Ins Blaue

Willkommen zur Blauen Stunde! Die Sammlung Campendonk im Museum Penzberg feierte am Sonntag ihren 10. Geburtstag – und setzte auf diese Weise noch einmal die aktuelle Sonderschau „Campendonk malt blau“ in Szene. Et voilà? Man kann sagen: Blau hat gewonnen! Warum? Weil sich fast alle Gäste farblich an den Dresscode hielten. Und weil Gemälde, Zeichnungen und Hinterglasbilder von Heinrich Campendonk (1889–1957), dazu Notizen aus seinem kornblumenblauen Tagebuch, in dieser Ausstellung Kunde von einigen überraschenden Vorlieben des immer noch vergleichsweise unbekannten jüngsten Blauen Reiters geben.

„Frau am Tisch“, 1947

Der rheinische Expressionist hatte sich von Franz Marc persönlich im Oktober 1911 ins bayerische Oberland in den noch nagelneuen Künstlerfreundeskreis „Der Blaue Reiter“ locken lassen. Dort nahm er dann – vielleicht mehr als die anderen Maler – die Lebenswelt der Menschen in der damaligen Bergwerkstadt Penzberg zum Motiv. Er erfand auch eine eigene Farbenpoesie, die – so wie seine scheinbar schwebenden Figuren – manchmal mehr an Marc Chagall erinnert als an Marc, Münter oder Macke.

Hinterglasbild „Liegende Kuh mit Sonnenblume“, 1940

Zu sehen sind von Campendonk in Penzberg jetzt nur noch etwa 14 Tage lang viele Spätwerke aus den 1950er Jahren, die sonst im Archiv gehütet werden. Oft schaukeln Boote im Hafen. Bäume stehen im Farbenrausch. Personen beziehen sich aufeinender. Auf wieder anderen Blättern stehen religiöse Symbole, Kühe oder Rehe vor Berggipfeln – ganz wie bei Franz Marc, dem vielleicht wichtigsten Blauen Reiter, der im nahen Sindelsdorf lebte. Campendonk wohnte dort einige Jahre quasi in dessen Nachbarschaft, dann bis 1922 in Seeshaupt. – Schön zu sehen ist (links und unten), wie der Nachwuchs der Region südlich des Starnberger Sees jetzt aktuell in der Kinderwerkstatt heimische Landschaftsvorlagen Campendonks interpretiert hat. Zum Glück besitzt das Museum, vor der alpinen Kulisse der Benediktenwand gelegen, die weltweit größte Campendonk-Kollektion überhaupt, sodass es nach dieser schönen Fahrt „ins Blaue“ auch toll weitergehen kann. Etwa mit den erst 2024 erworbenen Liebespostkarten Heinrich Campendonks an seine Frau Adda!

Text: Alexander Hosch

Fotos: Sabine Berthold/Alexander Hosch

„Campendonk malt blau“, Museum Penzberg – Sammlung Campendonk; bis 28. Juni 2026, www.museum-penzberg.de

 

 

 

 

Links zu früheren Beiträgen von Alpine Kultur über das Museum in Penzberg:

Der große Giacometti

Hinter Glas am See

Der große Giacometti

Alberto Giacometti im Münchner Umland – und dann gleich mit rund 100 Exponaten! Das ist ein ziemlich guter erster Aufschlag, den Annette Vogel, die neue Leiterin des Museums Penzberg, da letzten Freitag gesetzt hat. Man hätte angesichts der Sammlung Campendonk, die dort sonst im Mittelpunkt steht, eher eine expressionistische Beziehungsgeschichte zum Blauen Reiter erwartet. Stattdessen füllen überraschenderweise die dünnen Bronzeskulpturen mit den doppelten Sockeln, einige Gemälde, viele Zeichnungen, Litho- und Fotografien aus den 1930er bis 1960er Jahren die drei verwinkelten Etagen. Der Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti (1901-1966), der mal den Surrealisten, dann wieder mehr den Existenzialisten nahestand, hat sie alle geschaffen. In Paris, wo er fünf Jahrzehnte sein Atelier hatte. Und der Sammler Helmut Klewan, einst Galerist in Wien und München, in Penzberg jetzt der einzige Leihgeber, hat diese Schätze früh für sich erworben. In der Tat ist Giacomettti heute einer der berühmtesten und teuersten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Nicht vergessen werden darf, dass hier auch ein Gruß von den südlichen Alpen an die nördlichen Voralpen ergeht: Giacometti (li. mit seiner Mutter)  wuchs als Spross einer Künstlerfamilie im Graubündner Hochtal Bergell auf. Seine Arbeiten bleiben nun einen Sommer lang im bayerischen Oberland: Unter den breiten Schultern der 1801 Meter hohen Benediktenwand.

Text und Fotos:   Alexander Hosch

Ausstellung „Alberto Giacometti – Mensch und Raum – Aus der Sammlung Klewan“ / Museum Penzberg Sammlung Campendonk / Bis 8. Oktober 2023, Di-So 10-17 Uhr  / museum-penzberg.de  . – Aus München braucht man über die Autobahn 45 Minuten. Die Bahn fährt stündlich. Der Fußweg vom Bahnhof zum Museum dauert 10 Minuten.