Die Kunst des Pflanzens

Überall in Deutschland gibt es seit fast 35 Jahren die Naturschutzprogramme des Vereins Bergwaldprojekt. Das aufgeklärte Reisen in den 2020er Jahren kann dadurch einen ganz eigenen Dreh bekommen, der gut zum Lebensstil des bewusst und rücksichtsvoll lebenden Teils der Bevölkerung passt. Wir von der Alpinen Kultur haben jetzt aus genau diesem Grund im beginnenden Hochsommer 2026 eines der Freiwilligen-Angebote der NGO Bergwaldprojekt e. V. ausprobiert, die aktuell wieder von der Nordsee und der Mecklenburger Seenplatte bis zum Harz und ins Sauerland, von Thüringen bis in den Schwarzwald zu finden sind. Unsere persönliche Arbeitswoche fühlte sich an wie eine permanente Freilicht-Vorlesung in Gebirgsbaumkultur. Passenderweise waren wir natürlich in den bayerischen Alpen unterwegs. Im Bereich des Forstbetriebs Bad Tölz, in den Schutzwäldern hoch über dem Walchensee, ging eines der körperlich anstrengendsten, der ältesten und spannendsten Projekte, die das Bergwaldprojekt zusammen mit den Bayerischen Staatsforsten vor vielen Jahren aufgelegt hat, in die nächste Runde. Unsere Aufgaben für die fünf Tage waren: Der Ausbau eines Steiges für Förster*innen im supersteilen, lawinen- und murengefährdeten Schutzwald des Fahrenbergs, der in der Fahrrinne der Herzogstandbahn liegt. Sowie das Ausgraben und Neuverbuddeln von rund 400 je zirka 25 Zentimeter hohen Weißtannen-Wildlingen, die nun die nächsten Jahrzehnte in den „Taschen“ entlang mehrerer Schneisen am Altlacher Hochkopf heranwachsen sollen. Also auf der anderen, der Jachenauer Seite des Walchensees.

Eine Teilnahme an einer Schaffenswoche des Bergwaldprojekts wird für die Freiwilligen materiell gar nicht entlohnt. Man bekommt jedoch geistig wahrscheinlich mehr zurück als in jeder anderen Woche seines Jahres. Das Bergwaldprojekt erhält dafür pro Woche von den Staatsforsten immerhin 5000 Euro, was ein Viertel bis die Hälfte des Einsatzes deckt, den der Verein für Fahrzeuge, Lebensmittel, seine Angestellten und deren Spesen usw. aufwendet. Kosten für Anreise, für Arbeitskleidung und Zeltausrüstung trugen die 15 Mitglieder unserer Gruppe selbst. Gestellt wurden uns der Zeltplatz, die Werkzeuge, die Anleitung durch verschiedene Forstspezialisten sowie eine exzellente vegane und vegetarische Küche („Kitchen of Love“). Die Projektchefs waren der Forstwissenschaftler Jonas Marks aus Dresden und der zuständige Revierleiter und Förster Tim Brommer, der am Walchensee aufgewachsen ist. Koch Philipp aus Berlin hat uns jeden Tag wunderbar verwöhnt, etwa mit Cashew-Porridge zum Frühstück, mit Tagessuppen und Kakaoschokobruch mittags, mit Gemüselasagne (vegan oder vegetarisch), Bratlingen, Griechischem Salat, verschiedensten Aufstrichen, Bergkäse und Beeren-Käse-Tarte abends in einem 3-Gänge-Menü. Die Bergwaldprojekte wirtschaften stets möglichst regional und nachhaltig, der Umgang der Teilnehmer untereinander und mit der Natur ist achtsam und respektvoll. Es wird nie mehr gekocht als aufgebraucht werden kann. Kleine Reste verarbeitete unser Küchenmeister zu Eintöpfen des folgenden Tages. Am Walchensee musste die Gruppe ihre Nahrung selbst in die hochalpinen Lagen schleppen. Das ist der Unterschied zu den Vorhaben in Balderschwang, Garmisch-Partenkirchen, Wertach, Oberau sowie am Schliersee, die es – ein- oder zweiwöchig – im bayerischen Hochgebirge sonst noch gibt.

Warmduschen war zwar auf dem Areal nicht jeden Tag vorgesehen, dafür ermöglichte das Staatsforstgelände für den Aufenthalt samt Blockhütte und Zeltplatz  direkt am Walchensee tägliches Schwimmen im 21 Grad warmen Juliwasser. Die meisten Teilnehmer unterstützen das Bergwaldprojekt zusätzlich durch den Kauf von Merchandisingartikeln, durch Fördermitgliedschaften und durch Spenden. Die Idee, seinen eigenen Urlaub durch sinnvolle Gratismitarbeit aufzuwerten, resultierte zumindest für den Autor in maximal positivem Stress. Ich möchte diese sieben Tage zusammen mit hochmotivierten und zupackenden Menschen zwischen 22 und 70 aus allen Winkeln Deutschlands um nichts in der Welt missen. Die Leute, die beim Bergwaldprojekt anfragen, verbindet in der Regel ein optimistisches und proaktives Mindset. Allfällig auftretende Schwächen werden gegenseitig geachtet und schnell durch die Stärken der anderen kompensiert. In der Regel gibt es für alle Projekte lange Wartelisten. Andererseits existieren fast immer Vorhaben, in die man auf einfache Weise nachrücken kann. Mögliche eigene Unzufriedenheiten versuchten die Teilnehmer an unserer Projektwoche am Walchensee durch körperliche Arbeit und einen geteilten Schaffensprozess in den Griff zu kriegen. Aufbau leisten, sich selbst antreiben, durch Selbstwirksamkeit Erfolg erfahren. In einer Gesellschaft, die im Jahr 2026 immer mehr durch Hass, Neid und Gier auseinander getrieben zu werden scheint, kann eine Woche Freiwilligenarbeit für den Einzelnen wie ein Jungbrunnen wirken. Es ist kostbar, Ziele, Werte und gute Gefühle anzustreben und mit anderen zu teilen. Also meldet euch ruhig gleich an.

Text und Fotos:  Alexander Hosch  

 

 

 

 

2026 laufen in der zweiten Jahreshälfte mehr als 50 Wochenprojekte, in die man – ab 18 Jahren oder ab 15 (in Begleitung der Eltern) – mit etwas Glück noch nachrücken könnte. Üblicherweise lassen sich Aufenthalte für das nächste Jahr ab Dezember zeichnen. Es gibt Arbeit in Hoch- und Mittelgebirgen und in Offenlandschaften, in Mooren, Heiden, auf Mager- und Streuobstwiesen, an Dünen, auf Inseln und entlang von Küsten. Außer den regulären Projekten existieren Jugendprojekte, Integrative Projekte, Familienprojekte, Frauenprojekte und die eintägigen Pflanzfeste namens Neihaufeschte, die häufig am Rand von Großstädten oder in den Stadtwäldern auch von Metropolen wie München oder Berlin stattfinden. Einzelne Angebote finden im Ausland statt.

www.bergwaldprojekt.de