
Man vergisst oft, dass die Alpen bis ans Mittelmeer reichen. Hier aber nicht, dafür ist es zu steil. Der Aufstieg von Èze-Bord-de-Mer direkt an der Côte d´Azur nach Èze-Village in den Felsen darüber wurde 1883 durch Friedrich Nietzsche veredelt. Er beflügelte den Philosophen zum Finale
seines berühmtesten Werks. „Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger“, verkündet sein Zarathustra zu Anfang des dritten Teils, „ich liebe die Ebenen nicht.“ Also hinauf! An der Côte, wo Nietzsche zwischen 1883 und 1887 fünf Winter verbrachte, wurde das malerische zweigeteilte Dorf zwischen Nizza und Monaco sein Lieblingsort. Die südlichen Felsen der Alpes-Maritimes steigen über Èze dramatisch auf 700 Höhenmeter an. Dort wanderte Nietzsche vom Bahnhof unten am Meer immer wieder in den mittelalterlichen Ortsteil hinauf – stets den gleichen Pfad wählend. Und beobachtete, wie das Gehen sein Denken veränderte. Wie der Aufstieg die Gedanken erhitzte. Und gleichzeitig klärte.
Natürlich haben sie in Èze den paradiesischen Pfad zwischen Palmen, Kräutern, Büschen, Felsen, Himmel und Mittelmeer längst nach dem hier
schöpfenden deutschen Dichter benannt. So kann der Spaziergänger, wenn er denn will, den eineinhalbstündigen Aufstieg ganz als Ausflug in die nietzscheanische Seelenlandschaft zwischen Erhabenheit und Unendlichkeit erleben. Andere werden vielleicht lieber die Prunkvilla des Stabhochsprungweltrekordlers Bubka am Wegesrand bewundern. Oder ganz oben das Superluxushotel Château Chèvre d´Or betrachten, in dem hier immer die Promis absteigen. Wenn schon, das stört keinen großen Geist.
Wie sprach nochmal Zarathustra? „Und was mir nun noch als Schicksal und Erlebnis komme, ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selbst.“ Klingt eigentlich recht bodenständig und gemittet. Womöglich hat der bergsteigende Nietzsche da in Èze, bevor er dies schrieb, einfach die Frühform eines echten Flow erlebt. Alexander Hosch
Chemin de Nietzsche, 06360 Èze, Côte d´Azur, Alpes-Maritimes, Info: Tel. +33 4 93 41 26 00, www.eze-tourisme.com

Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.
Koordinaten N 45°51.028’, E 011°00.097’ / Bauzeit 2008 / Bau-Grund Unsere wuchernde Autobahnausfahrts-Ornamentik muss schöner werden! / Aktuelle Nutzung Nur die Ankunft in der Region versüßen / Öffnungszeiten Kein offizieller Zugang – im Prinzip kann man jederzeit in den leeren, offenen Innenraum / Schönster Augenblick Wenn man rundherum fährt und die kleinen Mosaikfliesen vor der Bergwand aufblitzen
Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin sollte: Im Herbst und Winter, wenn viele Alpenburgen geschlossen sind, rücken die Perlen der Täler in den Blick. Genau da, wo der Reisende von der Brennerautobahn immer Richtung Riva abbiegt, wurde vor acht Jahren das Durcheinander der Zubringerstraßen aufgewertet. Gemeinsam mit dem 2002 eröffneten MART (Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Trient und Rovereto) setzte die Brennerautobahn AG an dieser touristischen Schlüsselstelle ein unübersehbares Kunst-Signal. Ein polychromses Mosaik aus 300.000
unregelmäßig gebrochenen Keramiksplittern stellt Menschen, Berge, Flüsse und Bäume des Trentino dar. Barbara Tamburini aus Arco übertrug den Entwurf Enrico Ferraris auf eine sich über 135 Meter spiralig windende, bis zu acht Meter hohe Mauer. Die abstrahierten Darstellungen sind voller futuristischer Anklänge. Rovereto war für diese Stilrichtung unter anderem deshalb wichtig, weil 1919 der Futurist Fortunato Depero in die Stadt kam und hier vierzig Jahre lang an Bildern, Skulpturen, Möbeln oder Stoffen arbeitete. Sein früheres Wohnhaus wurde 1960 zu seinem Museum, Deperos Nachlass besitzt und verwaltet heute das MART. Zurück zur Spirale: Den Eindruck des Verwischten (sfumato) erzeugte Barbara Tamburini durch die Verwendung der Trencadis-Technik von Antoni Gaudí (1852–1926). Sie erlernte sie bei ihrer Mitarbeit an der Sagrada Familia des
spanischen Jugendstilarchitekten, einer Kirche in Barcelona. Die vor 150 Jahren begonnene Sagrada ist bis heute unvollendet. Dieses Werk in Rovereto war jedoch zum Glück nach acht Monaten fertig.

Dieser englische 75-Minuten-Thriller entstand kurz nach der Stummfilmzeit. Und somit lange ehe der Regisseur Alfred Hitchcock seine Hollywood-Klassiker drehte. Dennoch ist The Man Who Knew Too Much schon ein echter Hitchcock geworden. In eine Spionage-Handlung wird subtil das psychologische Drama einer Londoner Familie, die ihr Kind retten will, hineingestrickt. Beim Winterurlaub in St. Moritz haben Mr. und Mrs. Lawrence (Leslie Banks und Edna Best) den charmanten französischen Skispringer Louis kennengelernt, der während des Tanzes mit der Ehefrau Lawrence durch ein Hotelfenster hindurch erschossen wird. Er hinterlässt ihr eine geheime Botschaft, wegen der aber dann ihre Tochter Betty gekidnappt wird. In London – genauer: beim Konzert in der Royal Albert Hall und bei einem Feuergefecht – löst der angehende Meisterregisseur den Plot im zweiten Teil des Films dann nach allen Regeln des Suspense auf. Zuletzt analysierte Philosoph und Psychotherapeut Slavoj Zizek in mehreren Aufsätzen, wie bravourös Hitchcock gerade in diesem frühen Film sein Konstrukt mit hintersinnigen Details anfüllte – kleine Allegorien, Symbole, Übertragungen und Traumata. Während des Tanzes mit dem Franzosen im Hotel etwa löst sich durch einen
…war schon immer gar nicht so leicht. Als die Pariser Art-déco-Designerin Eileen Gray privat ab 1928 für den Urlaub einen schlichten neuen Stil in ihrem Ferienhaus E1027 bei Monaco erprobte, kam ihr bald der weltberühmte Architekt Le Corbusier in die Quere. Er wollte auch ein einfaches Leben, allerdings ein anderes. Kurioserweise fand er es genau auf dem Grundstück neben Eileen Gray. Heute werden auf Auktionen Millionen für ein frei schwingendes Original-Sitzmöbel aus dem einfachen Leben von Eileen Gray (oder aus dem von Le Corbusier) gezahlt.
restauriertes Ferienhaus von damals ihre Reize. Es sieht jetzt – mit Hängematte und Astralpanorama- endlich wieder wie ein kleiner weißer Dampfer der Moderne aus, muss indes im Winter dringend weiter saniert werden (wofür man noch einen big spender sucht, also bitte melden). Anschließend sollte man sich unbedingt an einem der benachbarten Strände seinen eigenen Platz fürs einfache Leben suchen – oder wenigstens, so wie der Autor – siehe unten, eine schöne Strandbar. Formidable! Alexander Hosch




… ist eigentlich ein Begriff, bei dem mein emotionales Ich sofort reflexartig Reißaus nimmt. Der Ausweg: Ich denke fest an Steven Holl. Der
stammt aus New York City und hat auf seine Baustellen in der Wachau vor allem sich selbst mitgebracht: Seine Poesie, seine Musikalität, seine Lust am Aquarellieren, seine zeitgemäße Avantgarde. Nun ist – inmitten von Trauben für Zweigelt und Grünen Veltliner – vor ein paar Jahren in Langenlois bei Krems zuerst ein fruchtiges Weingut herangereift. Und danach noch ein smaragdiges Hotel.
in jede einzelne Gästesuite. Aquarelle der Natur. Zweitens nahm er die Grundrisse der berühmten Felsenkeller als Blaupause. Nach ihrem Muster kerbte Holl die Einschnitte für die Fenster und für die Fassadensprünge seiner Weinwelt aus Aluminium unweit der Alpen ein, die dadurch fast so wild zerklüftet wirkt wie der Großglockner-Sockel. Außerdem ließ der Mann, der mal ein Wohnhaus auf Long Island „Writing With Light House“ genan
nt
hat (weil die Sonne den weißen Innenwänden rund um die Uhr neue Schatten zeichnet), die Umrisse der langgezogenen, bis zu 900 Jahre alten Kellergänge in eine abstrakte Zeichensprache übersetzen und hinterleuchtete Hohlreliefs basteln. Sie adeln jede Hotelzimmertür zum individuellen Kunstwerk.




Basler Architekten Miller Maranta das historischen Erbe um: Sie integrierten die alte Kapelle in den trutzigen Bau, gaben ihm ein wehrhaftes Bleidach nach dem Vorbild der Kathedralen und eine organisch-anthroposophische Form. Die neue Holzständerkonstruktion von 2011, typisch für den Kanton Uri, macht aus dem Innenraum eine Fichtenholz-Wohlfühllandschaft. Mit Traumblicken und integrierter Urgemütlichkeit. 


Expressionistenrahmen aus Weichholz (einer soll sogar von „Brücke“-Kollege Ernst Ludwig Kirchner stammen) oder die realen Berge Benediktenwand und Herzogstand im Hintergrund. Sie geben der Kunst bei jedem Wetter eine charmante Alpenkulisse.
Mit einer dunkeltonigen, silbern aufblitzenden neuen Klinkerziegel-Architektur, welche die Kubatur eines bestehenden Bergarbeiterhauses verdoppelt, stellt sich die ehemalige Grubenstadt in den Voralpen nun endlich der alten Verbindung zum Blauen Reiter. Die höchst speziellen Penzberger Koloniehäuschen und ihre hügelige bäuerliche Umgebung sind als Staffage auf vielen Gemälden, Zeichnungen und Glasbildern Campendonks zu sehen, von dem die Stadt seit Kurzem mehr Arbeiten als jede andere besitzt – um die 300.

Im Nid d´Aigle, dem Adlernest hoch über der Côte d´Azur, lässt Patrick auf alpinen 420 Metern zum Rosé eine Socca servieren, den typischen Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl, mit kleinen mediterranen Spezialitäten darauf gebreitet – Salade Nicoise, mit Spinat gefüllte Babycroissants, Gambas.
Ein lokales Likörchen hinterher und noch ein Café expres. Dann steigen wir zu zweit die letzten Schritte in den Exotischen Garten von Èze im Departement Alpes-Maritimes, der eine Festungsruine umgibt und unmittelbar über dem Restaurant liegt. In dem Park besucht Patrick immer seinen schwarzen Kater. Vor einiger Zeit hat er sein Zuhause hundert Meter weiter unten verlassen, um hier im Paradies zu leben. Man sieht von dem 1949 angelegten Park aus über die halbe Riviera, und manchmal bis St. Tropez und nach
Korsika. Agaven, Aloen, Palmen, Kakteen aus Neuseeland, Süd- und Mittelamerika wurden damals von Jean Gastaud, dem Schöpfer des berühmteren Nachbargartens von Monaco angepflanzt, eine superbe botanische Kollektion von Sukkulenten, die zwischen 15 später installierten Mädchenskulpturen heranwachsen. Wüstenpflanzen, darunter das Meer und die drei Corniches, links Monaco, rechts das Cap Ferrat. Wunderschön und äußerst bizarr. Der Kater ist aber wegen der interessanten Mahlzeiten umgezogen. Alexander Hosch

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss: Jetzt, wo bald erneut die Urlaubskarawane über den Brenner zieht, fällt sie allen hoch über der Autobahn wieder groß in den Blick: Die Bergiselschanze von Zaha Hadid. Zuerst musste die britisch-irakische
Architektin von ungefähr 1975 bis 2000 lesen, man könne ihre Entwürfe gar nicht bauen. Und von 2001, kaum dass die Ersten standen, bis 2016 schrieben dann die Chauvis und Bau-Spießer: bääh, Spektakel, das ist ja eine Stararchitektin, und auf den Häusern fehlt der Giebel. Vor Kurzem ist die einzige berühmte Frau im Architekturzirkus mit nur 65 Jahren gestorben. Sie war das schillerndste Talent der Bauwelt, und zusammen mit David Bowie der größte Verlust für die Kunstwelt in diesem Jahr. – Gut also, dass Zaha Hadid zu Lebzeiten immer brav gebaut hat, wie sie wollte. Bei uns im Familienauto freuen sich jedenfalls mit jeder Alpenüberquerung alle als wär´s der Eiffelturm, wenn die silberne Kobra auftaucht, schemenhaft zuerst, dann schillernd, dann immer klarer. Früher sahen Skischanzen wie Kreuzungen aus Fernsehturm, Hochspannungsmast und Kohleförderanlage aus. In Innsbruck dagegen spielte die Mathematikerin und Dekonstruktivistin Hadid elegant mit dem Eindruck von Instabilität, mit extremen Winkeln und Überhängen. Das ist auch für jeden Besucher eine schwindelerregende Sache – wie eine Achterbahnfahrt. Schon der sportive Aufstieg zu Fuß oder alternativ die Fahrt per Schrägzug an den Schanzenrumpf und im Fahrstuhl hoch zum Turm-Café sind Erlebnisse. Die immer leicht verkippte Rundum-Aussicht von der Terrasse über Stadt, Berge und Inntal ist dann der eigentliche Clou. Wer ganz viel Glück hat, erlebt, wie unterhalb seiner Frühstücks-Tasse trainierende Meisterspringer aus der Luke gleiten. Und womöglich wird im Januar Michael Hayböcks neuer Schanzenrekord (138 Meter) gleich wieder geknackt.