Der perfekte Umbau

Zu Fuß, per Auto, per Bus, per Rad. Egal wie man hinkommt, jede:r sieht sofort, dass die Isarphilharmonie etwas Besonderes ist. Gegenüber steht ein altes Heizkraftwerk. Davor fließt ein kleiner Kanal. Daneben beginnt der Flaucher, eine bewaldete Strand- und Freizeitlandschaft an der Isar. Und rundherum brausen tagaus, tagein die Autos über den Mittleren Ring, eine Art City-Highway. Dabei scheint Münchens jüngster Konzertbau, blitzschnell errichtet zwischen 2018 und 2021, auf den ersten Blick „nur“ ein Umbau zu sein. Es steckt indes auch ein Neubau mit drin. Trotzdem hat es die Isarphilharmonie innerhalb weniger Jahre zum neuen Markenzeichen geschafft. Aus einer citynahen Gegend, die bisher eher als Wohngebiet bekannt war denn als Ausgehviertel, ist durch sie nun gemeinsam mit dem ebenfalls neuen Volkstheater unerwarteterweise eine angesagte Kulturmeile geworden.
Die Architekten des Umbaus mit Neubau, Deutschlands größtes Baubüro gmp aus Hamburg, nahmen jetzt diesen Erfolg sehr gern zum Anlass für eine Schau, die ebenso perfekt zur eigenen Ausrichtung wie auch zum „Gasteig HP8“ passt, so der andere Name der Isarphilharmonie. Auf zwei Etagen des sogenannten „Blumenbunker“ am Viktualienmarkt ist seit kurzem eine Wanderausstellung, die mit je anderen Projekten schon in Berlin, New York, Hamburg, Venedig und Shanghai zu sehen war, angerichtet. Die Münchner Architekturgalerie bespielt den Hochbunker am Viktualienmarkt aus den 1930-ern schon seit einiger Zeit und präsentiert jetzt mit gmp – 500 Mitarbeiter in 13 Ländern – eine Firma, die weltweit baut. Neun Umbauprojekte werden mit Videos, Modellen, Plänen, Schnitten und Fotos gezeigt, unter anderem die Hyparschale Magdeburg, die Alsterschwimmhalle Hamburg, das Olympiastadion Berlin (siehe Ausstellungsfoto) und das Estadio Bernabeu in Madrid. Vor allem aber kann man sich zweimal Münchner Lokalkolorit abholen: Einmal in Form eines frühen Entwurfs – von 1970 – für das Europäische Patentamt an der Erhardstraße in Isarnähe. Bei dieser seither kontinuierlich transformierten, seit 2022 sogar denkmalgeschützten gmp-Architektur wurden zuletzt unter anderem Etagen neu strukturiert und die Fassaden sanft überarbeitet. Und zweitens geht es eben darum, wie die Isarphilharmonie zum Knüller werden konnte. Auf sie konzentrieren wir uns hier.

Ursprünglich ging es einfach nur um einen Ersatzbau für die Zeit der Gasteig-Sanierung im Stadtteil Haidhausen. Und eigentlich wartet München ja auch seit Jahren auf den großen Konzerthallen-Wurf im Werksviertel. Doch beide Vorhaben – der teure Umbau des Bildungs- und Kulturzentrums Gasteig von 1985 und der noch teurere Neubau – kommen schlecht vom Fleck. Vielleicht auch deshalb einigten sich die Münchner Architekturfans gemeinsam mit den Konzertbesuchern schnell auf die Ansicht, dass mit der vergleichsweise kleinen Isarphilharmonie ein herausragendes Intermezzo entstanden ist. Ein Provisorium, das am besten gleich bleiben sollte!

Für rund ein Zehntel (43 Millionen Euro) des Preises einer herkömmlichen Konzertarchitektur bekam München 1900 Sitzplätze, ein minimalistisch-funktionales Design und eine allüberall wunderbare Akustik. Pragmatisch hatte man sich früh für eine Art Fertigbau entschieden. Das heißt: Das hölzerne Innenleben wurde größtenteils schon in der Fabrik zusammengesteckt, die Modulwände waren dann vor Ort noch zu verbinden und mussten in das Stahltragwerk und die nüchterne Neubau-Hülle integriert werden. Eine alte Backstein-Trafohalle der Stadtwerke behält rein äußerlich aber die Oberhand des Ensembles. Sie arbeitete man als Ankunftsbauwerk (Halle E) um, in das neben den Ticketschaltern und Zugängen zum Musiksaal weitere Einrichtungen für die Allgemeinheit wie Teile der Stadtbibliothek und der Volkshochschule einzogen. Die historische Glasdecke wurde dafür restauriert, blaue Gitter, Böden und Gebäudestruktur erlebten eine Ertüchtigung. Ein materiell überzeugender Übergang – Polycarbonatfenster, Industrietreppen, helles Fichtenholz – schiebt sich zwischen Altbau und Neubau. Eine zweite kleine Stahlhalle und Zubauten für Proben, Gastronomie et cetera komplettieren inzwischen das gemischte Areal, auf dem nebenan nach wie vor verschiedene kleine Gewerbe betrieben werden. Prozedere und Resultat des Musikhausbaus erwiesen sich als praktisch, pünktlich, qualitätvoll, kostengünstig. Von Sol Gabetta bis Igor Levit, von Hélène Grimaud bis Simon Rattle waren inzwischen viele der besten Musiker schon mal da – und kommen immer wieder. Auch die verschiedenen Münchner Symphonieorchester haben ihre neue Basis gefunden Die Architektur, oft zu Unrecht als Kostentreiberin von Großprojekten gescholten, hat in diesem Fall an der Tatsache, dass aus dem Stadtteil Sendling ein neues Kulturzentrum geworden ist, den entscheidenden Anteil.

Also ist unser Beitrag diesmal nicht wie sonst ein Aufruf an die Städter, zum Genuss von Kunst und Kultur in die Berge zu fahren. Sondern hier sind, umgekehrt, zwei gute Gründe für die Alpianer, den nächsten Münchenausflug mit einem Galeriebesuch im „Blumenbunker“ oder einem Konzert in der Isarphilharmonie zu verbinden – am besten beides! Kommt doch alle mal nach unten in die Stadt, um einen Gipfel der Musikarchitektur zu besteigen!

Text und Fotos:  Alexander Hosch

„Umbau. Nonstop Transformation“ von gmp Architekten, Architekturgalerie München, Blumenstraße 22, bis 6. Dezember 2025  – geöffnet: Mittwoch bis Samstag 15-19 Uhr. www.architekturgalerie-muenchen.de

Frankenstein

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit:                               

Heimlicher Alpenfilm #23

„Mary Shelley’s Frankenstein“ wurde am Genfersee geboren, im „feuchten, unfreundlichen Sommer“ 1816, wie sich die Schriftstellerin im Vorwort zu ihrem Schauerroman erinnert. Der Ausbruch eines indonesischen Vulkans hatte das Weltklima ins Schwanken gebracht, und das Extremwetter fesselte die Dichterrunde um Lord Byron, Mary und Percy B. Shelley an die Villa Diodati. Was lag näher, als einen Wettstreit um die beste Gespenstergeschichte auszurufen?

Bereits in seiner Kindheit war der mexikanische Filmemacher Guillermo del Toro, virtuoser Puppenspieler im Dark-Fantasy-Genre, vom berühmtesten Monster der Literaturgeschichte fasziniert. Nun hat er selbst eine Version des aus Leichenteilen zusammengeflickten Kaventsmannes zum Leben erweckt, unterstützt von einem tollen Cast, darunter Jacob Elordi, Mia Goth und Christoph Waltz. Nur Oscar Isaac gibt seinem Victor Frankenstein eine zu schrille Note. Del Toros bildmächtige, oscarreife, streckenweise allerdings etwas rühselig geratene Neuinszenierung läuft seit 7. November bei Netflix.

Unter dem Eindruck der Experimente Darwins grübelt Shelley über die Ursprünge des Lebens, thematisiert die menschlichen Manipulationsversuche wiewohl das Scheitern der Vernunft  – und pflanzt so ihrem Werk eine geradezu seherische Brisanz ohne Verfallsdatum ein. Indessen konzentriert sich del Toro auf den Humanismus in dem Horrorklassiker: das Ungeheuer als unverdorbener Naturmensch, der sich nach Liebe sehnt, nur äußerlich ein Monstrum.

Bloß einen kurzen Moment der Ruhe gönnt Guillermo del Toro dem Wesen, (mit stoischer Empfindsamkeit gespielt von dem hünenhaften Elordi), nachdem es der Folterkammer seiner Herkunft entkommen ist und als heimlicher Gast in einem abgeschiedenen Bauernhof Unterschlupf findet. Der blinde Bewohner dieser Holzhütte wittert seine Präsenz ebenso wie seine Gutmütigkeit und lässt es gewähren. In diesem geschützten Raum lernt es sprechen, lesen und entwickelt erst eine Vorstellung, dann den drängenden Wunsch nach Identität und Zugehörigkeit. „Mein Name ist Osymandias“, stammelt die Kreatur in Anlehnung an das Sonett von Marys Ehemann Percy Bysshe Shelley über den Kontrast von Selbstherrlichkeit und Ruin, an dem sie sich abgearbeitet hat.

Und nur in dieser Phase der Filmerzählung scheint die Landschaft wohlwollend: Der Alpenkamm im Hintergrund wirkt als Beschützer der Idylle, die sich im satten Wiesengrün und im unschuldigen Weiß eines Blütenteppichs, später auch in den Schneeflocken manifestiert. Guillermo del Toro zitiert die süßliche Überfülle der präraffaelitischen Naturvisionen. Überhaupt hat er sich großzügig am Bilderbuffet der Romantik bedient. Caspar David Friedrichs „Watzmann“ und das „Eismeer“ (beide unten) standen ebenso Pate wie die Christusdarstellungen von William Holman Hunt mit ihrer Kreuzigungssymbolik und den flatternden Bändern. Frankensteins Monster als Messias, das ist schon ziemlich kühn und neu gedacht.

Caspar David Friedrich war nie in den Alpen und hat in seinen Bergbildern dennoch Wirklichkeitstreue mit Theatralik genial verknüpft. Und Guillermo del Toro drehte seinen „Frankenstein“ nicht an den Originalschauplätzen des Romans – etwa der Gletscher über Chamonix oder das Nordpolarmeer – sondern unter anderem in schottischen Gefilden um Glasgow, Stirling und Arbroath sowie in den kanadischen Rocky Mountains. Er fand aber umso eindringlichere Bilder für Mary Shelleys Vorstellungswelt, die sich auf mehreren Schweiz- und Frankreichreisen formte: „Und darüber ragten die weißen, schimmernden Kuppeln und Pyramiden der Alpen in überirdischer Pracht, wie Wohnungen von Wesen, die so ganz anders sind als wir.“

Im Gletschersystem des Mont Blanc – das „Mer de Glace“ floss Mitte des 19. Jahrhunderts noch wie ein flaches, aber aufgewühltes Eismeer vom Bergmassiv bis hinunter in das Tal von Chamonix und ist seitdem um mehr als zwei Kilometer geschrumpft – stoßen Schöpfer und Kreatur wieder aufeinander. „Auch wenn ich nur Stückwerk bin, ich denke, ich fühle. Mach eine wie mich“, fleht das vermeintliche Monstrum, nun ganz Menschenkind und in seiner Einsamkeit gefangen, im Film seinen Erzeuger um eine Gefährtin an. Frankenstein ist grausam genug, den Herzenswunsch harsch abzulehnen, und die traurige Gestalt wendet sich nun in Rage gegen ihren Schöpfer.

Bei Shelley entrinnt niemand in der unermesslichen Weite von Eis und Schnee, im „Brüllen der stürzenden Lawinen“ den Naturkräften. Weder den äußeren noch den im Menschen selbst schlummernden. Die Überlegenheit des „modernen Prometheus“ (so der Untertitel des Romans) ist gescheitert und begraben wie Caspar David Friedrichs Schiff in den aufgetürmten Schollen des Eismeers, wohin Frankensteins Geschöpf schließlich flüchtet. Im Film erlöst dieser skurrile Messias seinen Vater, ihm selbst bleibt dies versagt.

Text © Alexandra González

https://www.netflix.com/de/title/81507921

In die Kulturhauptstadt Gorizia/Nova Gorica

„Ist das ockergelbe Haus da drüben k. und k. oder italienisch?“, fragt die unbekannte Dame neben uns, bevor sie sich ein Stück der mit Nüssen, grappagetränkten Sultaninen und Pinienkernen gefüllten Gubana in den Mund schiebt. Wir sitzen an der Piazza della Vittoria in Gorizia auf einer der Panchine Narranti, vier dieser „sprechenden Bänke“ wurden in der Altstadt verteilt, um mittels QR-Code etwas über die Historie Gorizias zu erzählen. Doch die Frage nach dem ockergelben Haus lässt sich nicht so leicht beantworten. Wie der schneckenförmige friulanische Festtagskuchen Gubana ist auch die Geschichte der Doppelstadt am Fuß der Julischen Alpen reichlich verschlungen.

Das italienische Gorizia und das slowenische Nova Gorica wurden getrennt und sind als Kulturhauptstadt Europas 2025 wieder zusammengewachsen. Gorizias wechselvolle Geschichte im Schnelldurchlauf: Zunächst war es eine mittelalterliche Grafschaft, dann Teil der Republik Venedig, bevor es unter die Herrschaft der Habsburger gelangte und das österreichische Görz schließlich im Ersten Weltkrieg wieder an Italien fiel. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien neu gezogen und Gorizia geteilt. Nun entwickelte sich Nova Gorica als sozialistisches Vorzeigeprojekt mit modernen Krankenhäusern, Schulen und Wohnbauten, eine Planstadt nach den Vorstellungen des Le Corbusier- und Plečnik-Schülers Edvard Ravnikar. Durchlässig wurde die Grenze erst wieder mit dem EU-Beitritt Sloweniens im Jahr 2004. Heute können wir am neu gestalteten Europaplatz einen Fuß auf italienischen und einen auf slowenischen Boden setzen und dabei den Herzschlag Mitteleuropas fühlen.

Das Kulturprogramm GO! Borderless läuft schon seit Monaten auf Hochtouren, bezieht die Region bis Udine, Triest und die alpine Soča flussaufwärts mit ein. Der Veranstaltungsreigen aus Kunst, Tanz, Theater, Musik, Kino und Gastronomie (etwa eine beschwingte Zugreise durch das malerische Weinland des Vipava-Tals) endet am 5. Dezember in dem Lichtkunstspektakel „Stop the City Moment 4“.

Wir empfehlen, mit einem Spaziergang durch die Via Rastello, der ältesten Straße Gorizias, zu starten. Sie beginnt an der Piazza della Vittoria. Im Jugendstilgebäude Casa Krainer, Hausnummer 43, befindet sich die originellste Spielstätte von G0! 2025. Während im ersten Stock der Trentiner Videokünstler Stefano Cagol in einprägsamen Bildern gegen die Klimakrise protestiert, dokumentiert der abgenutzte Parkettboden unter dem perfekt erhaltenen Kassenhäuschen und den imposanten Eichenregalen im Erdgeschoss die 100-jährige Liebe der Bewohner Gorizias zu ihrem Eisenwarenladen Ferramenta Krainer.

Auch der Palazzo Attems Petzenstein liegt nur einen Katzensprung entfernt. Das seit 1900 dort ansässige Provinzmuseum beherbergt eine Pinakothek und spannt in der eigenen Sammlung den Bogen vom Stillleben mit Görzer Obst – eine paradiesische Vielfalt mit der Kirsche als Königin – bis zu den Julischen Futuristen und darüber hinaus. Und nichts geht hier ohne Zoran Mušič, einen der berühmtesten Söhne dieser grenzüberschreitenden Stadt.

Für die Werkschau „Zoran Mušič. La Stanza di Zurigo, le opere, l’atelier“ wurde nicht nur das venezianische Atelier des 1909 in Bukovica nahe Görz geborenen Künstlers rekonstruiert, sondern auch sein „Zürcher Zimmer“. Mušič gestaltete es Ende der 1940er-Jahre als Haus im Haus der Geschwister Charlotte und Nelly Dornacher in Zollikon. Die beiden nutzten diesen Künstlerraum im Souterrain als Partykeller der Extraklasse.

Die Wandmalereien zeigen mit Tieren beladene Barken, märchenhafte Venedigansichten und sich liebevoll umarmende Grazien. Auch die bestickten Vorhänge und Tischdecken aus Leinen und Jute sind erhalten. Traditionelle Gattungsgrenzen oder Materialbeschränkungen, Unterscheidungen zwischen dem Naiven und dem Erhabenen, all das ließ Mušič hinter sich.

Mal in Blau, mal gepunktet, als einzelne Fohlen oder in der Herde und immer als Symbole der Freiheit ziehen die „Cavallini“ durch Mušičs Œuvre, das jenseits des Palazzo Attems Petzenstein auf Schloss Dobrovo in den Weinbergen der slowenischen Brda sowie im mittelalterlichen Dorf Štanjel zu sehen ist. Die Pferdchen erinnern an Höhlenzeichnungen, schweben auf spindeldürren Beine durch die flirrende, karge Landschaft des Südens. Im Gegensatz zu diesen heiteren Tierdarstellungen stehen die den Horror bündelnden Zeichnungen aus dem Konzentrationslager Dachau, wohin Mušič deportiert worden war, nachdem die Gestapo ihn der Spionage bezichtigt hatte. Dieses Trauma verarbeitete er ab 1970 auch im Bilderzyklus „Wir sind nicht die Letzten“, der ebenfalls gezeigt wird.

Ganz nahe kommt man der Künstlerseele in Mušičs Landschaften. Karstimpressionen aus Istrien und Dalmatien sind ebenso darunter wie die in wenigen Pinselstrichen eingefangenen kahlen Hügelformationen rund um Siena. „Diese wüsten Landschaften gleichen dem Leben. Ein von der Sonne versengtes und vom Wind durchgerütteltes Leben“, sagte Mušič, der 2005 im Alter von 96 Jahren in Venedig starb. Es war ein langes, produktives Leben, das sich durch Grenzen nicht einhegen ließ – ein Idealfall für GO! Borderless.

Text und Fotos © Alexandra González

https://www.go2025.eu/en

 

Zu Max Pechstein ins Museum der Phantasie

Die Alpen kratzen oft malerisch am bayerischen Himmel. In Bernried scheint man sie zum Beispiel dabei zu erwischen, sobald man bei schönem Wetter entlang des Buchheim-Museums in die Nähe des Wassers gelangt. Das 2001 eröffnete Gebäude von Behnisch Architekten liegt direkt am Starnberger See. Und unten bei den drei tönenden Kunstschaukeln von Jeppe Hein zieht die Bergkulisse im Süden sofort magisch den Blick von jeder und jedem an. Wir haben Bernried diesmal wegen Max Pechstein angesteuert. In nur einer halben Stunde von München fuhren wir mit der sogenannten „Werdenfelsbahn“. Der 20-minütige Fußweg abwärts vom Bahnhof zum Museumsbau über Dorfstraßen und einen grünen Pfad zwischen Bäumen und Wiesen ist  ein willkommenes Vorspiel für Pechsteins künstlerische Zwiegespräche mit der Natur (Abb.: Gestürzte Kornpuppen, 1949). Die war dem expressionistischen Maler, der von 1906 bis 1912 der Künstlergruppe Die Brücke angehörte, mehr als wichtig. Die neue Bernrieder Sommerschau „Vision und Werk“, wohl die bislang größte des Künstlers (1881-1955), wurde jetzt möglich, weil das Zwickauer Max-Pechstein-Museum vier Jahre lang geschlossen hat. Das reiche Opus aus dem Besitz der Kunstsammlungen Zwickau (wo Pechstein geboren ist) geht nun zusammen mit Werken der Max Pechstein Stiftung sowie aus einigen Privatsammlungen während dieser Zeit auf eine Ausstellungstournee, die nach der Kunsthal Rotterdam nun Bernried, später das Lentos Linz und weitere Stationen in Mitteleuropa umfasst.

In Bernried müsse ich aber mit den Original-Bergen vor Ort vorlieb nehmen, so vertröstet mich die Maler-Enkelin Julia Pechstein auf der Vernissage und lacht. Die Dame mit dem eleganten Kopftuch (Foto) erzählt, dass zu den rund 100 Exponaten von Max Pechstein hier in Bernried noch zirka 80 Stücke aus dem Besitz der Sammlung Buchheim gekommen sind. An jedem Tourneeort werden andere Pechstein-Inkunabeln oder -Raritäten dazustoßen – je nach Möglichkeit und Bereitschaft privater Besitzer, sich eine Zeit lang von ihren Arbeiten zu trennen. Gibt es denn auch Bilder, die ihr Opa in den Alpen malte?  „Ja, etwa einige wunderschöne Darstellungen vom Chiemsee, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind.“ Ich werde später tatsächlich im Internet eine pittoreske Wolkenstimmung in Rosa und Orange samt See aus dem Jahr 1947 erblicken, mit den Chiemgauer Alpen im Hintergrund. „Aber vor allem malte mein Großvater 1923/24 Ansichten im Schweizer Hochgebirge. Denn dort hatte er einen Gönner, der den Aufenthalt in Wallis für ihn ermöglichte. So konnte er am Fluss Rhône arbeiten und in Saas-Almagell, wo es Bilder und auch Fotos von hölzernen Almhütten auf Steinfüßen von ihm gibt.“ Julia Pechstein versucht, möglichst alle Standorte, an denen ihr Opa je gearbeitet hat, selbst kennenzulernen, sagt sie – auch diesen. „Ein Teil dieser Schweizer Alpenbilder von Max Pechstein soll gezeigt werden, wenn diese Schau später im Art Museum in Luzern Halt machen wird“, verspricht sie – sie freue sich sehr darauf. Alpine-Kultur-Aficionados streichen sich diesen Zeitraum (8.7. bis 5.11. 2028) also ruhig schon mal für einen Besuch am Vierwaldstätter See im Kalender an!

Aber jetzt müssen erst einmal alle nach Bernried. Die Schau dort zeigt nun eindrücklich bis in den Herbst Pechsteins Urvertrauen in die Kunst, die Natur und in die Menschen, denen er begegnete. Statt Alpengipfeln sieht man dort Bauern, Felder und Blumen aus seiner sächsischen Heimat. Oder die Fischer, die Boote und die Stimmungen, die vor allem am Meer eingefangen wurden – etwa auf Usedom oder an der Kurischen Nehrung, im heutigen Polen und Litauen, zuweilen auch in Italien – und einmal, 1914, während einer mehrmonatigen Südseereise in die damalige deutsche Kolonie Palau, wo ihn die Einheimischen, die Masken und die Farben des Südens inspirierten. Ein toller Trumpf dieser Ausstellung ist das verwegene Farbkontext für die Wände, deren intensive Blau-, Grün, Rot- und Gelbwerte die Bilder – auch und gerade die schwarz-weißen Holzschnitte wie „Untergehende Sonne am Ostseestrand“ von 1948 oben – zur Geltung kommen lassen. Eigenhändige Fotos von Max Pechstein und Handschriftliches geben für die Grafiken und Unikate einen stimmigen Rahmen. Ein Porträtfoto, seine Originalstaffelei und Atelierfarben (Abb. weiter oben) akzentuieren diesen Eindruck. Das berühmteste Bild der Bernrieder Ausstellung zeigt Pechstein gleichwohl nicht als Maler, sondern als lässiges Motiv im roten Pullover. 1910 porträtierte der Brücke-Kollege Erich Heckel ihn in Dangast im roten Pullover als „Der schlafende Pechstein“. Diese Leinwand aus dem Besitz des Buchheim-Museums gilt längst als eine der Ikonen des deutschen Expressionismus. Mindestens seit es 1974 auch zu einer der schönsten Briefmarken der Bundespost wurde. – Diese neue Ausstellung bietet jetzt eine extrem kurzweilige und rasch zu verwirklichende Kleine Flucht zur Kunst ins schönste oberbayerische Voralpenland.

Text und Fotos:  Alexander Hosch

„Max Pechstein – Vision und Werk“, Buchheim Museum der Phantasie Bernried, noch bis 26. 10. 2025; www.buchheimmuseum.de

Die Züge von München nach Bernried verkehren stündlich (Fahrtdauer: ab 31 Minuten).

 

 

 

Nach Kochel zur „Moderne im Zoo“

Einer der Höhepunkt: Paul Klees Kreidezeichnung „Ein Tier bald wieder heiter“ aus dem Jahr 1940.

 

Rassismus, Kolonialismus, Tierwohl, „Exotik“ – aus vielerlei Gründen blicken wir als Gesellschaft heute skeptischer auf die zoologischen Gärten in unseren Städten als vor hundert Jahren. Aber auch manche Künstler der Moderne – wie der Expressionist Franz Marc – hatten als Besucher im Tierpark schon einen anderen, einen mitfühlenden Blick auf die dort gefangen gehaltenen Geschöpfe. Wenn auch nicht alle. So braucht es in der neuen Ausstellung „Die Moderne im Zoo“ in Kochel am See durchaus die Warnhinweise wegen unangemessener Darstellungen oder auf für Kinderaugen ungeeignete Künstlerbilder etwa von Elefanten, die für die Sensationslustigen von damals zum Handstand gezwungen wurden.

Die aktuelle Schau im Franz Marc Museum, direkt unter dem Alpengipfel Herzogstand in einem herrlichen Park gelegen, versammelt rund 100 Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Grafiken von Alfred Kubin, Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Franz Marc (hier sein Gemälde Affenfries), Paul Klee, Renée Sintenis, Paul Meyerheim, Gabriel von Max, August Macke und anderen aus der Zeit von etwa 1880 bis 1940. Sie stellt sie nebst zeitgenössischen Fotografien, Zoo- oder Zirkus-Plakaten zur Diskussion.

Die Ausstellung hat zwei Etagen und sieben Abschnitte (Flanieren im Zoo, Der Großstadtzirkus, Der Paradiesgarten, Tierethik und Naturschutz, Menschelnde Tiere usw.). Die Höhepunkte: Niemand scheint die Regungen der Zootiere so tief nachempfinden zu können wie der Blaue Reiter Franz Marc, dem dieses Museum gewidmet ist. Zu sehen etwa in seinem wunderbaren „Affenfries“ von 1911. Unvergleichlich bis heute bleibt auch der poetische Humor von Paul Klee, dessen Zeichnungen und Aquarelle von Fischen, Vögeln oder Nashörnern der 1920er bis 1940er Jahre von einem überzeitlichen Humanismus durchstrahlt werden. Sowie drittens die kleinen Bronzeplastiken von Renée Sintenis, links unten ein Junges Dromedar nebst einem Baby-Elefanten, beide aus den 1920er Jahren. Nicht nur ihre Miniaturhaftigkeit rührt, die extreme Nahbarkeit und Direktheit der Tierdarstellungen macht diese Kunstwerke zeitlos.

Und so trifft man in der wunderbaren Schau auf zahlreiche großartige Charakterstudien von Lebewesen in ihrem Element, andererseits auf manch grausame Beispiele von Zwang, Zucht und Schaulust. Die besten Künstler sahen indes – wie der Dichter Rilke – auch damals schon den traurigen Blick von Zootieren, die wohl ahnten, dass es hinter tausend Stäben für sie keine richtige Welt gibt. – Eine tolle, anregende und diskussionswürdige Ausflugs-Ausstellung, die man den ganzen Sommer über und bis in den Herbst zum Besuch mit den besten Freunden oder seiner Familie nutzen sollte.

Text und Fotos: Alexander Hosch

„Die Moderne im Zoo“, Franz Marc Museum, Kochel, bis 9. November 2025, www.franz-marc-museum.de. Geöffnet Di bis So und an Feiertagen jeweils 10 bis 18 Uhr, ab November 10 bis 17 Uhr. Das Museum kooperiert  mit dem Münchner Tierpark Hellabrunn – es gibt einen Podcast sowie Spezialführungen, Gewinnspiele, Vorträge. – Kochel ist von München stündlich per Zug erreichbar; das Museum liegt zu Fuß dann noch etwa 30 Minuten vom Bahnhof Kochel entfernt.

 

Auf dem romantischen Weg vom Bahnhof Kochel zum Museum, im Hintergrund der Gipfel des Herzogstand. Die Abbildungen darüber zeigen Paul Klees Bleistiftzeichnung „Theater der Tiere“ sowie seine exquisite Darstellung eines Fischs.

Die Kiefersfeldner Doppelspitze

 

 

 

 

 

 

#15   Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es alte und ganz neue Architekturen, die jeder schon zu kennen glaubt. Dabei hat kaum einer je die Zeit gehabt, dort mal stehen zu bleiben. Wir besuchen sie. 

Objekt  Speed Factory / Ort  Kaiserreichstraße 15, D-83088 Kiefersfelden / Koordinaten  N 47° 37‘ O 12° 11‘ / Bauzeit  2022-2024 / Bau-Grund Markenpavillon / Aktuelle Nutzung  Headquarter des Bergsportartikelherstellers Dynafit, Flagship Store, Ski- und Bindungsreparaturwerkstatt / Öffnungszeiten  Montag bis Samstag 10-18 Uhr; www.dynafit.com / Schönster Augenblick  Wenn die zwei Stahlgipfel direkt vor dem Bergmassiv aufleuchten

Warum man immer dran vorbeifährt:   Weil alle im Auto die ganze Zeit auf ein Aufblitzen des Wilden Kaisers hoffen! Manchmal soll er im Hintergrund kurz zu sehen sein. Oder sind es ehrlicherweise doch nur die Ausläufer des Kaisergebirges? Egal. Das Massiv, das alle dann suchen, ragt jedenfalls definitiv auf der anderen Seite der Autobahn hoch.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Um zu verstehen, dass es nicht nur bei Man U und bei den Grünen gut funktionierende Doppelspitzen gibt. Sondern auch südlich von München! Wie geschickt man vor die Kulissen der bayerischen und österreichischen Alpen zwei spitzzackige, 32 Meter hohe Türme an den Rand der Inntalautobahn zaubern kann, zeigt seit Herbst 2024 das nagelneue Gebäude der Dynafit Speed Factory. Und wie Branding dann fast automatisch klappt, das teilt die originelle Architektur von Barozzi Veiga aus Barcelona allen mit, die dran vorbeifahren. Denn die auf Tourenbindungen, Traillaufschuhe und andere Ausrüstungsgegenstände für Ausdauersportler spezialisierte Firma lockt mit einem hellen stählernen Gegengebirge schon von weitem viele Interessenten in ihren Shop. Kenner können sich dort ihre Bretter sogar selbst bauen – oder sie verlassen sich auf Experten, die für sie dann Tourenski nach Maß anfertigen. Bindungen, Schuhe oder Bekleidungsstücke der Marke mit dem Schneeleoparden werden vor Ort repariert. Mehrere schnellladende E-Tanksäulen gibt es direkt vor dem Gebäude oder bei den verschiedenen Outlets des sogenannten Kaiserreichs nebenan. Im Bistro Bivac lassen sich außerdem täglich wechselnde vegane oder vegetarische Spezialitäten bestelle.

Wie man hinkommt:  Die Speed Factory liegt kurz vor Kufstein und der österreichischen Grenze im Gewerbegebiet von Kiefersfelden, somit gerade noch in Bayern. Ausfahrt Kiefersfelden der Inntalautobahn A 12. Die Factory sieht sich als Treffpunkt für passionierte Bergsportler am nördlichen Eingangstor der Alpen. Man kommt von München auch stündlich mit dem Zug nach Kiefersfelden. Vom lokalen Bahnhof sind es zur Speed Factory zu Fuß etwa 25 Minuten.

 

Wilder Gletscher & stilles Tal

Unser Tourguide Roy vor der Silhouette der mehr als 4000 Meter hohen Muzelle. Hier an einer der höchsten Stellen des Skigebiets von Les 2 Alpes erholen sich die Tourengeher vom anstrengenden Aufstieg – zugleich beginnen einige der schönsten Alpinabfahrten der französischen Alpen.

Drei Dörfer empfangen in der bei uns kaum bekannten Skiurlaubslandschaft Serre Chevalier, wo die sonnigen französischen Südalpen ihren Anfang nehmen. Das Sahnehäubchen hier ist jedoch, dass der Skispass schon in Briançon beginnt – in der höchst gelegenen Stadt der Europäischen Union. Auf 1326 Metern wird ihre Vedute von nicht weniger als fünf sternförmigen Forts des Militärbaumeisters Vauban gekrönt, der sie zur Barockzeit für den Sonnenkönig baute. Besucher finden deshalb in der alpinen Festungsstadt heute eine Art San Gimignano der Berge vor – mit Erdwällen, Wehrtürmen, südlichen Piazzas und italianisierenden Cafés. Direkten Liftanschluss gibt es auch: Ab hier bis zum Col du Galibier erstrecken sich jeden Winter 250 km Pisten. Und ideal als Zwischenspiel: Im Gebäude einer alten Militärskischule, das ab 1902 zusätzlich eine Skifabrik beherbergte, logiert seit 2023 die Kletterhalle Bloc 027. Gäste können an ihren knallbunten Wänden auf zwei Etagen professionell bouldern. Und danach im integrierten Restaurant regionales Slowfood genießen.

Hat man dann die romantischen Stadtgassen erst verlassen, wird am Profil einer Perlenkette, aufgereiht aus den Dörfer Chantemerle, Villeneuve-la-Salle und Monêtier-les-Bains, schnell der Appeal des Skigebiets Serre Chevalier erkennbar: stilvolle Gemütlichkeit. So sieht eine Ferienregion aus, die sich zufriedene Gäste wünscht, aber ein naturschädliches Wachstum im Tal für überflüssig hält. Während in anderen französischen Skistationen Remmidemmi oder schnödes Bling-Bling den Ton angeben, punktet etwa das vornehme Grand Hôtel de Serre Chevalier, das in den 1950er Jahren erbaut wurde, mit seiner langlebigen alten Holzfassade und dem diskreten Charme der Bourgeoisie. Nach dem Genuss der Pisten plant man hier lieber stilgerecht ein paar ruhige Stunden in den heißen Wassern der Grands Bains de Monêtier oder die Teilnahme an einer Schneeschuhwanderung in der Natur der Lärchenwälder samt nächtlichem Iglu- oder Tipi-Fondue. In fünf Jahren, wenn in Villeneuve und im benachbarten Montgenèvre bei den Olympischen Winterspielen 2030 Snowboard-Wettbewerbe in der Half Pipe und im Boardercross ausgetragen werden, soll im Fort des Têtes von Briançon in 1440 Meter Höhe das Olympische Dorf installiert sein, sodass die Athleten direkt in einem Unesco-Weltkulturerbe untergebracht sind. Ob diese schicke Lösung auch wirklich nachhaltig und ökologisch sauber ist, wird gerade noch geprüft.

Lisa Gibello, die regionale Presseattachée, weiß längst, dass grüne Werte im Skisport Zukunft versprechen können. Deshalb sei Serre Chevalier so zögerlich mit grandiosen Neubauten. Ein immer größerer Teil der für den Liftbetrieb erforderlichen Energie, so sagt sie uns mit Blick auf die anspruchsvollen deutschen Gäste der Zukunft, stamme aus erneuerbaren Quellen. „Wir nutzen unsere Turbinen, Generatoren und das Wasser des Flusses Guisane parallel für eine Wollmanufaktur, die Mühlen, die Landwirtschaft und die Produktion des künstlichen Schnees.“ Und der Technische Direktor der Skistation erklärt beim Mittagessen im Höhenrestaurant Café Soleil, dass es für die Loipen neuerdings eine zu 100 Prozent ökologisch elektrifizierte Schneeraupe gibt, während der Rest der Einsatzfahrzeuge inzwischen mit Öko-Benzin statt Diesel bewegt wird. Die Busse, die im Tal verkehren, müssen leider von den Skigästen extra bezahlt werden – das ist verbesserungswürdig, aber eigentlich das einzige Manko in dem schönen Ski-Tal. Im April hat man die Sonne und die bis in 2800 Meter reichenden Abfahrten dafür wunderbarerweise fast für sich allein!

Der Autor bei seinem Gleitschirmflug auf Skiern über dem Skidorf Les 2 Alpes. Während auf 1650 Metern im April nicht mehr alles weiß ist, sind die Startplätze oben im Gletscherbereich bis in den Juli hinein schneesicher. Foto: Office de Tourisme Les 2 Alpes

Das ist in Les 2 Alpes natürlich anders. Selbst lange nach Ostern kommen die Skifahrer noch in Scharen in Europas höchstgelegenes Gletscherskigebiet. Busfahren ist hier aber stets für alle umsonst. Das Skidorf auf 1650 Metern liegt zwei Stunden Autofahrt weiter nordwestlich und gehört schon zur Dauphiné. Es entwickelte sich seit den 1950er Jahren und wird von einem gänzlich anderen Flair durchwirkt. Obwohl der Ort jenseits der Wetterscheide liegt, die in Frankreich geografisch Nord- und Südalpen – Savoyen von der Provence – trennt, erfreut er sich kaum weniger des Sonnenscheins als Serre Chevalier. Zu beiden Seiten der Hochebene, auf die Les 2 Alpes sich bettet, gibt es weiter unten romantische alte Dörfer, in die man absteigt oder per Ski und Seilbahn abfährt: Vénosc und Mont-de-Lans. Les 2 Alpes selbst besteht im Wesentlichen aus einer langgezogenen Hauptstraße mit Hotels und Shops sowie höher gelegenen Chaletsiedlungen. 80 Restaurants und Bars wie Monsieur K oder Ginette prägen die von Franzosen, Engländern, Belgiern, Niederländern und Italienern – nicht aber von Deutschen – dominierten Skiwinter, die sich bis in den Juli ziehen. Nirgendwo in Frankreich dauert die Skisaison länger.

In Cédrics Sonnenbrille spiegelt sich unser Skivergnügen. Der staatlich diplomierte Skiguide war früher Abfahrts-Champion und hilft als Skilehrer seit 1994 den Gästen von Les 2 Alpes auf ihren Wegen durch den Pistenschungel.

Geht es um Skisport, reizen in dieser Umgebung vor allem die grandiosen Tourenabfahrten. Auf 3400 und 3600 Meter kann man sie beginnen – oder, als Winterwanderer, einfach den Blick von den Bergriesen des Parc National des Écrins wie der Muzelle bis hinüber zum Mont Blanc richten. Wir sind heute mit Cédric unterwegs, 50 Jahre alt und ein ehemaliger Skirennfahrer. Unser Skiguide liebt es schnell zu fahren und braust mit uns auf seinen Wegen durch die Sektoren Fées, Toura, Diable oder Crêtes. Von Les 2 Alpes aus, erzählt er,  gibt es Verbindungen ins europaweit bekannte Naturskigebiet La Grave, das die Hänge um den fast 4000 Meter hohen Berg La Meije erkunden lässt. Dort – zu Fuß oder per Ski etwa eine Stunde weiter – ist man ohne Lifte und Schneekanonen unterwegs. Und meist auf anstrengende Aufstiege, Fellskier, gute Guides und sein eigenes Freeride-Können angewiesen. In Les 2 Alpes aber verbindet die brandneue, 180 Millionen Euro teure Seilbahn Jandri das Dorf auf 1600 Metern mit den allerhöchsten Pisten. Ein Höhepunkt ist die 16 km lange Genießerabfahrt im Sektor Toura, vom Gletscher Dôme de la Lauze ganz oben bis ins 2200 Meter tiefere Dorf Mont-de-Lans. Wer lieber in der Sonne schlemmt, kann im Höhenrestaurant Diable au Cœur zum butterweichen Rinderfilet das Gletscherbier genießen, das dessen Chef selbst braut.

Besonders charmant an Les 2 Alpes ist also praktisch alles. Es geht halt laut dort oben zu. Am meisten überrascht aber waren wir von einem Privatlift, der Gäste ins Dorf Vénosc hinunterbringt. Lokale wie Le Cours de la Vie (Der Lauf des Lebens) zelebrieren hier mit authentischem Ambiente, lokaler Küche und regionalen Produkten stilistisch den maximalen Unterschied zur noblen Skistation oben, wo die Appartements Quadratmeterpreise wie in Paris St. Germain haben. In Vénosc dagegen kann man sich bei einem Glas Wein wie im Dorf in der Provence fühlen. Kaum zehn Minuten entfernt vom Skilift zum Gletscher.

Autor Alexander Hosch (li.), hier mit Skijournalistenkollege Stefan Gruber, am 4. April 2025 im neuen Restaurant Monsieur K in Les 2 Alpes.

© Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

 

 

 

Kletterhalle Briançon  https://bloc27.fr

Grand Hôtel de Serre Chevalier Zimmer ab 145 €   https://www.serre-chevalier.com/en/accommodation/hotels/grand-hotel-spa-nuxe

Skitagespass Serre Chevalier 51,50 – 63 €, www.serre-chevalier.com

Skitagespass Les 2 Alpes 53,50 – 63 €  https://www.skipass-2alpes.com/en/tous-nos-tarifs-hiver

Übernachtung im Hotel Chamois Lodge: DZ ab 130 €  https://www.chamoislodge.fr/en/

Weitere Informationen:      www.les2alpes.com

Die kühle Wilde

Besonders gut war sie als Pastellmalerin und Aquarellistin. Das beweist etwa das Bild Lissy von 1931 oben. Und das zeigt jetzt die ganze neue Kunstschau „Ich als Irrwisch“ im Franz Marc Museum über Elfriede Lohse-Wächtler, die schon mit 16 ihre Heimat Dresden verließ, um die 1920er Jahre zeichnend, malend – und in selbstgeschneiderten Kostümen tanzend – in Hamburg zu verbringen. In Bordellen, in Nachtcafés, in St. Pauli und am Hafen. Selbst brav verheiratet, fand sie mit anderen anscheinend sehr selbstverständlich zu einem künstlerischen Ausdruck, den man später Neue Sachlichkeit nannte.

Die Ausstellung versammelt 80 Werke, deren meiste in den Jahren 1929 bis 1931 entstanden. Was man begeistert sieht: Elfriede Lohse-Wächtler brannte in dieser kurzen Zeit als Künstlerin ein wahres Feuerwerk ab. Als hätte sie gewusst, dass sie nicht ewig aus dem Vollen schöpfen kann. Äußerst reif und beeindruckend wirklichtsnah sind ihre Selbstbildnisse, die ganz ohne Hybris und Inszenierung auskommen. Als Raucherin, als Bubikopf-Amazone, als Dame, als Girlie, als Kranke. Schon 1932 wurde die junge Frau dann mit der Diagnose Schizophrenie in eine Landesheil- und Pflegeanstalt eingewiesen, und 1935 unter den Nazis zwangssterilisiert. 1937 ereilte ihre Kunst die Brandmarkung als „entartet“, 1940 starb sie im Zuge der nationalsozialistischen Krankenmorde in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein.

Dass die Kunst hier im Vordergrund steht, und nicht das Schicksal, ist ein großer Verdienst dieser kleinen Retrospektive im Kocheler Expressionistenmuseum im Voralpenland. Die neusachliche Künstlerin wird als hochbegabte Interpretin ihrer Welt vorgestellt, die in manchen Aspekten Otto Dix oder George Grosz ebenbürtig war, deren Ruhm oder Erfolg sie jedoch nicht einmal im Ansatz je erlangte. Die Einteilung der Säle („Selbst“, „Typen“, „Patienten“, „St. Pauli“, „Hafen“, „Paare“, „Bruder“) ist nicht biografisch, sondern thematisch. Der Vergleich mit österreichischen Nachkriegskünstlerinnen wie Maria Lassnig oder Kiki Kogelnik wird jemandem, der jetzt die Kocheler Ausstellung erleben darf, nicht als zu kühn erscheinen. Als Malerin und Seelenporträtistin war Else Lohse-Wächtler (1899-1940) ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Eine selbstbewusste Frau wie sie hätte so manche kleine Revolution von heute sicher gern früher angestoßen.

© Text und Fotos (Räume, Landschaft):   Alexander Hosch

Elfriede Lohse-Wächtler, „Ich als Irrwisch“, Franz Marc Museum, Kochel am See. Die Ausstellung beginnt am Montag, 2. März, und dauert bis 9. Juni 2025, www.franz-marc-museum.de      

 

 

Malen nach Zahlen

Mal sitzt das Lächeln schief, mal wirkt es selig. Hier kräuselt sich ein Mund zur Schlangenlinie, dort werden Zähne gezeigt: Wer Stefan Sagmeisters Ausstellung BETTER im andalusischen Kulturzentrum La Térmica besucht, darf einen Tischtennisball bemalen, um seiner momentanen Verfassung Ausdruck zu verleihen, solange dieses kugelrunde Emoji dann zu den vielen anderen ins Regal gelegt wird. So kommt es, dass Málaga gerade das charmanteste Stimmungsbarometer der Welt besitzt, ersonnen von einem Grafikdesigner aus Vorarlberg, der seit vielen Jahren in New York lebt.

Heute bringt die milde Wintersonne die bunten Azulejos in den Gängen der ehemaligen Casa de Misericordia zum Leuchten. Dieses „Haus der Barmherzigkeit“ beherbergte gut 100 Jahre lang Waisenkinder, verarmte alte Menschen sowie andere Schutzbedürftige und ist seit 2012 ein spannendes Zentrum für Gegenwartskultur im einst industriell geprägten Süden der spanischen Stadt. Aus den Ateliers schallt Gelächter, und man kann sich im Augenblick kaum vorstellen, dass jemand ein übellauniges Gesicht zeichnet.

 

 

 

 

 

Doch das subjektive Wohlbefinden ist empfindsam wie eine Mimose. Ständig bedroht, so Stefan Sagmeister, durch die Aufmerksamkeitsökonomie der Medien. Diese kenne nur eine Währung: Bad News, die in atemraubendem Tempo auf uns einprasseln. Durch die verengte Sicht auf kurzfristige Phänomene und desaströse Ereignisse würde sich der Eindruck einer außer Kontrolle geratenen Welt voller Skandale und Katastrophen nur noch verstärken.

Sagmeister hat genug von dieser Schwarzmalerei und bietet ein einfaches Gegenmittel an: die Langzeitbeobachtung. Er erhebt Datensätze aus Archiven und Institutionen, um mit den gewonnen Zahlen tatsächliche Zustände zu beschreiben und den Blick zu weiten: „Viele Dinge, die den Menschen wichtig sind, haben sich überraschend gut entwickelt“.

Der 1962 geborene Bregenzer wäre nicht er selbst, würde er die aus seiner Glücksforschung geschürften Erkenntnisse nicht fulminant visualisieren: Auf kuriose, eklektische Bildträger, darunter von ihm designte Kleidung, Brillen und historische, in Auktionen günstig ersteigerte Ölgemälde, setzt er Infografiken, die den Nachweis liefern: Die Welt ist besser als sie meint. Und immer wieder zoomt Sagmeister beispielhaft in den Lebensraum Alpen.

In dem Werk White on White etwa kombiniert er den Entwurf für die Kuppel eines Barockpalastes, Schöpfer unbekannt, mit einem Balkendiagramm zur Anzahl der Personen, die in Tirol bei einem Lawinenunglück gestorben sind: Seit 1982 sich die Gesamtzahl fast halbiert. Auch die Betrachtung seiner eigenen Familie scheint Sagmeisters These von der allmählichen Verbesserung unseres Daseins zu stützen: Während die Ururgroßeltern Jakob und Johanna Sagmeister noch den Tod von sechs Kindern betrauern und mit der nackten Existenz ringen mussten, gehörte die nächste Generation schon zu den 15% alphabetisierten Zeitgenossen und erfreute sich an dem kleinen Wohlstand, den der eigene Antiquitätenladen in Bregenz ermöglichte. Mit den Sagmeisters ging es stets bergauf, bis hinein in die Designsphären des nicht mehr ganz so jungen Sprosses.

 

 

 

 

 

 

 

Absolut neu ist Stefan Sagmeisters Glücksformel nicht. Seit der Antike vertrauen Philosophen wie Aristoteles und Epikur auf die Kraft des tröstlichen Denkens. Ein glückliches Leben ist ein Leben, das sich am Guten orientiert.

Immerhin, Sagmeisters Ringen um eine angewandte Ästhetik des Rosigen bescherte ihm exquisite Gestaltungsaufträge – von Triest über Wien bis in die Ozark Mountains. Die kreativen Früchte sind nun in der Ausstellung zu sehen: Für die Manufaktur J.&L. Lobmeyr schuf er eine Serie von mit tropischen Blättern handbemalten Kristallgläsern. Doch sein Meisterstück ist die Kriechtierparade im Ledger building von Bentonville, Arkansas, einem Mountainbike-Mekka in den USA.

 

 

 

 

 

 

Die sechs Stockwerke dieses Coworking-Space sind durch eine befahrbare Außenrampe verbunden. Man radelt gewissermaßen bis zu seinem Schreibtisch und rollt dabei über 100 heimische Insekten. Ohne sie zu beschädigen freilich, denn die Kreaturen wurden von der Mayersch’en Hofkunstanstalt in München kongenial aus Mosaiksteinen gefertigt und hier minuziös am Boden installiert. Zwischen ihren Zangen oder auf dem Rücken transportieren die Tiere Juwelen in den schönsten Schmuckfarben von Rubinrot bis Smaragdgrün. Endstation ist die Rooftop-Terrasse, wo die abgelegten Steine Stefan Sagmeisters Mantra formen: Now is better.

Text und Fotos © Alexandra González

Ausstellung BETTER. Stefan Sagmeister noch bis 2. März 2025 im Kulturzentrum La Térmica, Málaga

latermicamalaga.com

 

Von Tiers bis Tizian

 

An den Dolomiten ist für den, der schon immer gern in dieses Gebirge reiste, oft genau das am interessantesten, was er dort nie gesucht hätte. Tizian etwa! War das nicht dieser geniale Renaissance-Maler, der in Venedig ein kardinales Rot erfunden hat? Und der die dramatisch-edlen Madonnen auf seinen Gemälden in fast prunkhaft elegante Damen verwandelte? Der außerdem ein ums andere Mal raffinierte Porträts von Päpsten oder Kaiserinnen umsetzte, natürlich in deren eigenem Auftrag? Genau das war Tizian. Aber ein Bergbub war er eben auch. Geboren ist Tiziano Vecellio um das Jahr 1490 in Pieve di Cadore, heute ein Wintersportort in der Provinz Belluno und nahe am Westrand des Friaul gelegen. Dort stand sein Elternhaus. Der neue Guide 111 Orte in den Dolomiten, die man gesehen haben muss, erinnert uns daran.

Das Museum, das heute in Tizians einstigem Elternhaus Gäste empfängt, ist eine dieser tollen Stellen. Natürlich sind manche Plätze in der Auswahl erwartbar, etwa die berühmten Drei Zinnen, die alte Bahn im Grödnertal, die Unesco-geprüfte Bletterbachschlucht oder die Vajolettürme bei Tiers. Andere, vor allem die jüngeren Preziosen aber sind höchst überraschend – wie die mehr als 2000 Meter hoch gelegene Oberholzhütte der Bozener Architekten Peter Pichler und Pavol Mikolajcak. Unter dem Eggentaler Horn erbaut, dem mit 2799 Metern höchsten Gipfel des Latemar, ist die Fichtenkonstruktion von 2016 samt ihrer Lärchenholzhülle ein beeindruckend avantgardistisches Verbindungsglied zwischen gestern und heute. Diese kühne Architektur erzählt uns von der Zukunft der Bergsteigerei. Natürlich kann man einkehren, es gibt eine Sesselbahn, und der Themenwanderweg Latemar Natura mit 15 interaktiven Stationen fängt hier an. Auf dem Gipfelplateau des Kronplatz bei Bruneck irritiert noch eine weitere frivole Architektur – Zaha Hadids im Jahr 2015 vergrabenes sechstes Messner Mountain Museum Corones, hier abgebildet, in dem auf 2275 m Gemälde, Fundstücke und Erinnerungen aus der Geschichte des Alpinismus untergebracht sind. Aus dem Berg ragen lediglich drei futuristische Erker aus Beton, Glas und Metall heraus. Es ist das höchstgelegene Museum Südtirols, und im Moment versucht es saisonbedingt gerade, die Pistenfreaks im Skirama-Kronplatz-Gebiet in eine kleine Kulturpause zu locken.

Und dann die Cliffhangerwand über Cortina d’Ampezzo! Sie ist einer der beliebtesten alpinen Klettergründe für unzählige Hollywoodproduktionen der letzten 70 Jahre. Unter anderem wurden hier Der rosarote Panther, Katastrophenfilme und Produktionen mit Sophia Loren, Sylvester Stallone und Clint Eastwood gedreht, um nur die berühmtesten Schauspieler zu nennen. Aber was genau es mit der Reifeprüfung für Extremkraxler an der Faloria-Seilbahn auf sich hat, ist sonst nur den Spezialisten bekannt. Das und vieles andere erfährt man in diesem kleinen Band, der für seine Leser deshalb eine kleine Schatzbox darstellt. Das Kameraparadies Dolomiten wird hier wie ein Promi vorgestellt: Jeder der 111 Orte zwischen Südtirol, dem Trentino, Friaul und Venetien bekommt eine Seite, ein ganzseitiges Foto (oder maximal zwei) – und einen kleinen Steckbrief. Sehr schönes Buch!

© Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

Giulia Castelli Gattinara. 111 Orte in den Dolomiten, die man gesehen haben muss. Mit Fotografien von Mario Verin, 240 Seiten, ISBN 978-3-7408-1972-9. 18,00 €, Emons Verlag, 2024