Spielte das hochalpine Österreich vor 95 Jahren etwa eine Rolle für die weltberühmten Möbel und Bauten von Charlotte Perriand? Genau das
wollten wir Trüffelsucher von der Alpinen Kultur gern letzte Woche von zwei Superspezialisten hören: Von der Tochter Pernette Perriand-Barsac (Foto) und ihrem Ehemann Jacques Barsac, die in Paris die Archives Charlotte Perriand leiten. Nun, vielleicht eine kleine Rolle! „Sicher ist nur“, so die beiden auf unsere Frage, „dass Charlotte schon in den 1930er Jahren in den Nachtzug von Paris
nach Sankt Anton stieg, um dort mit ihren Ski die Weihnachtsferien zu verbringen“. Das ist doch ein Grund mehr für alle Alpen- und Kulturfreunde, einen Blick in die frisch eröffnete neue Ausstellung zu werfen, die jetzt unter dem Titel „Charlotte Perriand. Moderne leben – Design, Fotografie, Architektur“ im Museum der Moderne in Salzburg auf dem Mönchsberg gastiert. Sie lässt das Werk der bedeutenden Gestalterin (1903 bis 1999) extrem aktuell erscheinen.
Im Vordergrund der Schau, die in Teilen schon in Krefeld zu sehen war und noch zur Fundaçió Joan Miró in Barcelona weiterzieht, steht die Epoche zwischen etwa 1927 und 1945. Perriand arbeitete bis 1937 im Pariser Office des
Stararchitekten Le Corbusier an den kühlen, funktionalistischen Metallmöbeln, die bis heute mit großem Erfolg von der italienischen Firma Cassina produziert werden. In den – ebenfalls in Salzburg reich präsentierten – Jahren danach entwarf die naturbegeisterte Gestalterin erste Hocker und Stühle aus Holz (rechts) nach dem Vorbild alpiner Bauernmöbel, die sie vor allem aus Savoyen kannte und aus Yenne bei Grenoble, wo ihre Großeltern lebten. Solche rustikalen Melkschemel und Dreibeinstühle stellten für sie den Inbegriff eines Lebens im Einklang mit der Natur dar, wie sie selbst es in ihrer Freizeit führte. Josep Lluís Sert, ein Kollege bei Le Corbusier, kannte Charlotte Perriand gut und schrieb 1956: „Sie liebt die Volksarchitektur und bäuerliche Einrichtung, weil sie die Menschen liebt und kennt. Diese Volksarchitektur ist das Gegenteil von dem, was gefragt ist; sie ist normal, menschlich und hat eine ganz eigene Schönheit. Sie kommt nicht so schnell aus der Mode wie unsere Stilobjekte“. Weitere Teile ihrer ersten
österreichischen Retrospektive widmen sich Perriands Natur- und Sachfotografie, die sie früh in Ausstellungen und Artikel integrierte, sowie ihrem Exil in Japan. Die bekennende Kommunistin verbrachte ab 1940 sechs Jahre im Fernen Osten, wo sie Gestaltungsaufträge des japanischen Handelsministeriums bekam und minimalistische Möbel aus Bambus und Holz (im Bild die Chaiselongue basculante) entwarf.
Das aufsehenerregendste Exponat in Salzburg ist aber zweifellos der Nachbau einer hochalpinen Schutzhütte auf der Basis von Originalplänen durch Studierende der TU München und der Fachhochschule Salzburg. 1937
präsentierte sie das leichtgewichtige Refuge Bivouac auf der Pariser Weltausstellung am Ufer der Seine. In den Wintermonaten 1938/39 wurde es dann, nicht allzuweit von Chamonix und Mont Blanc entfernt, auf dem Sattel des Mont Joly unter Realbedingungen erprobt. Perriand hatte die vorgefertigte Biwakschachtel aus Holz, Aluminium, Seilverspannungen und einem Rahmengestell aus Befestigungsrohren zusammen mit Freunden dort selbst in 2200 Meter Höhe aufgebaut. Es
war die frühe Version eines Tiny House – mit viel Stauraum, einem Tisch und mehreren flachen Sitz-Truhen, ausgedacht als Schlaf- und Ruheplatz für bis zu zehn Bergsteiger oder Skifahrer, die auf dem Weg zum Gipfel pausieren wollten. Perriand hatte bei eigenen Erkundungen genau solche Schutzbauten immer wieder vermisst. Man erkennt in Salzburg jetzt in dem fast 90 Jahre alten Entwurf, dessen Bestandteile nur 40 Kilo wiegen, eine starke Aktualität, auch die extreme Expertise und das Gespür der Schöpferin. Der begehbare Nachbau des Refuge Bivouac, 2025 aus Kiefernsperrholz und Aluminium gefertigt, ist zur Zeit der Mittelpunkt der Ausstellung. Er soll nach der Ausstellung in Salzburg bleiben. Wo genau, steht noch nicht fest, sagte uns Museumsdirektor Harald Krejci.
Charlotte Perriand schaffte es als eine der ganz wenigen Frauen, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit bedeutsamen Beiträgen in die
Gestaltungsgeschichte einzugehen. In Salzburg steht dafür maßgeblich ein von ihr einst geschaffener und nun von Cassina initiierter Modellraum mit ihren Möbelentwürfen für das Architekturbüro von Le Corbusier. Die Reinterpretiation einer Wohnung aus Küche, Bad, Schlafraum und Salon mitsamt Mobiliar, Leuchten, Stoffen erweckt ein Originalenvironment vom Pariser Herbstsalon des Jahres 1929 zum Leben. Die Möbel in diesem Raum (die meisten sind Reeditionen) dürfen von den Besuchern der Salzburger Schau ausprobiert werden. In einem weiteren Lern-Raum können Sessel mit verschiedenen Oberflächen
(Wellpappe, Baumwolle, Leder) getestet und bewertet werden. Andere Highlights der Ausstellung sind Perriands modulare Aufbewahrungsmöbel, die sie aus fernöstlichen Traditionen weiterentwickelte (unten bunte Regalstützen), ihre Zeichnungen von Wurzeln, Hölzern, Tierknochen und Steinen sowie Gemälde des kubistischen Malers Fernand Léger, der in der Zwischenkriegszeit ein enger Freund und Mitstreiter war.
Charlotte Perriand, Absolventin der Pariser Union Centrale des Arts Décoratifs, führte ein Leben, das einerseits eng mit dem Glamour der 1920er Jahre verbunden war. Kaum 25-jährig entwarf sie als Partnerin Le Corbusiers die wichtigsten der eleganten Möbel aus Leder und Metall für dessen schon damals weltbewegende Gebäude. Zugleich war sie in ihrer Freizeit stets eng mit der Natur, dem einfachen Leben und ganz normalen Leuten verbunden. Viele Wochenenden im Jahr bereiste sie die Alpen, um sich vornehmlich im Wallis, in Savoyen oder nahe Grenoble und Annecy als Sportlerin zu betätigen. Das ist die vielleicht wichtigste Lektion dieser Ausstellung: Dass die Adjektive „edel“ und „einfach“ weder in menschlichen noch in gestalterischen Dingen einen Gegensatz darstellen. Wir haben uns in Salzburg, gemäss den Interessen der Alpinen Kultur, natürlich vor allem auf den montanen Wochenendunterschlupf und andere schlichte und humane Aspekte gestürzt. Es gibt aber noch viele andere kleine Aspekte in dieser Schau. Unbedingt hinfahren und entdecken!
Alexander Hosch
„Charlotte Perriand. Moderne leben – Design, Fotografie, Architektur“, Museum der Moderne auf dem Mönchsberg, Salzburg, bis 13.9. 2026; www.museumdermoderne.at
Parallel läuft in Grenoble eine zweite Schau: „Charlotte Perriand. La montagne re-créative“, musée de Grenoble, bis 23. August 2026. Sie zeigt Perriands zwischen 1927 und 1938 realisierte Fotografien vom Gebirge; www.museedegrenoble.fr

Unsere früheren Beiträge über Charlotte Perriand:
Wir von der Alpinen Kultur lieben ja vor allem die Berge. Aber mindestens
gefahren – nach Sanremo. Denn kaum 50 km von unserer Skipiste an der 2755 hohen Rocca dell´Abbisso fängt schon die Blumenriviera an. Auch in Italien laufen nämlich die Südalpen direkt am Mittelmeer aus. Oder besser gesagt: die Ligurischen Alpen! Was das allein schon für ein magischer Name ist.
nach Blüten, Zitrusfrüchten und frischen Kräutern. Am nächsten Morgen stieg auch noch das große Blumenfest, eine Art Privatfasching mit viel Tanz und einer Wagenparade (Fotos oben und ganz unten). Der größte Unterschied der italienischen Riviera zur benachbarten Côte d´Azur ist ja der Blumenwahnsinn – tausende Gewächshäuser scheinen überall die Hügel hochzuklettern, alle Plätze und Lokale sind festlich mit Nelken, Ranunkeln, Strelitzien und Anemonen geschmückt. So wurde die kleine Kurstadt vor 150 Jahren zum Paradies für
Urlauber. Erst kamen aus ganz Europa die Adligen, die Zarin Maria Alexandrowna ließ an der Promenade, die immer noch Corso Imperatrice heißt, sogar die ersten Palmen pflanzen. An diese Zeit erinnern im Zentrum die Zwiebelkuppeln der russisch-orthodoxen Kirche, die noch immer viel eigene Community hat. Drinnen drängeln sich dann die Ikonen. Neben einem prachtvoll mit Murano-Leuchtern und Ornamenten im Liberty Style glänzenden Casino (Foto) ist die kleine, bunte Schwester der Basilius-Kathedrale (Fotos ganz unten) die exzentrische Topsehenswürdigkeit von Sanremo.
Im Frühstücksbereich des neuen Hotel Europa Palace sagte dann als erstes Vico Magistrettis wunderbare Atollo-Tischleuchte aus den Seventies
freundlich „Buon mattino“ zu uns. Da bekamen wir Designaficonados sofort feuchte Augen – und noch viel bessere Laune. Unser nach sechs Jahren Umbau vor nicht allzulanger Zeit wieder eröffnetes Hotel von 1874 verbindet ganz offensichtlich das Beste aus zwei Welten. Der Komfort des fin de siècle trifft auf äußerst erfrischende Kunstwerke und einen Einrichtungs-Look ganz von heute – 
Zwar machen die typischen Bagni oder stabilimenti balneari (Strandbäder) von Sanremo um diese Zeit gerade erst auf. Aber die hartgesottensten Gäste
saßen mit ihrem caffè schon draußen. Und wir schwammen natürlich, zum ersten Mal in diesem Jahr, in freier Natur. Wenn auch nur kurz und arg fröstelnd. Wie kommt es, dass es hier so viel günstiger ist als in Montecarlo oder in französischen Seebädern wie dem nahen Menton? Sanremo jedenfalls, das sagen alle, hat auch noch ebenso viel Charme und Geschichte wie Nizza oder Cannes. Die Franzosen, so sahen wir, shoppen am liebsten Kleidung und Lebensmittel. Nicht wenige verbringen hier auch ihre Ferien.

Panoramaterrasse kostet allerdings ein Vielfaches. Die Interieurs sind mit Holz und dunklem Stahl minimalistisch eingerichtet, überall brilliert das Designkonzept aus filigranen Midcentury-Möbeln sowie Sesseln und Stühlen in verschiedenen
Grüntönen und in Altrosa. Irgendwann während ihres Aufenthalts müssen Urlaubende unbedingt mal ins schicke und pittoreske neue Lokal Babeuf spazieren. Dessen italienische Tapas, am besten mit Anchovis, haben wir in den Altstadtgassen entdeckt. Dazu wird Roséwein aus Dolceacqua gereicht.
Da nehmen wir uns doch gleich vor, auch nächstes Frühjahr wieder unsere Skistation in den ligurischen Alpen ein paar Tage früher zu verlassen – um Ostern gemütlich-elegant am Meer von Sanremo ausklingen zu lassen. Die Heimfahrt wird uns wieder ein Stück durch die französischen Seealpen, und dann über Cuneo, Turin, Mailand und den Gardasee führen. Was für ein Trip! Wirklich nirgendwo lassen sich die letzten Skiferien besser mit dem allerersten Badeurlaub des Jahres verbinden.
Hotel Europa Palace: Doppelzimmer aktuell ab 250 Euro, je nach Saison auch günstiger. Ganzjährig geöffnet; Wellness & Gym, Haustiere bis 25 kg erlaubt
Der Eintritt in die Russisch-Orthodoxe Kirche Cristo Salvatore von 1913 kostet pro Person 1 Euro.
Das Babeuf in der Altstadt von Sanremo, via Palma 20/22, ist auf mediterrane Küche spezialisiert und auf natürliche lokale Weine wie den weißen Vermentino bzw. Rosé oder Rosso aus Dolceacqua. 
Seit langem besitzt Weil am Rhein eines der schönsten Architekturensembles in Europa. Warum? Weil in den letzten 35 Jahren
Der jüngste, gerade erst eingeweihte Pavillon auf der Weiler Architektur-Schaustelle stammt von Balkrishna Doshi. Der Inder hatte, als er 2018 beauftragt wurde, gerade erst den Pritzkerpreis verliehen bekommen, der seit langem als „Architekturnobelpreis“ gilt. 2023 starb er dann – und so wurde das sogenannte Doshi Retreat samt seines Meditationsgartens das letzte Bauwerk, an dem er arbeitete. Die ganze Architekturparade von Weil am Rhein war von Anfang nur aus einem Grund möglich:
Weil Rolf Fehlbaum, der Chef des Möbelherstellers Vitra, sich für die nebenan produzierten Qualitätsmöbel von Ray & Charles Eames, Jean Prouvé, Verner Panton, den Bouroullecs und vielen anderen sowie für seine eigene exquisite Schausammlung moderner Sitzmöbel eine adäquate Umgebung wünschte. Das Doshi Retreat, gleich neben dem fast 40 Jahre alten Bau von Frank M. Gehry für das renommierte Vitra Design Museum gelegen, passt da nun qualitativ extrem gut dazu.
An einem sonnigen Februartag, wie er im Markgräflerland keine Seltenheit ist, erweist sich der neue Pavillon für uns Gäste dann als das erhoffte
Geschenk an alle Sinne. Er entschädigt schon allein dafür, dass man die unweit beginnenden Alpen von hier leider nicht sieht. Nach der Besichtigung des vergleichsweise trubeligen Gehry-Museums laufen wir zum Doshi Retreat nur 100 Meter weiter ums Eck – und werden sogleich von einer ganz anderen, sehr warmen und östlichen Stimmung einfangen. Doshi Retreat wirkt als eine Welt der
Versenkung. Obwohl diese nicht lautlos ist. Betritt man sie, entpuppt sich der doppelte Pfad zum „Kontemplationsraum“ als Parcours der Klänge. Meditative Harmonien dringen aus Bodengittern im roten Sand. Der Architekt und seine Mitstreiter haben dafür rund um einige Bäume, Sitzbänke und Grasinseln ein Wegelabyrinth zwischen rostfarbenen Stahlplatten und verborgenen Lautsprechern angelegt. „Er ließ sich dafür von einem Traum mit zwei verschlungenen Kobras inspirieren“, so seine Enkelin Khushnu Panthaki Hoof, die mit ihrem Ehemann maßgeblich am Projekt beteiligt war.
Die Stahlwannen, die die beiden Schlangen-Pfade umsäumen, führen uns Besucher mal unters Erdniveau und mal zu Stufen mit Sitzplätzen auf Pflanzeninseln. Wundervolles Licht, getönt von den Schatten der Bäume oder vom warmen Orangerot des Rosts, fällt in die Gassen. In dem spirituellen Raum am Ende eines kleinen Tunnels warten Gong, zwei weiße Bänke und ein Messingschirm, der das Ambiente überspannt – ein Arrangement zwischen Himmel und Erde, das an kosmische Architekturbauten aus der Maharadschazeit denken lässt und an den Land-Art-Pionier James Turrell, der mit seinen Skyspaces auf ähnlich zauberhafte Weise Himmelsformationen einfängt. Balakrishna Doshis Beitrag ist eine Bereicherung, wie sie selbst in dieser edlen Architekturparade bisher noch gefehlt hat.

Doshi Retreat ist Teil der 2-stündigen Architektouren durch den Vitra Campus, die täglich in drei Sprachen stattfinden. Andere Höhepunkte sind Gehrys Museumsbau von 1989 (oben), Hadids Feuerwehrhaus, Fabrikhallen von Nicholas Grimshaw, Álvaro Siza und Sanaa, ein Konferenzpavillon von Tadao Ando (1993), eine kleine Kuppel von Buckminster Fuller (Querformat ganz u.), die Gräser und Stauden des Oudolf-Gartens aus den 2020ern sowie – in ihm verteilt – jüngere Tiny Houses von Renzo Piano, Marina Tabassum (Hochformat u.) und Tsuyoshi Tane (kl. Bild).

Drei Skifahrer, drei Autoren und jede Menge Skipisten. Genau 111 Strecken in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien, die man unbedingt gefahren sein muss, wählten Stefan
Herbke, Thomas Biersack und Christoph Schrahe zusammen für eine Buchproduktion des Emons Verlag aus. Von der Schweizer „Schilthorn“ in Mürren, die schon James Bond mit seinen Brettln beackert und beschossen hat („Im Geheimdienst ihrer Majestät“), bis zur Gletscherpiste „St. Anna“ (nächstes Foto unten) hoch über Andermatt und zum „Dammkar“ im Karwendelgebirge bei Mittenwald. Vom „Langen Zug“ bei Lech bis zur „Kögele-Abfahrt“, die nur 19 km entfernt von Innsbruck beginnt und von der Axamer Lizum auf Tiroler Kennerwegen bis fast hinab ins Inntal führt. Ihre Geschichten füllen die Neuauflage des vor 5 Jahren schon einmal veröffentlichen, jetzt komplett überarbeiteten Buches. Rund 20 neu dazu gewählte Pisten sind mit dabei.
Welche Alpenhänge soll man da nur herausziehen? Weil gerade die Winterolympiade in Mailand und Cortina beginnt, haben wir uns entschlossen, aus Aktualitätsgründen die Auswahl für Norditalien genauer unter die Lupe zu nehmen. 14 Abfahrten zwischen Südtirol und Trentino, werden im neuen Buch vorgestellt. Nicht wenige Sportbegeisterte werden dort ja in den nächsten zwei Wochen unterwegs sein. Erste Überraschung: Von den konkreten olympischen Strecken wie der berühmten „Stelvio“ in Bormio (Abfahrtslauf der Männer) oder den legendären Pisten der „Tofane“ in Cortina d´Ampezzo (alle alpinen Damendisziplinen) ist keine dabei. Stattdessen schicken uns die Spezialisten lieber auf die „Schmugglerabfahrt“, die an der österreichischen Grenze im Ötztal beginnt, und zur „Rosim“ – sie gehört zum höchstgelegenenen italienischen Skigebiet in Sulden. An dieser Stelle gibt es nämlich, schwärmen sie, einen Cinemascope-Blick auf den Fast-Viertausender Ortler und seine Bergkollegen. Ebenfalls dabei: Die „Holzriese“-Piste an den Drei Zinnen, eine der steilsten Skipisten Italiens, die mit bis zu 72 Prozent Gefälle gleichermaßen Skifahrertraum und Mutprobe darstellt. Zum Glück gibt´s auch eine Umfahrung.
Besucherzahlen in den letzten 25 Jahren förmlich eingebrochen sind, wegen der Gletscherschmelze natürlich. Das Skivergnügen zwischen Mai und November wird es dort also nicht mehr ewig geben. Viel positiver ist da doch der Anblick der Spalier stehenden Dolomiten entlang der sonnigen „Trametsch“. Auf ihr lässt sich vom Plose-Gipfel über stolze 7,8 Kilometer bis fast in die Altstadt von Brixen abfahren. Die Skigäste halten auf das Panorama mit dem Häusermeer unten im Tal (560 m) zu, wobei sie nur bis nach St. Andrä auf 960 m hinabwedeln oder -carven können. Auch andere Klassiker aus Südtirol oder Trentino fehlen nicht – von der „Laurin 2“ in Carezza bei Bozen unterm Rosengarten über die „Seceda“ mit Blick auf Langkofel, Plattkofel, Seiser Alm zur „Sellaronda“, die vier Täler verbindet, bis zur Pustertaler Paradepiste „Ried“ mit 7,4 Kilometern ohne Ziehwege und Querpassagen. Von der 9 km langen Piste „Lagazuoi – Armentarola“ (nächstes Foto) , einem Aushängeschild von Dolomiti Superski, das mehr oder weniger die Gebiete von Cortina, Alta Badia und Cinque Torri aneinanderknüpft, sieht man die olympischen Gefilde immerhin ein bisschen: Die verschiedenen Tofana-Gipfel sind hier gleich vis à vis.
Die drei weitgereisten und äußerst hangerprobten Autoren sammeln genau genommen nicht ausschließlich Pisten, sondern auch Skirouten und Tourenabfahrten. Es ist ein großes Vergnügen, von ihren sportlichen Skiabenteuern und den landschaftlichen Highlights in den zentralen Alpen zu lesen. Einige davon werden wir in den nächsten 14 Tagen vom Fernsehsessel aus genießen können.
Christoph Schrahe, Stefan Herbke, Thomas Biersack: 111 Skipisten in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol, die man gefahren sein muss, Broschur, Emons Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-7408-2633-8,
Jazz, der hübsche Bordercollie mit den hellblauen Augen, will einfach nicht umkehren. Wir sind nach einer Nacht in der Hütte am See samt
herlaufen? Die Tiere – und zwar die wilden und die zahmen – sind eine der großen Besonderheiten eines Urlaubs in der Haute Maurienne Vanoise. Wolfs- und Fuchsspuren haben wir gestern im Schnee gesehen. Schneehasen, Gämsen und sogar Steinböcke sind uns begegnet. Adler und Geier kreisten
über die winterweiße Landschaft. Dieses Hochtal ist die stille Seite der Savoie – und ihre Seele. Slow food. Slow life. Slow movements. Hier urlauben Menschen, die auf glamouröse Skistationen – wie Val d’Isère oder Courchevel gleich an den anderen Flanken des Vanoise-Nationalparks – lieber verzichten. Es ist wohl sehr lang her, dass Bezwingertypen wie Napoleon (mit seinen Reitern) oder Hannibal (mit seinen Elefanten) hier ihr Unwesen getrieben haben.
Wir erlebten Jazz, Baptiste und die zweitägige Skitour zur Berghütte Le Toët am Ufer des Lac du Mont Cenis auf 2.043 m Höhe als Abschluss und
Höhepunkt von fünf Tagen in einem in Deutschland wenig bekannten Winterferiengebiet. Nichts kommt gegen die hochalpinen Gipfel- und Wolkenstimmungen an, die wir sahen, während wir je fünf Stunden pro Tag mit den Tourenski unterwegs waren. Mal auf, mal ab. Dabei blinzelten wir nicht selten in die
Sonne des benachbarten Italiens, wo sich im Osten der noch ältere Nationalpark Gran Paradiso direkt an den 1963 gegründeten französischen Parc nationale de la Vanoise anschließt. Gold wert war daneben, dass unsere Hüttenwirtsleute Klasseköch:innen sind: Sie servierten Fondue Savoyarde, Tartiflette mit Reblochon und ein besonderes Sorbet mit krustigem Dezembergebäck. (Es gibt für Debüttanten auch noch eine etwas kürzere Variante der Tour, die an der Sesselbahn La Ramasse beginnt.)
Ein zweiter Glanzpunkt waren tags zuvor die Tierbeobachtungen am Collet de la Madeleine. Diese Stelle am Talende, kurz vor Bonneval-sur-Arc, ist ein Lieblingsziel in der Haute Maurienne, welches Familien oder Freundesgruppen am besten in Schneeschuhen und idealerweise zusammen mit einem kompetenten Guide wie dem Fotografen und Tierexperten Olivier
Trompette erkunden. Er zeigte uns mit seinem Luxusfernrohr, wie die Steinböcke hundert Meter höher durch die Felszacken lugten – fast so als stünden sie direkt neben uns. Am selben Abend erzählte uns Sébastien Brégeon, der Sektorchef des Vanoise-Parks für die Haute Maurienne, von den vier Geierpaaren, die es hier gibt, und davon, dass im Vanoise-Massiv jetzt wieder um die 2000 Steinböcke ihr tägliches Auf-und-ab-Spiel treiben, wo sie hier doch um 1960 schon einmal fast ausgestorben waren. Wegen des besonderen Schutzes im ältesten Nationalpark Frankreichs sind sie über die Jahre aus dem nahen Italien wieder eingewandert. Bei Gesprächen über Gott, die Welt und die Natur erfahren wir im Lokal „Relais des Deux Cols“ bei Diot (das sind typische Würste), Tarte Beaufort (mit dem heimischen Käse) und würzigem regionalen Mondeuse-Rotwein noch viel mehr über das sinnvolle Zusammenwirken von Tourismus und Landschaftsschutz, wie es hier praktiziert wird. Die Natur schützen, Fauna und Flora zählen und klassifizieren, das Wissen der Einheimischen stärken sowie Führungen anbieten – das seien, sagt Sébastien Brégeon, die vier wichtigsten Aufgaben der Belegschaft des Parc national de la Vanoise.
Alpin-Skifahren kann man hier natürlich auch. Sechs jeweils nicht allzu große Skidörfer gibt es in der Maurienne rund um Val Cenis. Sie heißen zum Beispiel Aussois, Bessans, La Norma oder Bonneval – und sie bieten zusammen 350 km Piste. Manche sind aneinandergebunden. Der anspruchsvollste Weg nach unten ist die nach einer Rennfahrerin der 70er-Jahre benannte schwarze Abfahrt Jacot am Lift Met. Vor allem aber gibt es grüne, rote und blaue Pisten – Skispaß für wirklich alle. Die Ticketpreise sind mäßig, verglichen mit bekannteren Skiorten: 40 bis 55 Euro pro Tag.
Lieber als Rekorde und Sensationen schreiben sich die Touristiker hier also Atmosphäre, authentische Erlebnisse und stille Schönheit auf die Fahnen. Die Restaurants und die Pensionen bedienen in den Dörfern und entlang der Hänge mit regionaler Küche und weitgehend leistbaren Unterkünften die
Stilvorstellung von Leuten, die slow holidays verbringen wollen – auf Schneeschuhwanderungen oder bei einer Visite in der – teils von Robotern betriebenen – Beaufort-Käseproduktions-Kooperative. Zu den Sportvergnügungen gehört hier viel nordischer Skilanglauf. Dafür gibt es 200 km gespurte Loipen. Athletische
Besonderheiten sind Biathlon (es gibt ein Leistungszentrum in Bessans) oder das Eisklettern an einem Wasserfall direkt neben der Biathlonanlage. Davor oder danach besichtigt man Bonneval-sur-Arc – als einziges Dorf in der Savoie trägt es für seine wunderschönen Verzierungen und uralten Holz- oder Steinfassaden sowie Läden voller regionaler Produkte völlig zurecht das Prädikat eines der „plus beaux villages de la France“.
Den Tag und die Nacht vor der Ankunft in den Bergen (oder vor der Rückreise) sollte man in Chambéry verbringen. Nichts ist hier spannender als die Tatsache, dass diese hübsche Pforte zum Hochgebirge früher die Hauptstadt
eines unabhängigen Herzogtums war. Savoyen wanderte dann im 19. Jahrhundert öfters zwischen Frankreich und Italien hin und her. Angehörige des Hauses stellten von 1861 bis 1946 die italienischen Könige. Wegen seiner exquisiten Lage und der geschichtlichen Disposition gibt es in Chambéry bis heute zahlreiche sehenswerte Adelspaläste mit Trompe-l’œil-Malereien, ein Schloss mit Sainte Chapelle, eine Kathedrale sowie die sehr adrette Innenstadt mit dem Elefantenbrunnen.
Zum Schluss soll ein weiterer Höhepunkt unserer Tage in der Haute Maurienne Vanoise genannt werden, die Begegnung mit den Menschen! Unbezahlbar: Die ruhige, selbstgewisse Ausstrahlung und die selbstverständlich wirkende, vorbildhafte Physis unserer verschiedenen Guides, die hier in den fordernden Gefilden des Hochgebirges nicht selten neben touristischen Einsätzen als Biathleten oder Skilehrer, als Bergführer, Hüttenwirt, Fotograf oder Tierbeobachter den Rest des Jahres noch Brotberufe als Käser oder Almlandwirt ausüben. Sie alle leben in einer Gegend, in der sie wirklich leben wollen. Und das merkt man ihnen in jeder Sekunde an.
Hôtel Le Saint Charles, Val Cenis, ab 146 Euro ÜF,
€ 89 pro Nacht/Bett im Mehrfaschzimmer mit HP, giteletoet.com,
auch zu allen Loipen mit der Skipasserweiterung ESKI-MO auch je einen Tag in den anderen vier Areas zu verbringen; „dynamique pricing“ seit 2023; valcenis.de, valcenis.ski.

#16
Warum man immer dran vorbeifährt: Weil so gut wie immer das eigene Flugzeug schon wartet, und man mal wieder zu spät beim Check In für die
Weiterreise sein wird, also nichts wie weitergefahren bis zum Eingang des Flughafens! Oder weil man auf Schienen in Lyon Saint-Exupéry angekommen ist und zwar kurz die krasse Architektur des TGV-Bahnhofs bewundert hat, dann aber aus Zeitgründen doch wieder lieber die interne unterirdische Verbindung zum Terminal des Airports genommen hat.
Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss! Der ehemalige Gare de Satolas, 24 km südöstlich von Lyon gelegen, ist mit Sicherheit einer der
spektakulärsten Bauten des Spaniers Santiago Calatrava. Die Metall- und Betonrippen seines Tragwerks imitieren die Anatomie und die Flugbewegung von Vögeln. Wenn die Zwischenräume erleuchtet sind, vervielfacht sich der tierische Eindruck noch. Der 91,5 Millionen Euro teure Bahnhof verfügt über sechs Gleisanlagen, deren zwei mittlere Betonröhren den durchfahrenden Zügen vorbehalten bleiben, die über 300 Kilometer pro Stunde schnell sein können. Durch einen
kompakten Tunnel um sie herum wird die Druckwelle der rasenden Züge abgemildert. Mit dem Flughafen ist der TGV-Bahnhof durch eine 180 Meter lange Stahlbrücke verbunden. Noch dramatischer erscheint des Bahnhofs Haupthalle, deren 1300 Tonnen schweres Dach 40 Meter hoch ist und eine Spannweite von 53 Metern hat.
Wie man hinkommt: Die sowohl am Flughafen als auch am Bahnhof vorbeiführende A 432 verbindet die aus Turin kommende Autobahn A 43 mit der A 42 von Genf. Von dieser Verbindung aus sieht man Calatravas Betonvogel am besten. Kreisverkehre führen zu den Terminals. Passiert man sie, dann überlappen sich Glasflächen, Metallrippen und Betonwinkel des Bionischen Bauwerks zum Bewegtbild eines landenden Riesenarchaeopteryx.
Zu Fuß, per Auto, per Bus, per Rad. Egal wie man hinkommt, jede:r sieht sofort, dass die Isarphilharmonie etwas Besonderes ist. Gegenüber steht ein
Die Architekten des Umbaus mit Neubau, Deutschlands größtes Baubüro gmp aus Hamburg, nahmen jetzt diesen Erfolg sehr gern zum Anlass für eine
Schau, die ebenso perfekt zur eigenen Ausrichtung wie auch zum „Gasteig HP8“ passt, so der andere Name der Isarphilharmonie. Auf zwei Etagen des sogenannten „Blumenbunker“ am Viktualienmarkt ist seit kurzem eine Wanderausstellung, die mit je anderen Projekten schon in Berlin, New York, Hamburg, Venedig und Shanghai zu sehen war, angerichtet. Die Münchner Architekturgalerie bespielt den Hochbunker am Viktualienmarkt aus den 1930-ern schon seit einiger Zeit und präsentiert jetzt mit gmp – 500 Mitarbeiter in 13 Ländern – eine Firma, die weltweit baut. Neun Umbauprojekte werden mit Videos, Modellen, Plänen, Schnitten und Fotos gezeigt, unter anderem die Hyparschale Magdeburg, die Alsterschwimmhalle Hamburg, das Olympiastadion Berlin (siehe Ausstellungsfoto) und das Estadio
Bernabeu in Madrid. Vor allem aber kann man sich zweimal Münchner Lokalkolorit abholen: Einmal in Form eines frühen Entwurfs – von 1970 – für das Europäische Patentamt an der Erhardstraße in Isarnähe. Bei dieser seither kontinuierlich transformierten, seit 2022 sogar denkmalgeschützten gmp-Architektur wurden zuletzt unter anderem Etagen neu strukturiert und die Fassaden sanft überarbeitet. Und zweitens geht es eben darum, wie die Isarphilharmonie zum Knüller werden konnte. Auf sie konzentrieren wir uns hier.
Ursprünglich ging es einfach nur um einen Ersatzbau für die Zeit der Gasteig-Sanierung im Stadtteil Haidhausen. Und eigentlich wartet München ja auch seit Jahren auf den großen Konzerthallen-Wurf im Werksviertel. Doch beide Vorhaben – der teure Umbau des Bildungs- und Kulturzentrums Gasteig von 1985 und der noch teurere Neubau – kommen schlecht vom Fleck. Vielleicht auch deshalb einigten sich die Münchner Architekturfans gemeinsam mit den Konzertbesuchern schnell auf die Ansicht, dass mit der vergleichsweise kleinen Isarphilharmonie ein herausragendes Intermezzo entstanden ist. Ein Provisorium, das am besten gleich bleiben sollte!
Für rund ein Zehntel (43 Millionen Euro) des Preises einer herkömmlichen Konzertarchitektur bekam München 1900 Sitzplätze, ein minimalistisch-funktionales Design und eine allüberall wunderbare Akustik. Pragmatisch hatte man sich früh für eine Art Fertigbau entschieden. Das heißt: Das hölzerne Innenleben wurde größtenteils schon in der Fabrik zusammengesteckt, die Modulwände waren dann vor Ort noch zu verbinden und mussten in das Stahltragwerk und die nüchterne Neubau-Hülle integriert werden. Eine alte Backstein-Trafohalle der Stadtwerke behält rein äußerlich aber die Oberhand des Ensembles. Sie arbeitete man als Ankunftsbauwerk (Halle E) um, in das neben den Ticketschaltern und
Zugängen zum Musiksaal weitere Einrichtungen für die Allgemeinheit wie Teile der Stadtbibliothek und der Volkshochschule einzogen. Die historische Glasdecke wurde dafür restauriert, blaue Gitter, Böden und Gebäudestruktur erlebten eine Ertüchtigung. Ein materiell überzeugender Übergang – Polycarbonatfenster, Industrietreppen, helles Fichtenholz – schiebt sich zwischen Altbau und Neubau. Eine zweite kleine Stahlhalle und Zubauten für Proben, Gastronomie et cetera komplettieren inzwischen das gemischte Areal, auf dem nebenan nach wie vor
verschiedene kleine Gewerbe betrieben werden. Prozedere und Resultat des Musikhausbaus erwiesen sich als praktisch, pünktlich, qualitätvoll, kostengünstig. Von Sol Gabetta bis Igor Levit, von Hélène Grimaud bis Simon Rattle waren inzwischen viele der besten Musiker schon mal da – und kommen immer wieder. Auch die verschiedenen Münchner Symphonieorchester haben ihre neue Basis gefunden Die Architektur, oft zu Unrecht als Kostentreiberin von Großprojekten gescholten, hat in diesem Fall an der Tatsache, dass aus dem Stadtteil Sendling ein neues Kulturzentrum geworden ist, den entscheidenden Anteil.
Also ist unser Beitrag diesmal nicht wie sonst ein Aufruf an die Städter, zum
Genuss von Kunst und Kultur in die Berge zu fahren. Sondern hier sind, umgekehrt, zwei gute Gründe für die Alpianer, den nächsten Münchenausflug mit einem Galeriebesuch im „Blumenbunker“ oder einem Konzert in der Isarphilharmonie zu verbinden – am besten beides! Kommt doch alle mal nach unten in die Stadt, um einen Gipfel der Musikarchitektur zu besteigen!
„Umbau. Nonstop Transformation“ von gmp Architekten, Architekturgalerie München, Blumenstraße 22, bis 6. Dezember 2025 – geöffnet: Mittwoch bis Samstag 15-19 Uhr.
Die Alpen kratzen oft malerisch am bayerischen Himmel. In Bernried scheint man sie zum Beispiel dabei zu erwischen, sobald man bei schönem Wetter entlang des Buchheim-Museums in die Nähe des Wassers gelangt. Das 2001 eröffnete Gebäude
Museumsbau über Dorfstraßen und einen grünen Pfad zwischen Bäumen und Wiesen ist ein willkommenes Vorspiel für Pechsteins künstlerische Zwiegespräche mit der Natur (Abb.: Gestürzte Kornpuppen, 1949). Die war dem expressionistischen Maler, der von 1906 bis 1912 der Künstlergruppe Die Brücke angehörte, mehr als wichtig. Die neue Bernrieder Sommerschau „Vision und Werk“, wohl die bislang größte des Künstlers (1881-1955), wurde jetzt möglich, weil das Zwickauer Max-Pechstein-Museum vier Jahre lang geschlossen hat. Das reiche Opus aus dem Besitz der Kunstsammlungen Zwickau (wo Pechstein geboren ist) geht nun zusammen mit Werken der Max Pechstein Stiftung sowie aus einigen Privatsammlungen während dieser Zeit auf eine Ausstellungstournee, die nach der Kunsthal Rotterdam nun Bernried, später das Lentos Linz und weitere Stationen in Mitteleuropa umfasst.
In Bernried müsse ich aber mit den Original-Bergen vor Ort vorlieb nehmen, so vertröstet mich die Maler-Enkelin Julia Pechstein auf der Vernissage und lacht. Die Dame mit dem eleganten Kopftuch (Foto) erzählt, dass zu den rund 100 Exponaten von Max Pechstein hier in Bernried noch zirka 80 Stücke aus dem Besitz der Sammlung Buchheim gekommen sind. An jedem Tourneeort werden andere Pechstein-Inkunabeln oder -Raritäten dazustoßen – je nach Möglichkeit und Bereitschaft privater Besitzer, sich eine Zeit lang von ihren Arbeiten zu trennen. Gibt es denn auch Bilder, die ihr Opa in den Alpen malte? „Ja, etwa einige wunderschöne Darstellungen vom Chiemsee, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind.“ Ich
werde später tatsächlich im Internet eine pittoreske Wolkenstimmung in Rosa und Orange samt See aus dem Jahr 1947 erblicken, mit den Chiemgauer Alpen im Hintergrund. „Aber vor allem malte mein Großvater 1923/24 Ansichten im Schweizer Hochgebirge. Denn dort hatte er einen Gönner, der den Aufenthalt in Wallis für ihn ermöglichte. So konnte er am Fluss Rhône arbeiten und in Saas-Almagell, wo es Bilder und auch Fotos von hölzernen Almhütten auf Steinfüßen von ihm gibt.“ Julia Pechstein versucht, möglichst alle Standorte, an denen ihr Opa je gearbeitet hat, selbst kennenzulernen, sagt sie – auch diesen. „Ein Teil dieser Schweizer Alpenbilder von Max Pechstein soll gezeigt werden, wenn diese Schau später im Art Museum in Luzern Halt machen wird“, verspricht sie – sie freue sich sehr darauf. Alpine-Kultur-Aficionados streichen sich diesen Zeitraum (8.7. bis 5.11. 2028) also ruhig schon mal für einen Besuch am Vierwaldstätter See im Kalender an!
Aber jetzt müssen erst einmal alle nach Bernried. Die Schau dort zeigt nun eindrücklich bis in den Herbst Pechsteins Urvertrauen in die Kunst, die Natur und in die Menschen, denen er begegnete. Statt Alpengipfeln sieht man dort Bauern, Felder und Blumen aus seiner sächsischen Heimat. Oder die Fischer, die Boote und die Stimmungen, die vor allem am Meer eingefangen wurden – etwa auf Usedom oder an der Kurischen Nehrung, im heutigen Polen und Litauen, zuweilen auch in Italien – und einmal, 1914, während einer mehrmonatigen Südseereise in die damalige deutsche Kolonie Palau, wo ihn die Einheimischen, die Masken und die Farben des
Südens inspirierten. Ein toller Trumpf dieser Ausstellung ist das verwegene Farbkontext für die Wände, deren intensive Blau-, Grün, Rot- und Gelbwerte die Bilder – auch und gerade die schwarz-weißen Holzschnitte wie „Untergehende Sonne am Ostseestrand“ von 1948 oben – zur Geltung kommen lassen. Eigenhändige Fotos von Max Pechstein und Handschriftliches geben für die Grafiken und Unikate einen stimmigen Rahmen. Ein Porträtfoto, seine Originalstaffelei und Atelierfarben (Abb. weiter oben) akzentuieren diesen Eindruck. Das berühmteste Bild der Bernrieder Ausstellung zeigt Pechstein gleichwohl nicht als Maler, sondern als lässiges Motiv im roten Pullover. 1910
porträtierte der Brücke-Kollege Erich Heckel ihn in Dangast im roten Pullover als „Der schlafende Pechstein“. Diese Leinwand aus dem Besitz des Buchheim-Museums gilt längst als eine der Ikonen des deutschen Expressionismus. Mindestens seit es 1974 auch zu einer der schönsten Briefmarken der Bundespost wurde. – Diese neue Ausstellung bietet jetzt eine extrem kurzweilige und rasch zu verwirklichende Kleine Flucht zur Kunst ins schönste oberbayerische Voralpenland.
„Max Pechstein – Vision und Werk“, Buchheim Museum der Phantasie Bernried, noch bis 26. 10. 2025; www.buchheimmuseum.de



Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Franz Marc (hier sein Gemälde Affenfries), Paul Klee, Renée Sintenis, Paul Meyerheim, Gabriel von Max, August Macke und anderen aus der Zeit von etwa 1880 bis 1940. Sie stellt sie nebst zeitgenössischen Fotografien, Zoo- oder Zirkus-Plakaten zur Diskussion.
Die Ausstellung hat zwei Etagen und sieben Abschnitte (Flanieren im Zoo, Der Großstadtzirkus, Der Paradiesgarten, Tierethik und Naturschutz, Menschelnde Tiere usw.). Die Höhepunkte: Niemand scheint die Regungen der Zootiere so tief nachempfinden zu können wie der Blaue Reiter Franz Marc, dem dieses Museum gewidmet ist. Zu sehen etwa in seinem wunderbaren „Affenfries“ von 1911. Unvergleichlich bis heute bleibt auch der poetische Humor von Paul Klee, dessen Zeichnungen und Aquarelle von Fischen, Vögeln oder Nashörnern der 1920er bis 1940er Jahre von einem überzeitlichen Humanismus durchstrahlt werden. Sowie drittens die kleinen Bronzeplastiken von Renée Sintenis, links unten ein Junges Dromedar nebst einem Baby-Elefanten, beide aus den 1920er Jahren. Nicht nur ihre Miniaturhaftigkeit rührt, die extreme Nahbarkeit und Direktheit der Tierdarstellungen macht diese Kunstwerke zeitlos.
Und so trifft man in der wunderbaren Schau auf zahlreiche großartige Charakterstudien von Lebewesen in ihrem Element, andererseits auf manch grausame Beispiele von Zwang, Zucht und Schaulust. Die besten Künstler sahen indes – wie der Dichter Rilke – auch damals schon den traurigen Blick von Zootieren, die wohl ahnten, dass es hinter tausend Stäben für sie keine richtige Welt gibt. – Eine tolle, anregende und diskussionswürdige Ausflugs-Ausstellung, die man den ganzen Sommer über und bis in den Herbst zum Besuch mit den besten Freunden oder seiner Familie nutzen sollte.
„Die Moderne im Zoo“, Franz Marc Museum, Kochel, bis 9. November 2025, www.franz-marc-museum.de. Geöffnet Di bis So und an Feiertagen jeweils 10 bis 18 Uhr, ab November 10 bis 17 Uhr. Das Museum kooperiert mit dem Münchner Tierpark Hellabrunn – es gibt einen Podcast sowie Spezialführungen, Gewinnspiele, Vorträge. – Kochel ist von München stündlich per Zug erreichbar; das Museum liegt zu Fuß dann noch etwa 30 Minuten vom Bahnhof Kochel entfernt.




Warum man immer dran vorbeifährt: Weil alle im Auto die ganze Zeit auf ein Aufblitzen des Wilden Kaisers hoffen! Manchmal soll er im Hintergrund kurz zu sehen sein. Oder sind es ehrlicherweise doch nur die Ausläufer des Kaisergebirges? Egal. Das Massiv, das alle dann suchen, ragt jedenfalls definitiv auf der anderen Seite der Autobahn hoch.
Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss! Um zu verstehen, dass es nicht nur bei Man U und bei den Grünen gut funktionierende Doppelspitzen gibt. Sondern auch südlich von München! Wie geschickt man vor die Kulissen der bayerischen und österreichischen Alpen zwei spitzzackige, 32 Meter hohe Türme an den Rand der Inntalautobahn zaubern kann,
zeigt seit Herbst 2024 das nagelneue Gebäude der Dynafit Speed Factory. Und wie Branding dann fast automatisch klappt, das teilt die originelle Architektur von Barozzi Veiga aus Barcelona allen mit, die dran vorbeifahren. Denn die auf Tourenbindungen, Traillaufschuhe und andere Ausrüstungsgegenstände für Ausdauersportler spezialisierte Firma lockt mit einem hellen stählernen Gegengebirge schon von weitem viele Interessenten in ihren Shop. Kenner können sich dort ihre Bretter sogar selbst bauen – oder sie verlassen sich auf Experten, die für sie dann Tourenski nach Maß anfertigen. Bindungen, Schuhe oder Bekleidungsstücke der Marke mit dem
Schneeleoparden werden vor Ort repariert. Mehrere schnellladende E-Tanksäulen gibt es direkt vor dem Gebäude oder bei den verschiedenen Outlets des sogenannten Kaiserreichs nebenan. Im Bistro Bivac lassen sich außerdem täglich wechselnde vegane oder vegetarische Spezialitäten bestelle.
Wie man hinkommt: Die Speed Factory liegt kurz vor Kufstein und der österreichischen Grenze im Gewerbegebiet von Kiefersfelden, somit gerade noch in Bayern. Ausfahrt Kiefersfelden der Inntalautobahn A 12. Die Factory sieht sich als Treffpunkt für passionierte Bergsportler am nördlichen Eingangstor der Alpen. Man kommt von München auch stündlich mit dem Zug nach Kiefersfelden. Vom lokalen Bahnhof sind es zur Speed Factory zu Fuß etwa 25 Minuten.


