Die bunte Spirale von Rovereto

5b_rovereto3_dsc3590Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.  Straßenrandperle #5

Objekt Spiral-Kunstwerk auf einer Verkehrsinsel / Ort Kreisverkehr (Rotatoria) bei Rovereto Süd, gleich  neben der Autobahn zwischen Trient und Verona, Via per Marco, Trentino, Italien / 5b_rovereto_dsc3589bKoordinaten N 45°51.028’, E 011°00.097’ / Bauzeit 2008 / Bau-Grund Unsere wuchernde Autobahnausfahrts-Ornamentik muss schöner werden! / Aktuelle Nutzung Nur die Ankunft in der Region versüßen / Öffnungszeiten Kein offizieller Zugang – im Prinzip kann man jederzeit in den leeren, offenen Innenraum / Schönster Augenblick Wenn man rundherum fährt und die kleinen Mosaikfliesen vor der Bergwand aufblitzen

Warum man auch in diesem Sommer wieder dran vorbeigefahren ist:  Superinteressant… aber keine Ahnung, was das ist und wofür es dienen könnte… Ein Amphitheater vielleicht? Die farbige Haut lenkt so schön vom Wirrwarr der Straßen hier ab. Leider keine Chance zur Besichtigung, denn man muss doch immer entweder schleunigst an den Gardasee beziehungsweise wieder nach Hause zurück.

5a_i_rovereto1_dsc3592Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin sollte:   Im Herbst und Winter, wenn viele Alpenburgen geschlossen sind, rücken die Perlen der Täler in den Blick. Genau da, wo der Reisende von der Brennerautobahn immer Richtung Riva abbiegt, wurde vor acht Jahren das Durcheinander der Zubringerstraßen aufgewertet. Gemeinsam mit dem 2002 eröffneten MART (Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Trient und Rovereto) setzte die Brennerautobahn AG an dieser touristischen Schlüsselstelle ein unübersehbares Kunst-Signal. Ein polychromses Mosaik aus 300.000 5b_rovereto_dsc3589unregelmäßig gebrochenen Keramiksplittern stellt Menschen, Berge, Flüsse und Bäume des Trentino dar. Barbara Tamburini aus Arco übertrug den Entwurf Enrico Ferraris auf eine sich über 135 Meter spiralig windende, bis zu acht Meter hohe Mauer. Die abstrahierten Darstellungen sind voller futuristischer Anklänge. Rovereto war für diese Stilrichtung unter anderem deshalb wichtig, weil 1919 der Futurist Fortunato Depero in die Stadt kam und hier vierzig Jahre lang an Bildern, Skulpturen, Möbeln oder Stoffen arbeitete. Sein früheres Wohnhaus wurde 1960 zu seinem Museum, Deperos Nachlass besitzt und verwaltet heute das MART. Zurück zur Spirale: Den Eindruck des Verwischten (sfumato) erzeugte Barbara Tamburini durch die Verwendung der Trencadis-Technik von Antoni Gaudí (1852–1926). Sie erlernte sie bei ihrer Mitarbeit an der Sagrada Familia des vignette_strassenrandperlen4spanischen Jugendstilarchitekten, einer Kirche in Barcelona. Die vor 150 Jahren begonnene Sagrada ist bis heute unvollendet. Dieses Werk in Rovereto war jedoch zum Glück nach acht Monaten fertig.

Wie man hinkommt   Von der A 22 (Rovereto Sud) Richtung Riva und Gardasee abfahren. Man umrundet, bevor es über die Etsch nach Westen geht, automatisch die Verkehrsinsel mit der Spirale. Parkplatz nebenan.

copyright für Idee, Text und Fotos: Alexander Hosch & Sabine Berthold

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Mondäne Lichtblicke in Arco

IMG_1234Manchmal möchte man in Arco, dem sympathischen Kletterdorado nördlich des Gardasees, einfach nur die Augen schließen vor den in bunte Funktionskleidung gepressten Massen. Wir flüchten daher zu gerne in die Galleria Civica G. Segantini, wo noch bis 19. Oktober die Ausstellung „Divisionismi dopo il Divisionismo“ zu sehen ist. Diese italienische Kunstströmung begann Ende des 19. Jahrhunderts mit der Atomisierung von Form und Farbe. Für die nächste Generation – die Futuristen – war sie bahnbrechend. Während die französischen Pointillisten beim Nebeneinandersetzen von Klecksen, Linien und Punkten wissenschaftlichen Prinzipien folgten und eine gewisse Monotonie erzeugten, gelang den italienischen Divisionisten wie Giovanni Segantini, Luigi Bonazza und Teodoro Wolf Ferrari eine freiere Anwendung der Maltechnik: Licht, Flirren, Strahlkraft, Farbe – von all dem mehr.vignette_2_stadt

Wer sich Zeit nimmt für die Schau in dem bezaubernden Palazzo dei Panni aus dem 17. Jahrhundert, wird mit Entdeckungen belohnt wie dem wenig bekannten Triester Vito Timmel und Luigi Bonazzas Porträt der bildschönen “Gigina“, die in ihrem Dreißiger-Jahre-Look samt langer Perlenkette der neuesten Vogue entstiegen sein könnte. Nach diesen mondänen Lichtblicken ist man wieder gut gewappnet für die Realität draußen auf der Straße. Alexandra González

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Divisionismi dopo il Divisionismo. La pittura divisa da Segantini a Bonazza. MAG Museo Alto Garda Arco, Galleria Civica G. Segantini. Den hübschen Katalog (10 ) gibt es leider nur in italienischer Sprache. www.musealtogarda.it

Alfred Hitchcock: The Man Who Knew Too Much (1934)

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #4

The Man Who Knew Too Much stellte Peter Lorre 1934 erstmals in einer internationalen Produktion vor. Der deutsche Schauspieler ist in Hitchcocks Engadin-Film höchst sehenswert (auch wenn ihn die Coverzeichnung der DVD hier irritierenderweise als Mörder „M“ in Fritz Langs gleichnamigem Schocker zeigt)

vignette_film4_rz Dieser englische 75-Minuten-Thriller entstand kurz nach der Stummfilmzeit. Und somit lange ehe der Regisseur Alfred Hitchcock seine Hollywood-Klassiker drehte. Dennoch ist The Man Who Knew Too Much schon ein echter Hitchcock geworden. In eine Spionage-Handlung wird subtil das psychologische Drama einer Londoner Familie, die ihr Kind retten will, hineingestrickt. Beim Winterurlaub in St. Moritz haben Mr. und Mrs. Lawrence (Leslie Banks und Edna Best) den charmanten französischen Skispringer Louis kennengelernt, der während des Tanzes mit der Ehefrau Lawrence durch ein Hotelfenster hindurch erschossen wird. Er hinterlässt ihr eine geheime Botschaft, wegen der aber dann ihre Tochter Betty gekidnappt wird. In London – genauer: beim Konzert in der Royal Albert Hall und bei einem Feuergefecht – löst der angehende Meisterregisseur den Plot im zweiten Teil des Films dann nach allen Regeln des Suspense auf. Zuletzt analysierte Philosoph und Psychotherapeut Slavoj Zizek in mehreren Aufsätzen, wie bravourös Hitchcock gerade in diesem frühen Film sein Konstrukt mit hintersinnigen Details anfüllte – kleine Allegorien, Symbole, Übertragungen und Traumata. Während des Tanzes mit dem Franzosen im Hotel etwa löst sich durch einen

Hier die deutsche DVD. Rechts der Regisseur, der Der Mann, der zu viel wusste gleich zweimal verfilmte. Also Vorsicht beim Einkauf: Denn die Schauplätze waren andere, und James Stewart und Doris Day mimten 1956 nicht in der Schweiz, sondern in Marokko.

Drehbuch-Kniff langsam und vieldeutig der Wollpullover auf, den Mrs. Lawrence gerade für den Fremden strickt – der Ehemann hat dem Tanzenden nämlich einfach die Stricknadel in der Sakkotasche fixiert. Den Plot fand der Regisseur übrigens so großartig, dass er ihn 22 Jahre später mit Doris Day und James Stewart noch einmal verfilmte. Hitchcock selbst, der hier den Deutschen Peter Lorre als wunderbaren Schuft Abbott international einführte, kam übrigens extrem gern zum Urlauben ins Engadin und besonders nach St. Moritz. Dort fielen ihm oft die besten Szenen ein. Und im Badrutt´s Palace (wo er 45 Jahre lang immer dieselbe Suite gebucht haben soll) hat er auch  geheiratet.     Alexander Hosch

Das einfache Leben

DSC_0204…war schon immer gar nicht so leicht. Als die Pariser Art-déco-Designerin Eileen Gray privat ab 1928 für den Urlaub einen schlichten neuen Stil in ihrem Ferienhaus E1027 bei Monaco erprobte, kam ihr bald der weltberühmte Architekt Le Corbusier in die Quere. Er wollte auch ein einfaches Leben, allerdings ein anderes. Kurioserweise fand er es genau auf dem Grundstück neben Eileen Gray. Heute werden auf Auktionen Millionen für ein frei schwingendes Original-Sitzmöbel aus dem einfachen Leben von Eileen Gray (oder aus dem von Le Corbusier) gezahlt.

vignette_alpenstaunen Da ist es ein Glück, dass seit Kurzem in Roquebrune-Cap Martin zwischen Monaco und Menton, also da wo an der Felsküste der Côte d´Azur die Seealpen endgültig ins Mittelmeer

Detail aus einer Unité de Camping - auch von LC
Detail aus einer Unité de Camping – auch von LC

übergehen, jeder für ein paar Euro dieses Ferienparadies der Moderne besichtigen kann. In einer gemeinsamen tollen Führung, allerdings nur auf Reservierung, entfalten Le Corbusiers Blockhütte „Cabanon“ von 1951 (gerade vor vier Wochen ins Weltkulturerbe gewählt) und Eileen Grays frischDSC_0081 restauriertes Ferienhaus von damals ihre Reize. Es sieht jetzt – mit Hängematte und Astralpanorama- endlich wieder wie ein kleiner weißer Dampfer der Moderne aus, muss indes im Winter dringend weiter saniert werden (wofür man noch einen big spender sucht, also bitte melden). Anschließend sollte man sich unbedingt an einem der benachbarten Strände seinen eigenen Platz fürs einfache Leben suchen – oder wenigstens, so wie der Autor – siehe unten, eine schöne Strandbar. Formidable!              Alexander Hosch

Maison en bord de mer E1027 (von Eileen Gray) und Le Cabanon (von Le Corbusier): bis in den Frühherbst täglich zwei geführte Besichtigungen von 2 ½ Stunden für je 12 Personen. Reservierungen: Association Cap Moderne, F-06190 Roquebrune-Cap Martin, www.capmoderne.com.Die große Geschichte dazu: in der Süddeutschen Zeitung vom 13.8. („Die Frau vom Meer“, Feuilleton).

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Noch ein verstecktes Paradies in Cap Martin. Tipp: Rund 1000 Meter von E1027.

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Ins wüste Land

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April ist der übelste Monat von allen, treibt
Flieder aus der toten Erde, mischt
Erinnerung mit Lust, schreckt
Spröde Wurzel auf mit Frühlingsregen.
Der Winter hat uns warm gehalten, hüllte
Das Land in vergeßlichen Schnee, fütterte
Ein wenig Leben durch mit eingeschrumpelten Knollen.
Der Sommer kam als Überraschung, über den Starnberger See
Mit Regenschauer; wir flüchteten unter die Kolonnaden,
Die Sonne kam wieder, wir gingen weiter zum Hofgarten
Und tranken Kaffee und redeten eine Stunde.

aus T.S. Eliot, „Das öde Land“ *

fluchtbergfoto_300Eine irre Aprilstimmung wie in T.S. Eliots Krisengedicht „Das öde Land“ herrschte gestern in Berg am Starnberger See. Auf surrealer Pokémon-Jagd stolperte eine Handvoll Jungs durch den lichten Wald rings um die Votivkapelle für König Ludwig II., die gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Wie verrückt schlugen die Wellen gegen das Ufer.

1922, sechsunddreißig Jahre nachdem der Bayernkönig unter ungeklärten Umständen starb und man seinen Leichnam hier im Wasser fand, erscheint Eliots Langgedicht. Einen direkten Bezug gibt es nicht. Doch erforscht der angelsächsische Autor private Krisengefühle, wie sie Ludwig gekannt haben muss und besingt das junge, dennoch bereits von Revolutionen, Umwälzungen und Krieg zermürbte Jahrhundert. Übellauniges Frühlingserwachen eines irrlichternden, verstörenden Zeitalters. 2016 umgibt den Text noch immer diese Aura der Gegenwärtigkeit. ag

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* In der Neuübertragung von Norbert Hummelt 2008 bei Suhrkamp erschienen.

Aromatherapie für die Augen

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Es ist nur zwei oder drei Stunden am Tag schön, so wie den ganzen Juni über? Macht nichts, das reicht, wenn man in München wohnt: Einfach mittags im Internet das frisch vignette_alpenstaunengepostete Bild eines Freundes vor Eibsee und Zugspitze entdecken. Begeistert sein. Kurz entschlossen in nur sechzig Minuten selber nach Grainau hinter Garmisch fahren. In weiteren fünfundsiebzig Minuten zum Eibsee hochwandern. Am See-Ufer riecht es dann so herrlich nach Zeder, als wäre man am südlichen Mittelmeer. Ist der Duft etwa echt hier heimisch – oder hat nur jemand dieses angesagte neue Grillholz gekauft? Egal. Reinspringen, Panorama mit Zugspitze und Stand-Up-Paddler genießen, wieder runterlaufen, heimfahren. Geht alles locker bis zum Abendessen. Und wochentags garantiert ohne Stau. Beim Abstieg an der wunderschön in der Etappe gelagerten Almblumenwiese noch eine Prunella vulgaris (Kleine Braunelle) pflücken, für den nächsten Fotostudio-Tag.         ah

Prunella vulgaris von einer Almwiese unterhalb des Eibsees
Prunella vulgaris von einer Almblumenwiese unterhalb des Eibsees, gefunden am  12. Juni 2016

Wer zuerst kommt, kriegt die Braut

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #3

vignette_film4_rzDurch Bollywood-Filme bläst der Wind des Schicksals. Hier treibt er Superstar Shah Rukh Khan und Kajol, seine Langzeitpartnerin auf der Leinwand, erst per Interrail ins Berner Oberland, dann einander in die Arme. Das Drei-Stunden-Epos „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ von 1995 war ein Riesenerfolg der indischen Filmindustrie. Danach hatte jede Schmonzette ihre Schweiz-Szene: blitzblanke Alpenromantik für die obligatorischen Songeinlagen. Küsse, gar Sex sind im Hindi-Kino (das sich nur für die Durststrecke vor der Hochzeit interessiert) streng verboten, Ersatz leistet Tanzspaß in Traumlandschaften. DVDIn Saanen nimmt die Lovestory Fahrt auf. Das Beinahe-Paar muss eine kühle Nacht im Stall verbringen, greift zum Cognac. Wer aber in einem indischen Film Alkohol trinkt, wird sterben oder durchdrehen: Wie irre taumelt Kajol durch Gstaad, singt Ungezogenes und wälzt sich – nur mit einem roten Fähnchen bekleidet – im Schnee. Frecher wurde der Krishna-Radha-Mythos nie variiert: Jene paradiesische Liebesgeschichte zwischen einem Hirtenmädchen und dem blauhäutigen Gott, die der Nährboden aller Bollywood-Streifen ist.     Alexandra González

http://bollywoodmachtgluecklich.de/wer-zuerst-kommt-kriegt-die-braut-dilwale-dulhania-le-jayenge/

Heimatarchitektur… ?

IMG_9162 (768x1024)IMG_9127 (768x1024)   … ist eigentlich ein Begriff, bei dem mein emotionales Ich sofort reflexartig Reißaus nimmt. Der Ausweg: Ich denke fest an Steven Holl. Der vignette_2_stadtstammt aus New York City und hat auf seine Baustellen in der Wachau vor allem sich selbst mitgebracht: Seine Poesie, seine Musikalität, seine Lust am Aquarellieren, seine zeitgemäße Avantgarde. Nun ist – inmitten von Trauben für Zweigelt und Grünen Veltliner – vor ein paar Jahren in Langenlois bei Krems zuerst ein fruchtiges Weingut herangereift. Und danach noch ein smaragdiges Hotel.

Von den Traditionen Niederösterreichs schnitt sich Holl nur die zwei Scheiben ab, die er wirklich haben wollte: Erstens fing er die faszinierenden Himmelsbilder über der Donautaler Reblandschaft mit riesigen Glasfenstern ein – sie dringen jetzt, gerahmt von den Leisten der Lochblechfassade, DSC_0301 (1024x681)in jede einzelne Gästesuite. Aquarelle der Natur. Zweitens nahm er die Grundrisse der berühmten Felsenkeller als Blaupause. Nach ihrem Muster kerbte Holl die Einschnitte für die Fenster und für die Fassadensprünge seiner Weinwelt aus Aluminium unweit der Alpen ein, die dadurch fast so wild zerklüftet wirkt wie der Großglockner-Sockel. Außerdem ließ der Mann, der mal ein Wohnhaus auf Long Island „Writing With Light House“ genanIMG_9036 (768x1024)nt IMG_9033 (768x1024)hat (weil die Sonne den weißen Innenwänden rund um die Uhr neue Schatten zeichnet), die Umrisse der langgezogenen, bis zu 900 Jahre alten Kellergänge in eine abstrakte Zeichensprache übersetzen und hinterleuchtete Hohlreliefs basteln. Sie adeln jede Hotelzimmertür zum individuellen Kunstwerk.

Die Amerikaner haben für solche einheimischen Elemente den Begriff „vernacular architecture“ erfunden. Auch Frank Lloyd Wright und Mies van der Rohe arbeiteten zu Zeiten und bei manchen Bauaufgaben damit. Vernacular in der modernen Architektur bedeutet: Man nimmt etwas (aber nicht zu viel) im besten Sinn Bodenständiges, Ehrliches von dem Ort auf, an dem baut, und verbindet es mit dem eigenen Stil. So biedert sich ein Architekt nicht an, respektiert aber die geliebte, kostbare Vergangenheit der Anderen. Wie die uralten Langenloiser Felsenkeller, zu deren filigranen Labyrinthen Holls silbernglänzendes Felsmassiv mit Alublechhaut Zutritt gewährt. Und in denen wohl jeder Wachauer schöne Erinnerungen findet. –  So eine Heimatarchitektur? Immer gern.       Alexander Hosch

Zwei weitere Häuser von Steven Holl findet ihr in meinem Buch „Traumhäuser am Wasser“ vorgestellt:  Das private Writing With Light House auf Long Island /USA und eine Kunstsammler-Villa in Südkorea.             https://www.callwey.de/buecher/traumhauser-am-wasser/

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Auf die Alpe Robiei

SAN CARLO / BAVONA, 16.07.2014 - Itinerario Turistico no. 19: San Carlo - Robiei Funicolare - Giro Lago. copyright by www.steineggerpix.com / photo by remy steinegger

Val Bavona im Tessin ist ein Tal der Superlative. Ein wilderes, steileres und steinigeres gibt es nicht in der Schweiz. Paradoxerweise muss es ohne Stromnetz auskommen, während oberhalb, auf der Alpe Robiei, Unmengen an Elektrizität produziert werden. Nur im Sommer bewirtschaften Bauern das enge Trogtal. Auch Touristen haben sich an ein kleines Zeitfenster zu halten, wollen sie ganz hoch hinaus.

fluchtbergfoto_300Bloß in der kurzen bella stazione, also zwischen Juni und Oktober, bringt eine Luftseilbahn Personen von San Carlo am Talende nach Robiei. Mit ihren 2000 PS und einer Tragfähigkeit von 20 Tonnen (ein LKW könnte auf der Lastbarelle mitfahren) zählt die Pendelbahn zu den stärksten der Welt. Reichlich überdimensioniert für 20 000 Besucher in der ganzen Saison? Zweifellos, doch wurde sie 1965 primär für den Lastentransport zum Bau eines immensen Wasserkraftwerks errichtet.09_Robiei

In dem natürlichen Amphitheater, das die Alpe Robiei am Fuß des Basòdino-Gletschers bildet, zeugt heute nur die Staumauer des Speichersees von dieser gewaltigen hydrotechnischen Anlage aus den Sechzigern. Der größte Teil erstreckte sich unterirdisch auf 60 Kilometern bis hin zum Lago Maggiore. Ein Lehrpfad wurde in einem der Stollen innerhalb des Staudamms angelegt. Er erklärt dessen Funktion, Bauweise und Sicherheit. Wer ein Auge hat für die aparte Beton-Architektur dieser Zeit, wird das Ensemble aus Bahnstationsbauten unter schicken Pultdächern und einem sechseckigen Hotelturm lieben. Selbst die Zimmer, in denen einst die Bauarbeiter logierten, sind in ihrem herrlich schrägen Sixties-Flair erhalten. Für 100 Millionen Franken wurde das Kraftwerk kürzlich modernisiert. Zum Glück war kein Rappen mehr übrig, um das Hotel anzutasten.

Alexandra González

Fotos © Ticino Turismo

Saisonöffnung von Seilbahn und Albergo Robiei: 16. Juni bis 2. Oktober 2016. Den Schlüssel für den Lehrpfad im Inneren der Staumauer gibt es im Hotel. Alpe Robiei, San Carlo (Val Bavona), Tessin, Schweiz. www.robiei.ch

Die gastfreundlichste Alpenfestung

vignette_strassenrandperlen4Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.  #4

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Objekt Neues altes Gotthard-Hospiz auf dem St. Gotthardpass / Adresse Fondazione Pro San Gottardo, CH-6780 Airolo / Koordinaten N 46.559167°, O 08.561667°/ Bauzeit 1623 bis 2011 / Bau-Grund  Es war mal das „Haus des Priesters“ der hier siedelnden Kapuziner / Aktuelle Nutzung  Stilvolle Übernachtungen; Gotthardkapelle integriert / Öffnungszeiten Sobald der Pass Anfang Mai offen ist – bis er im November wieder schließt; www.gotthard-hospiz.ch / Schönster Augenblick  Auf zwei Rädern über die „Tremola“ hochfahren!

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Warum man immer dran vorbeifährt: Weil jeder im Frühjahr schnell nach Italien möchte. Oder an die Seen im Tessin. Seit 1980 nehmen nur noch die Wenigsten die Passstraße.

 

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss! Im Zug durch den Tunnel fahren kann doch jeder. Schon immer aber stiegen Reisende hier herauf. Ein mythischer Ort seit den Langobarden. Europas Hauptwasserscheide, die direkteste Alpenroute zwischen Nord und Süd. Der Aufstieg des Gotthardwegs begann um 1230. Säumer, Soldaten, Handelskarawanen, Zöllner und Postboten der Habsburger nutzten die Teufelsbrücke über die kaum überwindliche Schöllenenschlucht – und produzierten die ersten Alpen-Staus. Das Hospiz gibt es seit einem Lawinenabgang vom Monte Prosa. Kapuziner bewirteten von da an Passanten, Kaufleute und Pferdekutscher. Goethe übernachtete zwischen 1775 und 1797 gleich dreimal hier.

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Das Gästehaus auf 2090 Meter überdauerte die Zeit der ersten Automobile und immer neue Straßen – bis zum Tunnelbau 1980. Dann verlor es an Bedeutung. Jüngst bauten die straperl_gotthardBasler Architekten Miller Maranta das historischen Erbe um: Sie integrierten die alte Kapelle in den trutzigen Bau, gaben ihm ein wehrhaftes Bleidach nach dem Vorbild der Kathedralen und eine organisch-anthroposophische Form. Die neue Holzständerkonstruktion von 2011, typisch für den Kanton Uri, macht aus dem Innenraum eine Fichtenholz-Wohlfühllandschaft. Mit Traumblicken und integrierter Urgemütlichkeit.

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Wie man hinkommt: Im Winter gar nicht. Nach der Öffnung der Passstraße – in der Regel und je nach Wetterlage ab Anfang Mai – per Auto, Rad, Motorrad, Bus, Taxi oder Camper von Andermatt (Uri) oder Airolo (Tessin) aus.

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(copyright Idee, Text und Bilder: Sabine Berthold & Alexander Hosch)