Zärtlichkeit / La Tendresse

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Heimlicher Alpenfilm  #11

 

In “La Tendresse” von 2013 (dt. Titel: Zärtlichkeit) trifft ein geschiedenes Paar nach Jahren wieder aufeinander. Aus Anlass einer stundenlangen Autofahrt von Brüssel nach Flaine in die französischen Alpen, wo der gemeinsame Sohn Jack – ein Skilehrer – einen Unfall hatte. Das Drama ist aber gar keines, jedenfalls kein großes. Es breitet sich eher aus wie ein langer, ruhiger Fluß, in dem das Leben ein paar neue Biegungen nimmt, bei denen noch einmal alle dabei sind, die auch am Anfang, quasi an der Quelle, wichtig waren. Niemand stirbt, niemand findet sich wieder. Es gibt also kein Happy end für Lise (Maryline Canto) und Frans (Olivier Gourmet) nach 15 Jahren Trennung. Höchstens für den Sohn Jack und seine Skifahrerfreundin. Doch Frans und Lisa erinnern sich nach und nach daran, warum sie einander einmal geliebt haben. Der Film betont Gemeinsamkeiten und kostbare Erinnerungen, nicht Probleme, Konflikte und Katastrophen, das ist das Seltene und Besondere.

Zu diesem feinen, leisen Bildschirmgemälde einer gescheiterten Familie aus Belgien entblättert sich im Hintergrund allmählich der grandiose Charme der in die Jahre gekommenen Skifahrerstadt Flaine. Die Architekturkulissen der radikalen Beton-City aus den sechziger und siebziger Jahren, die mit ihren mehr als 50 Blocks einst vom Bauhausgenie Marcel Breuer auf über 1600 Meter aus dem Nichts ins Hochgebirge gegossen wurde. Lässig perlen das kühle Mobiliar und die harten Fassadenkanten einer damals wie heute futuristischen Skistation vorbei, eine protzfreie Zone, in deren hippiesken Ski-Hotels und Residenzen sich ganz normale Skigruppen so entspannt treffen wie auch in der Wirklichkeit. Vom orangefarbenen Mondfahrerlift aus blickt man nachts im Film ins dunkle Steinparadies. Tagsüber aber sieht man von den scharf eingeschnittenen Fenstern und Balkonen der Breuer´schen Ferien-Architektur, in der die Protagonisten wohnen, direkt auf die verführerischen Pisten und Schneisen. Fast so als wäre man in einem Stadthotel. Irreal. Auch Jean Dubuffets Meisterskulptur Le Bouqueteau taucht prominent in Marion Hänsels Film auf, eine zebragestreifte Riesenskulptur mitten im Schneeparadies. Sie stellt ein Wäldchen. dar. Mit zwei weiteren Plastiken, von Victor Vasarely und Pablo Picasso, schmückt sie, im Film und ganz real, die wahrscheinlich wertvollste Skizirkusarena der Welt. Das Skitreiben schlägt ästhetisch das Thema an, aber Architektur und Schnee bleiben vor allem die faszinierende Szenerie für das Porträt einer Familienseelenlandschaft. Der Film endet ohne Sensation und so leise, wie er begonnen hat. Aber man ist sehr viel heiterer danach.   Alexander Hosch

DVD-Cover “Zärtlichkeit”, ca. 15 Euro

 

(Siehe auch unseren 10-Seiten-Magazinbeitrag über Flaine, “BAUHAUS ON THE ROCKS”, in: AW Architektur & Wohnen Nr. 1/2019)

Die Rosskopfgondeln über der Brennerautobahn

#12      Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir nehmen uns die Zeit und besuchen sie.

Objekt  Kabinenseilbahn auf den Rosskopf (Monte Cavallo) / Adresse  Alte Brennerpassstraße 12, I-39049 Sterzing (Vipiteno), Südtirol / Koordinaten  N 46° 54′ 54″, O 11° 22′ 59″ /  Bauzeit  1968-2019 /  Bau-Grund  Wer will schon bis  nach Madonna di Campiglio oder Cortina hinter zum Skifahren? / Aktuelle Nutzung Besuchertransport zur Bergstation, zur längsten Rodelbahn Italiens und ins Skigebiet Monte Cavallo (Tageskarte ca. 37-47 Euro); www.rosskopf.com / Betriebszeiten: Anfang Dezember bis Mitte April; Ende Mai bis Anfang Oktober / Schönster Augenblick  Sobald die Skisaison anfängt und die Gondeln die Autobahn queren, herrscht bei Skifahrern am Steuer sofort Serotonin-Alarm.

Warum man immer dran vorbeifährt:

Auf dem Heimweg vom Mittelmeerurlaub fürchten Autofahrer nichts mehr als den berüchtigten Brenner-Stau. Kaum einer hat dann das Herz oder die Muße, noch eine letzte Pause einzulegen – obwohl die Rosskopf-Gondeln, die hier malerisch die Fahrbahn kreuzen, im Winter wie im Sommer größtes Vergnügen versprechen…

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss:

Weil man so schnell dort ist! Die definitive Besonderheit im bequemen Kleinstskigebiet Sterzing ist die Landschaft: Man blickt von den Pisten des Monte Cavallo hinab jederzeit Richtung Dolomiten und übers Südliche Wipptal. Auf der nagelneuen 5-Kilometer-Talabfahrt wedeln die Skigäste unter den Sause-Brummis und Bussen durch – um dann, wenn sie wollen, gleich direkt in der Sterzinger Altstadt zum Shoppen abzuschwingen. Das nächste grandiose Alleinstellungsmerkmal der Sterzinger Rosskopfbahn ist, dass sie wahrscheinlich die einzige Alpengondelbahn darstellt, die im Drei-Meter-Abstand eine Autobahn überquert. Die weltweit tätige Seilbahnfirma Leitner hat sie einst gebaut, ein lokaler hidden champion aus dem 1000 Meter hoch gelegenen Städtchen. Das Sterzinger Unternehmen könnte an dieser Stelle auch gut kostenlos eine immerwährende Liftmaschinen-Markenwerbeschau veranstalten – für die vielen Millionen Europäer, die hier jährlich vorbeifahren. Tut es aber nicht. Stattdessen tauschte die Firma jetzt rechtzeitig zur Skisaison 2018/19 die Liftanlagen für die zweite Sektion in Richtung des 2.176 Meter hohen Monte Cavallo aus. Dort fährt nun eine sogenannte Telemixbahn: Kleine Gondeln sind abwechselnd mit 6er-Sesseln eingehängt; die Eltern und die Kinderskischule haben sich das so gewünscht. Die neue Bahn hat einen umweltfreundlichen DirectDrive-Elektromotor – das half bei der Entscheidung.

Wie man hinkommt:  

Bei der Ausfahrt Sterzing die A 22 verlassen und zum Ortseingang, wo wenige Meter unterhalb der Autobahn an der Alten Brennerstraße die Talstation liegt. Parken, Ski anschnallen, los geht’s.

Text und Fotos:  Alexander Hosch

Grafiken:  entdeckt im 3-Sterne-Hotel Rosskopf, www.hotel-rosskopf.it

Der Halbkugelpalast von Bad Gastein

Selbst die aktuellen Schneemassen können es nicht verbergen: Dieser Halbkugelpalast wartet nur noch auf Dornröschens Erweckungskuss. Unter dem ehemaligen Grand Hotel de l´Europe, das jetzt Ferienwohnungen und einen Gourmetfeiertempel namens Ginger & Gin beherbergt, wölbt sich im hochgelegenen Zentrum von Bad Gastein eine vierteilige Metallruine des 2016 verstorbenen Salzburger Architekten Gerhard Garstenauer über der Kulisse zersprungener Fensterscheiben und eines derangierten Interieurs. Hier könnte einst in der 1970er Jahren der ultimative Krieg der Sterne unter Discokugeln stattgefunden haben – doch irgendwann verlor die silbern-gläserne Lustarchitektur ihre Star Wars gegen den traditionellen Geschmack. Ewig schade drum, sie verkam. Aber was für eine Clublocation, noch immer! Sie könnte neu erstehen. Zur Zigarette draußen vor der Bar hätten die Nacht-Hipsters von heute dann den freisten aller Blicke übers ganze weite Gasteinertal.

Bad Gastein, das Kurbad des letzten österreichischen Kaisers, hat eine harte Zeit hinter sich. Riesige alte Hotelriegel aus der Epoche der vorletzten Jahrhundertwende kämpfen seit Jahrzehnten gegen den Fluch ihrer gigantischen Größe, gegen eine zu geringe Auslastung und gegen ihre angejahrten Spalandschaften. Selbst die paradiesische Steillage des Ortes mit der Felsentherme konnte diesen Schiefstand am Ende kaum noch richten. Doch nun kommen die Gäste wieder, die Umkehr ist geschafft. Junge Bar-Lokale wie „Kraftwerk“und hippe Hotels wie „Haus Hirt“ und „Miramonte“ glänzen mit smarten Konzepten in einer neuen Skiwelt. Denn Skihütten der jüngsten Art wie die „Rossalm“ und die „Weitmoserin“ umgarnen neuerdings auch die biodynamisch gewendete Kundschaft. Und in dem nur 9 km entfernten kleineren Kurort Bad Hofgastein gibt es seit ein paar Wochen einen todschicken Skibusbahnhof mit schrägen Pfeilern sowie eine orange leuchtende neue Gipfelseilbahn zur Schlossalm. Am 20. Januar wird sie offiziell eingeweiht. Die leibhaftigen Fantastischen Vier werden dann im Skischaukelzirkus hiphoppen und die nagelneue Direktroute auf die Hohe Scharte zuwummern: Von da oben lockt ein 12-Kilometer-Pisten-Ritt – die längste Skiabfahrt des Salzburger Landes.

Jetzt fehlt wirklich nur noch die Wiederkunft des Halbkugelpalasts.

Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

 

Ski  amadé: Tageskarte 54 €;  gute Kinder- u. Jugendtarife an Wochenenden

 

Die rot-weiß-rote Dramaqueen an der Inntalautobahn

#11     

Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Bauwerke, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.

Objekt   Klosterkirche zum Heiligen Karl Borromäus / Ort   Volderwaldstraße 3, A-6060 Volders, Tirol /  Koordinaten  N 47° 16.970’  E 011° 33.215’ / Bauzeit   1620–54 / Bau-Grund   Die Pest kann uns mal! / Stil   früher Autobahn-Manierismus / Aktuelle Nutzung  Kirche des Servitenordens / Öffnungszeiten  tagsüber; Messe Fr 7 Uhr, So + Feiertage 10.30 und 18.30 Uhr / Schönster Augenblick   zehn Minuten vor Sonnenuntergang

Warum man immer dran vorbeifährt:   Hinter Hall wird die A12 durch einen Lärmschutzwall fast zur Röhre. Plötzlich poppt ein Kranz bauchiger Kapellen neben der Fahrbahn auf. Zu spät…

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Die rot-weiß-rote Karlskirche wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg vom Arzt Hippolytus Guarinoni zu Ehren des 1610 gestorbenen Mailänder Pestheiligen Karl Borromäus gebaut. Kaiser Rudolf unterstützte ihn. Sie ist ein rares Meisterwerk des Manierismus nördlich der Alpen. Dieser Übergangsstil von der Renaissance zum Barock kultivierte Übertreibungen – hier sind es die drei Kapellen, die einander wegzudrücken scheinen. Guarinonis Grundriss ist stark vom etwa zeitgleich erbauten Petersdom in Rom inspiriert. Der Papst sollte Augen machen! Der größte Schatz hier, neben dem Kuppelfresko, ist die Pietà (1707) von Andreas Damasch, links vom Eingang („Brugg’n-Mutter“). Die Serviten sind Mariendiener. Darstellungen der Schmerzvollen Maria, deren Verehrung auf die große Pest 1347–52 zurückgeht, sind typisch für den Orden.

Wie man hinkommt:  Die A12 Richtung Innsbruck in Wattens verlassen, auf der Bundesstraße bis Volders. In Gegenrichtung zwischen Hall und Wattens am Autobahnparkplatz hinterm Lärmschutzwall raus. Ganz vorn durchs Gebüsch steigen. Daneben liegt die Kirche.

Text:  Alexander Hosch          Fotos:  Sabine Berthold

 

 

Im Spiel der Wellen

Steine klopfen – manche entspannen sich am Wochenende, indem sie urzeitliche Fossilien aus jahrtausendealten Erdschichten ins Licht der Welt zurückbefördern. Eine ähnliche Schatzsuche ist jetzt in der Ausstellung „Radiophonic Spaces“ mit 210 ausgewählten Musikstücken, Hörspielen und Geräuschkulissen aus 100 Jahren Radiogeschichte inszeniert. Sie galten als verschollen oder waren im – für die Allgemeinheit unzugänglichen – Radioarchiv der Bauhausuniversität Weimar quasi im Expertenzirkel gefangen, ehe ein Team aus Forschern, Technikern und Künstlern jetzt daraus ein Vergnügen für alle bereitete.

    In Basel ist diese “Hör-Schau“ mit Soundparcours jetzt zur Premiere angerichtet – in direkter Nachbarschaft zu den auratisch hereinwirkenden kinetischen Skulpturen von Jean Tinguely (1925-1991), die ja oft selbst Töne oder Lärm erzeugen. Man läuft im Tinguely Museum gewissermaßen als seine eigene Sendersuchnadel durch die große Halle, die extra zum Sound-Lab umfunktioniert wurde. Die komplett dezente Ästhetik der Schau wird lediglich von antik anmutenden Sende- und Empfangsinstallationen, einigen Corbusiersesseln, Bildschirmplattformen sowie den Besuchern mit ihren vorprogrammierten Smartphones und Kopfhörern bestimmt, die durch die Wellenlandschaft driften. Musik und Frequenzrauschen, Klänge und Geräusche gehen über alles, keine Äußerlichkeit steht ihnen im Weg. Durch ihre Bewegungen und etwas Smartphonetechnik suchen und finden die Museumsgäste die auf je anderen Wellenlängen an vorbestimmten Plätzen verorteten Hörbeispiele aus der Geschichte der Radiokunst: Je nachdem, welche vorarrangierte Frequenz man mit dem Spezial-Smartphone passiert, kann man etwa Paul Hindemiths sonst unzugängliche, 1930 in der Berliner Rundfunkversuchsanstalt aufgenommene „Grammophonplatteneigene Stücke“ vernehmen. Oder experimentelle Avantgarde-Radiophonie mit frühen „Scratches“ des Bauhauslehrers Laszlo Moholy-Nagy, 1923 am Staatlichen Bauhaus Weimar aufgenommen und kürzlich von einem spanischen Professor rekonstruiert. „Imaginary Landscapes“ von John Cage sind im Angebot, Sprech-Dada mit Ernst Jandl und andere einmalige Beiträge – wie eine 1950 von einem Journalistenteam des Radiostudios Lausanne begleitete, akustisch dokumentierte Matterhornbesteigung durch Walliser Bergführer. So schön schlägt alpine Hoch-Kultur Wellen in Basel am Rhein.

    Das Thema wirkt nur auf den ersten Blich wie aus der Zeit gefallen. Denn durch die verspielte Anlage dieser faszinierenden Ausstellung bekommt das fordernde intellektuelle Setting viele schöne Fun-Aspekte: Die Besucher wirken wie Pokemon-Go-Spieler, wenn sie auf der Suche nach der Radiokunst verstrahlt durch die Schau gehen. Sie können manches für später speichern – und so quasi liken, was ihnen gefällt. Eine 14-teilige Aktionsplanung mit Wochenthemen wird bis Ende Januar die ganze Stadt in das Projekt intregrieren – Soundwalks sind dabei, Hörexpeditionen, eine Funkwoche für alle und sogar eigener Radiobau. Also von wegen, Radio ist tot, denn jetzt gibt es ja Podcast.                Text und Fotos: Alexander Hosch

Radiophonic Spaces, Museum Tinguely, Basel, 24. Oktober bis 27. Januar, www.tinguely.ch. Im Bauhausjahr 2019 wandert die Schau nach Berlin (Haus der Kulturen) und Weimar.

Die drei Türme von Grenoble

#10    Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.

Objekt  Les 3 tours / Ort  Île Verte, F-Grenoble /  Koordinaten  45°11.867’ N 5°44.283’ O / Bauzeit  1963-67 / Bau-Grund  Grenoble muss moderner werden!  / Aktuelle Nutzung  Wohnungen / Öffnungszeiten  Privat; man kann natürlich mal die Tür einfangen, wenn einer rausgeht ! / Schönster Augenblick  Wenn man auf der Autobahn 41 aus Albertville drauf zufährt, glitzern bunte Mosaike und die Licht-und-Schatten-Spiele der Wohnwaben.

  Warum man immer dran vorbeifährt…   Die Türme sind ja schön und besonders, aber man muss doch so dringend auf die Route Napoléon weiter, die einen in den sonnigen Süden bis nach Cannes führt…!

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Es handelt sich zwar nicht um das Olympische Dorf – aber Grenoble war eindeutig mitten im Aufbruch. Als 1968 die Olympischen Winterspiele in die Hauptstadt der französischen Alpen kamen, standen „Les 3 tours“ (Die drei Türme) schon, vollzogen in einem sehr couragierten Stil. Jeder Turm hat 33 Stockwerke, davon 28 Wohnetagen mit insgesamt 504 Appartements. Sie wuchsen auf je 98 Meter hoch und waren damit eine Zeit lang Europas höchste Wohnbauten. Die Frage, ob Hochhäuser überhaupt in die Alpen gehören, wurde damals unter Stadtplanern heiß diskutiert. Manche argumentierten, dass so der Flächenfraß im Gebirge reduziert werden könne. Andere hoben das tolle Panorama für die Bewohner hervor. Den Gegnern war indes die stete Sicht auf übergroße Bauwerke suspekt, die dann quasi mit den Bergen konkurrieren. Grenoble aber war sich sicher: Also wurde die emblematische Wohnanlage der Architekten Roger Anger und Pierre Puccinelli nahe der City, auf der grünen Halbinsel in einer Schleife des Flusses Isère, gewagt. Zum Glück: Die monumentalen Mosaike des Designbüros L’Œuf centre d’études schmücken noch heute die Fassaden der Türme, die wie Bergmassive heißen – Tour Vercors, Tour Mont Blanc, Tour Belledonne. Der Grundriss beschreibt im Erdgeschoss elliptische Ringe. Auf dem Weg nach oben gehen sie in diamantförmige Etagen über, eine sehr anspruchsvolle Architektur. So verleiht das unübersehbare Trio dem Talkessel von  Grenoble seine markante Silhouette. Architekt Anger (1923-2008) wurde wenig später weltberühmt: Weil er in Indien die goldene Reißbrettstadt Auroville plante und baute.

Wie man hinkommt Am Ende der A 41 Richtung Stadtmitte fahren, zunächst gerade auf die Türme zu und auf die Avenue du Verdun biegen. Nach rechts auf den Boulevard de Chantourne, und entlang des Isère bis zur Brücke Pont de l´Ile Verte. Diese überqueren.

Text und Fotos:  Alexander Hosch

 

Alpenwildschön

Isel, Soca, Ammer, Lech, Drôme – die haben was gemeinsam. Sie sind unter den letzten wilden Flüsse in den Alpen, mäandern streckenweise noch natürlich, unbegradigt, ohne Beton. Sie entsprechen dem Klischee, das wir uns von einer Fluss-Architektur der Natur erträumen, aber zu selten vorfinden, da sich immerzu alles nach der Wasserwirtschaft, der Energiewirtschaft, der Landwirtschaft oder anderen Erwerbswirtschaften richten muss. Die neue Sonderausstellung „gerade wild. Alpenflüsse“ im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins in München – übrigens direkt an dem in den letzten Jahren quasi wieder „ausgewilderten“ Fluss Isar gelegen – erklärt mit einem Papierrollendesign und ein paar Zahlen und Fotos Erschreckendes: Nämlich, dass Europas Flüsse lediglich im ein(!)stelligen Prozentbereich ökologisch gesund sind. Ist das Fluss-Kultur?

 

Da denken wir gleich voller Hoffnung an den Tagliamento in Nordostitalien, mit reichlich Auenland, den letzten Wildfluss seiner Art in  Mitteleuropa. Innerhalb eines Tages kann er anschwellen von 30 Meter Breite auf 1000 – das ist 1 Kilometer… Auch erschreckend, ja. Andererseits sind seine Biodiversität und Dynamik enorm. Aber die anderen: Wie richten wir das wieder? Alle Alpenflüsse, ausnahmslos, sind bedroht – durch Pumpenspeicherkraftwerke etc.  Wann kümmern wir uns darum?      Text und Fotos: Alexander Hosch

Bis 17. März 2019

Big in Japan, winzig in Krumbach

Irritationen sind die Würze des Lebens. Es war eine der besten jüngeren Ideen der alpinen Architektur, den Bregenzerwald mit sieben Buswartehäuschen aus der Hand internationaler Architekten zu bestreuen. Architekturzentrum Wien und Vorarlberger Architektur-Institut taten sich dafür mit dem neugegründeten Verein Kultur Krumbach und lokalen Handwerksbetrieben zusammen. Beauftragt wurden unter anderem: der Chilene Smiljan Radic, Pritzkerpreisträger Wang Shu aus China und die Spanier von Ensamble Studio.

Die gelben Landbusse halten nun seit 2014 im Tausend-Seelen-Dorf Krumbach und seiner Umgebung bei extrovertierten kleinen Paradiespavillons, die vor dem Wetter schützen und die Gedanken entführen sollen. Zwischen Schule, Tennisplatz, Gasthaus und Jägerheim. Auf Hügelspitzen, in Talsenken und neben Tannenwäldchen.

Für die irritierendste Irritation kann man sich bei Sou Fujimoto aus Japan bedanken. In Vorarlberg kommt er mit einer Kleinigkeit groß raus. Man übersieht sein Mikado aus der Ferne fast: Der Architekt legte in Krumbach statt einer Hütte einen weißen Stangenwald an, der abstrakt an eine Gruppe

Bäume erinnert. Das ist Hoch-Kultur: Wartende können die Metall-Äste über Holzstufen erklimmen. Bei leichtem Regen beschirmen einen die Trittstufen (ein bisschen). Eine heitere Etüde, die sehr gute Laune macht. Moderne Architektur kommt erst bei den Menschen an, wenn sie ihren Alltag durchdringt, philosophiert Jürgen Habermas. Hier ist das ganz wunderbar gelungen.    Alexander Hosch                                                           Fotos: Sabine Berthold

Saas-Fee

Saas-Fee – das ist der Name einer Legende zwischen Walliser Gletschern und Zauberbergen. Der einmalig romantische Wintersport-Ort lockt hoch über der Vispa-Schlucht seit Jahrzehnten mit spitztürmigen Kirchen, malerischen kleinen Maiensässen im Dorfkern und einem unüberbietbaren Panorama samt 13 Viertausendern als winterweiße Krone.

Seit Kurzem punktet Saas-Fee aber auch mit neuen Schätzen. Der Wohntraum schlechthin ist seit 2014 – ausgerechnet eine Jugendherberge. Mit 50,5 gegen 49,5 Prozent nur denkbar knapp entschied sich die Saaser Bürgergemeinde überhaupt für ein eigenes Youth Hostel oben am Talschluss, vorher gab es keins. Doch dann durften die Planer durchstarten. Sie formten im Auftrag der Gemeinde und der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus in Zürich, die alle Schweizer Jugendherbergen trägt, einen grauen Holzbau mit vielen superben Details. Durch eine Sondergenehmigung des Kantons durfte er als erste fünfgeschossige Schweizer Wohnarchitektur überhaupt aus Holz entstehen. Die galten bislang als brandgefährlich – und waren deshalb verboten. Durch Vorfertigung der äußeren und inneren Wandelemente konnten die winterbedingt knappen Bauzeiten auf 1800 Meter gehalten werden. Die Architektur stammt vom Büro Steinmann & Schmid, die Tapeten und anderes von den Basler Textildesignern Matrix. Spektakulär ist, wie das alte Hallenbad, ebenfalls von Steinmann & Schmid überarbeitet, zu der beeindruckenden anthrazitfarbenen Spalandschaft Aqua Allalin erweitert wurde. Heißer Stein, Sprüheisdusche, Gletscherbalkon. Zwei verglaste Saunen mit Panoramafenstern zu den Steinböcken am Felskliff gegenüber. So bekam Saas Fee die einzige Spa-Jugendherberge der Welt, das grandiose wellnessHostel 4000, das auch noch besonders nachhaltig ist (mit Kollektoren aufgeheiztes Wasser, Erdregister in einem Felsspeicher). Auf den Übernachtungspreis werden einfach ein paar Franken draufgeschlagen, dann dürfen die Hostelgäste so oft sie wollen ins Spa-Paradies. Natürlich nützen angesichts der aktuellen Schneemassen vor allem viele Skifahrer das smarte Angebot.

Die zweite schlaue Geste an den Zeitgeschmack ist, dass da oben kein einziges Auto mehr mit Verbrennungsmotor fährt. Ausschließlich e-Mobile steuern als Hotelshuttles, Taxis, Lieferwagen oder Paketdienst die Hotels und Chalets des berühmten Gletscherdorfes an. E-Busse bringen die Skitouristen zu den verschiedenen Startpunkten für das Pistenvergnügen in Saas-Balen, Saas-Grund, Saas-Almagell und Saas-Fee (es geht bis auf 3.600 Meter).                                           Text: Alexander Hosch

Anreise nach Saas-Fee   Zug über Zürich bis Visp (Swiss Travel Pass, ab 205 € für 3 Tage), weiter mit dem Postbus (umsonst mit STP oder Saaser Bürgerpass). Skipass 1 Tag p. P. Erwachsene 73 CHF,  Kinder bis 15 Jahre: 35 CHF, Jugendliche von 16-19: 61 CHF. Nacht im wellnessHostel 4000: Doppelzimmer ohne/mit Wellness – 123/149 CHF; Bett im 6er-Zimmer 41/54 CHF; www.saas-fee.ch/de/hotel/wellnesshostel4000/ oder https://www.youthhostel.ch/de/hos tels/wellnesshostel4000/

Einen aktuellen Beitrag über das WellnessHostel 4000 in Saas-Fee gibt es auch in meinem Buch “Architekturführer Schweiz. Die besten Bauwerke des 21. Jahrhunderts”, Callwey Verlag, 36 Euro, S. 169. https://www.callwey.de/buecher/architekturfuehrer-schweiz/

 

Les Menuires

Wie wird man als Skiort nicht größer ? So etwas ist im Jahr 2017 in den Hochalpen eine wichtige Frage. Les Menuires, eine der schönsten Familien-Destinationen im französischen Skigebiet 3 Vallées, hat vor einiger Zeit entschieden: 25.000 Gästebetten sind genug! Wie verhindert man also weitere Bodenversiegelung, wo die größte Ski-Region der Welt doch schneesicher ist und garantiert weiter die Menschen strömen werden?

Die kleine Skistadt, benannt nach den Kohleminen von einst, sanierte 2012 als erstes ihre Hotel- und Appartementblocks. Nun sehen die Großbauwerke direkt am Skihang wieder blitzsauber aus. Vor allem der elegant und extralang wie ein Ocean Liner an der Schneepiste hingezogene „Brélin“ von 1973 ist ein spektakulärer Hingucker. Mit Flachdächern, Sonnenterrassen, langen Fensterzeilen und freiem Grundriss steht er im Geiste Le Corbusiers und gehört ganz offiziell zum französischen Architekturerbe des 20. Jahrhunderts.

Dann kam der zweite Streich, ein Novum. Die Stadtspitze überzeugte mit Hilfe der kommunalen Immobilienagentur Samrenov Besitzer von in die Jahre gekommenen Studios, diese doch mal zu renovieren und elf Jahre lang in den Ferienmietportalen des Ortes anzubieten. Dafür floss und fließt richtig Geld – bis zu 15.000 Euro pro Einheit. Cash! Und sogar, wenn man selbst umbaut. Das Modell ist ein Erfolg. Win-win: Die Gäste genießen nun zeitgemäße Küchen, Bäder und Interieurs. Und Les Menuires kriegt seine Altlasten strahlend schön – zudem muss es keine Neubauten genehmigen.

So kann sich Les Menuires nun wieder ganz auf seine größten Besonderheiten konzentrieren: die Freeride-Reviere zwischen Mont de la Chambre und Pointe de la Masse. Die Gäste können praktisch von jeder Unterkunft aus direkt mit ihren Skiern losstarten. Über die Seilbahnen ROC 1 und ROC 2 ist zum Beispiel ein phantastisches, weil besonders riesiges Gelände zu erreichen. Hier kann der Gast, bei vollkommener Stille und oft ganz allein, immer irgendwo erste Schwünge in den Tiefschnee setzen. Oder, wenn der letzte Schneefall schon ein paar Tage zurück liegt, sich von einem kundigen Guide im flachen Terrain über „Betonschnee“ geleiten lassen. Auf dem dann höchstens ein paar Eisbrösel bröckeln. Eine ganz eigene Kunst und Erfahrung.

Das Hochtal Vallée des Belleville ist auch als Ganzes besonders. Saint-Martin auf 1400 Metern Höhe spielt die faszinierende Rolle des authentischen Savoyer Dorfes. Hierher kommt, wer das Alte liebt. Jede Abweichung vom Original-Stil ist verboten. Alte Ställe, Brotbackhäuser und Bauernhöfe verbreiten Flair, darunter ein Lokal mit 3 Michelin-Sternen, La Buitte. Les Menuires auf 1850 Metern ist die Trabantenstadt von 1972, siehe oben – Stahlbeton in den Bergen, enorm effektiv und von rauhem Charme. Und Val Thorens schließlich ist das Juwel der Party-Jugend – ein legal High auf 2.300 Metern -, und somit das höchste Alpenskidorf. Bis knapp unter die Lawinenschutzzäune ist gebaut. Jedes Hotel ein kleiner Adlerhorst. Skifahren kann man im Mai noch. Und an der Piste geht hier täglich die Party ab, zum Beispiel im Folie Douce, einer Mischung aus Restaurant, Konzertclub und Afterski-Bar. So kann das Belleville-Tal mithalten im Wettbewerb gegen die luxuriösen Superstationen Courchevel und Méribel, die nur ein paar Lifte und Tiefschneeabfahrten weiter liegen.

Skigebiet  Die Saison 2017/18 startet am 9.12. – für je 6 Tage gibt es die Skipässe Solo (300 €), Duo (290 € pro Person), Tribu (285 € pro Person für Gruppen ab 3) und Familie (240 € pro Person). Zirka 600 km Abfahrten, 166 Skilifte (Les Trois Vallées gesamt).

Unterkunft  Neue 4-Sterne-Residenz Le Coeur des Loges, Suite/Appartement ab ca. 2000 € die Woche (Offerten günstiger), http://www.mmv.fr

Anreise  Flug München – Genf ca. 1 Stunde (ab ca. 106 Euro einfach) plus 1 1/2 Stunden Hotel-Shuttle. Oder Pkw.

Text: Alexander Hosch