Egal wie man in Turin landet – per Flugzeug, Auto oder Zug: Der Weg von München aus ist immer voller Alpenberge. Denn diese Stadt liegt noch näher an den weißen Riesen als München. Und 30 Kilometer westlich, schon in Richtung Sestriere, Aostatal oder anderer Turiner Haus-Skiberge, versteckt sich in den Hügeln ein Backsteinschloss von Filippo Juvarra, das nie fertig wurde. Der Grund: Es war so versailleshaft teuer, dass selbst die Herrscher von Savoyen am Ende nicht mehr zahlen konnten. Die Gipfel dahinter ragen davon unbeeindruckt seit 200 Jahren hoch. Gigantisch nah.
In der Barockruine aber ist – seit man sie 1984 in Form gebracht hat –
Italiens ältestes Museum für zeitgenössische Kunst zuhause. Die grandiose Sammlung – dirigiert von der Ex-Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev – breitet sich in original stuckierten, aber sonst komplett ausgeräumten Hallen aus und gilt als die beste der Welt, was Italiens Arte Povera angeht (also Jannis Kounellis, Mario Merz, Michelangelo Pistoletto, Giuseppe Penone, Roberto Burri und Co). Und sie ist zumindest erstklassig, was Minimal Art, Land Art und alle Konzeptkünste angeht, die zwischen 1960 und der Gegenwart entstanden. Aktuell stellen Hito Steyerl und Anri Sala aus.
Dem Castello zugeteilt ist seit wenigen Wochen – und das ist ganz und gar unglaublich – eine nur 500 Meter entfernt liegende Schatzkammer der Kunst: die Collezione Cerruti. Bis vor kurzem war das eine Privatvilla. Doch Signor Cerruti vermachte alles an die Öffentlichkeit. Mit dem Shuttle fährt man jetzt in zwei Minuten vom Schloss zur Villa. Drin hat man dann etwa eine Stunde in kleiner Runde. Wofür? Für tausende Kunstschätze – Möbel, Bücher, Gläser, Porzellan, Skulpturen, Gemälde – die nach Quellen der New
York Times zusammen 600 Millionen Euro wert sein sollen. Darunter finden sich – auf vier Etagen und 400 Quadratmetern – bestens gesicherte Goldgrundtafeln der frühen Renaissance, Werke von Renoir, Dutzende Arbeiten von Boccioni, Severini, Morandi, de Chririco, Fontana und auch gleich noch von Kandinsky, Klee und Picasso. Aber kaum verlässt der Gast
diese Pracht und steht, davon noch ganz benommen, im Garten, übernimmt sofort wieder die alpine Gipfelsilhouette das Regiment, die hier als ständige Dramakulisse funktioniert.
Text und Fotos: Alexander Hosch
https://www.castellodirivoli.org/mostra/
Anton Bruckner wurde hier geboren. Franz Schubert hat mit Blick auf diese Stadt oft Ferien verbracht. Mozart schrieb 1783 in vier Tagen die „Linzer
Symphonie“. Und Beethoven vollendete dort 1812 seine Achte – Linz ist eine Musikstadt, schon immer gewesen. Seit 1979 gibt es jedes Jahr rund ums Brucknerhaus, die Donau und das Ars Electronica Center die berühmte “Klangwolke”. In den 1980er Jahren kam die Institution Posthof dazu: ein junger Ort für anspruchsvollen Rock und für Punk-Musik, an dem früh heutige Legenden wie The Fall aus London oder Suzanne Vega aus New York gastierten.
Vor ein paar Jahren hat Linz nochmal nachgeladen. 2013 entstand mit dem Musiktheater am Volksgarten, das der Londoner Architekt Terry Pawson erbaute, jene neue Bühne für Szenisches, die bislang fehlte. Ein Fries aus weißen Klaviertasten scheint das geräumige Haus zu krönen. Die vier
verschiedenen Fassadenseiten spielen mit verklammerten Mustern aus Streifen oder Fugen. Technisch ist das Musiktheater eines der modernsten Opernhäuser Europas.
Minuten mit der Bergbahn hin, die hier das Trambahnnetz teilt. Der Besucher fühlt sich zwischen den Plastiken des grünen Freigeländes ein bisschen wie in Stanford. Die Gartenbänke auf den kleinen Kiesflächen sehen wie Miniaturgebäude aus. Und die diversen Säle klingen täglich – sei es zur Übung oder zum öffentlichen Genuss. Die Architektur der jungen Lokalmatadoren MOD ist meisterhaft das Nadelstreifenmuster, das in Form schräger oder vertikaler weißer Lamellen mit wechselnden Abständen die Fassade umhüllt, nimmt dem Bau die Masse, gibt ihm dafür durch Kipp- und Schwingmetaphern eine sublime Eleganz. Man sieht von da oben die Donau, die Stadt und gar nicht so selten den fast 3000 Meter hohen Dachstein – Oberösterreichs mächtigsten Alpenberg.
Als wäre das kleine Linz eine Weltstadt, sind an manchen Wochenenden zusätzlich zum permanenten Klassiksturm auch noch Superstars des Pop zu Gast: Am 8. Juni waren etwa die Toten Hosen da, tags darauf Bryan Ferry. So was ist hier normal.
Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit:
urlauben fünf junge Paare in einem frisch renovierten Urlaubs-Chalet. Einige von ihnen kennen es noch als alte Waldhütte – von früher, als sie Kinder waren. Eine alte Geschichte, ein düsteres Geheimnis, wird sie, während ihrer kleinen Atempause von der Hetze des Lebens, einholen.
Le Chalet (2017), France 2, französische Fernsehserie, 6 Folgen, 1 Staffel; Erstausstrahlung ab 18. März 2018; aktuell zu sehen auf Netflix
In “La Tendresse” von 2013 (dt. Titel: Zärtlichkeit) trifft ein geschiedenes Paar nach Jahren wieder aufeinander. Aus Anlass einer stundenlangen Autofahrt von Brüssel nach Flaine in die französischen Alpen, wo der gemeinsame Sohn Jack – ein Skilehrer – einen Unfall hatte.
Das Drama ist aber gar keines, jedenfalls kein großes. Es breitet sich eher aus wie ein langer, ruhiger Fluß, in dem das Leben ein paar neue Biegungen nimmt, bei denen noch einmal alle dabei sind, die auch am Anfang, quasi an der Quelle, wichtig waren. Niemand stirbt, niemand findet sich wieder. Es gibt also kein Happy end für Lise (Maryline Canto) und Frans (Olivier Gourmet) nach 15 Jahren Trennung. Höchstens für den Sohn Jack und seine Skifahrerfreundin. Doch Frans und Lisa erinnern sich nach und nach daran, warum sie einander einmal geliebt haben. Der Film betont Gemeinsamkeiten und kostbare Erinnerungen, nicht Probleme, Konflikte und Katastrophen, das ist das Seltene und Besondere.
in die Jahre gekommenen Skifahrerstadt Flaine. Die Architekturkulissen der radikalen Beton-City aus den sechziger und siebziger Jahren, die mit ihren mehr als 50 Blocks einst vom Bauhausgenie Marcel Breuer auf über 1600 Meter aus dem Nichts ins Hochgebirge gegossen wurde. Lässig perlen das kühle Mobiliar und die harten Fassadenkanten einer damals wie heute futuristischen Skistation vorbei, eine protzfreie Zone, in deren hippiesken Ski-Hotels und Residenzen sich ganz normale Skigruppen so entspannt treffen wie auch in der Wirklichkeit. Vom orangefarbenen Mondfahrerlift aus blickt man nachts im Film ins dunkle Steinparadies. Tagsüber aber sieht man von den scharf eingeschnittenen Fenstern und Balkonen der Breuer´schen Ferien-Architektur, in der die Protagonisten wohnen, direkt auf die verführerischen Pisten und Schneisen. Fast so als wäre man in einem Stadthotel. Irreal. Auch Jean Dubuffets Meisterskulptur
Le Bouqueteau taucht prominent in Marion Hänsels Film auf, eine zebragestreifte Riesenskulptur mitten im Schneeparadies. Sie stellt ein Wäldchen. dar. Mit zwei weiteren Plastiken, von Victor Vasarély und Pablo Picasso, schmückt sie im Film und auch ganz real die wahrscheinlich wertvollste Skizirkusarena der Welt. Das Skitreiben schlägt ästhetisch das Thema an, aber Architektur und Schnee bleiben vor allem die faszinierende Szenerie für das Porträt einer Familienseelenlandschaft. Der Film endet ohne Sensation und so leise, wie er begonnen hat. Aber man ist sehr viel heiterer danach.
DVD “Zärtlichkeit”, ca. 15 Euro







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Sterzinger Rosskopfbahn ist, dass sie wahrscheinlich die einzige Alpengondelbahn darstellt, die im Drei-Meter-Abstand eine Autobahn überquert. Die weltweit tätige Seilbahnfirma Leitner hat sie einst gebaut, ein lokaler hidden champion aus dem 1000 Meter hoch gelegenen Städtchen. Das Sterzinger Unternehmen könnte an dieser Stelle auch gut kostenlos eine immerwährende Liftmaschinen-Markenwerbeschau veranstalten – für die vielen Millionen Europäer, die hier jährlich vorbeifahren. Tut es aber nicht. Stattdessen tauschte die Firma jetzt
die Eltern und die Kinderskischule haben sich das so gewünscht. Die neue Bahn hat einen umweltfreundlichen DirectDrive-Elektromotor – das half bei der Entscheidung.
Wie man hinkommt:
Grafiken: entdeckt im 3-Sterne-Hotel Rosskopf, www.hotel-rosskopf.it

Selbst die aktuellen Schneemassen können es nicht verbergen: Dieser Halbkugelpalast wartet nur noch auf Dornröschens Erweckungskuss. Unter dem ehemaligen
namens Ginger & Gin beherbergt, wölbt sich im hochgelegenen Zentrum von Bad Gastein eine vierteilige Metallruine des 2016 verstorbenen Salzburger Architekten Gerhard Garstenauer über der Kulisse zersprungener Fensterscheiben und eines derangierten Interieurs. Hier könnte einst in der 1970er Jahren der ultimative Krieg der Sterne unter Discokugeln stattgefunden haben – doch irgendwann verlor die silbern-gläserne Lustarchitektur ihre Star Wars gegen den traditionellen Geschmack
. Ewig schade drum, sie verkam. Aber was für eine Clublocation, noch immer! Sie könnte neu erstehen. Zur Zigarette draußen vor der Bar hätten die Nacht-Hipsters von heute dann den freisten aller Blicke übers ganze weite Gasteinertal.
gigantischen Größe, gegen eine zu geringe Auslastung und gegen ihre angejahrten Spalandschaften. Selbst die paradiesische Steillage des Ortes mit der Felsentherme konnte diesen Schiefstand am Ende kaum noch richten. Doch nun kommen die Gäste wieder, die Umkehr ist geschafft. Junge Bar-Lokale wie „Kraftwerk“und hippe Hotels wie „Haus Hirt“ und „Miramonte“ glänzen mit smarten Konzepten in einer neuen Skiwelt. Denn Skihütten der jüngsten Art wie die „Rossalm“ und die „Weitmoserin“ umgarnen neuerdings auch die biodynamisch gewendete
Kundschaft. Und in dem nur 9 km entfernten kleineren
Kurort Bad Hofgastein gibt es seit ein paar Wochen einen todschicken Skibusbahnhof mit schrägen Pfeilern sowie eine orange leuchtende neue Gipfelseilbahn zur Schlossalm. Am 20. Januar wird sie offiziell eingeweiht. Die leibhaftigen Fantastischen Vier werden dann im Skischaukelzirkus hiphoppen und die nagelneue Direktroute auf die Hohe Scharte zuwummern: Von da oben lockt ein 12-Kilometer-Pisten-Ritt – die längste Skiabfahrt des Salzburger Landes.
Jetzt fehlt wirklich nur noch die Wiederkunft des Halbkugelpalasts.
Steine klopfen – manche entspannen sich am Wochenende, indem sie urzeitliche Fossilien aus jahrtausendealten Erdschichten ins Licht der Welt
In
Lärm erzeugen. Man läuft im Tinguely Museum gewissermaßen als seine eigene Sendersuchnadel durch die große Halle, die extra zum Sound-Lab
umfunktioniert wurde. Die komplett dezente Ästhetik der Schau wird lediglich von antik anmutenden Sende- und Empfangsinstallationen, einigen Corbusiersesseln, Bildschirmplattformen sowie den Besuchern mit ihren vorprogrammierten Smartphones und Kopfhörern bestimmt, die durch die Wellenlandschaft driften. Musik und Frequenzrauschen, Klänge und Geräusche gehen über alles, keine Äußerlichkeit steht ihnen im Weg. Durch
ihre Bewegungen und etwas Smartphonetechnik suchen und finden die Museumsgäste die auf je anderen Wellenlängen an vorbestimmten Plätzen verorteten Hörbeispiele aus der Geschichte der Radiokunst: Je nachdem, welche vorarrangierte Frequenz man mit dem Spezial-Smartphone passiert, kann man etwa Paul Hindemiths sonst unzugängliche, 1930 in der Berliner Rundfunkversuchsanstalt aufgenommene „Grammophonplatteneigene Stücke“ vernehmen. Oder experimentelle Avantgarde-Radiophonie mit
frühen „Scratches“ des Bauhauslehrers Laszlo Moholy-Nagy, 1923 am Staatlichen Bauhaus Weimar aufgenommen und kürzlich von einem spanischen Professor rekonstruiert. „Imaginary Landscapes“ von John Cage sind im Angebot, Sprech-Dada mit Ernst Jandl und andere einmalige Beiträge – wie eine 1950 von einem Journalistenteam des Radiostudios Lausanne begleitete, akustisch dokumentierte Matterhornbesteigung durch Walliser Bergführer. So schön schlägt alpine Hoch-Kultur Wellen in Basel am Rhein.
Das Thema wirkt nur auf den ersten Blich wie aus der Zeit gefallen. Denn durch die verspielte Anlage dieser faszinierenden Ausstellung bekommt das fordernde intellektuelle Setting viele schöne Fun-Aspekte: Die Besucher wirken wie Pokemon-Go-Spieler, wenn sie auf der Suche nach der Radiokunst verstrahlt durch die Schau gehen. Sie können manches für später speichern – und so quasi liken, was ihnen gefällt. Eine 14-teilige Aktionsplanung mit Wochenthemen wird bis Ende Januar die ganze Stadt in das Projekt intregrieren – Soundwalks sind dabei, Hörexpeditionen, eine Funkwoche für alle und sogar eigener Radiobau. Also von wegen, Radio ist tot, denn jetzt gibt es ja Podcast. Text und Fotos: Alexander Hosch

Buswartehäuschen aus der Hand internationaler Architekten zu bestreuen. Architekturzentrum Wien und Vorarlberger Architektur-Institut taten sich dafür mit dem neugegründeten Verein Kultur Krumbach und lokalen Handwerksbetrieben zusammen. Beauftragt wurden unter anderem: der Chilene Smiljan Radic, Pritzkerpreisträger Wang Shu aus China und die Spanier von Ensamble Studio.



150 Jahre Wege und Schutzhütten. Was die Menschen in den Ostalpen gebaut haben, versammelt jetzt ein neues zweibändiges Werk, herausgegeben vom Deutschen Alpenverein, dem Österreichischen
Klar wird zum Beispiel, dass die Hütten über die Jahre immer größer werden mussten. Die Buch-Macher, darunter die Archivare der Alpenvereine, zeigen mit Fotos, Modellen, Beschreibungen und Zeichnungen auch, dass nicht jeder Satteldach-Traum, der auf dem Foto klein und herzig aussieht, tatsächlich ein Idyll ist, das sich auch in die
Landschaft einfügt. Man kann nachlesen, wie schwierig es in den politischen Wirren nach dem 2. Weltkrieg gewesen sein muss, die geldfressenden Hütten entlegener Sektionen des Alpenvereins (“Dresdner Hütte”, “Magdeburger Hütte”) in der veränderten Welt bewohnbar zu halten. Oder man lernt, wie sich weit entfernt lebende Städter in den Bergen verwirklichten und mit Tatkraft am Wege- und Hüttenbau beteiligten,. Der nämlich blieb stets Aufgabe der einzelnen Sektion. Immer gab es dabei Diskussionen unter den Mitgliedern und Funktionären darüber, was angemessen ist: mehr Komfort oder mehr Zurückhaltung gegenüber der Natur. Band 2 liefert dann eine wertvolle Übersicht sämtlicher 569 ostalpinen Schutzhütten, die im Bereich der drei genannten Alpenvereine in den letzten eineinhalb Jahrhunderten gebaut worden sind. Schönes, nützliches Werk!
Museums wurde andererseits vor Kurzem die jüngst unter der Zugspitze abgebaute Höllentalangerhütte von 1894 (“Ur-Hölle”) originalgetreu wieder aufgebaut – eine Dokumentation von Geschichte. Nicht mehr vorhandene Konstruktionselemente sind mit Eisen materiell
abgesetzt, um strukturelle Eingriffe klarzumachen. Die Einrichtung – Stühle, Bänke, ein Tisch, Bettenlager für zehn Personen – wurde dagegen in der ursprünglichen Form neu geschreinert, was sich im helleren Holzton ausdrückt. Nebenan im Museum sind Modelle der Hütten, Fotografien, Gemälde, Möbel und Gebrauchsgerät zu sehen, sie schlagen den Bogen von der kargen frühen Unterkunft um 1870 zu den heutigen “Berghotels”. Alexander Hosch