Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht. #9

Objekt Wunderkammer des Brotes – Paneum / Ort Kornspitzstraße 1, A-4481 Asten / Koordinaten 48°12’57’’ N, 14°24’35’’ O / Bauzeit 2016/17 / Bau-Grund Wunder à la Oberösterreich: Es ist ein silberner Laib erschienen! / Aktuelle Nutzung Museum der Brotgeschichte; Besichtigungen (demnächst auch für Gruppen); Seminare / Öffnungszeiten Montag bis Samstag 10-18 Uhr / Schönster Augenblick Wenn hinter dem Silberschiff orangefarben die Sonne untergeht…


Warum man immer dran vorbeifährt… In diesem Fall, weil es ganz neu ist: Plötzlich ploppt direkt neben der Autobahn ein Raumschiff auf. Und – mal ehrlich – wer fährt schon nochmal zurück, wenn die nächste Ausfahrt erst ein paar Kilometer weiter winkt?
Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss! Wegen des Dramas. Wunderkammer des Brotes – das hört sich schon ganz anders an als zum Beispiel: Brotmuseum. Und es sieht auch anders
aus. Wie ein silbern gefärbter Brotteig. Wie ein Sahnehäubchen. Oder …wie
die Arche Noah? So nennt der Architekt, Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au seinen jüngsten Bau. Na gut, lassen wir so durchgehen. Aber noch besser passt: Wolkenschiff. Seit fast 50 Jahren spielt das Wiener Architekturbüro mit Bildern von Wolken. Zuerst nur als Kunstutopie. Dann seit den 1990ern immer öfter als Bau-Form. Und seit ein paar Jahren auch auf der Website. So kündete vor vier Wochen der sogenannte Cloudletter #33 von der Vollendung des Paneum, direkt neben der Autobahn in Asten bei Linz. In Auftrag gegeben hat es Peter Augendopler, Erfinder des Kornspitz und Chef von Backaldrin („The Kornspitz Company“). Er hat Filialen in 50 Ländern der Erde. Wir treffen ihn vor seinem neuen Bauwerk. Weil es ihn sogar am Wochenende wie auf Schienen zu den 1200 Objekten aus 9000 Jahren Brotgeschichte treibt, die er gesammelt hat. Er zeigt sie nun – ganz im Stil eines barocken Kuriositätenkabinetts – seinen
ersten Besuchern, bald werden es mehr sein. Uns zeigt er den kleinen Film über die Erfindung dieses Baus, die Stahlspiraltreppe, die unters Dach führt (und an Frank Lloyd Wrights Guggenheim Museum in New York denken lässt), eine ägyptische Korn-Mumie (die als getreidige Grabbeigabe diente), mittelalterliche Schandmasken für ruchlose Geiz-Bäcker… Und die einzigartige Freeform-Holzkonstruktion, die auf einer Box sitzt und ohne Stützen und Balken die spektakuläre Metallkuppel trägt. Draußen an der Fassade erklärt er uns noch, wie es gelingt, dass die 3000 Edelstahlschindeln scheinbar den Himmel erzittern lassen. „Ich wollte eine Architektur, die mich fordert und die noch waghalsiger ist, als ich sie mir vorstellen konnte“. Die ist ihm gelungen.
Wie man hinkommt Von der A 1 aus Salzburg / Linz oder Wien die Ausfahrt Asten nehmen, auf der Landstraße Richtung St. Florian etwa einen Kilometer nach Süden fahren, links abbiegen und der Beschilderung zur Firma Backaldrin folgen. Dort steht das Paneum neben dem Headquarter.

(copyright Idee, Text und Fotos: Sabine Berthold & Alexander Hosch)
Objekt Kirche mit filigranem Glockenturm an der Brennerautobahn zwischen Innsbruck und Matrei / Ort A-8141 Schönberg,
Warum man immer dran vorbeifährt: a) Der Rastplatz ist wieder grauenhaft überfüllt b) Es sind nicht mal mehr 50 Kilometer bis zum ersten Espresso in Italien c) Der letzte unfreiwillige Halt, als an der Abkassierstelle gerade 8 Euro Extra-Maut zu zahlen waren, steckt einem noch in den Knochen.
So kann selbst von draußen der auf den Stufen Sitzende durch ein mittiges Fenster das Innere betrachten. Oder tolle Panoramablicke auf das Wipptal und die ehemals – bis 2004 – höchste Autobahnbrücke Europas werfen. Man sieht sehr gut die Ortschaft Patsch gegenüber, mit den Almen und Berggipfeln, etwa dem Patscherkofel dahinter. Größter Kapellenschatz: Die Fresken Karl Plattners an Außen- und Innenwänden, von 1964. Der Südtiroler hat darin motivisch einen Bogen vom Bau der Europabrücke (1960–63) zu Christophorus und Nepomuk, den beiden Schutzheiligen der Reisenden und der Brücken, geschlagen.


seines berühmtesten Werks. „Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger“, verkündet sein Zarathustra zu Anfang des dritten Teils, „ich liebe die Ebenen nicht.“ Also hinauf! An der Côte, wo Nietzsche zwischen 1883 und 1887 fünf Winter verbrachte, wurde das malerische zweigeteilte Dorf zwischen Nizza und Monaco sein Lieblingsort. Die südlichen Felsen der Alpes-Maritimes steigen über Èze dramatisch auf 700 Höhenmeter an. Dort wanderte Nietzsche vom Bahnhof unten am Meer immer wieder in den mittelalterlichen Ortsteil hinauf – stets den gleichen Pfad wählend. Und beobachtete, wie das Gehen sein Denken veränderte. Wie der Aufstieg die Gedanken erhitzte. Und gleichzeitig klärte.
schöpfenden deutschen Dichter benannt. So kann der Spaziergänger, wenn er denn will, den eineinhalbstündigen Aufstieg ganz als Ausflug in die nietzscheanische Seelenlandschaft zwischen Erhabenheit und Unendlichkeit erleben. Andere werden vielleicht lieber die Prunkvilla des Stabhochsprungweltrekordlers Bubka am Wegesrand bewundern. Oder ganz oben das Superluxushotel Château Chèvre d´Or betrachten, in dem hier immer die Promis absteigen. Wenn schon, das stört keinen großen Geist.


Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss: Jetzt, wo bald erneut die Urlaubskarawane über den Brenner zieht, fällt sie allen hoch über der Autobahn wieder groß in den Blick: Die Bergiselschanze von Zaha Hadid. Zuerst musste die britisch-irakische
Architektin von ungefähr 1975 bis 2000 lesen, man könne ihre Entwürfe gar nicht bauen. Und von 2001, kaum dass die Ersten standen, bis 2016 schrieben dann die Chauvis und Bau-Spießer: bääh, Spektakel, das ist ja eine Stararchitektin, und auf den Häusern fehlt der Giebel. Vor Kurzem ist die einzige berühmte Frau im Architekturzirkus mit nur 65 Jahren gestorben. Sie war das schillerndste Talent der Bauwelt, und zusammen mit David Bowie der größte Verlust für die Kunstwelt in diesem Jahr. – Gut also, dass Zaha Hadid zu Lebzeiten immer brav gebaut hat, wie sie wollte. Bei uns im Familienauto freuen sich jedenfalls mit jeder Alpenüberquerung alle als wär´s der Eiffelturm, wenn die silberne Kobra auftaucht, schemenhaft zuerst, dann schillernd, dann immer klarer. Früher sahen Skischanzen wie Kreuzungen aus Fernsehturm, Hochspannungsmast und Kohleförderanlage aus. In Innsbruck dagegen spielte die Mathematikerin und Dekonstruktivistin Hadid elegant mit dem Eindruck von Instabilität, mit extremen Winkeln und Überhängen. Das ist auch für jeden Besucher eine schwindelerregende Sache – wie eine Achterbahnfahrt. Schon der sportive Aufstieg zu Fuß oder alternativ die Fahrt per Schrägzug an den Schanzenrumpf und im Fahrstuhl hoch zum Turm-Café sind Erlebnisse. Die immer leicht verkippte Rundum-Aussicht von der Terrasse über Stadt, Berge und Inntal ist dann der eigentliche Clou. Wer ganz viel Glück hat, erlebt, wie unterhalb seiner Frühstücks-Tasse trainierende Meisterspringer aus der Luke gleiten. Und womöglich wird im Januar Michael Hayböcks neuer Schanzenrekord (138 Meter) gleich wieder geknackt.