Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit:
Die heimlichen Alpenfilme: #16
Der Nachtlokalbesitzer Georgio sieht wirklich sehr gut aus, und er kann so was von charmant sein. Nichtdestoweniger ist er das Abziehbild eines Cis-Mannes. Wann immer die nicht mehr ganz junge Anwältin Tony, die ihn in einer Diskothek kennengelernt hat, Zeit mit dem narzisstischen Superalphamännchen verbringt, tauchen wie selbstverständlich Georgios Ex-Gespielin, das Model Agnès, und ihre Freundinnen mit auf. Oder waren sie gar nie weg? Und sind da etwa noch aktuelle Favoritinnen dabei? Man weiß es nicht.
Bist du ein Idiot?, fragt Tony Georgio, nunmehr ihr Ehemann, eines Tages im Bett. Er antwortet: Ich bin der König der Idioten. So in etwa lässt sich der ganze Film von 2015 (Originaltitel: Mon roi) beschreiben. Tony, die sich durchaus an Georgios Spiel mit sexuellen und anderen Perversionen erfreuen kann, kommt sich immer öfter wie das fünfte Rad am Wagen inmitten all der Beauties in Georgios Entourage vor. Der beredte Manipulator nimmt schließlich das leichtsinnige Schlendrian-Dasein und seine Koks-Sucht vollends wieder auf. Nachdem Tony das gemeinsame Kind ihrer toxischen Liebe geboren hat, verbringt sie die Zeit vor allem allein mit dem Jungen Simbad, den Georgio indes abgöttisch liebt und bald lieber besucht als Tony. Eine immergleiche alte Geschichte nimmt ihren Lauf.
Glücklich ist am Ende wohl niemand – bis auf eine Tatsache: Dass Vincent Cassel und Emmanuelle Bercot eine unglaublich glückliche Besetzung für ein total verkorkstes Paar sind. Schwer jemand würde die triste Passage der unglückseligen Tony feinfühliger und glaubwürdiger umsetzen als Bercot, die dafür 2015 in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Und kaum einer kann die Rolle eines majestätischen Super-Arschlochs so gekonnt erfüllen wie Vincent Cassel, der zurecht für seine ambivalenten Darstellungen immer wieder Preise erhielt wie etwa 2009 den César als bester Hauptdarsteller in Public Enemy No 1. Bei uns war Cassel natürlich früher auch schon mal erste Wahl: im heimlichen Alpenfilm #7 Die Purpurnen Flüsse (bitte gerne gleich anschließend rüberklicken!).
Tony und Georgio leben in Paris. Ihre Wende bekommt die in Rückblenden erzählte Story aber im Schnee der Alpenberge, wo Tony (gleich zu Anfang des 128-Minuten-Films von Regisseurin Maiwenn) auf der Skipiste verunglückt, worauf sie am Meer eine Knieverletzung ausheilen muss, die zur Psychotherapie über die gescheiterte Beziehung wird. Der Film wirft viele Fragezeichen auf, man schluckt zusammen mit Tony immer wieder irritiert die Manöver und die Kröten Georgios – und versteht am Ende doch nie, warum beide so handeln. Andererseits: Mon roi heißt Mein König. Und jeder kennt in der Realität gar nicht wenige Beispiele von Paaren, die es – auch oft mit Königin – genau so anstellen. Auch die versteht man nicht. Aber sie sind überall. Das macht die Faszination und die Treffgewalt dieses Films um Liebe und Verrat aus, der zwar nur ein paar beiläufige Spritzer Schnee und Bergsichten enthält, jedoch gerade deshalb ein besonders heimlicher Alpenfilm ist. Alexander Hosch
Mein ein, mein alles / Mon roi (2015). Immer mal wieder auf Netflix, zur Zeit aber nicht in D/A/CH. Jedoch ist der Film aktuell auf zahlreichen anderen Streamportalen zu kaufen / zu leihen.
Tote Bauwerke sind, solange sie gut aussehen, besser als jedes hässliche neue Archi-Nichts. Davon lebt der traumschöne Ski-Ort Bad Gastein im Salzburger Land prächtig. Berliner und andere westliche Hipster, Moskauer und andere östliche Oligarchen streifen seit Jahren wonnevoll durch eine Wintermärchen-Topografie aus kaiserlichen Kurparks, Wasserfällen und verlassenen Grand Hotels.
Braunschlag und dem Film Aufschneider mit Josef Hader jetzt
Für Vincenzo Vicari konnte das 20. Jahrhundert gar nicht rasant genug voranschreiten. Gegenüber jeder technischen, medialen und kommerziellen Neuheit war der Luganer Fotograf aufgeschlossen. So experimentierte Vicari (1911 – 2007) früh mit Luftfotografie und fühlte sich von der Leidenschaft für sein Metier vollends ergriffen, wenn er hoch oben eine Kamera gegen die Luft pressen musste, weil er gezwungen war, „sich beim Fotografieren mit dem Oberkörper aus dem Flugzeug zu lehnen“.
Mit demselben Elan hat er zwischen 1930 und 1990 den Wandel im Tessin dokumentiert. Entstanden ist ein komplexes Konglomerat aus Werbebildern für Industriebetriebe und Tourismusbroschüren, Landschaftsaufnahmen, Porträts des sozialen Lebens und des Brauchtums sowie Fotos zu Bauboom und höchster Ingenieurskunst in Form von Wasserwerken. Vicaris Bilderfundus visualisiert die Umgestaltung des Südschweizer Kantons von einem verschlafenen, bäuerlich geprägten Fleckchen Erde zu einem urbanen Motor, der sich trotz seiner Kraft allerdings nur schwerfällig bewegt.
Außerhalb des Tessins ist Vicari noch wenig bekannt, was sich mit der ersten großen monografischen Ausstellung im MASILugano gerade ändert. Dass sich diese Schau nur virtuell besichtigen lässt, macht die begleitende Publikation umso relevanter: Ein handlicher Katalog, der mit 190 meist unveröffentlichten Aufnahmen, überwiegend in Schwarz-Weiß, eine Exkursion durch die Bildwelt dieses vielseitigen Chronisten unternimmt.


Mit Zaha Hadid von oben in die Alpen zu schauen, das geht schon länger. In Innsbruck muss man dazu nur im Turmstüberl der von der
Avantgarde-Architektin gebauten Bergiselskischanze einkehren. Sie überragt die Brennerautobahn als modernes Tiroler Maskottchen. Just seit Beginn der Coronazeit – Februar 2020 – ist jetzt auch der Hadid-Blick von unten auf die Berge möglich: Aus der Stadtmitte von
Nun aber existiert endlich dieses spaceshipartige Boardinghouse mitten in der Fischer-von-Erlach-Altstadt. Seine 45 silbrigweiß schimmernden Glasfaser-Bubbles schauen wie Argusaugen aus dem Zuckerbäckerbarock in alle Richtungen. Sogar die Tapete (Foto) passt sich an. Für Business- oder Feriengäste, die die
kleinen und großen Wohnungen jetzt – zumindest während der Lockdownzeit – auch tageweise buchen können, heißt das: Sie residieren quasi im Computerbarock. Alles ist digital, vom Check-In über den Zutritt ins Zimmer per QR-Code zu den Service-Apps per TV-Gerät bis hin zum Raumgefühl. Das Bett kann man problemlos als Zentrum seines Cockpits verstehen. Nur die barocke Turmspitze der Stadtpfarrkirche draußen liegt herrlich analog und glasklar vor der Nase. Während man selbst gemütlich bei seinem ersten Espresso im raumhohen Fenster sitzt.
Und sonst? Stehen etwa Lichtschwerter statt Lampen auf dem Nachttisch? Fliegen die Frühstücks-Toasts hier wie Ufos am aufgesperrten Mund vorbei? Nein. Die futuristischen
Zaha-Hadid-Sofas für Moroso oder ihre Alessi-Käsereibe waren dann doch zu teuer für den Hotelgebrauch. Aber auch so rundet angemessen dynamisches Mobiliar das Architekturkonzept ab – man wohnt also perfekt organisch-schrägwinklig. Und genauso futuristisch, wie es von draußen den Anschein hat. Text: Alexander Hosch
Argos by Zaha Hadid Architects, Boardinghouse mit 21 serviced Apartments, 30 bis 80 Quadratmeter. Zur Zeit teilweise ab nur 75 € pro Nacht,
Als die Sonne über den Drei Zinnen aufgegangen war, schoss ein Raumgleiter an der berühmten Dolomitenformation vorbei. Echt jetzt? Echt jetzt im Kino! Die Star-Wars-Filmarchitekten aus Amerika wären ja blöd, wenn sie sich jede dramatische Bergspitze selbst aus den Fingern saugen würden, wo es doch in der Natur jede Menge von der Unesco geprüfte Weltklasse-Requisiten gibt: In den Südtiroler Alpen etwa.
Weltraum-Schmuggler Han Solo unternimmt in The Red Cup von 2018 (deutscher Titel: „Solo: A Star Wars Story“) sogar einen Landeanflug auf die dramatische Trias. Auch Wookie Chewbacca ist mit dabei. Das Spin-Off zur 1977 gestarteten „Krieg der Sterne“-Saga hatte im Mai dieses Jahres in Cannes Weltpremiere gehabt, gleich danach kam es bei uns in die Kinos. Die 200-köpfige Crew von Walt Disney und der Lucasfilm Produktion drehte zuvor von Januar 2017 an ganz real unter anderem rund um den Monte Piana sowie am Misurina-See in der Nähe von Belluno. Wo den Regisseur, Oscarpreisträger Ron Howard, übrigens besonders die vorhandenen Militäranlagen aus dem Ersten Weltkrieg vom Hocker hauten. In The Red Cup hat der 28-jährige Schauspieler Alden Ehrenreich erstmals Harrison Ford (damals 75) als Han-Solo-Darsteller abgelöst. Er wohnte während seiner Aufenthalte im Juni, Juli und Oktober 2017 im Grand Hotel Misurina, wie auch der Regisseur und die anderen Stars. Die Drei Zinnen – der legendäre Gebirgsstock zwischen Belluno und dem Hochpustertal – spielten am Ende sogar eine Schlüsselrolle für das Anheizen des Filmstarts. Schon nach zwanzig Sekunden tauchen sie im Trailer auf. So wurde das Wahrzeichen der Dolomiten, das zugleich Sinnbild des Wander- und Klettertourismus im Trentino ist, zum Mittelpunkt des wohl berühmtesten intergalaktischen Heldenepos aller Zeiten. Möge die Macht der Bilder weiter mit ihm sein! Alexander Hosch
Schon öfter haben wir bei Alpine Kultur über neue Schutzhütten, Bücher oder Ausstellungen des Deutschen Alpenvereins berichtet. Jetzt ist es einmal umgekehrt: Die Redaktion der alpinwelt, Vierteljahresschrift der Sektionen München & Oberland des DA
Retrobauten der 1970-er-Jahre unter den Gipfeln klug wiederverwenden kann. Und wie zwischen Steinriesen, Hügeln, Wäldern und Wiesen Flächenfraß und Monsterstadelei zu vermeiden sind. Unsere Bilder zeigen, von oben nach unten, die Hüttentürme des Hotels Tannerhof in Bayrischzell (Architekt Florian Nagler) von 2011, das Cover der aktuellen alpinwelt, die Kapelle Salgenreute (2017) in Krumbach, Vorarlberg (Architekt Bernardo Bader) und die Frühstücks-Kugel von 1972 inmitten des Tauerngebirges, oberhalb von Sportgastein am Liftende des Gebiets Ski Amadé (Architekt Gerhard Garstenauer).
Die alpinwelt gibt es nicht am Kiosk. DAV-Mitglieder bekommen sie zugeschickt. Sie liegt außerdem in zahlreichen Sportfach- und Klettergeschäften in und rund um München kostenlos aus. Oder Link zum Download des Heftes anklicken: 


Michele De Lucchi hat, wie schon öfter zuvor, im abgelegenen Sommerstall übernachtet. Der Architekt und Designer ist extra vom Lago Maggiore
Auf dem Zirmerhof, der in der fünften Generation von Josef Perwanger geführt wird, verbinden sich die Annehmlichkeiten eines kultivierten Hotels, in dem seit Jahrzehnten Nobelpreisträger, Staatsoberhäupter, Literaten und Künstler urlauben, mit einer Drama-Aussicht. Man genießt permanent das Panorama der Dolomitenkette und die Spaziernähe der Bletterbachschlucht, deren marshafte Gesteinsformationen zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Die Bauherren wünschten sich nur, dass regionale Motive und das Vaia-Holz vorkommen. Sonst hatte De Lucchi Carte Blanche.
heute lieber den Weg der Nachhaltigkeit ein. Statt der bunten Marmor-, Resopal- und Laminat-Orgien von damals, mit deren Tischen und Lampen (die Zeichnung rechts) er es schon als 35-jähriger in die Sammlung des New Yorker MoMA geschafft hat, setzt er für seine skulpturalen Möbel heute durchgehend feinstes Walnussholz ein. Für die sechs neuen Suiten und Maisonettes (samt eines großen Kaminfeuersalons über zwei Etagen für Family &
Friends) fanden sage und schreibe 127 Variationen von Tischchen, Stühlen, Sesseln, Schränken – viele extra entworfen – Verwendung. Sie wurden von De Lucchis Experimentierlabor Produzione Privata, das sein Sohn Pico leitet, nach Maß gefertigt. Dazu kamen Teppiche, Armaturen, Türgriffe, Spiegel und Lampen aus vorhandenen Linien.
„Es gibt keine Verbindung zwischen den neuen Häusern und Memphis“, sagt De Lucchi später im Interview nach längerem Nachdenken. Aber ich habe diese Zeit der Provokationen sehr geliebt“. Heute gehe es um Anderes, meint der 68-Jährige. Er verweist etwa
auf die in jedem der neuen Gästeräume dominiernden Armlehnsessel. „Von deren Holz wird man geradezu umarmt, wenn man darin sitzt“. Es gibt auch noch einen mystischen, fast Dada-haften Moment in einer aus dem 16. Jahrhundert stammenden Stube: Als Michele De Lucchi plötzlich wie ein Freimaurerlogen-Vorsitzender aus einer Holzbox, die aber wie eine kleine Schatztruhe aussieht, kleine Hölzchen nimmt und sie charmant verteilt. Sie tragen ein Siegel und erinnern an die nach De Lucchis Einschätzung leider im Verschwinden begriffene Generation italienischer Designstudios, die am liebsten limitierte kunsthandwerkliche Preziosen schaffen. So wie Danese, Dino Gavina – oder seine eigene Produzione Privata.
Die „Häuser der Wiese“ sind Refugien des Stils, die in ihrer Einzigartigkeit gleichermaßen an die Vergänglichkeit unserer schwerst gefährdeten Natur wie an die Kostbarkeit eines s
ubtil betriebenen Holzhandwerks erinnern. Das Traditionshotel Zirmerhof mit seinen riesigen Wäldern, den frei lebenden Hochlandrindern und dem Grauvieh war für diese zwei Skulpturen in der Landschaft genau der richtige Landeplatz.
Mit dem Auge eines Kabarettisten macht sich Lois Hechenblaikner immer wieder nach Ischgl auf: Um in den Schifahrermonaten den Ort und seine Spaßfolterexzesse zu dokumentieren. Seit 26 Jahren. Da tun sich ein paar Fragen auf: Ist der Fotograf, was Musik und Ästhetik angeht, vielleicht selbst Masochist? Oder locken dort im Verborgenen die Fifty Shades of White? Die Antwort ist einfacher und komplizierter zugleich: „So etwas muss eine Einschreibung auf der Seelenlandschaft sein, sonst tust du dir das nicht an“, sagte der Tiroler gerade zur SZ und begründete seinen Zwang biografisch: Er sei – im Alpbachtal – selbst als Sohn einer Gastwirtsfamilie aufgewachsen.
Bleibt eine Frage: Geht´s nächsten Winter in Ischgl wieder genau so weiter? Keiner weiß es. Fest steht nur, dass garantiert der Fotograf wieder kommen wird. Ein sehr gutes, ein wahrhaftiges Buch.