Die Kirche, die in der Felswand sitzt

Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.   #8

Objekt  Wallfahrtskirche Santuario Madonna Della Corona / Ort  I-37010 Spiazzi/Ferrara di Monte Baldo /  Koordinaten  45°38.967’ N 10°51.383’ O / Bauzeit  Um 1530 / Bau-Grund  Erscheinung einer Pietà  / Aktuelle Nutzung  Wallfahrtsort; täglich Gottesdienste; www.madonnadellacorona.it / Öffnungszeiten  jeden Tag 8-18 Uhr (April bis Oktober 7-19.30 Uhr) / Schönster Augenblick  Frühmorgens, bevor die Touristenbusse kommen

Warum man immer dran vorbeifährt

20 Kilometer südlich Rovereto ist die Kirche von der Autobahn 22 aus bei Peri für Sekunden zu sehen. Wie sie da ganz oben an der Ostflanke des Monte Baldo hell in der Kalksandsteinwand klebt! Unglaublich, denkt man – Gottes Prägestempel, hoch am Berg. Dann drängt schon der Rücken des Monte Cimo herein, die Gedanken wandern wieder an den nahen Gardasee.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!

Weil dieser Ort schon immer ganz besonders war. Zu heidnischer Zeit fanden hier Kulte statt. Ab 1000 lebten da oben christliche Eremiten. Seit 1437 gab es eine Kapelle und eine Einsiedelei, von der „Commenda der Jerusalemer Ritter“ verwaltet. Für 1522 wird die nächtliche Erscheinung einer Pietà in der Felswand behauptet, umspielt von Musik und blendendem Licht. Der Grund : Die schlimmen Türken hatten gerade das christliche Rhodos besetzt, nun sollten sie an der Renaissance scheitern! Ein Wallfahrtsort war geboren. Arbeiter und Gerät wurden zur eiligen Vergrößerung der Kirche nun per Winde abgeseilt – so wie 1530 auch der Bischof von Verona, der den Neubau besuchte. Später kamen eine Heilige Treppe (Scala sacra), ein Hospiz und immer wieder stattliche Kirchenanbauten dazu – 1540, 1625-80, 1899… Der aktuelle Bau wurde in einem gotischen Stil um 1978 errichtet, als die alte Kirche einzustürzen drohte. Nach Maltesern und Johannitern ist heute die Diözese Verona für das ganze Areal zuständig. Deren Priesterseminar kümmert sich um die Liturgien. Der größte Schatz ist die 70 cm hohe, bemalte Stein-Pietà von 1422 . Sie bildet das Zentrum des in den Fels geschlagenen Altarraums. Die Pietà wird von einer Dornenkrone und fünf Engelsgruppen umgeben. An anderen interessanten Stellen finden sich 167 alte Votivtafeln, eine „Grabstätte der Einsiedler“ in Glasschreinen und die zwischen 1900 und 1915 geschaffenen Carraramarmor-Statuen des Veroneser Bildhauers Ugo Zannoni.

Wie man hinkommt
Diese Perle lässt sich nicht so leicht einsammeln. Von der Ausfahrt Affi an der Gardaseeautobahn sind es 19 km bis Spiazzi. Von da oben erreicht man das Santuario in ¼ Stunde Abstieg entlang eines Bronze-Kreuzwegs. Der Pilgerpfad beginnt dagegen in Brentino in der Rebenlandschaft des Etschtals (Ausfahrt Ala-Avio). Ab da sind es gut 2 Stunden Fußmarsch hinauf bis zum Heiligtum.

(copyright Idee, Text und Fotos: Sabine Berthold & Alexander Hosch)

 

Die purpurnen Flüsse

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #7

Eine Berg-Universität. Der Rektor herrscht übers Tal wie ein Bürgermeister. In dem Kritik- und Kassenerfolg von 2000 über Eugenik, Inzucht und Forscherwahn brillieren Jean Reno und Vincent Cassel als ungleiche Kommissare, die sich, Rätsel für Rätsel, eine störrische Provinzwelt erschließen. Eine Verschwörerclique aus Bibliothekaren und Krankenpflegern hat dort ein grausames Elitezuchtsystem im Stil der Nazis angelegt, um aus kernigen Älplern und Professoren den vollkommenen Menschen zu kreuzen. Wie alle wirklich guten Krimis bleibt auch Mathieu Kassovitz´ Filmwerk übers Ende hinaus mysteriös. Beim Final Cut wurden sogar noch einige der Erklärszenen herausgeschnitten.

Aber wer hat diesen Horror-Thriller je als Bergfilm gesehen? Er ist es zweifellos. Weil es bei den Dreharbeiten zu schneien begann, musste das Buch teilweise täglich umgeschrieben werden. Grenoble, das Olympiastadion von Albertville, Chamonix unterm Mont Blanc, Argentière und ein halbes Dutzend anderer Alpendörfer waren Schauplätze, um den Phantasieort Guernon zu repräsentieren. Als alpine Gangster-Uni dient das geographische Forschungsinstitut von Modane-Avrieux, das wie ein Freimaurerschloss über der Landschaft hängt. Gletscherforscher pirschen mit den Ermittlern durch die weiße Pracht, und 90 Minuten lang vollziehen sich Andeutungen, Leichenfunde, Fluchten und Verfolgungsjagden zwischen Gondeln, Winterstürmen und Abstiegen in Höhlen aus ewigem Eis. Bis zum Showdown mit Eispickel, Lawine und Pistenraupe.                      Alexander Hosch

http://tobis.de/film/die-purpurnen-fluesse/

DVD von Tobis/Universal Film GmbH (bei ebay zirka 6,99 €)

Zwei Grenzland-Ufos am Inn

Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere Bauten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.  Straßenrandperle #7

Objekte  Altes Passionsspielhaus und Neues Festspielhaus / Ort  Mühlgraben 56a, A-6343 Erl /  Koordinaten N 47° 40.390’ E 012° 10.260’/ Bauzeit 1956-59 und 2010-12 / Bau-Grund 1956 Wir zeigen es den Oberammergaunern!  / Bau-Grund 2010  Wir zeigen den Münchnern, wie man ein Konzerthaus baut! / Aktuelle Nutzung Tiroler Festspiele im Sommer 2017 und im Winter 2017/18; nächste Passion 2019; Einzeltermine übers Jahr / Öffnungszeiten und Tickets www.tiroler-festspiele.at ; www.passionsspiele.at / Schönster Augenblick  Zur blauen Stunde 

Warum man immer dran vorbeifährt:  Reine Nervosität. Man ist schon fast in Österreich, hat aber immer noch kein Pickerl für die kostenpflichtige Autobahn gekauft. Noch fünf Kilometer, dann ist es strafbar. (Außerdem war früher die Sicht ganz frei – heute baut sich nach einem superkurzen Blick auf die Architekturjuwelen gleich der Lärmschutzzaun auf.)

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Um am Karfreitag (14.April) die Matthäuspassion oder im Juli ein Konzert der Tiroler Festspiele zu genießen. Das Programm zwischen Kammermusikabend und großer Oper reicht von Beethoven bis Mozart und Rossini. Und vor allem gibt es VIEL Wagner. Den Ring und mehr. Aber eigentlich muss man schon allein wegen der Architektur hin. Der größte Schatz des weißen alten Passionsspielhauses ist die gebogene Lochfassade aus Sichtbeton. Erl gehört neben Oberammergau zu den ältesten Passionsspielorten der Welt. Die Tradition ist seit 1613 nachweisbar. Bei den Spielen wirkt alle sechs Jahre das ganze Dorf mit. Und für das 1933 abgebrannte Haus wurde in den 1950ern ein couragiertes neues Theater im Zeitstil erbaut. Unwillkürlich ertappt man sich dabei, wie man nachguckt, ob nicht doch irgendwo Le Corbusier als Architekt vermerkt steht… Aber nein, der hieß Robert Schuller und war in Innsbruck Schüler von Clemens Holzmeister. So wie der Bau von 1956 eine kleine Sensation für das alpine Mitteleuropa der Wirtschaftswunderzeit darstellte, wurde dies auch das neue Festspielhaus, ab 2010 von den Wiener Architekten Delugan Meissl gleich daneben errichtet. Die 1997 gegründeten Tiroler Festspiele hatten ein gut geheiztes Domizil für ihre zweite Jahreszeit gebraucht – die Winterfestspiele. Durch den 36 Millionen Euro teuren schwarzen Diamanten, der das Festspiel-Duo nahe Kufstein nun optisch zum Yin und Yang der Musikwelt macht, emanzipierte sich Erl weiter von den Musikmetropolen München, Salzburg und Wien. Nicht nur architektonisch, sondern auch was die Superlative angeht: Das neue Ufo hat den größten Orchestergraben der Welt. So werden die nächsten Jahre Musik- und Architekturpilger aus aller Welt und vor allem aus München hierher in die alpine Provinz kommen. Um zu bewundern, wie man – ganz ohne großen Terz – so ein Konzerthaus baut.

Wie man hinkommt:  Von der A 8 München – Salzburg beim Inntaldreieck auf die A 93 Richtung Kufstein abbiegen. Ausfahrten Nußdorf/Brannenburg oder Oberaudorf/Niederndorf. Mit dem Auto liegt Erl von München, Salzburg und Innsbruck jeweils grob nur etwa 45 Minuten entfernt.

(copyright für Idee, Text und Fotos: Alexander Hosch & Sabine Berthold)

 

Ur-Hölle und Berghotel

150 Jahre Wege und Schutzhütten. Was die Menschen in den Ostalpen gebaut haben, versammelt jetzt ein neues zweibändiges Werk, herausgegeben vom Deutschen Alpenverein, dem Österreichischen Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol. Man erfährt, dass in diesen eineinhalb Jahrhunderten über 500 Hütten entstanden und 30.000 Kilometer Wege gebaut und gepflegt wurden. Die zwei Bücher sind das Ergebnis eines gemeinsamen Forschungsprojekts zur Kulturgeschichte und Architektur, welches die Alpenvereine gemeinsam vor drei Jahren begannen. Band 1 enthält Aufsätze und Fotoserien von Spezialisten zur Kulturhistorie, zu Bau und Erhalt, zum Denkmalcharakter und zu neuen ökologischen Architekturformen, zur Sozialgeschichte zwischen Wirt und Gästen, aber auch zu Politik und Hütten-Logistik.

Klar wird zum Beispiel, dass die Hütten über die Jahre immer größer werden mussten. Die Buch-Macher, darunter die Archivare der Alpenvereine, zeigen mit Fotos, Modellen, Beschreibungen und Zeichnungen auch, dass nicht jeder Satteldach-Traum, der auf dem Foto klein und herzig aussieht, tatsächlich ein Idyll ist, das sich auch in die Landschaft einfügt. Man kann nachlesen, wie schwierig es in den politischen Wirren nach dem 2. Weltkrieg gewesen sein muss, die geldfressenden Hütten entlegener Sektionen des Alpenvereins (“Dresdner Hütte”, “Magdeburger Hütte”) in der veränderten Welt bewohnbar zu halten. Oder man lernt, wie sich weit entfernt lebende Städter in den Bergen verwirklichten und mit Tatkraft am Wege- und Hüttenbau beteiligten,. Der nämlich blieb stets Aufgabe der einzelnen Sektion. Immer gab es dabei Diskussionen unter den Mitgliedern und Funktionären darüber, was angemessen ist: mehr Komfort oder mehr Zurückhaltung gegenüber der Natur. Band 2 liefert dann eine wertvolle Übersicht sämtlicher 569 ostalpinen Schutzhütten, die im Bereich der drei genannten Alpenvereine in den letzten eineinhalb Jahrhunderten gebaut worden sind. Schönes, nützliches Werk!

In der zugehörigen neuen Ausstellung im Alpinen Museum auf der Münchner Praterinsel stehen gegenüber den Stationen in Innsbruck und Bozen deutsche Hütten im Vordergrund, alte und ganz junge. So erhielt, um ein Beispiel zu nennen, die Fiderepasshütte der Sektion Oberstdorf am Eingang des Mindelheimer Klettersteigs 2013 einen zurückhaltenden Relaunch, indem Architekt Rainer Schmid die 40 Schlafplätze elegant unter die Terrasse verlegte. Im Garten des Alpinen Museums wurde andererseits vor Kurzem die jüngst unter der Zugspitze abgebaute Höllentalangerhütte von 1894 (“Ur-Hölle”) originalgetreu wieder aufgebaut – eine Dokumentation von Geschichte. Nicht mehr vorhandene Konstruktionselemente sind mit Eisen materiell abgesetzt, um strukturelle Eingriffe klarzumachen. Die Einrichtung – Stühle, Bänke, ein Tisch, Bettenlager für zehn Personen – wurde dagegen in der ursprünglichen Form neu geschreinert, was sich im helleren Holzton ausdrückt. Nebenan im Museum sind Modelle der Hütten, Fotografien, Gemälde, Möbel und Gebrauchsgerät zu sehen, sie schlagen den Bogen von der kargen frühen Unterkunft um 1870 zu den heutigen “Berghotels”.              Alexander Hosch

Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen, 2 Bände, 674 Seiten. Herausgegeben von DAV, ÖAV und AVS, Böhlau Verlag, 49,90 €, ISBN 978-3-412-50203-4. Sonderausgabe für Alpenvereinsmitglieder im DAV Shop und im Alpinen Museum: 34,90 €

Die gleichnamige Ausstellung im Alpinen Museum dauert bis 8. April 2018. https://www.alpenverein.de/Kultur/

Superweiß

Das Besondere an den Bildern von Walter Niedermayr liegt in der Entsättigung der Farben. Der Schnee, das Foto, das Bild ist nach diesem Eingriff oft so porentief weiß, dass man es selbst dann nicht mehr für wirklich hält, wenn man gerade aus einem tiefverschneiten Alpenort vom Skiurlaub gekommen ist. Real wird abstrakt. So ist es dem Südtiroler recht.

Das unglaublich helle Weiß des Schnees ist das Markenzeichen des Bozener Fotografen. Superweiß. Dazu die kleinen Skifahrer, die riesenhaften Berge, einzelne farbige Akzente – Schneestangen, Anoraks. Auf diese Weise hat Niedermayr in seinen Großformaten vor 15 Jahre Titlis in der Schweiz in Szene gesetzt und, zehn Jahre später, das amerikanische Skimekka Aspen in Colorado. Seine neueste Serie beschäftigt sich mit einem anderen Skimekka, Lech am Arlberg. Dafür wurde Niedermayr von der Vereinigung „allmeinde commongrounds“ 2015/16 eingeladen, in vier einwöchigen Aufenthalten „Raumaneignungen“ abzubilden.

Das Fazinierende ist auch hier, dass seine Fotografien zwar topografische Klarnamen wie LECH HEXENBODEN haben, aber nie wirklich wahr wirken. Das Bild ist stets mehr Kunst als Foto. Es ist komponiert, auch das Bergrelief will nicht Abbildung sein. Das Panorama der Gipfel hat mit den Skifahrern nichts zu tun. Und auch nicht mit dem Schnee, der großen Masse weißer Farbe, die auf vielen Bildern den meisten Platz einnimmt. Weder „stimmen“ die Proportionen, noch die Schatten, noch die Farben. Und wenn Niedermayr die Bilder zu Diptychen zusammenstellt, lässt er verschiedene Winkel und Blickweisen aufeinanderprallen. Das sorgt für zusätzliche Irritation. Es verstärkt die abstrakte Position des Fotografen, der von hoch droben auf die Objekte seines Schaffens blickt – wie ein Theaterdichter auf das Bühnengeschehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Er habe die Farben der Alpen nicht ausgehalten, erklärt der Bozener, der selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, im abgedruckten Interview, „es war einfach zu klischeehaft“. So begann es. Durch die Entsättigung nahm Niedermayr seinen Foto-Alpen das Saftige und brachte durch diese Verfremdung den Minimalismus ins Spiel. Die bevölkerten Berge, die dennoch immer sein Thema sind, finden durch das Weiß (in sommerlichen Bildern: das entsättigte Grau oder Grün) zur ursprünglichen Stille zurück. Die Kritik wird zu Poesie.

Norwegen, Neuseeland, Dolomiten – es sind immer touristische Landschaften, die Niedermayrs Interesse wecken. Meistens sind diese Fotos, wie gesagt, voller Schnee. Die Menschen durcheilen ameisenhaft die superweißen Prärien – als Skifahrer, als Touristen. Man sieht auch, ebenfalls klein, ihre Schöpfungen: Brücken, Skilifte, Schutzhütten, Werbebanner. Enorm sind dagegen die Gipfel. Und die Distanz. Sie gibt den Bergen ihre Größe zurück, und ihre Würde. Die Natur wirkt riesengroß, die Menschen winzig klein.

Nach allem, was Walter Niedermayr dazu sagt, verändert er seine Fotos nicht digital, sondern verkürzt nur den Zeitraum der Belichtung. Das lässt sie „zu hell“ erscheinen. Man möchte im ersten Moment gern die Sonnenbrille aufsetzen, so wie beim Skifahren, wenn eine gleißende Schneefläche blendet. Dann aber mag man gar nicht mehr wegschauen.

Alexander Hosch

www.hatjecantz.de

Walter Niedermayr: Raumaneignungen – Lech 2015/2016, Hatje Cantz, 2017, 39,80 Euro.

Dies ist das sechste Buch, das Niedermayr zusammen mit Hatje Cantz herausgibt. 49 Diptychen in individuellen Größen werden darin gezeigt, die meisten messen im Original zwischen 100 und 200 Zentimetern (plus einige kleinere/ größere). 1 Essay, 1 Interview. Das Motiv Lech Monzabonalpe 05 wird in der Edition Hatje Cantz für 1.500 € angeboten

 

Bauhaus meets Hüttenzauber

Lois Welzenbacher (1899-1955) war ein Tiroler Architekt. Sein Sudhaus für Adambräu sah auf Fotos schon zur Bauzeit 1926/27 berückend modern aus. Ein Prototyp für die sich gerade erst entwickelnde Architektur des Bauhauses? Man hätte diesen Industriebau damals leicht in Dessau oder Jena vermuten können.

Neunzig Jahre später, an einem sonnigen Innsbrucker Wintertag um die Mittagszeit. Die Brauerei gibt es nicht mehr. Aber das Adambräu gleich beim Hauptbahnhof sieht noch immer großartig aus. Es beherbergt jetzt das Archiv für Baukunst der Universität. Und zur Zeit dessen Ausstellung „Hoch hinaus!“. Darin geht es um die Wege in den Alpenraum seit 200 Jahren, und um kleine und große, alte und nagelneue Schutzhütten des Deutschen, Österreichischen und Südtiroler Alpenvereins. Die Schau bringt in den oberen drei Geschossen Fotos von Hütten und Menschen sowie Accessoires aus der Anfangs- und Jetztzeit der Alpenerschließung zusammen. Sie führt modellhaft die Energiebilanz so einer Schutzhütte vor Augen. Man kann per Knopfdruck genau den realen Strom- oder Wasserhaushalt beleuchten. Einmal Klospülen kostet 5 Euro. Alte S/W-Fotos verbreiten Nostalgie. Simulierte neue Bilder bereiten auf die Zukunft vor: Metallisch glitzernde Techno-Zacken – wie ab Sommer 2017 etwa die Seethalerhütte am Hohen Dachstein. Die ergeben aber genau dann Sinn, wenn sie schlau gebaut sind und den Extrembedingungen auf 3000 bis 4000 Metern besser Paroli bieten als die Holzbauten von früher.

Soziologie, Ökologie, Kultur, Architektur, Logistik, Gemütlichkeit – die Berghütten-Romantik ankert in vielen Gebieten. Alle kommen in der Schau vor, aber nicht auf akademische oder enzyklopädische Weise. Sondern kurz und kenntnisreich, sehr charmant. Grüne Holzpantoffeln mit Edelweiss drauf, ein Fenstertableau voller Stühle, Schaubilder mit Leuchtknöpfen. Und ganz oben darf man im allseitig durchfensterten Panoramastüberl die reale Kulisse der Stadt Innsbruck vor Nordkette und Wendelsteingebirge genießen. Oder ein paar Augenblicke unter einer Original-Hüttendecke zwischen rotweißen Polstern schlummern. Apart.   Alexander Hosch

Hoch hinaus“ im Adambräu, Archiv für Baukunst, Innsbruck, bis 3. Februar 2017, www.alpenverein.at/museum. Eintritt frei. Anschließend ist die Schau ab 9. März im Alpinen Museum München zu Gast, sowie später noch als dritte Station in Bozen.

Mehrere Alpenschutzhütten aus jüngster Zeit – etwa die Neue Monte-Rosa-Hütte – sind in meinem „Architekturführer Schweiz – die besten Bauten des 21. Jahrhunderts“ vorgestellt. Siehe https://www.callwey.de/buecher/architekturfuehrer-schweiz/

Nach Flaine

Die Reichen und Berühmten unter den Skifahrern verbringen ihre Winter anderswo. Stil-Jünger aber fahren nach Flaine. Schon immer. Wegen des Mont Blanc, der das Skigebiet hoch über dem Genfer See auf unschlagbare Weise persönlich bewacht. Wegen der Traumpisten und wegen der futuristischen orangen Schräglifte wie aus dem Weltall. Wegen der coolen Bauhaus-Architektur von Marcel Breuer, der für dieses Skitopia auf fast 1700 Metern Höhe eine Phalanx aus Sichtbetondiamanten in die Berge setzen ließ. Und wegen der drei sensationellen Freiskulpturen von Picasso, Vasarély und Dubuffet, die hier im Zentrum des Skitreibens stehen als wäre das normal.

    Die Wiederöffnung des Hotels Totem hat diesen Zauberort der späten Sixties vor Kurzem wachgeküsst und ins Jahr 2017 gebeamt. Denn jetzt gibt es wieder eine angemessen kunstaffine Unterkunft im Zentrum von Flaine, die der Radikalität der Ur-Idee gewachsen ist. Mit Breuers purer moderner Architektur von 1968 und seinem aus einer einzigen Linie entworfenen Clubsessel S35 in den Zimmern. Mit Kuhfell-Schränken, die Gesichter haben. Mit einer wunderbaren Breuer-Kaminskulptur, die den Genius loci der Hotel-Lobby neu entfacht. Mit einem heißen neuen Draußenpool und farbenfrohen Gläsern, Bechern, Tellern und Vintagemöbeln, die den demokratischen Lifestyle und den lässigen, bunten Hippie-Chic weitertragen. Das allererste Exemplar einer neuen Art Berghotel („Terminal Neige“) kann man in Flaine jetzt, wie ein Stadthotel, auch tageweise buchen. So möchte die Sibuet-Gruppe eine junge, spontane Klientel für die Ski-Berge begeistern. Müsste gelingen.                            Alexander Hosch

Skisaison in Flaine: bis 23. April 2017. Von München aus sind es acht Fahrstunden, die sich lohnen. Hotel Totem ab 164 Euro pro Nacht für das Doppelzimmer, www.terminal-neige.com.   Alle Foto-Copyrights:  Sabine Berthold, www.sabine-berthold-fotografie.com

Lesen Sie auch die Big Story dazu: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8. Januar 2017, Ressort Reise. Oder online: http://www.faz.net/aktuell/reise/ski-utopia-flaine-moderne-mit-schuss-14609235.html

 

Drei Seile für ein Halleluja

p10105873 S – das ist jetzt die Zauberformel am Stubaigletscher. Sie steht für „drei Seile“ – ein Zugseil, zwei Tragseile. Mit ihnen hält die nagelneue 3-S-Eisgratbahn, wenn sie bis auf 2.900 Meter hochfährt, künftig Windspitzen bis 130 Kilometer vignette_alpenstaunenaus (und nicht mehr nur bis 60). Warum? Wegen der „Windsperrtage“. Das ist das Horrorwort für Skiliftbesitzer. Bislang musste die Stubaier Bergbahn an zehn bis fünfzehn Tagen zwischen Oktober und April geschlossen bleiben, weil es zu stürmisch war für die Auffahrt. Obwohl man oben prima hätte Skifahren können. Ein Jammer. Bei der offiziellen Einweihung am 3. Dezember hieß es jetzt, dass davon wohl nur ein bis zwei stille Tage übrig bleiben werden. Das substanzielle Lifting hat stolze p101057865 Millionen Euro gekostet und ist damit übrigens Österreichs größte Einzelinvestition in die Ski-Zukunft. Für dieses Geld bekam Stubai eine innovative Gletscherbahn-Konstruktion von der Sterzinger Leitner-Gruppe und eine nagelneue Architektur für die versetzte Talstation sowie passende Anbauten an Berg- und Mittelstation

p1010541Neben den lichtfurchfluteten Stationen aus transluzenten Doppelstegplatten sind die orangefarbenen neuen Panoramagondeln der zweite Hingucker. Die bekannte italienische Designschmiede Pininfarina hat die 48 Kabinen so exklusiv wie First Class Bereiche entworfen. Zu den je 24 Sitzen mit Rundumblick kommen acht Stehplätze. Weil die Bahn auch noch schnell ist, verdoppelt sich die Transportfrequenz zum Gletscher auf stündlich 3000 Fahrgäste, die während der 11 Minuten zum Eisgrat freies WLAN haben. Der schnittigste Baukörper stehtp1010547 übrigens im Tal: Seine durchscheinende, angerundete Kubatur erinnert an einen Hochgeschwindigkeits-Zug. Anthrazitfarbener Beton kleidet die Flachteile.

Zum Gestaltungskonzept des größten österreichischen Gletscherskigebiets gehört schon länger die bei mildem Winterwetter begehbare Aussichtsplattform „Top of Tyrol“ von den Innsbrucker LAAC p1010382Architekten, die auf 3.210 Metern den Blick über 109 Dreitausender frei gibt. Und der silberne Käfig der „Jochdohle“ – ein Metall-Glas-Rondell mit dem höchst gelegenen Restaurant Österreichs darin. Etwas unterhalb gibt es im „Schaufelspitz“ in der Bergstation Eisgrat zur Spitzen-Lage auch noch Spitzen-Verpflegung: Denn Küchenchef David Kostner hat seit 2015 bei Gault Millau nicht weniger als zwei Hauben auf.

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Die Europabrückenkapelle

Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.  Straßenrandperle #6

europabruecke__dsc1406Objekt Kirche mit filigranem Glockenturm an der Brennerautobahn zwischen Innsbruck und Matrei / Ort A-8141 Schönberg, vignette_strassenrandperlen4am Autobahnrastplatz  / Koordinaten N 47° 11.892´ E 011° 23.934´ / Bauzeit 1963 / Bau-Grund Auch am Steuer gibt’s viel Sünd’ / Aktuelle Nutzung Autobahnkapelle / Öffnungszeiten Glasfront mit Durch-Blick! Der kleine 200-Meter-Aufstieg lohnt sich also zu jeder Zeit / Schönster Augenblick Im Morgenlicht (Blick von der Autobahn in Richtung Süden)
europabruecke__dsc1370Warum man immer dran vorbeifährt:  a) Der Rastplatz ist wieder grauenhaft überfüllt  b) Es sind nicht mal mehr 50 Kilometer bis zum ersten Espresso in Italien  c) Der letzte unfreiwillige Halt, als an der Abkassierstelle gerade 8 Euro Extra-Maut zu zahlen waren, steckt einem noch in den Knochen.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!  Weil von hier
oben zum Beispiel das benachbarte Naturdenkmal Erdpyramiden so schön zu sehen ist. Andererseits: Die Kirche selbst ist Grund genug. Der Architekt Hubert Prachensky hat in den sechziger Jahren das Natursteinmauerwerk der Kapellenfassade raffiniert mit Glas aufgebrochen. europabruecke_9251423-1So kann selbst von draußen der auf den Stufen Sitzende durch ein mittiges Fenster das Innere betrachten. Oder tolle Panoramablicke auf das Wipptal und die ehemals – bis 2004 – höchste Autobahnbrücke Europas werfen. Man sieht sehr gut die Ortschaft Patsch gegenüber, mit den Almen und Berggipfeln, etwa dem Patscherkofel dahinter. Größter Kapellenschatz: Die Fresken Karl Plattners an Außen- und Innenwänden, von 1964. Der Südtiroler hat darin motivisch einen Bogen vom Bau der Europabrücke (1960–63) zu Christophorus und Nepomuk, den beiden Schutzheiligen der Reisenden und der Brücken, geschlagen.

Wie man hinkommt: Brennerautobahn, Ausfahrt Schönberg, Parken bei den Raststätten. Dann auf den Hügel steigen (etwa 200 Meter).

copyright für Idee, Text und Fotos: Alexander Hosch & Sabine Berthold

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Nietzsches Weg nach oben

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Man vergisst oft, dass die Alpen bis ans Mittelmeer reichen. Hier aber nicht, dafür ist es zu steil. Der Aufstieg von Èze-Bord-de-Mer direkt an der Côte d´Azur nach Èze-Village in den Felsen darüber wurde 1883 durch Friedrich Nietzsche veredelt. Er beflügelte den Philosophen zum Finale vignette_alpenstaunenseines berühmtesten Werks. „Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger“, verkündet sein Zarathustra zu Anfang des dritten Teils, „ich liebe die Ebenen nicht.“ Also hinauf! An der Côte, wo Nietzsche zwischen 1883 und 1887 fünf Winter verbrachte, wurde das malerische zweigeteilte Dorf zwischen Nizza und Monaco sein Lieblingsort. Die südlichen Felsen der Alpes-Maritimes steigen über Èze dramatisch auf 700 Höhenmeter an. Dort wanderte Nietzsche vom Bahnhof unten am Meer immer wieder in den mittelalterlichen Ortsteil hinauf – stets den gleichen Pfad wählend. Und beobachtete, wie das Gehen sein Denken veränderte. Wie der Aufstieg die Gedanken erhitzte. Und gleichzeitig klärte.

Natürlich haben sie in Èze den paradiesischen Pfad zwischen Palmen, Kräutern, Büschen, Felsen, Himmel und Mittelmeer längst nach dem hier img_8935schöpfenden deutschen Dichter benannt. So kann der Spaziergänger, wenn er denn will, den eineinhalbstündigen Aufstieg ganz als Ausflug in die nietzscheanische Seelenlandschaft zwischen Erhabenheit und Unendlichkeit erleben. Andere werden vielleicht lieber die Prunkvilla des Stabhochsprungweltrekordlers Bubka am Wegesrand bewundern. Oder ganz oben das Superluxushotel Château Chèvre d´Or  betrachten, in dem hier immer die Promis absteigen. Wenn schon, das stört keinen großen Geist.

Wie sprach nochmal Zarathustra? „Und was mir nun noch als Schicksal und Erlebnis komme, ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selbst.“ Klingt eigentlich recht bodenständig und gemittet. Womöglich hat der bergsteigende Nietzsche da in Èze, bevor er dies schrieb, einfach die Frühform eines echten Flow erlebt. Alexander Hosch

Chemin de Nietzsche, 06360 Èze, Côte d´Azur, Alpes-Maritimes, Info: Tel. +33 4 93 41 26 00, www.eze-tourisme.com

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Klar, man könnte durch die Alpen ganze Nietzsche-Pfade hauen! Von Sils Maria im Engadin bis an die Côte d´Azur, wo er überall dichtete,. Und weiter durchs Piemont nach Turin, wo ihn ab 1889 der Wahnsinn umnachtete. Am schönsten ist es auf dem Chemin de Nietzsche in Èze, hier der Blick nach unten und auf den Horizont.