Alfred Hitchcock: The Man Who Knew Too Much (1934)

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #4

The Man Who Knew Too Much stellte Peter Lorre 1934 erstmals in einer internationalen Produktion vor. Der deutsche Schauspieler ist in Hitchcocks Engadin-Film höchst sehenswert (auch wenn ihn die Coverzeichnung der DVD hier irritierenderweise als Mörder „M“ in Fritz Langs gleichnamigem Schocker zeigt)

vignette_film4_rz Dieser englische 75-Minuten-Thriller entstand kurz nach der Stummfilmzeit. Und somit lange ehe der Regisseur Alfred Hitchcock seine Hollywood-Klassiker drehte. Dennoch ist The Man Who Knew Too Much schon ein echter Hitchcock geworden. In eine Spionage-Handlung wird subtil das psychologische Drama einer Londoner Familie, die ihr Kind retten will, hineingestrickt. Beim Winterurlaub in St. Moritz haben Mr. und Mrs. Lawrence (Leslie Banks und Edna Best) den charmanten französischen Skispringer Louis kennengelernt, der während des Tanzes mit der Ehefrau Lawrence durch ein Hotelfenster hindurch erschossen wird. Er hinterlässt ihr eine geheime Botschaft, wegen der aber dann ihre Tochter Betty gekidnappt wird. In London – genauer: beim Konzert in der Royal Albert Hall und bei einem Feuergefecht – löst der angehende Meisterregisseur den Plot im zweiten Teil des Films dann nach allen Regeln des Suspense auf. Zuletzt analysierte Philosoph und Psychotherapeut Slavoj Zizek in mehreren Aufsätzen, wie bravourös Hitchcock gerade in diesem frühen Film sein Konstrukt mit hintersinnigen Details anfüllte – kleine Allegorien, Symbole, Übertragungen und Traumata. Während des Tanzes mit dem Franzosen im Hotel etwa löst sich durch einen

Hier die deutsche DVD. Rechts der Regisseur, der Der Mann, der zu viel wusste gleich zweimal verfilmte. Also Vorsicht beim Einkauf: Denn die Schauplätze waren andere, und James Stewart und Doris Day mimten 1956 nicht in der Schweiz, sondern in Marokko.

Drehbuch-Kniff langsam und vieldeutig der Wollpullover auf, den Mrs. Lawrence gerade für den Fremden strickt – der Ehemann hat dem Tanzenden nämlich einfach die Stricknadel in der Sakkotasche fixiert. Den Plot fand der Regisseur übrigens so großartig, dass er ihn 22 Jahre später mit Doris Day und James Stewart noch einmal verfilmte. Hitchcock selbst, der hier den Deutschen Peter Lorre als wunderbaren Schuft Abbott international einführte, kam übrigens extrem gern zum Urlauben ins Engadin und besonders nach St. Moritz. Dort fielen ihm oft die besten Szenen ein. Und im Badrutt´s Palace (wo er 45 Jahre lang immer dieselbe Suite gebucht haben soll) hat er auch  geheiratet.     Alexander Hosch

Wer zuerst kommt, kriegt die Braut

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #3

vignette_film4_rzDurch Bollywood-Filme bläst der Wind des Schicksals. Hier treibt er Superstar Shah Rukh Khan und Kajol, seine Langzeitpartnerin auf der Leinwand, erst per Interrail ins Berner Oberland, dann einander in die Arme. Das Drei-Stunden-Epos „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ von 1995 war ein Riesenerfolg der indischen Filmindustrie. Danach hatte jede Schmonzette ihre Schweiz-Szene: blitzblanke Alpenromantik für die obligatorischen Songeinlagen. Küsse, gar Sex sind im Hindi-Kino (das sich nur für die Durststrecke vor der Hochzeit interessiert) streng verboten, Ersatz leistet Tanzspaß in Traumlandschaften. DVDIn Saanen nimmt die Lovestory Fahrt auf. Das Beinahe-Paar muss eine kühle Nacht im Stall verbringen, greift zum Cognac. Wer aber in einem indischen Film Alkohol trinkt, wird sterben oder durchdrehen: Wie irre taumelt Kajol durch Gstaad, singt Ungezogenes und wälzt sich – nur mit einem roten Fähnchen bekleidet – im Schnee. Frecher wurde der Krishna-Radha-Mythos nie variiert: Jene paradiesische Liebesgeschichte zwischen einem Hirtenmädchen und dem blauhäutigen Gott, die der Nährboden aller Bollywood-Streifen ist.     Alexandra González

http://bollywoodmachtgluecklich.de/wer-zuerst-kommt-kriegt-die-braut-dilwale-dulhania-le-jayenge/

Die fetten Jahre sind vorbei

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #2

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Berlin 2003. Die Piratenpartei existiert nicht einmal als Idee. Traditionelle Protestformen haben sich als Flop erwiesen. Da gehen drei junge Aktivisten – absolut glaubwürdig gespielt von Daniel Brühl, Stipe Erceg und Julia Jentsch – neue Wege: Sie brechen in Villen ein, schichten das Mobiliar zu Türmen auf, die aussehen wie Skulpturen von Olaf Metzel und hinterlassen die Nachricht „Die fetten Jahre sind vorbei“ – so auch der Titel dieser mit Handkamera gedrehten Low-Budget-Produktion. Im Hause Hardenberg werden sie von dem Eigentümer (der undurchdringliche Burghart Klaußner) überrascht. Das in Bedrängnis geratene Trio entführt den Klassenfeind auf eine hoch über dem Tiroler Achensee gelegene Hütte.

Täglich kämpfte sich die Filmcrew über eine schmale Schotterpiste zu dem Schlupfwinkel ohne Strom und fließendes Wasser. Als böte das Karwendel-Panorama dem Denken Raum zur Richtungsänderung, verhandelt der österreichische Regisseur Hans Weingartner hier oben Möglichkeiten und Grenzen des politischen Tuns. Hardenberg entpuppt sich als Alt-Linker. Freie Liebe. Dutschke forever. Doch „irgendwann willste auch mal deine rostige Karre loswerden und machst Karriere“. Und die drei Freunde erkennen auf der Alm, dass Rebellion ohne Moral eine Mogelpackung ist.   Alexandra González

https://www.universumfilm.de/filme/140764/die-fetten-jahre-sind-vorbei.html

Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #1

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Wenn Skiflieger eine Schanze bewältigen, haben sie den Adrenalinspiegel eines Menschen in Todesangst. Mit jedem Sprung wachsen sie über sich hinaus. Auch Walter Steiner, bester Skiflieger seiner Zeit, führte ein Leben zwischen Höllenfurcht und rauschhafter Entrückung. Diese Extremzustände waren es, die Werner Herzog an dem “Vogelmenschen” aus dem schweizerischen Toggenburg so faszinierten. 1974 drehte er seine existenzialistische Dokumentation “Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner” an den Mammut-Schanzen in Oberstdorf und im einst jugoslawischen Planica (heute Slowenien), während des Trainings und der Weltmeisterschaft. Aber was heißt schon Dokumentarfilm bei diesem Regisseur, der die künstlerischen Bilder und die Originalmusik von Popol Vuh derart suggestiv einsetzt. Es ist eine Arbeit über rücksichtslose Wettkampfbedingungen und das Erproben von Naturgesetzen. Die wichtigsten Verbündeten dabei: ein Paar ellenlange Ski. Wie jäh und grauenvoll Flüge enden können, filmt Herzog in Superzeitlupe. Nicht auszuhalten, wie die Gliedmaßen eines bewusstlosen Athleten ihr groteskes Ballett aufführen. Als Jugendlicher hatte Herzog selbst Skispringen trainiert, doch sein bester Freund kam dabei fast um. So entwickelte er eine Panik, die seine Sehnsucht nur noch mehr befeuerte. “Die Erdenschwere, die geht mir auf den Geist”, sagte er einmal, “ich will das nicht haben. Ich will mich dagegen auflehnen, auch wenn das natürlich ganz sinnlos ist.” Zum Glück war Werner Herzog dem “Vogelmenschen” begegnet, im Brotberuf ein sensibler Holzbildhauer. Und erfuhr hautnah, wie ein anderer an seiner statt den Traum vom Fliegen auslebte.   Alexandra González

www.wernerherzog.com