Heimlicher Alpenfilm #11
Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit:
In “La Tendresse” von 2013 (dt. Titel: Zärtlichkeit) trifft ein geschiedenes Paar nach Jahren wieder aufeinander. Aus Anlass einer stundenlangen Autofahrt von Brüssel nach Flaine in die französischen Alpen, wo der gemeinsame Sohn Jack – ein Skilehrer – einen Unfall hatte.
Das Drama ist aber gar keines, jedenfalls kein großes. Es breitet sich eher aus wie ein langer, ruhiger Fluß, in dem das Leben ein paar neue Biegungen nimmt, bei denen noch einmal alle dabei sind, die auch am Anfang, quasi an der Quelle, wichtig waren. Niemand stirbt, niemand findet sich wieder. Es gibt also kein Happy end für Lise (Maryline Canto) und Frans (Olivier Gourmet) nach 15 Jahren Trennung. Höchstens für den Sohn Jack und seine Skifahrerfreundin. Doch Frans und Lisa erinnern sich nach und nach daran, warum sie einander einmal geliebt haben. Der Film betont Gemeinsamkeiten und kostbare Erinnerungen, nicht Probleme, Konflikte und Katastrophen, das ist das Seltene und Besondere.
Zu diesem feinen, leisen Bildschirmgemälde einer gescheiterten Familie aus Belgien entblättert sich im Hintergrund allmählich der grandiose Charme der
in die Jahre gekommenen Skifahrerstadt Flaine. Die Architekturkulissen der radikalen Beton-City aus den sechziger und siebziger Jahren, die mit ihren mehr als 50 Blocks einst vom Bauhausgenie Marcel Breuer auf über 1600 Meter aus dem Nichts ins Hochgebirge gegossen wurde. Lässig perlen das kühle Mobiliar und die harten Fassadenkanten einer damals wie heute futuristischen Skistation vorbei, eine protzfreie Zone, in deren hippiesken Ski-Hotels und Residenzen sich ganz normale Skigruppen so entspannt treffen wie auch in der Wirklichkeit. Vom orangefarbenen Mondfahrerlift aus blickt man nachts im Film ins dunkle Steinparadies. Tagsüber aber sieht man von den scharf eingeschnittenen Fenstern und Balkonen der Breuer´schen Ferien-Architektur, in der die Protagonisten wohnen, direkt auf die verführerischen Pisten und Schneisen. Fast so als wäre man in einem Stadthotel. Irreal. Auch Jean Dubuffets Meisterskulptur
Le Bouqueteau taucht prominent in Marion Hänsels Film auf, eine zebragestreifte Riesenskulptur mitten im Schneeparadies. Sie stellt ein Wäldchen. dar. Mit zwei weiteren Plastiken, von Victor Vasarély und Pablo Picasso, schmückt sie im Film und auch ganz real die wahrscheinlich wertvollste Skizirkusarena der Welt. Das Skitreiben schlägt ästhetisch das Thema an, aber Architektur und Schnee bleiben vor allem die faszinierende Szenerie für das Porträt einer Familienseelenlandschaft. Der Film endet ohne Sensation und so leise, wie er begonnen hat. Aber man ist sehr viel heiterer danach.
Text: Alexander Hosch
Fotos: Sabine Berthold
(Nur im Architekturmagazin: Unser 10-Seiten-Beitrag über Marcel Breuer & Flaine, “BAUHAUS ON THE ROCKS”, in: AW Architektur & Wohnen Nr. 1/2019)
DVD “Zärtlichkeit”, ca. 15 Euro








Kostbare Objekte, Glasmalerei, Zeichnungen, Skulpturen, Hauptwerke von Giovanni Segantini, Rudolf Koller, Arnold Böcklin, Ferdinand Hodler und Alberto Giacometti. Angesichts der Schätze, die derzeit im Landesmuseum Zürich und demnächst auch im Museo d’arte della Svizzera italiana in Lugano versammelt sind, können einem die Augen übergehen. Es ist schon ein besonderes Fest, da diese Meisterwerke normalerweise auf 70 eidgenössische Museen verstreut sind. Sie stammen aus der Sammlung der seit 1891 aktiven Gottfried-Keller-Stiftung, eine märchenhafte Kollektion Schweizer Kunst ohne eigene Räume, die ihre Bestände, darunter Segantinis „Alpentryptichon“, Böcklins „Toteninsel“ oder Kollers „Gotthardpost“, als Dauerleihgaben auf verschiedene Häuser verteilt hat. Unmöglich, die mehr als 6400 Archive und Konvolute alle zu Gesicht zu bekommen. Ein plakatives Denkmal wollte sich die Stiftungsgründerin Lydia Welti-Escher vor 130 Jahren offenbar nicht setzen. Doch wer war diese großherzige Frau? Und warum so selbstlos?


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Sterzinger Rosskopfbahn ist, dass sie wahrscheinlich die einzige Alpengondelbahn darstellt, die im Drei-Meter-Abstand eine Autobahn überquert. Die weltweit tätige Seilbahnfirma Leitner hat sie einst gebaut, ein lokaler hidden champion aus dem 1000 Meter hoch gelegenen Städtchen. Das Sterzinger Unternehmen könnte an dieser Stelle auch gut kostenlos eine immerwährende Liftmaschinen-Markenwerbeschau veranstalten – für die vielen Millionen Europäer, die hier jährlich vorbeifahren. Tut es aber nicht. Stattdessen tauschte die Firma jetzt
die Eltern und die Kinderskischule haben sich das so gewünscht. Die neue Bahn hat einen umweltfreundlichen DirectDrive-Elektromotor – das half bei der Entscheidung.
Wie man hinkommt:
Grafiken: entdeckt im 3-Sterne-Hotel Rosskopf, www.hotel-rosskopf.it

Selbst die aktuellen Schneemassen können es nicht verbergen: Dieser Halbkugelpalast wartet nur noch auf Dornröschens Erweckungskuss. Unter dem ehemaligen
namens Ginger & Gin beherbergt, wölbt sich im hochgelegenen Zentrum von Bad Gastein eine vierteilige Metallruine des 2016 verstorbenen Salzburger Architekten Gerhard Garstenauer über der Kulisse zersprungener Fensterscheiben und eines derangierten Interieurs. Hier könnte einst in der 1970er Jahren der ultimative Krieg der Sterne unter Discokugeln stattgefunden haben – doch irgendwann verlor die silbern-gläserne Lustarchitektur ihre Star Wars gegen den traditionellen Geschmack
. Ewig schade drum, sie verkam. Aber was für eine Clublocation, noch immer! Sie könnte neu erstehen. Zur Zigarette draußen vor der Bar hätten die Nacht-Hipsters von heute dann den freisten aller Blicke übers ganze weite Gasteinertal.
gigantischen Größe, gegen eine zu geringe Auslastung und gegen ihre angejahrten Spalandschaften. Selbst die paradiesische Steillage des Ortes mit der Felsentherme konnte diesen Schiefstand am Ende kaum noch richten. Doch nun kommen die Gäste wieder, die Umkehr ist geschafft. Junge Bar-Lokale wie „Kraftwerk“und hippe Hotels wie „Haus Hirt“ und „Miramonte“ glänzen mit smarten Konzepten in einer neuen Skiwelt. Denn Skihütten der jüngsten Art wie die „Rossalm“ und die „Weitmoserin“ umgarnen neuerdings auch die biodynamisch gewendete
Kundschaft. Und in dem nur 9 km entfernten kleineren
Kurort Bad Hofgastein gibt es seit ein paar Wochen einen todschicken Skibusbahnhof mit schrägen Pfeilern sowie eine orange leuchtende neue Gipfelseilbahn zur Schlossalm. Am 20. Januar wird sie offiziell eingeweiht. Die leibhaftigen Fantastischen Vier werden dann im Skischaukelzirkus hiphoppen und die nagelneue Direktroute auf die Hohe Scharte zuwummern: Von da oben lockt ein 12-Kilometer-Pisten-Ritt – die längste Skiabfahrt des Salzburger Landes.
Jetzt fehlt wirklich nur noch die Wiederkunft des Halbkugelpalasts.
Objekt Klosterkirche zum Heiligen Karl Borromäus / Ort Volderwaldstraße 3, A-6060 Volders, Tirol / Koordinaten N 47° 16.970’ E 011° 33.215’ / Bauzeit 1620–54 / Bau-Grund Die Pest kann uns mal! / Stil früher Autobahn-Manierismus / Aktuelle Nutzung Kirche des Servitenordens / Öffnungszeiten tagsüber; Messe Fr 7 Uhr, So + Feiertage 10.30 und 18.30 Uhr / Schönster Augenblick zehn Minuten vor Sonnenuntergang
Warum man immer dran vorbeifährt: Hinter Hall wird die A12 durch einen Lärmschutzwall fast zur Röhre. Plötzlich poppt ein Kranz bauchiger Kapellen neben der Fahrbahn auf. Zu spät…
Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss! Die rot-weiß-rote Karlskirche wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg vom Arzt Hippolytus Guarinoni zu Ehren des 1610 gestorbenen Mailänder Pestheiligen Karl Borromäus gebaut. Kaiser Rudolf unterstützte ihn. Sie ist ein rares Meisterwerk des Manierismus nördlich der Alpen. Dieser Übergangsstil von der Renaissance zum Barock kultivierte Übertreibungen – hier sind es die drei Kapellen, die einander wegzudrücken scheinen. Guarinonis Grundriss ist stark vom etwa
zeitgleich erbauten Petersdom in Rom inspiriert. Der Papst sollte Augen machen! Der größte Schatz hier, neben dem Kuppelfresko, ist die Pietà (1707) von Andreas Damasch, links vom Eingang („Brugg’n-Mutter“). Die Serviten sind Mariendiener. Darstellungen der Schmerzvollen Maria, deren Verehrung auf die große Pest 1347–52 zurückgeht, sind typisch für den Orden.
Wie man hinkommt: Die A12 Richtung Innsbruck in Wattens verlassen, auf der Bundesstraße bis Volders. In Gegenrichtung zwischen Hall und Wattens am Autobahnparkplatz hinterm Lärmschutzwall raus. Ganz vorn durchs Gebüsch steigen. Daneben liegt die Kirche.
Der Kalte Krieg, Spionage, Verrat – all die Geheimniskrämerei etablierte ein eigenes Filmgenre, den Agententhriller. Nach einer Hochphase in den Sechzigerjahren mit James Bonds Gentleman-Kapriolen und der klaren Freund-Feind-Logik dieser bipolaren Eiszeit, tauchte 1973 ein wunderbar melancholisches Gegenstück auf: In „Le Silencieux“ – die erste Zusammenarbeit des Regisseurs Claude Pinoteau mit Lino Ventura – gibt es auf beiden Seiten nur noch Feinde. Ventura spielt den französischen Physiker Clément Tibère und schlüpft einmal mehr in die Paraderolle des schweigsamen Machers.
Steine klopfen – manche entspannen sich am Wochenende, indem sie urzeitliche Fossilien aus jahrtausendealten Erdschichten ins Licht der Welt
In
Lärm erzeugen. Man läuft im Tinguely Museum gewissermaßen als seine eigene Sendersuchnadel durch die große Halle, die extra zum Sound-Lab
umfunktioniert wurde. Die komplett dezente Ästhetik der Schau wird lediglich von antik anmutenden Sende- und Empfangsinstallationen, einigen Corbusiersesseln, Bildschirmplattformen sowie den Besuchern mit ihren vorprogrammierten Smartphones und Kopfhörern bestimmt, die durch die Wellenlandschaft driften. Musik und Frequenzrauschen, Klänge und Geräusche gehen über alles, keine Äußerlichkeit steht ihnen im Weg. Durch
ihre Bewegungen und etwas Smartphonetechnik suchen und finden die Museumsgäste die auf je anderen Wellenlängen an vorbestimmten Plätzen verorteten Hörbeispiele aus der Geschichte der Radiokunst: Je nachdem, welche vorarrangierte Frequenz man mit dem Spezial-Smartphone passiert, kann man etwa Paul Hindemiths sonst unzugängliche, 1930 in der Berliner Rundfunkversuchsanstalt aufgenommene „Grammophonplatteneigene Stücke“ vernehmen. Oder experimentelle Avantgarde-Radiophonie mit
frühen „Scratches“ des Bauhauslehrers Laszlo Moholy-Nagy, 1923 am Staatlichen Bauhaus Weimar aufgenommen und kürzlich von einem spanischen Professor rekonstruiert. „Imaginary Landscapes“ von John Cage sind im Angebot, Sprech-Dada mit Ernst Jandl und andere einmalige Beiträge – wie eine 1950 von einem Journalistenteam des Radiostudios Lausanne begleitete, akustisch dokumentierte Matterhornbesteigung durch Walliser Bergführer. So schön schlägt alpine Hoch-Kultur Wellen in Basel am Rhein.
Das Thema wirkt nur auf den ersten Blich wie aus der Zeit gefallen. Denn durch die verspielte Anlage dieser faszinierenden Ausstellung bekommt das fordernde intellektuelle Setting viele schöne Fun-Aspekte: Die Besucher wirken wie Pokemon-Go-Spieler, wenn sie auf der Suche nach der Radiokunst verstrahlt durch die Schau gehen. Sie können manches für später speichern – und so quasi liken, was ihnen gefällt. Eine 14-teilige Aktionsplanung mit Wochenthemen wird bis Ende Januar die ganze Stadt in das Projekt intregrieren – Soundwalks sind dabei, Hörexpeditionen, eine Funkwoche für alle und sogar eigener Radiobau. Also von wegen, Radio ist tot, denn jetzt gibt es ja Podcast. Text und Fotos: Alexander Hosch
In den letzten Monaten haben mein Blog-Kollege Alexander und ich unsere Köpfe ungewöhnlich selten zusammengesteckt. Dies lag ein wenig daran, dass er sich in ein weiteres seiner Buchprojekte vergraben hatte. Nun ist „Winzig alpin“ endlich erschienen: Alexanders handliches Kompedium der hoch oben gelegenen Tiny Houses, Almhütten, Baum- und Bushäusschen, Refugien, Konzertboxen etc. im Mini-Format.
Von meinem Kompagnon darf man hochinformative, gründlich recherchierte Texte mit einem gewissen Twist erwarten wie auch architektonische Entdeckungen. Wer kennt schon Raniero Campigottos Starlight Room in den Dolomiten, ein nur elf Quadratmeter messendes gläsernes Hotelzimmer unter den Sternen, das sich um seine eigene Achse dreht? Und wer ist zu Marcel Breuers Skifahrer-Kapelle in Flaine, Haute Savoie gepilgert, seit sie 2014 saniert wurde? Sabine Berthold – Dritte in unserer Alpine-Kultur-Combo – lässt sie mit ihren tollen Fotografien naherücken.
h haben es mir vor allem die Kunst-Stationen in diesem Buch angetan. Allen voran James Turrells Skyspace am Engadiner Piz Uter, wo täglich in einem subtilen Lichtspektakel die Dämmerung transzendiert wird.
Gerne würde ich auch einmal in das verrückt-luftige, durch die Schweiz vagabundierende Null Stern Hotel der Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin einchecken. Es besteht aus kaum mehr als einer einzigen Wand, einem Doppelbett, Nachttischlein, Lampe und einem alten Röhrenfernseher, der Witze aus der Region ausstrahlt und dem Housekeeping zur Kommunikation dient.
Wir allen wissen, zu welchem Rummelplatz die Alpen in den letzten Dekaden verkommen sind. So ist das womöglich die schönste Botschaft dieser Publikation: Es gibt sie noch, die widerspenstigen Bauherren, die diesem Wahnsinn mit nachhaltig konzipierten, fantasievollen Raumwundern entgegensteuern.
Objekt Les 3 tours / Ort Île Verte, F-Grenoble / Koordinaten 


einem sehr couragierten Stil. Jeder Turm hat 33 Stockwerke, davon 28 Wohnetagen mit insgesamt 504 Appartements. Sie wuchsen auf je 98 Meter hoch und waren damit eine Zeit lang Europas höchste Wohnbauten. Die Frage, ob Hochhäuser überhaupt in die Alpen gehören, wurde damals unter Stadtplanern heiß diskutiert. Manche argumentierten, dass so der Flächenfraß im Gebirge reduziert werden könne. Andere hoben das tolle Panorama für die Bewohner hervor. Den Gegnern war indes die stete Sicht auf übergroße Bauwerke suspekt, die dann quasi mit den Bergen konkurrieren. Grenoble aber war sich sicher: Also wurde die emblematische Wohnanlage der Architekten Roger Anger und
Pierre Puccinelli nahe der City, auf der grünen Halbinsel in einer Schleife des Flusses Isère, gewagt. Zum Glück: Die monumentalen Mosaike des Designbüros
eine sehr anspruchsvolle Architektur. So verleiht das unübersehbare Trio dem Talkessel von Grenoble seine markante Silhouette. Architekt Anger (1923-2008) wurde wenig später weltberühmt: Weil er in Indien die goldene Reißbrettstadt Auroville plante und baute.

