Nach der Gaudi

Mit dem Auge eines Kabarettisten macht sich Lois Hechenblaikner immer wieder nach Ischgl auf: Um in den Schifahrermonaten den Ort und seine Spaßfolterexzesse zu dokumentieren. Seit 26 Jahren. Da tun sich ein paar Fragen auf:  Ist der Fotograf, was Musik und Ästhetik angeht, vielleicht selbst Masochist? Oder locken dort im Verborgenen die Fifty Shades of White? Die Antwort ist einfacher und komplizierter zugleich: „So etwas muss eine Einschreibung auf der Seelenlandschaft sein, sonst tust du dir das nicht an“, sagte der Tiroler gerade zur SZ und begründete seinen Zwang biografisch: Er sei – im Alpbachtal – selbst als Sohn einer Gastwirtsfamilie aufgewachsen.

Jetzt hat die Coronakrise das eigentlich multiple Problemphänomen der Après-Skistadelwelten auf ein einziges Stichwort reduziert, das inzwischen schon wie eine Diagnose klingt: Ischgl. Behördenversagen und Leichtfertigkeit sorgten für die Sofort-Ansteckung von Skifahrern aus aller Welt mit Covid-19 und für katastrophale Presse überall. Ein Vertrauensschock, von dem sich der Ort so schnell nicht erholen wird.

Nun ist gerade Hechenblaikners gleichnamiger Fotoband erschienen,  – wie die Vorgänger “Volksmusik” und „Winter Wonderland“ beim Steidl Verlag. Der Fotograf konnte dafür aus 9000 Ischgl-Fotos wählen. Stilistisch ist er mit seiner Leica meist in den Spuren der anekdotischen und der dokumentarischen Pressefotografie des 20. Jahrhunderts unterwegs. Zeigen, was ist. Das klingt altmodisch, ist aber ein großes Kompliment. Weil der Tiroler nicht wie andere das tun, bereitwillig auf das Stilmittel der Ironie verzichtet – nur weil das neuerdings bei manchen als politisch unkorrekt gilt. Hechenblaikner urteilt mit jedem Bild. Die Fotos sind laut, der Inhalt kann grob und hässlich sein. Das Werk aber ist gut und subtil. Der Betrachter kann das heftige Urteil teilen. Oder lieber den perfekten Bildaufbau bewundern.

So durchdringt ein schaurigschöner Charme des Schrecklichen das Buch und alle seine Fotos von Betrunkenen und anderweitig Enthemmten. Jodelsuff, Trachtenexzesse und chauvinistische T-Shirt-Botschaften bevölkern darin die Tränken vor den Monsterpensionen, deren Gesamtheit Hechenblaikner neulich  – Stephen King lässt grüßen – in einem TV-Beitrag ein „alpines Shining“ genannt hat. Als Ästhet weiß er genau, wie gut den Schlechtwetter-Kompositionen des ewigen Graubraun, Grün und Weiß der Berge im Bild manchmal die grellen Farben der Bierträger, Anoraks oder in Vitrinen geparkten Luxusautos tun. Das macht er sich auf seiner Spurensuche zunutze. Nur für einzelne Aufnahmen holt er Optiken oder Techniken der Becher-Schüler zu Hilfe, wobei diese explizit künstlerischen Fotos mit ihrer Maximalästhetik eher als Thementrenner und wie vegane Beilagen wirken. Das Beef aber kommt blutig.

Bleibt eine Frage: Geht´s nächsten Winter in Ischgl wieder genau so weiter? Keiner weiß es. Fest steht nur, dass garantiert der Fotograf wieder kommen wird. Ein sehr gutes, ein wahrhaftiges Buch.

Text: Alexander Hosch

 

Lois Hechenblaikner: Ischgl, 2020, Steidl Verlag, 224 Seiten. Fotoband mit einem Essay von Stefan Gmünder. ISBN 978-3-95829-790-6,  34 Euro.

Auf den Gipfeln der Moderne

Bis zu acht Personen bietet Charlotte Perriands “Tonneau”-Hütte Unterschlupf. Entwurf von 1938, realisiert 2012

Spätentschlossene haben nur noch wenige Tage Zeit, um im TGV nach Paris zu sausen und sich in der Ausstellung “Charlotte Perriand: Inventing a New World” (Fondation Louis Vuitton; bis 24. Februar 2020) von einer Pionierin der modernen Alltagswelt den Kopf verdrehen zu lassen.

L’ Art de vivre?  Hat diese Stilikone komplett umdefiniert. Erdenschweres wird bei ihr federleicht, Kantiges geschmeidig, Kühles wohlig warm, Eckiges passt ins Runde. Und im Mittelpunkt steht immer der Mensch.

Mit ihren Savoyer Wurzeln trug die weltläufige Architektin und Designerin die Alpen im Herzen. Ihre Passion für das Skifahren und Bergsteigen spiegelt sich in etlichen in der Retrospektive aufgefädelten Projekten wieder und trieb sie an den Wochenenden regelmäßig aus dem Pariser Atelier: “Wir brachen freitagabends zum Jura oder in die Alpen auf und kehrten montagmorgens in das Atelier zurück, nicht immer in guter Verfassung, aber glücklich.”

Modell des Ski-Resorts Les Arcs. Fotoprojektion: Die zur offenen Landschaft hin ausgerichtete Apartmentanlage
Schirm oder Karussell? Dachkonstruktion der “Tonneau”-Schutzhütte

Perriand plante für eine Dutzend Menschen ebenso virtuos wie für Abertausende. So präsentiert diese Schau ihre in der Konstruktion an ein Karussell erinnernde “Tonneau”-Schutzhütte, die 1938 entworfen und 2012 von Cassina realisiert wurde – ebenso wie die französische Skistation Les Arcs (1967-1989). Den Massentourismus domestizierte Perriand, indem sie die lichtdurchfluteten Apartmenthäuser bogenförmig in die Landschaft integrierte und von jeder der zahlreichen Wohneinheiten einen unverstellten Blick in die Berge ermöglichte.

Übrigens, eine Handvoll Personen würde ausreichen, um die Refuges im Nu aufzubauen. Selbstverständlich packte Charlotte Perriand immer mit an (Foto unten).

Text und Fotos © Alexandra González

www.fondationlouisvuitton.fr/en/exhibitions/exhibition/charlotte-perriand.html

 

Neues von der Wolkenschieberbande

Villa S. mit lokaltypischem Salettl, Millstätter See in Kärnten, 2006.          Foto:   Alexander Hosch

„Wolke“ heißen alle ihre Entwürfe seit dem Gründungsjahr 1968. Damals und ungefähr bis 1995 aber nummerierte das Architekturbüro coop Himmelb(l)au erst einmal nur Kunstaktionen, Skulpturen, Cafés, Bars oder kleine Pavillons durch. Mittlerweile reicht der Wolkengürtel rund um die Welt – von Aalborg in Dänemark und Lyon in Frankreich bis Dalian oder Shenzhen in China, Busan in Südkorea und Los Angeles in den USA. Und er umfasst Großprojekte: Museen, Opern, die BMW Welt, Banken, Hochschulen.

Diese aktuellen Ikonen kommen alle vor in der neuen Filmdokumentation von Mathias Frick über die Architekten. Dennoch geht es vor allem zurück: nach Österreich, wo die Geschichte von coop Himmelb(l)au anfing und wo Wolf D. Prix, der unumschränkte Matador des Büros, beeinflusst unter anderem von Keith Richards´ Gitarrenriffs, seit 50 Jahren gegen Bürokratie und Architekturfolklore kämpft. Gegen den Wiener Barock kämpfte er anfangs auch. Doch wenn man genau hinschaut: Ist der – in seiner zeitgenössischer Gestalt – nicht längst ein genuiner Teil der himmelblauen Architektur?

Details der Villa S. (o. und r.). Unten Wolf D. Prix im Salettl. Fotos: Alexander Hosch

 

„Architektur muss brennen“ zitiert im Titel ein frühes, radikales Prix-Gedicht. Der Film hat im Zentrum heitere und melancholische Interviewausschnitte mit Prix. Im Büro in der Spengergasse im 5. Wiener Bezirk Margareten. Im Haus Soravia am Millstätter See, das in Kärnten liegt, aber fast wie eine Tropenvilla aussieht. Oder im verlassenen, teilrestaurierten Elternhaus an der slowakischen Grenze, wo Prix in Hainburg einst als Sohn eines Architekten aufgewachsen ist und 2011 die Martin-Luther-Kirche gebaut hat. Der befreundete Bildhauer Erwin Wurm kommt in der Dokumentation zu Wort, ein Wissenschaftler, Architekturjournalisten. Einmal sieht man den jungen Prix für ein frühes Kunsthappening in einer durchsichtigen Wolke durch Wien laufen. Das einzige Schweizer Vorhaben, das für die Expo 2002 auf- und später leider wieder abgebaute Arteplage-Projekt auf dem Bieler See, erhält prominent Raum. Eine andere Szene zeigt den legendären Flammenflügel von 1980 auf dem Steirischen Herbst in Graz. Dabei entsteht in der Summe der Eindruck, dass all die kleinen Projekte in der oder rund um die Alpenrepublik – wie das Alban-Berg-Denkmal, das 2016 vor der Wiener Staatsoper aufgestellt wurde – dem Schöpfer Prix persönlich womöglich wichtiger sind als all die Weltarchitekturen der letzten Jahre.

Martin-Luther-Kirche in Hainburg, 2011.              Foto:  Sabine Berthold

Prix erzählt: Über das Zeichnen der Projekte aus dem Unbewussten heraus. Über die wiederkehrenden Motive – Kegel, Türme, Rampen, Treppen ins Nichts. Er verrät auch, wo sie herkommen – etwa aus der Inspiration einer Förderanlage in Hainburg an der Donau. Der zweite coop-Gründer, Helmut Swiczinski, ist in dem Film im Geiste immer dabei. Obwohl er längst ausgestiegen ist, weil er – so Prix´ Erklärung – das Wachsen der Projekte und des Büros nicht schätzte. Man merkt, wie leid Prix das immer noch tut, und wie wichtig ihm der Zauber des Anfangs ist. Aber es ist auch gut, dass coop Himmelb(l)au die institutionellen Aufträge für das Musée des Confluences in Lyon und die Europäische Zentralbank in Frankfurt durchgezogen haben, trotz gewisser Einschränkungen durch die Bauherren oder die technische Überwachung. Warum sollte man den so erfolgreichen, aber oft auch so langweiligen Problemlösern in der Architektur auch noch die letzten zwei Prozent der Projekte in der Baukunst überlassen? Die Nähe des Büros coop Himmelb(l)au zur Kunst war lange Zeit eine Bürde, ehe sie sich doch noch als Glücksfall für die Architekten erwies (und für die Architektur). Bis 2000 bauten sie so gut wie nichts. Danach ging der Erfolg der Vollstrecker von Phantasie auf der Baustelle durch die Wolken.

Text:  Alexander Hosch

“Architektur muss brennen. Wolf D. Prix und coop Himmelb(l)au”, Film von Mathias Frick, navigator film/hook film, DVD, 56 Minuten, 2019, www.navigatorfilm.com

www.coop-himmelblau.at

Die Villa S. wird auf 8 Seiten mit Text, Bildern, Plänen und Schnitten auch in meinem Bildband vorgestellt, der die weltweit besten Villen der beginnenden 2000-er Jahre zeigt: Traumhäuser am Wasser, Alexander Hosch, Callwey Verlag, 2012, ISDN 9783766719775, www.callwey.de.

Eis und Weiß

Klimazeugen von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Der Autor, Polarforscher und Glaziologe Gernot Patzelt hält den Lügnern und den Leugnern und der menschengemachten Naturzerstörung jetzt die Gletscher selbst entgegen. Mit ihrer Geschichte, mit ihrer Gestalt, mit diesem nagelneuen Buch.

Dabei geht es hier erst einmal um die reine Schönheit. Denn die Bilder, mit denen Patzelt hauptsächlich arbeitet, sind faszinierende alte Aquarelle und Tuschezeichnungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Caspar Wolf, Jean-Antoine Linck und Samuel Birmann, Thomas Ender und Ferdinand Runk rückten den großen Gletschern Europas wie der Pasterze am Großglockner, den Eiswüsten Bossons und Mer de Glace unter dem Mont Blanc sowie dem Grindelwaldgletscher zuerst mit Seilen und Steigeisen, vor Ort dann auch mit Pinseln und Tuschfedern zuleibe. Vor allem die hochattraktiven Arbeiten der beiden Letzteren, sie waren Kammermaler des österreichischen Erzherzogs Johann, geben diesem neuen Werk sein Gesicht. Der Erzherzog schickte Anfang des 19. Jahrhunderts immer wieder Abordnungen los, um eine Bestandsaufnahme seines Territoriums mit diesen wundervollen Naturerscheinungen zeichnen zu lassen. So wurden aus Zeichnern und Landschaftsmalern fast automatisch nebenbei auch Forscher, Dokumentare, Chronisten. Denn so gut wie niemand sonst wagte sich in dieser Zeit, in der die abergläubischen Menschen im ewigen Eis die Begegnung mit Mary Shelleys Frankenstein oder anderen Dämonen fürchteten, in diese Höhen.

Patzelt, emeritierter Geografie-Professor der Universität Innsbruck, konfrontiert die Wasserfarbenbilder aus der Zeit, in der Europas Gletscher ihre maximale Ausdehnung erreichten, mit aktuellen Fotografien ihrer kläglichen Reste. Er ergänzt sein Werk um zahlreiche wissenschaftliche Daten und Fakten der letzten 50.000 Jahre, um Diagramme und Statistiken. So ist ein vielfach lohnendes Monument entstanden – schön, klug und wissenschaftlich, geschmückt von vielen doppelseitigen Ansichten. Wenigstens während man dieses vor wenigen Tagen neu erschienene Buch durchblättert und ansieht, herrscht Eiszeit für dummes Gezwitscher und Gequassel.

Text: Alexander Hosch

Unsere Abbildungen zeigen österreichische Landschaften in den Ostalpen: Gletscher über dem Gasteinertal, am Großvenediger und am Großglockner. Die originalen Aquarelle und Tuschebilder von Thomas Ender und Ferdinand Runk entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Gletscher. Klimazeugen von der Eiszeit bis zur Gegenwart“, von Gernot Patzelt, Hatje Cantz, ISDN 978-3-7757-4535-2, 52 Euro. www.hatjecantz.de

Pflanzenfundstück

johanniskrautJohanniskraut, 2013

Die elegante Fotoserie „Florilegium“ von Sabine Berthold wird 2016 weitergehen. Sie ist eine Sammlung von weitem Begriff – nicht nur, weil die Digitalprints (Größen 20 x 30, 30 x 45, 60 x 90 cm) sowohl Blüten, Blätter und vignette_alpenstaunenKräuter als auch Stängel, Halme, Samenkapseln, Früchte oder Ausschnitte davon – pars pro toto – zeigen. Zu den vegetabilen „Darstellern“ der filigranen und manchmal bizarren Stillleben gehören Mitbringsel von Freunden, Trouvaillen aus dem Urlaub und aus dem Wohnkaufhaus, am Wegrand gefundene oder speziell gesuchte Pflanzen, Blumen, die vom Balkon auf die Großstadtstraße gefallen sind, Ableger aus dem Garten, florale Fundstücke, die am Gelände der Großmarkthalle zwischen nicht mehr gebrauchten Gleisen heranwuchsen, exotisches Fallgut aus dem Botanicum… Nicht alle sind aus den Alpen oder Voralpen. Aber viele. Wie das Johanniskraut (oben) vom Südufer des Starnberger Sees, sozusagen der nördlichste Quadratmeter des Murnauer Mooses.   ah

eukalyptus

Eukalyptus, 2015

Mehr Motive:  http://www.sabine-berthold-fotografie.de/