Wie der letzte Schrei der Designmode einmal in die Alpen kam? Ganz einfach. Man schrieb das Jahr 1946, und Charlotte Perriand war gerade von einer sehr inspirierenden, sechs Jahre dauernden Reise nach Japan und
Vietnam zurück. Sie übernahm gleich als Erstes den Auftrag, in den französische Alpen ein Hotel der neuen Art einzurichten. Für die erste Skistation der neuen Art: Méribel. Unter anderem entwarf die Architektin und Designerin damals für das Le Doron einen Hocker,
der an die Melkschemel der Kuh- und Schafhirten erinnerte. Die kannte sie, weil sie ihre Kindheit in Savoyen, nicht allzuweit von den „Drei Tälern“, zu denen Méribel nun gehört, verbrachte hatte.
Auch wenn auf heutigen Auktionen die sechsstelligen Erlöse eher Unikate
erzielen, die Perriand um 1927 mit Le Corbusier oder in den 1950ern mit Jean Prouvé entwarf: Der Hocker Méribel wurde ihr populärstes Möbel. Er ist es immer noch. Denn den minimalistischen Schemel, der sich auch als Tischchen gut macht, gibt es als Reedition bei Cassina. Nur das Hotel Le Doron sieht innen jetzt leider ganz anders aus. Schließlich müssen die schwer begehrten Einrichtungen aus der alten Zeit alle auf Versteigerungen (siehe dazu mein Bericht in der SZ am 21./22. Oktober über die Auktion „Charlotte for ever“) ihre Holz-Haut zu Markte tragen. 
Unbeschadet dagegen: Perriands Berg-Architektur. Lange Zeit nach Méribel ließ sie zwischen 1960 und 1990 in neuen Skidörfern auf 1600, 1800 und 2000 Meter Höhe für mehrere zehntausend Gäste im Jahr die Hotels und Residenzen von Les Arcs bauen. Sie sind wahre filigrane Gegengebirge aus Menschenhand, mit viel Holz, Glas und Sonnenterrassen – überall scheinen die Strahlen bis in die letzten Winkel. Unsere Fotos stammen aus den Jahren 2012 bis 2016 und zeigen u. a. die Résidence de La Cascade in Arc 1600 von Perriand und Guy Rey-Millet sowie andere Gebäude, die sie dort zusammen mit dem Atelier d`Architecture de la Montagne (AAM) entwickelt hat; sie zeigen auch den heute über 90-jährigen Rey Millet
und sein persönliches Mini-Appartement in La Cascade / Arc 1600 – eines der wenigen, das noch original eingerichtet ist. Mit der legendären Fensterbank, mit den Schwenklampen, mit den Hockern. „Wir waren ein Team ohne Anführer“, sagte uns Rey-Millet 2012 im Interview, als wir zum ersten Mal da waren. „Aber Charlotte Perriand war die Wichtigste – unsere Muse!“
Wir Gäste staunten bei ihm über orange-emailliertes Metall an den Herdzeilen und über eine Kunststoff-Kapsel mit Komplett-Bad. Und uns begeisterten die vielen klugen, eleganten Stauraum- und Ablagemöbel. Kästchen,
Bibliotheken, Sideboards und Regale waren in ihrem Leben die größte Domäne der Charlotte Perriand – nichts hat sie mehr fasziniert. „Luxus bedeutet nicht Gold oder Baccaratschliff“, rief uns der alte Architekt damals noch zum Abschied zu. „Wahrer Luxus ist, wenn man den Raum zu nutzen weiß!“

Text: Alexander Hosch

Fotos: Sabine Berthold
Das untere Sarca-Tal erstreckt sich von der Limarò-Schlucht bis nach Riva del Garda. Mit alten Villen ist es gesegnet, mit Renaissance- und Barockkirchen, mildem Klima und einer bizarren Landschaft aus Gesteinsmassen, die urzeitliche Bergstürze hier hinterlassen haben. Ein Paradies für Sportler, Naturfreunde, Kulturbeflissene. Was viele Besucher nicht wissen: In diesem verwöhnten Landstrich am Flusslauf der Sarca formierte sich in den frühen Vierzigerjahren wirkungsvoller Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Am Ende des zweiten Weltkriegs verdankte Riva del Garda der Partisanenbrigade Eugenio Impera gar seine Befreiung.
Haut geht die Schau, wenn man
plötzlich Historie in den Händen hält: Eigens wurde das einst in Rivas Via Verdi angesiedelte Gestapo-Büro rekonstruiert – in diesem Dienstzimmer lassen sich nun eine Kartothek öffnen und die Karteikarten mit den Biografien der Partisanen betrachten und befühlen, wie überhaupt der Heldenmut einer ganzen Region in der Ausstellung ein Gesicht bekommt. 


„Das Blaue Land hinter Glas“ heißt ein Kunst-Schwerpunkt, den vier Museen (Murnau, Kochel, Penzberg, Bernried) von Ende September bis Februar groß
eines Tages nahm Gabriele Münter, die in Murnau seit 1909 mit ihrem Lebensgefährten Wassily Kandinsky ein Landhaus hatte, einfach die Ettaler Gnadenmaria und die Madonna von Altötting aus ihrer Schnitzfigurensammlung. Und baute sie voller Hingabe als Motive in ihre expresssionistischen Gemälde ein. Die Blaue Reiterin machte auf diese Weise aus den vertrauten Alltagsdevotionalien etwas aufregend Neues. Zu sehen, wie auch rund 15 von Münters schönsten Hinterglasbildern, in
der aktuellen Ausstellung Gabriele Münter und die Volkskunst, bis 12. November,
Hinterglasbilder geschaffen – er fiel ja schon 1916. Gerade sein frühes Großformat in dieser Technik, „Landschaft mit Tieren und Regenbogen“ von 1909 (unten ein Ausschnitt), wirkt indes wie ein Potpourri der ikonischen Motive des ganzen frühen Blauen Reiters: Die Gouache auf Glas, collagiert mit Siberfolie und Papieren, versammelt Pferde, Pflanzen und Gestirne. Wenig bewegte die Künstler der beginnenden Moderne mehr als die friedliche Revolution einer kosmischen Einheit von Mensch und Tier.
Dieses Hinterglasmotiv war Marc selbst so wichtig, dass er es schon 1912 in der epochalen Schau in der Münchner Galerie Thannhauser zeigte. Heute kann das schöne Bild jederzeit im 1. Stock des Museums besucht werden; das Drumherum folgt dann erst im Oktober: Franz Marc – Landschaft mit Tieren und Regenbogen, Studioausstellung zur Entstehungsgeschichte (15.10.2017-18.2.2018, Kochel,
Schwimmsteg oder die Bootsanlegestelle des Kochelsees.
Stück. Bis in die 1950er Jahre. Der Rheinländer hatte sich 1911 von Franz Marc begeistern lassen und war nach Oberbayern in dessen Nachbarschaft umgezogen, später weiter nach Seeshaupt am Starnberger See. Gisela Geiger leitet in Penzberg, also praktisch nebenan, unsere dritte Station: die erst 2016 eröffnete Sammlung Campendonk. Sie verantwortete auch den neuen Catalogue Raisonné und schätzt darin Campendonks lange übersehene Glasgemälde einerseits wegen „der Steigerung der Leuchtkraft der Farben“, andererseits wegen der „subtil eingesetzten grafischen Strukturierung“ als Höhepunkte in seinem Gesamtwerk ein. Heinrich Campendonk, Die Hinterglasbilder, 244 Seiten, 467 farbige Abbildungen, sieben Textbeiträge zu Motiven, Technik und Materialien, Wienand Verlag, 49,90 € (Cover-Ausschnitte oben und u. l.). Das großformatige Buch gibt die raffinierten Techniken preis – Bronze-Einsprengsel, Marmorierung, radierte Flächen und
Stupfen mit der Fingerkuppe –, mit denen Campendonk die magische Transparenz erzielte und seine Motive unverwechselbar machte. Dieses allererste Werksverzeichnis nur für Hinterglasbilder eines Blauen Reiters zeigt gepunktete, schraffierte und karikaturhaft umrissene Tiere, Pflanzen, Mädchen, Bauern und Pierrots – in diesem Stil war dieser Künstler den französischen Fauves oft näher als deutschen Kollegen. Einige werden später in der Schau „Tiefenlicht. Malerei hinter Glas von August Macke bis Gerhard Richter“ (23.9.2017 – 7.1.2018, www.museum-penzberg.de) vertreten sein.


Und mit diesem sehr zeitgenössischen Ansatz passt die Company perfekt zu dem Bozener Festival, das bereits das dritte Jahr in Folge die kulturelle Auseinandersetzung mit Identität vorantreibt. Temporeich, virtuos und optisch gefällig manifestiert sich dieses Leitmotiv bei Siegal – und herrlich bodenständig bei Alessandro Sciarroni. Der italienische Choreograph hatte sich zuvor mit fünf Performern und einem Videokünstler in das Pustertal zurückgezogen und das Schuhplattln erlernt. Dabei entdeckte er die archaischen Wiederholungsmuster und rhythmischen Strukturen des Volkstanzes. Jetzt kommt sein konzeptionelles Gute-Laune-Stück „Folk-S. Will you still love me tomorrow“ wieder auf die Bühne. Zwischen diesen beiden aufregenden Polen spannt sich von 13. bis 29. Juli der Bogen des internationalen, workshop-reichen Mitmachfestivals Bolzano Danza.
Daréus blüht gleichwohl in der neuen Rolle auf, denn er kann Hilfe leisten.
Alexander Hosch
Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.
Objekt Wallfahrtskirche Santuario Madonna Della Corona / Ort I-37010 Spiazzi/Ferrara di Monte Baldo / Koordinaten
Nutzung Wallfahrtsort; täglich Gottesdienste; www.madonnadellacorona.it / Öffnungszeiten jeden Tag 8-18 Uhr (April bis Oktober 7-19.30 Uhr) / Schönster Augenblick Frühmorgens, bevor die Touristenbusse kommen
Weil dieser Ort schon immer ganz besonders war. Zu heidnischer Zeit fanden hier Kulte statt. Ab 1000 lebten da oben christliche Eremiten. Seit 1437 gab es eine Kapelle und eine Einsiedelei, von der „Commenda der Jerusalemer Ritter“ verwaltet. Für 1522 wird die nächtliche Erscheinung einer Pietà in der Felswand behauptet, umspielt von Musik und blendendem Licht. Der Grund : Die schlimmen Türken hatten gerade das christliche Rhodos besetzt, nun sollten sie an der Renaissance scheitern! Ein Wallfahrtsort war geboren. Arbeiter und Gerät wurden zur eiligen Vergrößerung der Kirche nun per Winde abgeseilt – so wie 1530 auch der Bischof von Verona, der den Neubau besuchte. Später kamen eine Heilige Treppe (Scala sacra), ein Hospiz
und immer wieder stattliche Kirchenanbauten dazu – 1540, 1625-80, 1899… Der aktuelle Bau wurde in einem gotischen Stil um 1978 errichtet, als die alte Kirche einzustürzen drohte. Nach Maltesern und Johannitern ist heute die Diözese Verona für das ganze Areal zuständig. Deren Priesterseminar kümmert sich um die Liturgien. Der größte Schatz ist
die 70 cm hohe, bemalte Stein-Pietà von 1422 . Sie bildet das Zentrum des in den Fels geschlagenen Altarraums. Die Pietà wird von einer Dornenkrone und fünf Engelsgruppen umgeben. An anderen interessanten Stellen finden sich 167 alte Votivtafeln, eine „Grabstätte der Einsiedler“ in Glasschreinen und die zwischen 1900 und 1915 geschaffenen Carraramarmor-Statuen des Veroneser Bildhauers Ugo Zannoni.

Die Nackten und die Roten: Der Monte Verità war um 1900 die heißeste Kommune des Abendlandes. In den hölzernen Licht-Luft-Hütten der Vegetarier gärten die Ideen für eine bessere Welt. 1926 kaufte der Bankier Eduard Freiherr von der Heydt den gesamten
Wahrheitsberg und ließ ein Hotel im Bauhausstil darauf setzen. Die Hautevolee der Zwanzigerjahre logierte hier, nach der Meditation gab es nun Schampus statt Rohkost.



kaum gewusst
haben, dass sich das 1140 Meter lange Höhlensystem im Triglav-Nationalpark 41 Meter tief in den Berg bohrt, denn erst 1922 wurden die Kavernen erforscht. Doch dem Verseschmied, der mit seinem Meisterwerk den gesamten metaphysischen Kosmos des Christentums durchmessen hat, reichte ein kurzer Blick in den karstigen, vom Wasser des Isonzo-Gletschers zerklüfteten Fels, um die Pforten seiner Fantasie weit aufzustoßen.
Was aber trieb den von den Papisten seiner Heimatstadt Florenz zum Teufel geschickten Dichter in diese einsame Gegend? Ganz einfach, er hatte bei seinem Freund Pagano della Torre, dem Patriarchen von Aquileia Zuflucht gefunden. Ihn besuchte der verbannte Poet auf dessen Festung Kozlov Rob, die heute nahe des slowenischen Alpenstädtchens Tolmin als Burgruine Touristen anlockt.
Zurück im Tageslicht nehme ich mir vor, Kurt Flaschs preisgekrönte Neuübersetzung der „Göttlichen Komödie“ zu lesen. Sie erschien vor zwei Jahren als Taschenbuch. Vielleicht hat uns Dante nicht nur großes Lesevergnügen zu bieten, sondern in seiner gesinnungsethischen Empörung über Habgier, Maßlosigkeit und die Skrupellosigkeit von Politikern auch einen Schlüssel zur Gegenwart.

Warum man immer dran vorbeifährt: Reine Nervosität. Man ist schon fast in Österreich, hat aber immer noch kein Pickerl für die kostenpflichtige Autobahn gekauft. Noch fünf Kilometer, dann ist es strafbar. (Außerdem war früher die Sicht ganz frei – heute baut sich nach einem superkurzen Blick auf die Architekturjuwelen gleich der Lärmschutzzaun auf.)
Der größte Schatz des weißen alten Passionsspielhauses ist die gebogene Lochfassade aus Sichtbeton. Erl gehört neben Oberammergau zu den ältesten Passionsspielorten der Welt. Die Tradition ist seit 1613 nachweisbar. Bei den Spielen wirkt alle sechs Jahre das ganze Dorf mit. Und für das 1933 abgebrannte Haus wurde in den 1950ern ein couragiertes neues Theater im Zeitstil erbaut. Unwillkürlich ertappt man sich dabei, wie man nachguckt, ob nicht doch irgendwo Le Corbusier als Architekt vermerkt steht… Aber nein, der hieß Robert Schuller und war in Innsbruck Schüler von Clemens Holzmeister. So wie der Bau von 1956 eine kleine Sensation für das alpine Mitteleuropa der Wirtschaftswunderzeit darstellte, wurde dies auch das neue Festspielhaus,
ab 2010 von den Wiener Architekten Delugan Meissl gleich daneben errichtet. Die 1997 gegründeten Tiroler Festspiele hatten ein gut geheiztes Domizil für ihre zweite Jahreszeit gebraucht – die Winterfestspiele. Durch den 36 Millionen Euro teuren schwarzen Diamanten, der das Festspiel-Duo nahe Kufstein nun optisch zum Yin und Yang der Musikwelt macht, emanzipierte sich Erl weiter von den Musikmetropolen München, Salzburg und Wien. Nicht nur architektonisch, sondern auch was die Superlative angeht: Das neue Ufo hat den größten Orchestergraben der Welt. So werden die nächsten Jahre Musik- und Architekturpilger aus aller Welt und vor allem aus München hierher in die alpine Provinz kommen. Um zu bewundern, wie man – ganz ohne großen Terz – so ein Konzerthaus baut.
Wie man hinkommt: Von der A 8 München – Salzburg beim Inntaldreieck auf die A 93 Richtung Kufstein abbiegen. Ausfahrten Nußdorf/Brannenburg oder Oberaudorf/Niederndorf. Mit dem Auto liegt Erl von München, Salzburg und Innsbruck jeweils grob nur etwa 45 Minuten entfernt.

