Ins wüste Land

LudwigBerg

April ist der übelste Monat von allen, treibt
Flieder aus der toten Erde, mischt
Erinnerung mit Lust, schreckt
Spröde Wurzel auf mit Frühlingsregen.
Der Winter hat uns warm gehalten, hüllte
Das Land in vergeßlichen Schnee, fütterte
Ein wenig Leben durch mit eingeschrumpelten Knollen.
Der Sommer kam als Überraschung, über den Starnberger See
Mit Regenschauer; wir flüchteten unter die Kolonnaden,
Die Sonne kam wieder, wir gingen weiter zum Hofgarten
Und tranken Kaffee und redeten eine Stunde.

aus T.S. Eliot, “Das öde Land” *

fluchtbergfoto_300Eine irre Aprilstimmung wie in T.S. Eliots Krisengedicht “Das öde Land” herrschte gestern in Berg am Starnberger See. Auf surrealer Pokémon-Jagd stolperte eine Handvoll Jungs durch den lichten Wald rings um die Votivkapelle für König Ludwig II., die gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Wie verrückt schlugen die Wellen gegen das Ufer.

1922, sechsunddreißig Jahre nachdem der Bayernkönig unter ungeklärten Umständen starb und man seinen Leichnam hier im Wasser fand, erscheint Eliots Langgedicht. Einen direkten Bezug gibt es nicht. Doch erforscht der angelsächsische Autor private Krisengefühle, wie sie Ludwig gekannt haben muss und besingt das junge, dennoch bereits von Revolutionen, Umwälzungen und Krieg zermürbte Jahrhundert. Übellauniges Frühlingserwachen eines irrlichternden, verstörenden Zeitalters. 2016 umgibt den Text noch immer diese Aura der Gegenwärtigkeit. ag

Wellen1Berg

TürBerg

 

* In der Neuübertragung von Norbert Hummelt 2008 bei Suhrkamp erschienen.

Auf die Alpe Robiei

SAN CARLO / BAVONA, 16.07.2014 - Itinerario Turistico no. 19: San Carlo - Robiei Funicolare - Giro Lago. copyright by www.steineggerpix.com / photo by remy steinegger

Val Bavona im Tessin ist ein Tal der Superlative. Ein wilderes, steileres und steinigeres gibt es nicht in der Schweiz. Paradoxerweise muss es ohne Stromnetz auskommen, während oberhalb, auf der Alpe Robiei, Unmengen an Elektrizität produziert werden. Nur im Sommer bewirtschaften Bauern das enge Trogtal. Auch Touristen haben sich an ein kleines Zeitfenster zu halten, wollen sie ganz hoch hinaus.

fluchtbergfoto_300Bloß in der kurzen bella stazione, also zwischen Juni und Oktober, bringt eine Luftseilbahn Personen von San Carlo am Talende nach Robiei. Mit ihren 2000 PS und einer Tragfähigkeit von 20 Tonnen (ein LKW könnte auf der Lastbarelle mitfahren) zählt die Pendelbahn zu den stärksten der Welt. Reichlich überdimensioniert für 20 000 Besucher in der ganzen Saison? Zweifellos, doch wurde sie 1965 primär für den Lastentransport zum Bau eines immensen Wasserkraftwerks errichtet.09_Robiei

In dem natürlichen Amphitheater, das die Alpe Robiei am Fuß des Basòdino-Gletschers bildet, zeugt heute nur die Staumauer des Speichersees von dieser gewaltigen hydrotechnischen Anlage aus den Sechzigern. Der größte Teil erstreckte sich unterirdisch auf 60 Kilometern bis hin zum Lago Maggiore. Ein Lehrpfad wurde in einem der Stollen innerhalb des Staudamms angelegt. Er erklärt dessen Funktion, Bauweise und Sicherheit. Wer ein Auge hat für die aparte Beton-Architektur dieser Zeit, wird das Ensemble aus Bahnstationsbauten unter schicken Pultdächern und einem sechseckigen Hotelturm lieben. Selbst die Zimmer, in denen einst die Bauarbeiter logierten, sind in ihrem herrlich schrägen Sixties-Flair erhalten. Für 100 Millionen Franken wurde das Kraftwerk kürzlich modernisiert. Zum Glück war kein Rappen mehr übrig, um das Hotel anzutasten.

Alexandra González

Fotos © Ticino Turismo

Saisonöffnung von Seilbahn und Albergo Robiei: 16. Juni bis 2. Oktober 2016. Den Schlüssel für den Lehrpfad im Inneren der Staumauer gibt es im Hotel. Alpe Robiei, San Carlo (Val Bavona), Tessin, Schweiz. www.robiei.ch

Nach Èze

DSC_0018Im Nid d´Aigle, dem Adlernest hoch über der Côte d´Azur, lässt Patrick auf alpinen 420 Metern zum Rosé eine Socca servieren, den typischen Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl, mit kleinen mediterranen Spezialitäten darauf gebreitet – Salade Nicoise, mit Spinat gefüllte Babycroissants, Gambas. fluchtbergfoto_300Ein lokales Likörchen hinterher und noch ein Café expres. Dann steigen wir zu zweit die letzten Schritte in den Exotischen Garten von Èze im Departement Alpes-Maritimes, der eine Festungsruine umgibt und unmittelbar über dem Restaurant liegt. In dem Park besucht Patrick immer seinen schwarzen Kater. Vor einiger Zeit hat er sein Zuhause hundert Meter weiter unten verlassen, um hier im Paradies zu leben. Man sieht von dem 1949 angelegten Park aus über die halbe Riviera, und manchmal bis St. Tropez und nach DSC_0020Korsika. Agaven, Aloen, Palmen, Kakteen aus Neuseeland, Süd- und Mittelamerika wurden damals von Jean Gastaud, dem Schöpfer des berühmteren Nachbargartens von Monaco angepflanzt, eine superbe botanische Kollektion von Sukkulenten, die zwischen 15 später installierten Mädchenskulpturen heranwachsen. Wüstenpflanzen, darunter das Meer und die drei Corniches, links Monaco, rechts das Cap Ferrat. Wunderschön und äußerst bizarr. Der Kater ist aber wegen der interessanten Mahlzeiten umgezogen.      Alexander Hosch

Le Jardin Exotique d´Èze, Tel. +33 4 93 41 26 00, www.eze-tourisme.com

 

Ins Edelstein-Tal

Kleine Flucht....Ins Edelstein-Tal
Die scheue Krimiautorin Agatha Christie fand Bohinj zu schön, um ihre Romanfiguren hier morden zu lassen. Weil ihr im Wocheiner Tal niemand auf die Nerven ging? Bis heute gibt es nur wenige Hotels und kaum touristischen Tand. Herrisch schiebt sich der an diesem Frühlingstag noch schneebedeckte Triglav in die Kulisse der Julischen Alpen. fluchtbergfoto_300In Ribčev Laz erinnert eine Bronzegruppe an die Erstbesteigung des höchsten Bergs Sloweniens. Am 26. August 1778 erreichten die vier Wocheiner Lovrenc Willomitzer, Luka Korošec, Stefan Rožič und Matija Kos den Gipfel. Finanziert wurde die Expedition von Sigmund Freiherr Zois von Edelstein, der mit Eisenwerken ein Vermögen verdient hatte. Der großzügige Aristokrat und Förderer geologischer Forschung unterhielt nicht nur einen “Musenhof” in Ljubljana, sondern trug auch eine spektakuläre Mineralienkollektion zusammen. Inzwischen ist sie im Naturhistorischen Museum der Hauptstadt zuhause. Glanzlicht der umfangreichen Sammlung: der nach ihm benannte Zoisit. Seit der Entdeckung der Varietät Tansanit 1967 besitzt das seltene Mineral sogar Edelsteinqualität. Nun klingt der Name des Freiherrn doppelt schön und würdevoll. Am Talschluss, wo sich der Savica-Wasserfall im karstigen Fels der Komarča versteckt, stößt man wieder auf dessen Mäzenatengeist. 1807 besuchte der alpenvernarrte Erzherzog Johann von Österreich den Katarakt. Anlass genug für Sigmund Zois, eine Marmortafel zu Ehren des hohen Gasts im Aussichtspavillon zu stiften. Zahlreiche Besucher verstehen den Stein offenbar als Einladung zum Einritzen von Namen- und Liebesgraffiti. Kein Wunder, dass so viele bei diesem Seufzer-Panorama über Wocheiner See und Berg Vogel schwach werden.   Alexandra González

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