

Was ist das nur für ein tolles Felsmassiv da, neben dem der Maler Tizian 1548 Isabella von Portugal porträtiert hat? Und welcher Alpenberg mag das sein, vor dem der kleine Maggi-Junge (Bild-Detail gleich unten) mit seinen Angehörigen um 1575 vor Tintoretto posierte? „Vielleicht ein ganz realer Gipfel in der Nähe des Anwesens der Familie Maggi in Feltre? Genau wissen wir es nicht“, sagt Sammlungsdirektor
Andreas Schumacher, der in der Alten Pinakothek die italienischen Gemälde betreut. „Es wäre bei den Motiven dieser Ausstellung natürlich zusätzlich spannend gewesen, auch diese Details noch herausfinden!“
Tatsächlich würde das die Gebirgskunsthistoriker wie uns von der Alpinen Kultur natürlich schon brennend interessieren! Denn in der neuen Schau „Venezia 500<<“, die heute in der Alten Pinakothek in München begonnen hat, tun sich bald in jedem zweiten der rund 85 Bilder – Grafiken, Zeichnungen und
Gemälde aus der Zeit der venezianischen Renaissance – unbekannte Gipfel auf. Entweder zieren sie als alpine Idealkulisse die sakralen, mythologischen oder aristokratischen Personengruppen. Oft aber bilden sie wohl ganz real die in der Nachbarschaft vorgefundene Natur ab. In der Tat ist Venedig von den Dolomiten ja nicht viel weiter entfernt als München von der Zugspitze. Und so wie sich bei uns an klaren Tagen nicht selten eine Alpenkulisse hinter der Stadtsilhouette abzeichnen kann, lassen sich unweit der Serenissima an Tagen mit günstigem Wetter zuweilen die Marmolata oder Teile der Dolomitenkette erblicken. Jedenfalls, wenn man nicht nur auf die Kirchen und in die Wasserwellen der Kanäle schaut.


In der Schau geht es natürlich erst einmal um ganz anderes als um Bergspitzen. Die Kuratoren ließen nach vierjähriger Vorbereitung 70 Gastgemälde von Tizian, Palma il Vecchio, Sebastiano del Piombo, Mantegna, Bellini und Lorenzo Lotto aus Paris, Madrid, New York, Florenz usw. zum Vergleich nach München transportieren. Und vor allem ließen sie 15 eigene venezianische Renaissancebilder der Alten Pinakothek nach allen Regeln der Technik und der Kunst durchleuchten, restaurieren und stilistisch wie kunsthistorisch neu beforschen. Heraus kam mindestens eine Sensation: Die AP besitzt nämlich offenbar ein zweites Gemälde des genialen, schon 1510 mit nur 32 Jahren verstorbenen Venezianers Giorgione, von dem in der ganzen Welt nur etwa 20 gesichert zugeschriebene Malereien existieren.


Derweil können wir Bergfexe in der Ausstellung all die wunderbaren venezianischen Zeichnungen und Gemälde mit Hieronymus, der Muttergottes, mit verschiedenen Kalvarienbergen, mit Apollo, Adonis, der Allegorie der Fortuna oder den Adligen der Epoche nach bekannten Gipfeln und Spitzen, Ketten und Hügeln absuchen.
Kein einziges Wasserbild ist in der AP dabei! Auch keine Venedig-Vedute. Denn nie war eine Renaissanceschau über die alten Venezianer alpiner als diese Präsentation, die das damalige Verhältnis von Natur und Landschaft zu Menschengruppen analysiert.
Also welcher blaue Gipfel quetscht sich – siehe Aufmacherbild – unter die rechte Achsel des jungen Edelmanns, der um 1500 auf Bernardino Licinios Tafel von einer sich entkleidenden bella donna hingerissen wird? Was für eine Landschaft ragt da dolomitenhaft hinter Johannes dem Täufer und Maria auf? In welchem Bergdorf zwischen Venetien und Lombardei versteckte sich in dem Gemälde von 1505 Bartolomeo Venetos Maria mit dem Kind? Und was für ein schmuckes Seegebirge – anstatt der trockenen Hügel Syriens und Palästinas – umfängt den Heiligen Hieronymus in der Wildnis? – Ohne Zweifel wartet in dieser begeisternden neuen Münchner Ausstellung zur Zeit mindestens eine Doktorarbeit auf eifrige junge Erforscher der alpinen Natur und Kultur.
Text und Fotos: Alexander Hosch
Ausstellung „Venezia 500<<, Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei“, Alte Pinakothek München, bis 4. Februar 2024
https://www.pinakothek.de/de/venezia500

Die Architekturbiennale in Venedig ist stets ein Parcours feinster Ideen. Er wird allerdings noch immer vom etwas angestaubten Konzept der
Was ist Scarch? Ein Mix der englischen Begriffe für „Skulptur“ und „Architektur“, den Not Vital schon früher erfand. 2003 erbaute er in Niger, zusammen mit lokalen Handwerkern, einen Pyramidenturm aus rotem Lehm. Diesmal hat er einen poetischen Treppenturm aus sanft spiegelndem Aluminium errichtet. Wie damals, heißt er „House to Watch the Sunset“. Not Vital führt das inzwischen globalisierte Scarch-Vorhaben damit mitten in die berühmte Palladio-Kirche aus dem 16. Jahrhundert – eben San Giorgio Maggiore. Sein dreigeschossiger Turm mit Stufen an drei Seiten steht im Zentrum der Vierung unter der Kuppel und interpretiert die venezianische Renaissancewelt neu. Man kann sogar sagen, er prägt sie für ein halbes Jahr (bis 21. 11.) kräftig um. Es gibt oben einen 3 x 3 Meter großen Raum und Zugänge an drei Seiten, zu drei Etagen. Danach wandert dieses letzte Scarch-Projekt nur noch nach Tonga im Südpazifik.
Not Vital, der rund um die Welt an vielen Orten wohnende und arbeitende Schweizer, hat in Palladios Meisterwerk jenseits des 13 Meter hohen Stufenturms noch fünf andere Skulpturen und Installationen versteckt. Die Environments gehen allesamt Beziehungen zu den Gemälden und Dekorationen ein und wurden, zusammen mit den Mönchen, zwischen Altarraum, Chor, Kreuzgang 
und Kloster platziert: Zwei minimalistische Silberobjekte, eine Neon-Schrift, ein futuristisches Geweih, eine Textilarbeit. Eine Silberarbeit – im meist unzugänglichen Konklave-Raum, in dem 1800 ein neuer Papst gesucht wurde – etwa repräsentiert genau diesen damals neu gewählten Pius VII. Not
Vitals anspruchsvolles und enigmatisches Konzept integriert die von Palladio mit sinnestäuschenden
Bodenmustern und in beispielloser Schönheit errichtete Kirche, das Kloster und die originalen Gemälde von Tintoretto und Carpaccio, die hier real hängen, als wäre all das nichts.
Generationen gleich, die etwa als Zuckerbäcker das Engadin verließen und später wieder heimkehrten. «Randolins» (Rätoromanisch für Schwalbe) nannte man sie. Und wenn diese Vorfahren zurückkamen, sagten sie in ihrer Mundart: «Che Bellezza Esa Na Sana Che Bellezza Hanna» (welche Schönheit, sie wissen nicht, welche Schönheit sie haben). Genau das
verkündet Not Vitals skulpturales Neonschriftbild jetzt auch in San Giorgio Maggiore. Che bello, wie schön! Noch eine Achse zwischen der Serenissima in der Lagune und Not Vitals Unterengadiner Alpen, wo im heimatlichen Tarasp ein weiterer 13 Meter hoher Treppenturm in den Himmel ragt.
Und so steht auch dieses nomadische, transkontinentale Projekt Not Vitals wieder dafür, dass unser Planet eine große gemeinsame Heimat sein soll.