Ins neue Kaiserbad

In Bad Gastein tut sich was. Seit Jahrzehnten lümmeln im Zentrum starre, leere Riesen herum – morbide Luxushotel-Karosserien aus längst vergangenen besseren Zeiten. Jetzt künden Plakate endlich neue Unterkünfte für eine neue Zeit an. Inzwischen  gibt es sogar eine gesperrte Orts-Durchfahrt und richtige Kräne an der Baustelle rund um das Ensemble aus Grand Hotel Straubinger, Alter Post und Badeschloss. Das Land Salzburg hat 2018 einige der maroden alten Paläste mit den Zuckerbäckerfassaden gekauft – um sie flugs an Investoren weiterzureichen, die das unvergleichliche Setting nun bis 2023 für sich und ihre Vier- bis Fünf-Sterne-Services nutzen wollen. Hotels, Bars, Gyms, Spas. Her damit.

Das Panorama ist aber auch wirklich unkopierbar. Eine tiefe Schneise für den berühmten Wasserfall hat die Natur hier geschlagen. Drumherum baut sich malerisch ein steinerner, aber auch irgendwie sehr versteinerter Ort der Belle Époque auf. Darunter scheint einem das lange Tal die Traumaussicht bis nach Hofgastein und Dorfgastein unter den Augen wegziehen zu wollen. Darüber türmen sich die höchsten Salzburger Tauerngipfel. Ganz und gar zauberhaft. Und immer noch so, als hätte man das alles hier in jener Ära vergessen, in der die radonhaltigen Wasserquellen entdeckt wurden. Damals kam das aristokratische Europa von St. Petersburg bis Madrid hierher.

Im – heute ungenutzten – Kongresshaus mit den Glaskuppeln sang und tanzte zu Silvester 1982 Liza Minelli. Der aktuelle Besitzer träumt für den denkmalgeschützten Bau von einer Seilbahnlinie – oder einem Alpen-Campus.

Wann wird Bad Gastein wieder komplett wachgeküsst sein? Mal sehen. 65 Millionen Euro wurden 2018/19 in eine neue Seilbahn zur Schlossalm und zur Hohen Scharte im benachbarten Hofgastein investiert. Ebenfalls mit immer neuen Gimmicks locken Felsentherme und Alpentherme. Bars, Hütten und Hotels rüsten unermüdlich für das Wunschpublikum der Zukunft auf: jung, solvent, kosmopolitisch, urban.

Ein kleiner Teil davon ist schon da. Einige Barbetreiber und Hoteliers, die Gastein längst als Wintersport-Destination der Zukunft entdeckt haben, kosten mit ihren Gästen aus aller Welt – allesamt Ski-Desperados – den Zauber dieses alten Kaiserbades der Sommerfrischler aus dem 19. Jahrhunderts schon seit zwanzig Jahren aus. Die Boutiquehotels Haus Hirt, Miramonte und Regina etwa haben früh erkannt, dass Bad Gastein reif für junge Erlebnishungrige ist. Deshalb kommen seither ein paar Hipster aus Berlin, Moskau, Kyiv, London, Amsterdam und Kopenhagen. Für die sprechen einige der Angestellten „only english, please“, was an einem normalen Ski-Nachmittag im März zwar ein wenig albern klingt, aber immerhin gut zum Lese-Angebot auf dem Coffeetable passt: Monocle, Wallpaper, Financial Times. Da will der Ort also hin. Gut so! Das Karma, die Speisekarten – Earl Grey Tea zu Marillen-Palatschinken – und die ersten chicen Interiors sind bereit dafür. So bereit.

Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

Tagespass Ski amadé Gastein (Hauptsaison):  63,50 €

Zum Saisonende: 59 €  (ab 19. März)

Bilder: Preimskirche, brutalistisches Kongresshaus von 1974, barocke Fassadendetails, Front und Interiors des Hotels Miramonte

Alex Rider (TV-Serie, 2020)

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit:                               

Heimlicher Alpenfilm  #18

 

Der 16-jährige englische Schüler Alex Rider ist ein großer kleiner James Bond. Auf der Basis eines Romans der gleichnamigen, bis jetzt 13-teiligen Jugendbuchreihe von Anthony Horowitz wurde 2019 die erste Staffel der TV-Spionageserie „Alex Rider“ gedreht. Alex (gespielt von Otto Farrant) wird darin – unfreiwillig – zum MI6-Mitarbeiter. Ein Teil der acht Episoden spielt in London. Der Rest wurde in ein Eliteinternat namens Point Blanc verpflanzt – scheinbar ein Hilfe-Ort für Problemkinder der Superreichen in aller Welt. Dort wird Alex von seinen neuen Chefs im Geheimdienst als Eleve eingeschleust. Seine Mission: Herauszufinden, warum in Point Blanc wundersame Dinge geschehen. So mogelt sich auch noch eine gehörige Portion Harry-Potter-Charme in den Agenten-Cocktail.

Uns faszinierte hier auch das ästhetische Drumherum dieses spannenden und hochaktuellen Coming-of-Age-Plots: Denn das Gebäude Point Blanc ist eine verstörend dramatische Mixtur aus Ritterburg und Art-déco-Palast, himmelhochalpin und extra-malerisch zwischen der Schweiz und Frankreich gelegen. Lässig und locker durchpflügt der blonde Alex die Tiefschnee-Umgebung des einsamen Internats mit seinem umfrisierten Bügelbrett, das ihm als Snowboard dient. Bis ihn die rasend schnellen Snowmobiles der schwerst bewaffneten Schulwächter verfolgen, die die Vorzeige-Nichtsnutze von Point Blanc angeblich nur bewachen. Die weiträumige weiße Wüste rund um das monumentale Schulschloss – Kenner denken sofort an Skigenüsse in der seidigen Freerider-Pracht der drei Täler rund um Courchevel und Méribel – wird für Alex Rider zur Action Art zwischen Wintersturm und Kugelhagel. In puncto Effektkunst und Drehbuchwitz steht die Serie dabei den besten adulten Thriller-Abenteuern in nichts nach. Bald kommt Alex einem düsteren Klon-Geheimnis und einer grandiosen Machtstreberei und Weltverschwörung auf die Spur.

Als wäre es von Robert Mallet-Stevens entworfen: das teuflische Internat Point Blanc

Verblüffend ist, dass die Hochalpenkulisse, durch die der Held vor den Schneemobilen flüchtet, die Gipfel Frankreichs und der Schweiz lediglich nachbildet. In Wahrheit nämlich gab Sinaia, das größte Skigebiet Rumäniens, das prachtvolle Filmpanorama ab. Das Setting soll dort von der Crew viel günstiger einzufangen gewesen sein als an allen Schweizer oder französischen Schauplätzen rund um Mont Blanc und Matterhorn. Leider glaubhaft. So schlugen die Regisseure Andreas Prochaska und Christopher Smith also den umgekehrten Weg ein, den 1967 Regie-Superstar Roman Polanski ging, als er seinen Dracula für Tanz der Vampire real nachts in den Dolomiten aufweckte statt in Transsylvanien. Alex Rider wurde in Teilen nahe Sinaia, der Perle der Karpaten, gedreht – um die Savoyer Alpen mit Hilfe von rumänischem Schnee darzustellen. Sehr tolle Serie in extrem beeindruckendem Setting. Nicht nur für die vielen Fans der Horowitz-Jugendbücher geeignet. Es gibt zwei weitere Staffeln.                         TEXT:      Alexander Hosch

Alex Rider ist eine Produktion von Eleventh Hour Films und Sony Pictures Television für Amazon Prime und IMDb TV. Bis 13. Februar ist Staffel 1 der Serie in der ZDF-Mediathek zu sehen, danach weiterhin in Amazon Prime. Staffel 2, mit ebenfalls acht Episoden zwischen 43 und 45 Minuten, startete im Dezember 2021 bei Amazon Prime Video. Staffel 3 ist abgedreht (in Deutschland zu sehen vermutlich ab Ende 2022).

Die Screenshots stammen aus Trailern in der ZDF-Mediathek und von Amazon Prime.

Fan-Website  www.alexrider.fandom.com (dort auf „Point Blanc“, dann auf „Point Blanc Academy“ klicken): Infos zu den inneren Werten des Gebäudes – Grundriss, Ästhetik, Raumplan.

Auf der Streif nach dem guten Essen

Das neue Restaurant Berggericht
Tiroler Expressionismus als Tafel-Bild

In Kitzbühel gibt es ein nagelneues Restaurant im ersten Stock eines Stadthauses. Keiner geht dort hin, nur um einen kleinen Appetit zu stillen. Das Berggericht ist ein Lokal, das spürbar etwas vor hat. Edel, achtsam und kultiviert. Es verzichtet sogar auf einen Gastgarten, so dass die Gäste sich an 36 Sitzplätzen voll und ganz auf ihre Speisen, die Weine aus eigenen Gütern des Besitzers in Franken und Stellenbosch sowie auf ihre Begleiter:innen konzentrieren. Das freundliche Ambiente mit den gepolsterten Bänken fördert wie automatisch das gute Tischgespräch. Niemand will aus diesem Laden freiwillig rasch wieder aufbrechen.

Konzept ist, dass es stets sieben Gänge gibt. S-i-e-b-e-n! Keiner davon ist, was er im ersten Moment zu sein scheint. Spannend. Die Überraschung ist also Dauergast. Ein Gulasch kann hier wie ein Gebäckstück mit Schokoladenguss aussehen – oder wie ein Mini-Burger. Vor dem regulären Menü gibt es immer ein paar Amuse-gueules, danach einige Desserts. Alles – auch die Hauptspeise – ist sehr fein tariert, so dass man sich nie voll fühlt.

Streifabfahrt vor dem Kaisergebirge

Die Eröffnung wurde wegen Corona ein paar Mal verschoben. Im November 2021 war es aber so weit. Wir kamen etwa vier Wochen danach. Trotz des notwendigen Blitzstarts der österreichische Gastronomie nach dem Dezember-Lockdown (zwei Tage zuvor) saßen Motivation und Leidenschaft in jedem einzelnen Gericht, egal ob Aal, Hummer oder Spinatravioli. Grassierender Personalmangel? Nicht hier! Das kleine Team arbeitete mit extremer Disziplin und Passion. Manche Hors d´oeuvres, Hauptgänge, Petits fours sahen fast so eindrucksvoll aus wie Mikroausdrücke in der Psychologie – ein virtuoses Spiel aus Analogie, Minimalismus und Konsistenz, Qualität und Ästhetik. Geschmackliche Höhepunkte waren ein XO Alm OX (Dry aged Rinderfilet mit Pfeffersoße, Speckbohnen und Pommes) und – von der Pâtissière – ein Haselnuss-Mandel-Milch-Gemisch. Hans Hanner war in Mayerling bei Wien ein 4-Hauben- plus 2-Sterne-Koch, ehe er ins Berggericht wechselte. Er möchte bald genau da hin, wo er vor der rauen Coronazeit war: zu den Sternen!

Das Berghaus Tyrol – ein Bau von Alfons Walde in maßvoller Moderne – war mal ein Ferienhaus und ist heute ein Pistenlokal.

Am nächsten Tag in Kitzbühel, auf der Piste, ist dann ein einfaches, bodenständiges Backhendl die ideale Ergänzung. Am besten im Berghaus Tyrol. Dessen Architektur – mit Holzschindelfassaden, Pultdach, schlichter Gliederung und Traumaussicht – wurde einst als Feriendomizil Haus Lopez gestaltet, von den feinen Händen des Kitzbüheler Malers und Architekten Alfons Walde (1891-1958). Von so was träumen übrigens all die Menschen wirklich, die immer von sich behaupten, sie würden gern in einem Tiny house leben: ein gemütliches Haus in der Natur ohne Schnickschnack, aber mit viel Aussicht und genügend Platz. Das Lokal mit Panoramaterrasse liegt nur knapp überhalb des Hahnenkamms. Die beiden Stationen für dessen Bergbahn hat Walde übrigens auch gebaut, schon 1927. Durch sie gleiten auch dieses Jahr wieder alle Skistars der Welt zum Starthäusl der beiden Streifabfahrten.

Text und Fotos:   Alexander Hosch

Mehr Infos zu den Kitzbüheler Häusern von Alfons Walde, gibt es hier: Olivia Hromatka: Der Architekt Alfons Walde im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, 2016, Klein Publishing GmbH, 38 Euro, ISBN 978-3-903015-06-7

Aktuell:  Unsere Reisegeschichte über Kitzbühel sowie den Maler und Architekten Alfons Walde, der mehrere Häuser auf dem Hahnenkamm erbaut hat, ist in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16. Januar 2022 erschienen.

Aktuell 2:  Die FIS-Skirennen auf der Streif (Abfahrten) und am Ganslernhang (Slalom) finden von 21.- 23. Januar 2022, statt.

https://www.berggericht.at/de

https://hahnenkamm.com/news/

Libeskinds Shopping-Zacken in Bern



#13     Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es alte und neue Architekturen, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer sich je die Zeit nahm, dort mal stehen zu bleiben. Wir haben sie besucht.

Objekt  Einkaufs- und Erlebniszentrum Westside / Adresse  Riedbachstraße 100, CH-3027 Bern-Brünnen / Koordinaten  N 46°56.708’, O 007°22.425’ / Bauzeit  2006-2008 / Bau-Grund   Die Schweizer wollen mehr Spaß! / Aktuelle Nutzung  65 Läden, 14 Restaurants, 11 Kinos, 1 Hotel, 1 Erlebnisbad mit Riesenrutschen und Spa / Öffnungszeiten  Einkaufcenter www.westside.ch;  Erlebnisbad www.bernaqua.ch / Schönster Augenblick  Wenn die rote Außenrutsche wie eine Riesenkrake zwischen den glänzenden Silberzacken hindurchmäandert, kurz bevor man mit dem Auto in den Tunnel abtaucht.

Warum man immer dran vorbeifährt:  Weil doch die Ski auf dem Autodach schnellstmöglich ins Berner Oberland wollen und man den Bernern außerdem vor Weihnachten gar nichts wegkaufen will. Schluck! Hoffentlich sehen die Kinder im Vorbeifahren die Rutsche nicht…

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss:  Kurz nach der Jahrtausendwende hieß es plötzlich: Der Architekt Daniel Libeskind baut jetzt ein Kaufhaus! Unmöglich? Bald sah man auf dem Weg in den Süden das Unwahrscheinliche – und, Überraschung, die silberzackige Erweckungsarchitektur passt nicht nur zu jüdischen Museen, sondern auch zum Konzept einer Autobahn-Mall. Hingewürfelt wie ein Weltraumbahnhof für Sternenkrieger legt das polygonale Vergnügungs-Agglomerat der Migros-Kette seine Fangnetze aus. Nun fliegen dort aus 17 Metern Höhe Magic Eye, Black Hole und Emotion Ride in die Tiefe, die höchsten Rutschen der Schweiz. Es gibt ein Bad mit 18 Innen- und Außenbecken samt Silbertreppen sowie Wildwassercanyon. Und Papa kann in die Sauna gehen, während die anderen rutschen oder shoppen. Nebenan lässt sich unter Kinofilmen, Geschäften, Fresstempeln wählen. Rechts, links, oben, unten – gleich neben dem Weihnachtsbaum! Die schicken roten Corona-Hocker im Bild oben gibt es hier übrigens schon seit
Jahren. Augen machen kann auch, wer den dekonstruktivistischen Fahrrad-Parkplatz sieht. Dessen schräge Pfeiler halten Daniel Libeskinds Architektur-Versprechen: Niemals langweilig!

Wie man hinkommt: Das Westside liegt an der Autobahn A1 zwischen Bern und Murten-Neuchâtel. Nehmen Sie die Ausfahrt Nr. 32 Bern-Brünnen.

copyright Idee, Text und Bilder: Sabine Berthold & Alexander Hosch

 

Up in the aerosol

Hat eigentlich noch eine:r Gedanken frei für die Feinstofflichkeit des Jazz? Dafür, tatsächlich mal wieder ein handgemachtes Album analog durchzuhören? Also als Ganzes. Von einem Musiker, der persönlich bestimmt hat, was genau 49 Minuten und 3 Sekunden lang zu hören ist. Der lieber selbst für seine Hörer aussucht, welcher der zehn neuen Takes als Nächstes kommt. – Und hat jemand die Muße, das faszinierende Art Work dafür zu bewundern, also das Booklet und die schön gestaltete Hülle aus viel Rot und ein bisschen Weiß, mit filigranen Grafikschatten und der sachlichen Type für die Namen der Interpreten und den Titel? Die Zeit, die Begriffsnuancen zu gewichten, die der Albumtitel Aerosols herübersprüht? Oder trotz seiner scheinbaren Federleichtigkeit mit sich herumschleppt, je nachdem.

Das Projekt Aerosols wuchs während des zweiten Coronawinters 2020/21. Es scheint darin eine Prise Freiheit aus dem letzten Jahrhundert zu walten. Sie liegt im Zusammenkommen vieler kleiner Augenblicke, in denen nichts, kein Schwebeteilchen, dem Zufall überlassen wird. Die eine Hälfte dieses neuen Tonträgers, der im November erscheint, stellen die zehn Solo-Musikstücke von Jazzgitarrist Christy Doran dar, der aus Irland stammt, aber mit seiner Gitarrenschule schon seit 49 Jahren unter Alpengipfeln lebt: in Luzern am Vierwaldstätter See. Die andere ist ein Booklet mit Bildern des Künstlers Stefan Banz. Töne und Acrylgemälde entstanden dabei teilweise parallel. Der eine malte, während der andere Stücke spielte oder komponierte. Sie waren mit ihrer Koproduktion so gut wie fertig.

Im Mai 2021 ist Stefan Banz dann plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben. Christy Doran, der Wahl-Schweizer in der internationalen Jazzszene, hat das wunderschöne CD-Album zu unserem Glück trotzdem fertig eingespielt. In der Zentralschweiz, im Luzerner Drums4Life Studio. Halb akustisch, halb mit E-Gitarre. Es ist ein Zukunftstraum und eine Erinnerung geworden, die Hommage an den Malerfreund. Ein paar Mal tobt er, wie man es von Doran gewohnt ist, wie Jimi Hendrix über die Saiten, rasend schnell. Fusion & Free. Viel öfter aber geht es diesmal langsam. Schwebejazz. Das ist dann ein großes Plöngen und sanftes Streicheln, alles hallt achtsam, mäandert bedächtig, wird sanft gepickt oder klingt leise nach.

Keine Sorge: Morgen kommt der alles bestimmende Soundbrei dann wieder in perfekter Beliebigkeit aus Ihrer Spotification, wenn Sie das wollen. – Hier und heute aber, auf diesem Album, ist nichts nur Willkür. Da hat random mal Pause. Garantiert.

Text und Fotos: Alexander Hosch

(Das grobkörnige Porträt ganz oben zeigt Christy Doran während eines Auftritts im Scharfrichterhaus Passau in den 1990er Jahren.)

Christy Doran / Stefan Banz, Aerosols, 2021, Label: Juno Records / Challenge Records / Between the Lines, BTLCHR71251.

Alpiennale

 Die Architekturbiennale in Venedig ist stets ein Parcours feinster Ideen. Er wird allerdings noch immer vom etwas angestaubten Konzept der „Nationalpavillons“ begleitet. Oft finden sich deshalb die schönsten Spots und Events außerhalb der eigentlichen Hauptausstellung in den sogenannten Giardini. Auch diesmal. Man fahre etwa von der zentralen Boots-Station San Zaccaria einfach mit einem Vaporetto der Linie 2 nach gegenüber zur in die Lagune gebetteten Insel von San Giorgio Maggiore. Neben einem Bambus-Majli nach thailändischer Tradition, das Simón Vélez extra in den Garten des alten Benediktinerkonvents baute, findet sich dort noch ein zweiter kostenloser Biennale-Höhepunkt: das Projekt Scarch des Graubündner Künstlers Not Vital. Direkt in der Basilika.

Was ist Scarch? Ein Mix der englischen Begriffe für „Skulptur“ und „Architektur“, den Not Vital schon früher erfand. 2003 erbaute er in Niger, zusammen mit lokalen Handwerkern, einen Pyramidenturm aus rotem Lehm. Diesmal hat er einen poetischen Treppenturm aus sanft spiegelndem Aluminium errichtet. Wie damals, heißt er „House to Watch the Sunset“. Not Vital führt das inzwischen globalisierte Scarch-Vorhaben damit mitten in die berühmte Palladio-Kirche aus dem 16. Jahrhundert – eben San Giorgio Maggiore. Sein dreigeschossiger Turm mit Stufen an drei Seiten steht im Zentrum der Vierung unter der Kuppel und interpretiert die venezianische Renaissancewelt neu. Man kann sogar sagen, er prägt sie für ein halbes Jahr (bis 21. 11.) kräftig um. Es gibt oben einen 3 x 3 Meter großen Raum und Zugänge an drei Seiten, zu drei Etagen. Danach wandert dieses letzte Scarch-Projekt nur noch nach Tonga im Südpazifik.

Not Vital, der rund um die Welt an vielen Orten wohnende und arbeitende Schweizer, hat in Palladios Meisterwerk jenseits des 13 Meter hohen Stufenturms noch fünf andere Skulpturen und Installationen versteckt. Die Environments gehen allesamt Beziehungen zu den Gemälden und Dekorationen ein und wurden, zusammen mit den Mönchen, zwischen Altarraum, Chor, Kreuzgang und Kloster platziert: Zwei minimalistische Silberobjekte, eine Neon-Schrift, ein futuristisches Geweih, eine Textilarbeit. Eine Silberarbeit – im meist unzugänglichen Konklave-Raum, in dem 1800 ein neuer Papst gesucht wurde – etwa repräsentiert genau diesen damals neu gewählten Pius VII.  Not
Vitals anspruchsvolles und enigmatisches Konzept integriert die von Palladio mit sinnestäuschenden Bodenmustern und in beispielloser Schönheit errichtete Kirche, das Kloster und die originalen Gemälde von Tintoretto und Carpaccio, die hier real hängen, als wäre all das nichts.

Ursprung und Referenz von Not Vitals Turmhäusern, die immer gleich geformt, aber immer aus anderen Materialien mit regionalen Bezügen sind, ist für den heute 73-jährigen Schweizer übrigens die einfache Baumhütte. Als Kind im Engadin hatte er selbst eine. Er zog danach in die Welt hinaus. Damit tat er es früheren Generationen gleich, die etwa als Zuckerbäcker das Engadin verließen und später wieder heimkehrten. «Randolins» (Rätoromanisch für Schwalbe) nannte man sie. Und wenn diese Vorfahren zurückkamen, sagten sie in ihrer Mundart: «Che Bellezza Esa Na Sana Che Bellezza Hanna» (welche Schönheit, sie wissen nicht, welche Schönheit sie haben). Genau das verkündet Not Vitals skulpturales Neonschriftbild jetzt auch in San Giorgio Maggiore. Che bello, wie schön! Noch eine Achse zwischen der Serenissima in der Lagune und Not Vitals Unterengadiner Alpen, wo im heimatlichen Tarasp ein weiterer 13 Meter hoher Treppenturm in den Himmel ragt.

Und so steht auch dieses nomadische, transkontinentale Projekt Not Vitals wieder dafür, dass unser Planet eine große gemeinsame Heimat sein soll.

Text: Alexander Hosch.

Fotos: Sabine Berthold

Not Vital, Scarch, offizieller kollateraler Beitrag zur 17. Architekturbiennale Venedig (in der Basilica San Giorgio Maggiore, bis 21.November), www.ropac.net

Schaudern mit Shelley

Die Villa Diodati in einem Vorort von Genf war im Juni 1816 der Schauplatz eines legendären Dichtertreffens, das als „Gespenstersommer“ in die Literaturgeschichte einging. Sie gilt deshalb auch als Geburtsort des Schauerromans. In der Vorstellung ist dieser historische Moment bis heute eine Art frühes Orgien-Mysterien-Theater geblieben. Fünf junge englische Dandys und Dandyllas verbrachten dort damals gemeinsame Dichter- und Liebesstündchen. Begleitet wurden sie vom Geist der Aufklärung, von Schwarzer Romantik, von Reit- und Segelausflügen, surrealistischen Visionen, adliger Dekadenz, freier Sexualität, Okkultismus, einer neuen politischen Freiheitsschwärmerei und vielen kräftigen Opiaten. Kein Wunder, dass die Exzesse inzwischen über hundert Mal verfilmt worden sind.

Ein neuer Roman holt diesen coolen Club der toten Dichter jetzt in die Gegenwart. Und mit ihm die 200 Jahre alten Gedichte von Lord Byron, Percy Bysshe Shelley und John Keats (der allerdings nur später in Rom dabei war, nicht schon in Genf). Elegant verwebt der Berliner Autor Thomas Hasel einen Krimi von heute in die Gefühlskämpfe um Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe zur Zeit der Romantik. Selbst, wenn einem (wie dem Rezensenten) die zeittypischen Poeme all der jung gestorbenen Schriftsteller einen Tick zu pathetisch sind, taucht man sehr gern in ihre faszinierende Welt ein.

Neben der Villa in der Schweiz und den historischen Schauplätzen auf den britischen Inseln, in denen der Autor einzelne reale Geschehnisse der Jahre 1814 bis 1822 rund um die politisch verfemten Literaten Revue passieren lässt, tragen deren Exil-Domizile in Mittelitalien die Roman-Handlung: Venedig, Pisa, Viareggio, Rom. Im Krimi von heute, der rund um das an der Spanischen Treppe real existierende Keats-Shelley-Haus ausgebreitet wird, spielt ein angebliches gemeinsames Geheimgedicht von Shelley und Keats die Hauptrolle. Darum raufen sich zwei Oxford-Professoren. Eine aktuelle Love-Story hat der Autor auch noch zwischen die Reime geklemmt. Und die Geldnöte seines Helden, eines spielsüchtigen und leider gerade joblosen Frankfurter Finanzprofis, der in Rom mit seltsamen kleinen Gefälligkeiten sein Portemonnaie zu füllen versucht.

Die Alpen kommen zweifach ins Spiel – so gehört Percy Shelleys spätere Ehefrau, Mary Wollenstone-Godwin, zur Roman-Personnage. Sie veröffentlichte 1818 ihren Frankenstein, der ein neues Wesen erfand, das dann nachts auf einem Mont-Blanc-Gletscher erscheint. Wahrscheinlich hat die 18-jährige – mit Blick auf den Mont Blanc? – ihre weltberühmte Horrorstory in der Villa Diodati geschrieben. Dem Autor Hasel dienen Genf und der alpine See als Zwischenlandschaft und als betörendes Fantasiefeld – weil die wüste Villa, die der reiche prominente Libertin Lord Byron in jenem Sommer für seine Freund:innen anmietete, nun mal (und nicht erst seit Ken Russells Film Gothic von 1986) die besten Explosionsmomente für die Vorstellungskraft bereithält. Byrons 20-jähriger Leibarzt John Polidori verfasste dort ja prompt auch noch die kleine Erzählung „The Vampyre“, deren Protagonist später die Blaupause für Bram Stoker´s Dracula wurde. – Könnte es also nicht sein, dass im Juni 1816 auch in der Villa Diodati ein gemeinsames Gedicht entstanden ist? Von dem Schwerenöter Byron und Mary Shelley etwa? Vielleicht der nächste Stoff für Thomas Hasel, der uns die Romantik hier ganz neu und auf zauberhafte Weise zeitgenössisch versüßt.       

Text und Fotos:  Alexander Hosch

Thomas Hasel, Das Gedicht der Toten, 2021, Tredition, 16,80 €, auch als Taschenbuch und E-Book/E-Reader. ISBN 978-3-347-24483-2.

Mary et Percy Shelley, Frankenstein sur la Mer de Glace, Editions Guérin, Chamonix, 2007 (in französischer Sprache). ISBN 978-2-352-21016-0

(Die Villa Diodati am Genfer See gibt es noch. Sie ist privat, aber der Bus 9 nach Colomby braucht aus der Stadtmitte von Genf nur eine halbe Stunde. Man kann nicht ins Haus. Es gibt auf dem Weg dahin jedoch Infoschilder – und Tipps wie man sich angemessen diskret verhält.)

 

 

Mein ein, mein alles

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit:                               

Die heimlichen Alpenfilme:      #16

 

Der Nachtlokalbesitzer Georgio sieht wirklich sehr gut aus, und er kann so was von charmant sein. Nichtdestoweniger ist er das Abziehbild eines Cis-Mannes. Wann immer die nicht mehr ganz junge Anwältin Tony, die ihn in einer Diskothek kennengelernt hat, Zeit mit dem narzisstischen Superalphamännchen verbringt, tauchen wie selbstverständlich Georgios Ex-Gespielin, das Model Agnès, und ihre Freundinnen mit auf. Oder waren sie gar nie weg? Und sind da etwa noch aktuelle Favoritinnen dabei? Man weiß es nicht.

Bist du ein Idiot?, fragt Tony Georgio, nunmehr ihr Ehemann, eines Tages im Bett. Er antwortet: Ich bin der König der Idioten. So in etwa lässt sich der ganze Film von 2015 (Originaltitel: Mon roi) beschreiben. Tony, die sich durchaus an Georgios Spiel mit sexuellen und anderen Perversionen erfreuen kann, kommt sich immer öfter wie das fünfte Rad am Wagen inmitten all der Beauties in Georgios Entourage vor. Der beredte Manipulator nimmt schließlich das leichtsinnige Schlendrian-Dasein und seine Koks-Sucht vollends wieder auf. Nachdem Tony das gemeinsame Kind ihrer toxischen Liebe geboren hat, verbringt sie die Zeit vor allem allein mit dem Jungen Simbad, den Georgio indes abgöttisch liebt und bald lieber besucht als Tony. Eine immergleiche alte Geschichte nimmt ihren Lauf.

Glücklich ist am Ende wohl niemand – bis auf eine Tatsache: Dass Vincent Cassel und Emmanuelle Bercot eine unglaublich glückliche Besetzung für ein total verkorkstes Paar sind. Schwer jemand würde die triste Passage der unglückseligen Tony feinfühliger und glaubwürdiger umsetzen als Bercot, die dafür 2015 in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Und kaum einer kann die Rolle eines majestätischen Super-Arschlochs so gekonnt erfüllen wie Vincent Cassel, der zurecht für seine ambivalenten Darstellungen immer wieder Preise erhielt wie etwa 2009 den César als bester Hauptdarsteller in Public Enemy No 1. Bei uns war Cassel natürlich früher auch schon mal erste Wahl: im heimlichen Alpenfilm #7 Die Purpurnen Flüsse (bitte gerne gleich anschließend rüberklicken!).

Tony und Georgio leben in Paris. Ihre Wende bekommt die in Rückblenden erzählte Story aber im Schnee der Alpenberge, wo Tony (gleich zu Anfang des 128-Minuten-Films von Regisseurin Maiwenn) auf der Skipiste verunglückt, worauf sie am Meer eine Knieverletzung ausheilen muss, die zur Psychotherapie über die gescheiterte Beziehung wird. Der Film wirft viele Fragezeichen auf, man schluckt zusammen mit Tony immer wieder irritiert die Manöver und die Kröten Georgios – und versteht am Ende doch nie, warum beide so handeln. Andererseits: Mon roi heißt Mein König. Und jeder kennt in der Realität gar nicht wenige Beispiele von Paaren, die es – auch oft mit Königin – genau so anstellen. Auch die versteht man nicht. Aber sie sind überall. Das macht die Faszination und die Treffgewalt dieses Films um Liebe und Verrat aus, der zwar nur ein paar beiläufige Spritzer Schnee und Bergsichten enthält, jedoch gerade deshalb ein besonders heimlicher Alpenfilm ist.                                                                                        Alexander Hosch

Mein ein, mein alles / Mon roi (2015). Immer mal wieder auf Netflix, zur Zeit aber nicht in D/A/CH. Jedoch ist der Film aktuell  auf zahlreichen anderen Streamportalen zu kaufen / zu leihen.

Schöner sterben

Tote Bauwerke sind, solange sie gut aussehen, besser als jedes hässliche neue Archi-Nichts. Davon lebt der traumschöne Ski-Ort Bad Gastein im Salzburger Land prächtig. Berliner und andere westliche Hipster, Moskauer und andere östliche Oligarchen streifen seit Jahren wonnevoll durch eine Wintermärchen-Topografie aus kaiserlichen Kurparks, Wasserfällen und verlassenen Grand Hotels.

David Schalko ist bekannt als Braumeister österreichischer Gegenwartsdramen, in Bild und Schrift. Er legt nach der TV-Serie Braunschlag und dem Film Aufschneider mit Josef Hader jetzt Bad Regina vor – seinen dritten Roman. Der Ortsname ist erfunden, aber die Blaupause für die präzis aus Heilwasser, Zaubersanatorium, brutalistischem Kongresszentrum, Casino und Partymeile zusammengeprintete Touri-Idylle glaubt man zu kennen. In Schalkos literarischer Handlung sind zunächst die Architekturen die Stars. Der zarte Glamour ihres Verfalls puderzuckert eine Dorfwelt unter feschen Alpengipfeln. Nach und nach nimmt allerdings ein beachtliches Österreich-Bashing Fahrt auf.

„Der Österreicher war schon Nationalsozialist, bevor Hitler kam. In Österreich ist jeder ein Nazi. Acht Millionen Einzelfälle“, sagt einmal unvermittelt, aber geschliffen, der Intellektuelle unter den Dörflern. Auch sonst werden – im Gasthaus – immer wieder posttraumatische Bewirtungs-Störungen hinausgedonnert. Das ist der Schalko-Sound. Dazu wird eine Reihe ziemlich kaputter Ösi-Existenzen kredenzt. Monströs bösartige Scheinriesen. Oder unterwürfige Angsthasen, die sich zu allem zu klein fühlen. Das frühere Sex-Sekten-Mitglied Selma. Die irre alte Zesch. Der Vamp des Kaffs, Gerda. Ein frustrierter Ex-Clubbesitzer, Othmar, der mit dem Bürgermeister Heimo, dem abgetakelten Adligen Wegenstein und vierzig anderen letzten Bewohnern der Fast-Geisterstadt tief im Felsgestein Seltsames erlebt. Genüsslich fuhrwerkt der Autor in diesem Setting herum und lässt seine Personnage – als Trauma-Raumschiff Österreich – durch Bad Regina irren. Über einen „Chinesen“, der nach und nach alle Häuser aufkauft, dringen dann aktuelle Zukunftsängste herein. Was will der böse Fremde nur?

Ist das wirklich ein Roman?, fragt sich der Leser zuweilen, wenn der Text wie beiläufig Aphorismen ausspuckt, die nach Serien-Cliffhangers klingen. Oder wenn der Schriftsteller nahtlos Kammerspiel-Dialoge à la Burgtheater in die Prosa streut. Hasst Schalko seine Heimat? Möchte er der nächste Thomas Bernhard werden? Ist er es schon? Am kurzweiligsten liest sich Bad Regina überall da, wo mit schickem Namenszauber die Leser und Themen von heute abgeholt werden. Es gibt das Hotel Waldhaus, das Beisel Luziwuzi, den tief im Unterbewusstsein weiter rumorenden 90er-Jahre-Felsenclub Kraken, den gedächtnislos dahinvegetierenden Ex-DJ Alpha X aus Manchester und einen Dorfpolizisten, der den Transvestiten Petzi liebt. Skurril.

An manchen Stellen ist das 400-Seiten-Werk etwas langatmig, da wird zu genau erklärt, es treten zu viele Charaktere mit Eigenheiten auf, die man längst vergessen hat, wenn sie das nächste Mal auftauchen. Dann stockt das Lesevergnügen etwas. Aber der Roman findet ein feines Ende, in dem stimmig und in eleganter Sprache alles aufgelöst wird. Am besten ist es, sich vorzustellen, dass Schalko hier eigentlich gleich ein Filmskript vorgelegt hat. Der Regisseur Wes Anderson mag 2014 im oscarprämierten Arthousefilm Grand Budapest Hotel schon die zauberschönsten Bilder aller Zeiten für den Kult des aparten Verfalls gefunden haben.

Aber sei´s drum. Jetzt will man so schnell wie möglich den abgründigen Humor der grotesken Dorfkamarilla aus Bad Regina auf einem Bildschirm sehen.         Text und Foto:  Alexander Hosch

David Schalko, Bad Regina, 2021 (3. Auflage), Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05330-2, 24 Euro.

Das Argusaugenhaus von Graz

Mit Zaha Hadid von oben in die Alpen zu schauen, das geht schon länger. In Innsbruck muss man dazu nur im Turmstüberl der von der Avantgarde-Architektin gebauten Bergiselskischanze einkehren. Sie überragt die Brennerautobahn als modernes Tiroler Maskottchen. Just seit Beginn der Coronazeit – Februar 2020 – ist jetzt auch der Hadid-Blick von unten auf die Berge möglich: Aus der Stadtmitte von Graz heraus.

In Richtung Klagenfurt erblickt man die Lavantthaleralpen mit den steirischen Gipfeln Ameringkogel und Rappoldkogel. Und im Norden den 1445 Meter hohen Grazer Hausberg Schöckl (von dessen Spitze aus wiederum sich sogar der Triglav in Slowenien erspähen lässt). Aber zurück in die City. 17 Jahre dauerte es, bis Zaha Hadids Konzept „Argos“ als Glamour-Neubau fertig war. Die Österreicher setzten – in Wien, in Tirol, in der Steiermark – schon früh auf die exklusive Architektur der irakischstämmigen Londonerin, die 2016 überraschend mit nur 65 Jahren starb. Dennoch gab es auch in Graz wieder unzählige Streitpunkte zu klären. 

Nun aber existiert endlich dieses spaceshipartige Boardinghouse mitten in der Fischer-von-Erlach-Altstadt. Seine 45 silbrigweiß schimmernden Glasfaser-Bubbles schauen wie Argusaugen aus dem Zuckerbäckerbarock in alle Richtungen. Sogar die Tapete (Foto) passt sich an. Für Business- oder Feriengäste, die die kleinen und großen Wohnungen jetzt – zumindest während der Lockdownzeit – auch tageweise buchen können, heißt das: Sie residieren quasi im Computerbarock. Alles ist digital, vom Check-In über den Zutritt ins Zimmer per QR-Code zu den Service-Apps per TV-Gerät bis hin zum Raumgefühl. Das Bett kann man problemlos als Zentrum seines Cockpits verstehen. Nur die barocke Turmspitze der Stadtpfarrkirche draußen liegt herrlich analog und glasklar vor der Nase. Während man selbst gemütlich bei seinem ersten Espresso im raumhohen Fenster sitzt.

Und sonst? Stehen etwa Lichtschwerter statt Lampen auf dem Nachttisch? Fliegen die Frühstücks-Toasts hier wie Ufos am aufgesperrten Mund vorbei? Nein. Die futuristischen Zaha-Hadid-Sofas für Moroso oder ihre Alessi-Käsereibe waren dann doch zu teuer für den Hotelgebrauch. Aber auch so rundet angemessen dynamisches Mobiliar das Architekturkonzept ab – man wohnt also perfekt organisch-schrägwinklig. Und genauso futuristisch, wie es von draußen den Anschein hat.                      Text: Alexander Hosch

Argos by Zaha Hadid Architects, Boardinghouse mit 21 serviced Apartments, 30 bis 80 Quadratmeter. Zur Zeit teilweise ab nur 75 € pro Nacht, www.argos-graz.at