
Val Bavona im Tessin ist ein Tal der Superlative. Ein wilderes, steileres und steinigeres gibt es nicht in der Schweiz. Paradoxerweise muss es ohne Stromnetz auskommen, während oberhalb, auf der Alpe Robiei, Unmengen an Elektrizität produziert werden. Nur im Sommer bewirtschaften Bauern das enge Trogtal. Auch Touristen haben sich an ein kleines Zeitfenster zu halten, wollen sie ganz hoch hinaus.
Bloß in der kurzen bella stazione, also zwischen Juni und Oktober, bringt eine Luftseilbahn Personen von San Carlo am Talende nach Robiei. Mit ihren 2000 PS und einer Tragfähigkeit von 20 Tonnen (ein LKW könnte auf der Lastbarelle mitfahren) zählt die Pendelbahn zu den stärksten der Welt. Reichlich überdimensioniert für 20 000 Besucher in der ganzen Saison? Zweifellos, doch wurde sie 1965 primär für den Lastentransport zum Bau eines immensen Wasserkraftwerks errichtet.
In dem natürlichen Amphitheater, das die Alpe Robiei am Fuß des Basòdino-Gletschers bildet, zeugt heute nur die Staumauer des Speichersees von dieser gewaltigen hydrotechnischen Anlage aus den Sechzigern. Der größte Teil erstreckte sich unterirdisch auf 60 Kilometern bis hin zum Lago Maggiore. Ein Lehrpfad wurde in einem der Stollen innerhalb des Staudamms angelegt. Er erklärt dessen Funktion, Bauweise und Sicherheit. Wer ein Auge hat für die aparte Beton-Architektur dieser Zeit, wird das Ensemble aus Bahnstationsbauten unter schicken Pultdächern und einem sechseckigen Hotelturm lieben. Selbst die Zimmer, in denen einst die Bauarbeiter logierten, sind in ihrem herrlich schrägen Sixties-Flair erhalten. Für 100 Millionen Franken wurde das Kraftwerk kürzlich modernisiert. Zum Glück war kein Rappen mehr übrig, um das Hotel anzutasten.
Alexandra González

Saisonöffnung von Seilbahn und Albergo Robiei: 16. Juni bis 2. Oktober 2016. Den Schlüssel für den Lehrpfad im Inneren der Staumauer gibt es im Hotel. Alpe Robiei, San Carlo (Val Bavona), Tessin, Schweiz. www.robiei.ch
Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht. 


Basler Architekten Miller Maranta das historischen Erbe um: Sie integrierten die alte Kapelle in den trutzigen Bau, gaben ihm ein wehrhaftes Bleidach nach dem Vorbild der Kathedralen und eine organisch-anthroposophische Form. Die neue Holzständerkonstruktion von 2011, typisch für den Kanton Uri, macht aus dem Innenraum eine Fichtenholz-Wohlfühllandschaft. Mit Traumblicken und integrierter Urgemütlichkeit. 



Expressionistenrahmen aus Weichholz (einer soll sogar von „Brücke“-Kollege Ernst Ludwig Kirchner stammen) oder die realen Berge Benediktenwand und Herzogstand im Hintergrund. Sie geben der Kunst bei jedem Wetter eine charmante Alpenkulisse.
Mit einer dunkeltonigen, silbern aufblitzenden neuen Klinkerziegel-Architektur, welche die Kubatur eines bestehenden Bergarbeiterhauses verdoppelt, stellt sich die ehemalige Grubenstadt in den Voralpen nun endlich der alten Verbindung zum Blauen Reiter. Die höchst speziellen Penzberger Koloniehäuschen und ihre hügelige bäuerliche Umgebung sind als Staffage auf vielen Gemälden, Zeichnungen und Glasbildern Campendonks zu sehen, von dem die Stadt seit Kurzem mehr Arbeiten als jede andere besitzt – um die 300.

Im Nid d´Aigle, dem Adlernest hoch über der Côte d´Azur, lässt Patrick auf alpinen 420 Metern zum Rosé eine Socca servieren, den typischen Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl, mit kleinen mediterranen Spezialitäten darauf gebreitet – Salade Nicoise, mit Spinat gefüllte Babycroissants, Gambas.
Korsika. Agaven, Aloen, Palmen, Kakteen aus Neuseeland, Süd- und Mittelamerika wurden damals von Jean Gastaud, dem Schöpfer des berühmteren Nachbargartens von Monaco angepflanzt, eine superbe botanische Kollektion von Sukkulenten, die zwischen 15 später installierten Mädchenskulpturen heranwachsen. Wüstenpflanzen, darunter das Meer und die drei Corniches, links Monaco, rechts das Cap Ferrat. Wunderschön und äußerst bizarr. Der Kater ist aber wegen der interessanten Mahlzeiten umgezogen. Alexander Hosch
Unmöglich, nicht an „Vertigo“ zu denken, Alfred Hitchcocks filmischen Whirlpool des Terrors, wenn man auf diesen Aussichtsturm klettert. Seit 1848 bekrönt er die Burg von Ljubljana. Es kostet einige Überwindung, die als Doppelhelix angelegte Wendeltreppe hinaufzutaumeln. Der Blick haftet an den schmiedeeisernen Stufen mit Drachenmotiv – dem Wahrzeichen der Stadt. Jetzt bloß nicht in die gähnende Tiefe starren. Zum Glück sind di
e korallenrot lackierten Sicherheitsstäbe eng gesetzt wie das Gitter eines Raubtierkäfigs. Auf der Plattform werden alle Tapferen schließlich mit einem fulminanten Panorama belohnt. In der Ferne sieht man die Steiner Alpen, am Fuße des Burgbergs mäandert die Ljubljanica und schneidet das Stadtbild entzwei. Diesseits der mittelalterliche Teil, drüben das moderne Ljubljana. ag


Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss: Jetzt, wo bald erneut die Urlaubskarawane über den Brenner zieht, fällt sie allen hoch über der Autobahn wieder groß in den Blick: Die Bergiselschanze von Zaha Hadid. Zuerst musste die britisch-irakische
Architektin von ungefähr 1975 bis 2000 lesen, man könne ihre Entwürfe gar nicht bauen. Und von 2001, kaum dass die Ersten standen, bis 2016 schrieben dann die Chauvis und Bau-Spießer: bääh, Spektakel, das ist ja eine Stararchitektin, und auf den Häusern fehlt der Giebel. Vor Kurzem ist die einzige berühmte Frau im Architekturzirkus mit nur 65 Jahren gestorben. Sie war das schillerndste Talent der Bauwelt, und zusammen mit David Bowie der größte Verlust für die Kunstwelt in diesem Jahr. – Gut also, dass Zaha Hadid zu Lebzeiten immer brav gebaut hat, wie sie wollte. Bei uns im Familienauto freuen sich jedenfalls mit jeder Alpenüberquerung alle als wär´s der Eiffelturm, wenn die silberne Kobra auftaucht, schemenhaft zuerst, dann schillernd, dann immer klarer. Früher sahen Skischanzen wie Kreuzungen aus Fernsehturm, Hochspannungsmast und Kohleförderanlage aus. In Innsbruck dagegen spielte die Mathematikerin und Dekonstruktivistin Hadid elegant mit dem Eindruck von Instabilität, mit extremen Winkeln und Überhängen. Das ist auch für jeden Besucher eine schwindelerregende Sache – wie eine Achterbahnfahrt. Schon der sportive Aufstieg zu Fuß oder alternativ die Fahrt per Schrägzug an den Schanzenrumpf und im Fahrstuhl hoch zum Turm-Café sind Erlebnisse. Die immer leicht verkippte Rundum-Aussicht von der Terrasse über Stadt, Berge und Inntal ist dann der eigentliche Clou. Wer ganz viel Glück hat, erlebt, wie unterhalb seiner Frühstücks-Tasse trainierende Meisterspringer aus der Luke gleiten. Und womöglich wird im Januar Michael Hayböcks neuer Schanzenrekord (138 Meter) gleich wieder geknackt.


Johanniskraut, 2013




Die frohe Botschaft für Frühjahrsskifahrer kommt aus Frankreich, genauer: Savoyen. Dort, wo die Skistationen der Architekturmoderne nicht unten im Tal, sondern so hoch wie möglich, zwischen 1600 und 2000 Metern, angelegt worden sind, braucht man auch im April nicht auf das kalte Feuer aus den Schneekanonen zu warten, um guten Gewissens seine Kurven zu ziehen. Das weiße Zeug ist einfach sowieso da. Manche dieser Reißbrett-Skidörfer liegen sogar auf mehr als 2300 Metern – so wie Val Thorens im größten Skigebiet der Welt, den Trois Vallées in der Tarentaise. 