Heimatarchitektur… ?

IMG_9162 (768x1024)IMG_9127 (768x1024)   … ist eigentlich ein Begriff, bei dem mein emotionales Ich sofort reflexartig Reißaus nimmt. Der Ausweg: Ich denke fest an Steven Holl. Der vignette_2_stadtstammt aus New York City und hat auf seine Baustellen in der Wachau vor allem sich selbst mitgebracht: Seine Poesie, seine Musikalität, seine Lust am Aquarellieren, seine zeitgemäße Avantgarde. Nun ist – inmitten von Trauben für Zweigelt und Grünen Veltliner – vor ein paar Jahren in Langenlois bei Krems zuerst ein fruchtiges Weingut herangereift. Und danach noch ein smaragdiges Hotel.

Von den Traditionen Niederösterreichs schnitt sich Holl nur die zwei Scheiben ab, die er wirklich haben wollte: Erstens fing er die faszinierenden Himmelsbilder über der Donautaler Reblandschaft mit riesigen Glasfenstern ein – sie dringen jetzt, gerahmt von den Leisten der Lochblechfassade, DSC_0301 (1024x681)in jede einzelne Gästesuite. Aquarelle der Natur. Zweitens nahm er die Grundrisse der berühmten Felsenkeller als Blaupause. Nach ihrem Muster kerbte Holl die Einschnitte für die Fenster und für die Fassadensprünge seiner Weinwelt aus Aluminium unweit der Alpen ein, die dadurch fast so wild zerklüftet wirkt wie der Großglockner-Sockel. Außerdem ließ der Mann, der mal ein Wohnhaus auf Long Island „Writing With Light House“ genanIMG_9036 (768x1024)nt IMG_9033 (768x1024)hat (weil die Sonne den weißen Innenwänden rund um die Uhr neue Schatten zeichnet), die Umrisse der langgezogenen, bis zu 900 Jahre alten Kellergänge in eine abstrakte Zeichensprache übersetzen und hinterleuchtete Hohlreliefs basteln. Sie adeln jede Hotelzimmertür zum individuellen Kunstwerk.

Die Amerikaner haben für solche einheimischen Elemente den Begriff „vernacular architecture“ erfunden. Auch Frank Lloyd Wright und Mies van der Rohe arbeiteten zu Zeiten und bei manchen Bauaufgaben damit. Vernacular in der modernen Architektur bedeutet: Man nimmt etwas (aber nicht zu viel) im besten Sinn Bodenständiges, Ehrliches von dem Ort auf, an dem baut, und verbindet es mit dem eigenen Stil. So biedert sich ein Architekt nicht an, respektiert aber die geliebte, kostbare Vergangenheit der Anderen. Wie die uralten Langenloiser Felsenkeller, zu deren filigranen Labyrinthen Holls silbernglänzendes Felsmassiv mit Alublechhaut Zutritt gewährt. Und in denen wohl jeder Wachauer schöne Erinnerungen findet. –  So eine Heimatarchitektur? Immer gern.       Alexander Hosch

Zwei weitere Häuser von Steven Holl findet ihr in meinem Buch „Traumhäuser am Wasser“ vorgestellt:  Das private Writing With Light House auf Long Island /USA und eine Kunstsammler-Villa in Südkorea.             https://www.callwey.de/buecher/traumhauser-am-wasser/

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Vertigo in Ljubljana

vignette_2_stadtUnmöglich, nicht an “Vertigo” zu denken, Alfred Hitchcocks filmischen Whirlpool des Terrors, wenn man auf diesen Aussichtsturm klettert. Seit 1848 bekrönt er die Burg von Ljubljana. Es kostet einige Überwindung, die als Doppelhelix angelegte Wendeltreppe hinaufzutaumeln. Der Blick haftet an den schmiedeeisernen Stufen mit Drachenmotiv – dem Wahrzeichen der Stadt. Jetzt bloß nicht in die gähnende Tiefe starren. Zum Glück sind diIMG_0303e korallenrot lackierten Sicherheitsstäbe eng gesetzt wie das Gitter eines Raubtierkäfigs. Auf der Plattform werden alle Tapferen schließlich mit einem fulminanten Panorama belohnt. In der Ferne sieht man die Steiner Alpen, am Fuße des Burgbergs mäandert die Ljubljanica und schneidet das Stadtbild entzwei. Diesseits der mittelalterliche Teil, drüben das moderne Ljubljana.   ag

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Noch bis 31. Dezember: Ljubljana ist die European Green Capital 2016 www.greenljubljana.com

Zürich, over the top

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Die Frauen, die 1971 zwischen aufstrebenden Künstlern, Hausbesetzern und feministischen Darbietungen das Modelabel Thema Selection sowie den zugehörigen Laden in der Zürcher Altstadt gründeten, wollten im Kopf so weit wie möglich weg von den Alpen. Keine Erhebung sollte ihren Horizont begrenzen. Afrika, Japan, London, Paris und Hollywood schneiderten mit, als der „Wickeljupe“, die „Kimonojacke“ oder das „Wäscherinnenkleid“ entstanden. Vorbilder waren Marlene Dietrich, Militäruniformen und die Hüte von Barbara Stanwyck oder Hedy Lamarr. Denn Thema Selection entfloh der Hippiemode mit burschikosen Frauenarbeitskleidern, die Hosentaschen hatten und aus Harris Tweed waren – aber mit Unterwäschespitze. Der Stil dieser Mode war androgyn, frivol und over the top, voller Grenzverletzungen und Irritationen.

fc_7890 Als die amerikanische Vogue das Häuflein 1974 entdeckte, wurden die Designerinnen um Ursula Rodel und Sissi Zoebeli populär. Der Laden entwickelte sich zum Treffpunkt der Kosmopoliten und Andersartigen. Ganz in der Nähe begann die arty Anarchie von Peter Fischli und David Weiss zu toben. Auch Warhol war befreundet, kaufte aber nix. Die Deneuve schon. Im nächsten Umkreis schufen weitere Künstler wie Urs Lüthi oder die Kuratorin Bice Curiger, die später die Zeitschrift Parkett gründete. Irgendwann in den 1990ern kam Thema Selection mit bunten Handdrucken, gemischt aus Folklore und Pucci, doch noch in den Alpen an: Diese wurden im Gebirgskanton Glarus geprintet.

fc_Cover fc_7875Ein künstlerischer neuer Bildband erzählt jetzt diese Schweizer Story zwischen den Gipfeln von Mode und Gesellschaft. Dick ist er und zeitschriftig – mit vielen Polaroids, Schnitten, Skizzen, Manifesten und Meinungen von wirklich allen alten Freunden. Aber sehr schön. Man freut sich über jeden einzelnen Zürcher Wilden, der dort in den letzten 45 Jahren, nicht allzufern von Eiger, Mönch und Jungfrau, sein Nonkonformistenwesen trieb. Und den Laden gibt es immer noch. (www.themaselection.ch, Spiegelgasse 16, CH-8001 Zürich)    Alexander Hosch

Gina Bucher, „Female Chic –Thema Selection / Die Geschichte eines Modelabels“, 70 Euro, broschiert, 632 Seiten, 400 Farbabbildungen, Texte von This Brunner, Elisabeth Bronfen, Sibylle Berg u.a., 22.8 × 30 cm, ISBN 978-3-905929-87-4, www.editionpatrickfrey.com

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