So kitschig-lieblich wie normal erscheint die Voralpenlandschaft des Tegernsees an einem düster-regnerischen
Novembertag gerade einmal nicht. Zu der angenehmen Verwandlung trägt viel bei, dass dort zur Zeit Skulpturen aus Bronze, Holz und Glas sowie Zeichnungen des britisch-deutschen Starbildhauers Tony Cragg zu Gast sind. Cragg hat die Sonderschau, die im Olaf Gulbransson Museum im Ort
Tegernsee an der Ostküste stattfindet, selbst zusammengestellt. Einige der organisch-biomorphen Arbeiten aus seinem Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden – wie nebenan im Bild etwa der Bronzeguss „Ever After“ von 2010 – stehen der adretten, aber oft etwas faden und wohlstandsverwahrlosten Seenlandschaft in prachtvoller Widerspenstigkeit gegenüber. Als würde gleich eine Digitalfräse kreischend durch die Jodelbalkone der Nachbarschaft fahren.
Cragg arbeitete einst – vor einer beispiellosen Karriere als Kunstmarktliebling – für technische Betriebe in der mittelenglischen Heimat und in einem Forschungslabor der Gummiindustrie. Dort entwickelte er eine Begeisterung für Materialien, für ihre Form, ihr Wachstum und ihre Transformation, ehe er in London am Royal College of Art schließlich Kunst studierte. Diese Frühzeit hat ihn geprägt. Anfangs setzte er seine Plastiken aus Fabrikresten und Fundsachen zusammen, wie in Bayern zum ersten Mal in den 1980-er Jahren
in der Münchner Galerie im Lenbachhaus zu erkunden war. Neben den dynamischen Skulpturen, mit denen er später weltberühmt wurde, sowie Aquarellen zeigt Cragg am Tegernsee nun den Winter über vor allem Bleistiftzeichnungen. Diese dienen ihm, wie er sagt, nicht in erster Linie als Vorbereitung, sondern sie stellen einen „eigenständigen Denk- und Experimentierraum“ dar. „Es gibt Millionen Wege, zwei Punkte mit dem Stift zu verbinden“ , so der 1949 geborene Künstler. „Natürlich kann man einfach eine gerade Linie ziehen. Oder man führt sie über das Blatt hinaus, einmal durch die Stadt, das Land, die Welt, durch das Universum und zurück auf das Papier – zum zweiten Punkt.“
Craggs Herkunftsort Liverpool ist wie sein langjähriger Lebensmittelpunkt Wuppertal im
Ruhrpott, wo er seit 1977 wohnt, ein nicht gerade von Reichtum heimgesuchter Industriestandort. Der Kontrast zur oberbayerischen Idylle Tegernsee könnte also nicht größer sein. Vor dem Wallberg und den gegenüberliegenden Gipfeln scheint vor allem die mehrere Meter hohe, zu den Dancing Columns gehörende Cragg-Schöpfung „Ever After“ im Außenbereich des Museums jetzt den malerischen Bergen deren eigene Kraft förmlich zurückzuschleudern. Mit dynamischer Rotation, industrieller Präzision und nachgerade bohrender Intensität.
Text und Fotos: Alexander Hosch


Tony Cragg. Zeichnungen und Skulpturen. Olaf Gulbransson Museum Tegernsee. Bis 14. Februar 2027. www.olaf-gulbransson-museum.de