für ein frühes Kunsthappening in einer durchsichtigen Wolke durch Wien laufen. Das einzige Schweizer Vorhaben, das für die Expo 2002 auf- und später leider wieder abgebaute Arteplage-Projekt auf dem Bieler See, erhält prominent Raum. Eine andere Szene zeigt den legendären Flammenflügel von 1980 auf dem Steirischen Herbst in Graz. Dabei entsteht in der Summe der Eindruck, dass all die kleinen Projekte in der oder rund um die Alpenrepublik – wie das Alban-Berg-Denkmal, das 2016 vor der Wiener Staatsoper aufgestellt wurde – dem Schöpfer Prix persönlich womöglich wichtiger sind als all die Weltarchitekturen der letzten Jahre.

Martin-Luther-Kirche in Hainburg, 2011.              Foto:  Sabine Berthold

Prix erzählt: Über das Zeichnen der Projekte aus dem Unbewussten heraus. Über die wiederkehrenden Motive – Kegel, Türme, Rampen, Treppen ins Nichts. Er verrät auch, wo sie herkommen – etwa aus der Inspiration einer Förderanlage in Hainburg an der Donau. Der zweite coop-Gründer, Helmut Swiczinski, ist in dem Film im Geiste immer dabei. Obwohl er längst ausgestiegen ist, weil er – so Prix´ Erklärung – das Wachsen der Projekte und des Büros nicht schätzte. Man merkt, wie leid Prix das immer noch tut, und wie wichtig ihm der Zauber des Anfangs ist. Aber es ist auch gut, dass coop Himmelb(l)au die institutionellen Aufträge für das Musée des Confluences in Lyon und die Europäische Zentralbank in Frankfurt durchgezogen haben, trotz gewisser Einschränkungen durch die Bauherren oder die technische Überwachung. Warum sollte man den so erfolgreichen, aber oft auch so langweiligen Problemlösern in der Architektur auch noch die letzten zwei Prozent der Projekte in der Baukunst überlassen? Die Nähe des Büros coop Himmelb(l)au zur Kunst war lange Zeit eine Bürde, ehe sie sich doch noch als Glücksfall für die Architekten erwies (und für die Architektur). Bis 2000 bauten sie so gut wie nichts. Danach ging der Erfolg der Vollstrecker von Phantasie auf der Baustelle durch die Wolken.

Text:  Alexander Hosch

“Architektur muss brennen. Wolf D. Prix und coop Himmelb(l)au”, Film von Mathias Frick, navigator film/hook film, DVD, 56 Minuten, 2019, www.navigatorfilm.com

www.coop-himmelblau.at

Die Villa S. wird auf 8 Seiten mit Text, Bildern, Plänen und Schnitten auch in meinem Bildband vorgestellt, der die weltweit besten Villen der beginnenden 2000-er Jahre zeigt: Traumhäuser am Wasser, Alexander Hosch, Callwey Verlag, 2012, ISDN 9783766719775, www.callwey.de.

Eis und Weiß

Klimazeugen von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Der Autor, Polarforscher und Glaziologe Gernot Patzelt hält den Lügnern und den Leugnern und der menschengemachten Naturzerstörung jetzt die Gletscher selbst entgegen. Mit ihrer Geschichte, mit ihrer Gestalt, mit diesem nagelneuen Buch.

Dabei geht es hier erst einmal um die reine Schönheit. Denn die Bilder, mit denen Patzelt hauptsächlich arbeitet, sind faszinierende alte Aquarelle und Tuschezeichnungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Caspar Wolf, Jean-Antoine Linck und Samuel Birmann, Thomas Ender und Ferdinand Runk rückten den großen Gletschern Europas wie der Pasterze am Großglockner, den Eiswüsten Bossons und Mer de Glace unter dem Mont Blanc sowie dem Grindelwaldgletscher zuerst mit Seilen und Steigeisen, vor Ort dann auch mit Pinseln und Tuschfedern zuleibe. Vor allem die hochattraktiven Arbeiten der beiden Letzteren, sie waren Kammermaler des österreichischen Erzherzogs Johann, geben diesem neuen Werk sein Gesicht. Der Erzherzog schickte Anfang des 19. Jahrhunderts immer wieder Abordnungen los, um eine Bestandsaufnahme seines Territoriums mit diesen wundervollen Naturerscheinungen zeichnen zu lassen. So wurden aus Zeichnern und Landschaftsmalern fast automatisch nebenbei auch Forscher, Dokumentare, Chronisten. Denn so gut wie niemand sonst wagte sich in dieser Zeit, in der die abergläubischen Menschen im ewigen Eis die Begegnung mit Mary Shelleys Frankenstein oder anderen Dämonen fürchteten, in diese Höhen.

Patzelt, emeritierter Geografie-Professor der Universität Innsbruck, konfrontiert die Wasserfarbenbilder aus der Zeit, in der Europas Gletscher ihre maximale Ausdehnung erreichten, mit aktuellen Fotografien ihrer kläglichen Reste. Er ergänzt sein Werk um zahlreiche wissenschaftliche Daten und Fakten der letzten 50.000 Jahre, um Diagramme und Statistiken. So ist ein vielfach lohnendes Monument entstanden – schön, klug und wissenschaftlich, geschmückt von vielen doppelseitigen Ansichten. Wenigstens während man dieses vor wenigen Tagen neu erschienene Buch durchblättert und ansieht, herrscht Eiszeit für dummes Gezwitscher und Gequassel.

Text: Alexander Hosch

Unsere Abbildungen zeigen österreichische Landschaften in den Ostalpen: Gletscher über dem Gasteinertal, am Großvenediger und am Großglockner. Die originalen Aquarelle und Tuschebilder von Thomas Ender und Ferdinand Runk entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Gletscher. Klimazeugen von der Eiszeit bis zur Gegenwart“, von Gernot Patzelt, Hatje Cantz, ISDN 978-3-7757-4535-2, 52 Euro. www.hatjecantz.de

Raumwunderland

In den letzten Monaten haben mein Blog-Kollege Alexander und ich unsere Köpfe ungewöhnlich selten zusammengesteckt. Dies lag ein wenig daran, dass er sich in ein weiteres seiner Buchprojekte vergraben hatte. Nun ist “Winzig alpin” endlich erschienen: Alexanders handliches Kompedium der hoch oben gelegenen Tiny Houses, Almhütten, Baum- und Bushäusschen, Refugien, Konzertboxen etc. im Mini-Format.

Von meinem Kompagnon darf man hochinformative, gründlich recherchierte Texte mit einem gewissen Twist erwarten wie auch architektonische Entdeckungen. Wer kennt schon Raniero Campigottos Starlight Room in den Dolomiten, ein nur elf Quadratmeter messendes gläsernes Hotelzimmer unter den Sternen, das sich um seine eigene Achse dreht? Und wer ist zu Marcel Breuers Skifahrer-Kapelle in Flaine, Haute Savoie gepilgert, seit sie 2014 saniert wurde? Sabine Berthold – Dritte in unserer Alpine-Kultur-Combo – lässt sie mit ihren tollen Fotografien naherücken.

Natürlich haben es mir vor allem die Kunst-Stationen in diesem Buch angetan. Allen voran James Turrells Skyspace am Engadiner Piz Uter, wo täglich in einem subtilen Lichtspektakel die Dämmerung transzendiert wird. Gerne würde ich auch einmal in das verrückt-luftige, durch die Schweiz vagabundierende Null Stern Hotel der Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin einchecken. Es besteht aus kaum mehr als einer einzigen Wand, einem Doppelbett, Nachttischlein, Lampe und einem alten Röhrenfernseher, der Witze aus der Region ausstrahlt und dem Housekeeping zur Kommunikation dient.

Wir allen wissen, zu welchem Rummelplatz die Alpen in den letzten Dekaden verkommen sind. So ist das womöglich die schönste Botschaft dieser Publikation: Es gibt sie noch, die widerspenstigen Bauherren, die diesem Wahnsinn mit nachhaltig konzipierten, fantasievollen Raumwundern entgegensteuern.

Alexandra González

Alexander Hosch, “Winzig alpin. Innovative Architektur im Mini-Format”, DVA, 224 Seiten mit 230 Farbabbildungen, Hardcover, 17,0 x 17,0 cm, € 30,00 [D] / € 30,90 [A] / CHF 41,50, ISBN 978-3-421-04093-0

Bildnachweis: bureau A, Hotel Castell, Alexander Hosch, Atelier für Sonderaufgaben

 

Wild at heart

Frankreich, Lavandou: Menschen; Erika Mann im Liegestuhl. 1933. Foto von Annemarie Schwarzenbach

Sie war befreundet mit Klaus und Erika Mann, mit Therese Giehse, Carson McCullers, der Rennfahrerin Maud Thyssen, doch ihre Modernität stellt alle in den Schatten. Diese Frau hatte vor nichts Angst – außer vor dem Stillstand.

Annemarie Schwarzenbach, androgyn, schön, reich, rumpelte im schicken Ford-Cabriolet über die Schotterpisten des Mittleren Ostens, streifte durch den von Armut geprägten Baumwollgürtel der USA und drang immer tiefer ein in Afrikas Herz der Finsternis, den Kongo. Nicht aus reiner Abenteuerlust, sondern mit einem sozialen und politischen Gewissen als Motor.

Irak, Ukhaidar. Karteikarte: Festung; Auto von Annemarie Schwarzenbach. 1933

In ihren Reisefeuilletons ist sie an den Menschen ebenso nahe dran wie an den Landschaften. Wenn es für die Schriftstellerin, Reporterin, Fotografin, Antifaschistin und Morphinistin überhaupt einen Ruhepol gab, so war er das Engadin, ihre Wahlheimat. Und wer sich heute in Sils mit einem Buch dieser rasend progressiven Gestalt blicken lässt, wird womöglich schnell Freundschaften schließen.

Sils ist Endstation. Das Glitzern der Vergnügungssüchtigen in St. Moritz weit weg. An den Rand des Hochplateaus kommt nur der, der wirklich her möchte. Hier endete am 15. November 1942 das irrlichternde Leben der am 23. Mai 1908 in Zürich geborenen Industriellentochter. Erst 1987 setzte der Wirbel um die nach ihrem Tod bald völlig in Vergessenheit geratene, in keinem Literaturlexikon erwähnte Autorin ein. Sie wurde wiederentdeckt als feministische Galionsfigur, die unter persischen Turkmenen campierte und im Kohlerevier bei Pittsburgh recherchierte, während die Frauen zu Hause nicht einmal an die Wahlurnen durften. Erst im vergangenen November hat das Schweizerische Literaturarchiv, das Schwarzenbachs Nachlass pflegt, mehr als 3000 ihrer Fotografien auf Wikimedia Commons online gestellt: überwiegend Reisebilder aus vier Kontinenten, viele private Schnappschüsse ihrer Bohème-Freunde.

Heute taugt Annemarie Schwarzenbach zur Kultfigur. Auch zum Urbild einer Pop-Heroine. War Andy Warhols Mondgöttin Nico, die Sängerin von Velvet Underground, nicht ihre Wiedergängerin? Düsteres Charisma, surrealistische Klagelieder, den Drogen bereitwillig geopferte Schönheit. Dieser schwarze Stern. Geboren vor 110 Jahren.

Text: Alexandra González

Fotos: Sammy Hart und Annemarie Schwarzenbach https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:CH-NB-Annemarie_Schwarzenbach

 

Alpenwildschön

Isel, Soca, Ammer, Lech, Drôme – die haben was gemeinsam. Sie sind unter den letzten wilden Flüsse in den Alpen, mäandern streckenweise noch natürlich, unbegradigt, ohne Beton. Sie entsprechen dem Klischee, das wir uns von einer Fluss-Architektur der Natur erträumen, aber zu selten vorfinden, da sich immerzu alles nach der Wasserwirtschaft, der Energiewirtschaft, der Landwirtschaft oder anderen Erwerbswirtschaften richten muss. Die neue Sonderausstellung „gerade wild. Alpenflüsse“ im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins in München – übrigens direkt an dem in den letzten Jahren quasi wieder „ausgewilderten“ Fluss Isar gelegen – erklärt mit einem Papierrollendesign und ein paar Zahlen und Fotos Erschreckendes: Nämlich, dass Europas Flüsse lediglich im ein(!)stelligen Prozentbereich ökologisch gesund sind. Ist das Fluss-Kultur?

 

Da denken wir gleich voller Hoffnung an den Tagliamento in Nordostitalien, mit reichlich Auenland, den letzten Wildfluss seiner Art in  Mitteleuropa. Innerhalb eines Tages kann er anschwellen von 30 Meter Breite auf 1000 – das ist 1 Kilometer… Auch erschreckend, ja. Andererseits sind seine Biodiversität und Dynamik enorm. Aber die anderen: Wie richten wir das wieder? Alle Alpenflüsse, ausnahmslos, sind bedroht – durch Pumpenspeicherkraftwerke etc.  Wann kümmern wir uns darum?      Text und Fotos: Alexander Hosch

Bis 17. März 2019