Miniserie Le Chalet

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Heimlicher Alpenfilm  #12

 

Eine Vendetta in den französischen Bergen. In einem fiktiven Dorf namens Valmoline, das in der Serie zwischen Chambéry und Grenoble angesiedelt wird, urlauben fünf junge Paare in einem frisch renovierten Urlaubs-Chalet. Einige von ihnen kennen es noch als alte Waldhütte – von früher, als sie Kinder waren. Eine alte Geschichte, ein düsteres Geheimnis, wird sie, während ihrer kleinen Atempause von der Hetze des Lebens, einholen.

Es könnte alles so schön sein. Ein Sommer in den Bergen. Das neue alte Haus. Hübsche Leute. Junges Glück. Stattdessen zieht die Vergangenheit ihre schaurige Bilanz. Viele Pläne werden in dem so gut wie ausgestorbenen Dorf zunichte gemacht werden. Jeder der Beteiligten hat irgendeine Verstrickung. Eifersucht, Neid, Gier, Wollust und noch ein paar andere Todsünden sitzen immer mit am Tisch. Dem Geschehen in den sechs, jeweils 50 Minuten langen Episoden der Staffel drückt die DNA eines Psychothrillers den Stempel auf. Und die Savoyer Alpen zimmern den Rahmen, sie dekorieren das Grauen.

Die Dreharbeiten fanden im Sommer 2016 unter anderem in Chamonix statt. Premiere feierte die französische Fernsehserie, eine Eigenproduktion von France 2, im März 2018. Der Streamingdienst Netflix startete dann drei Wochen später international. Die Miniserie unter der Regie von Camille Bordes-Resnais spielt in zwei Zeitlinien, 1997 und 2017. Es gibt ein bisschen zu viele Rückblenden, und nicht alle Charaktere sind individuell genug gezeichnet. Manchmal verliert der Zuseher deshalb etwas die Orientierung, wo und wann er gerade ist. Dass man lange Zeit nicht viel weiß, aber trotzdem gespannt dabei bleibt – das spricht aber für die schöne Anlage und Ausarbeitung des Horror-Plots in sechs Etappen. Und das Unheimlichste ist, dass eigentlich nur Freunde mit dabei sind. Oder doch nicht?

Text: Alexander Hosch

Le Chalet (2017), France 2, französische Fernsehserie, 6 Folgen, 1 Staffel; Erstausstrahlung ab 18. März 2018; aktuell zu sehen auf Netflix

Le Silencieux

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Heimlicher Alpenfilm #10

Der Kalte Krieg, Spionage, Verrat – all die Geheimniskrämerei etablierte ein eigenes Filmgenre, den Agententhriller. Nach einer Hochphase in den Sechzigerjahren mit James Bonds Gentleman-Kapriolen und der klaren Freund-Feind-Logik dieser bipolaren Eiszeit, tauchte 1973 ein wunderbar melancholisches Gegenstück auf: In “Le Silencieux” – die erste Zusammenarbeit des Regisseurs Claude Pinoteau mit Lino Ventura – gibt es auf beiden Seiten nur noch Feinde. Ventura spielt den französischen Physiker Clément Tibère und schlüpft einmal mehr in die Paraderolle des schweigsamen Machers.

Als Spielball der russischen und britischen Geheimdienste gerät Tibère in ein existenzielles Dilemma. Vor 16 Jahren vom KGB entführt, seitdem unter falscher Identität in Moskau, jetzt wiederum in den Fängen des MI6, kann er sich nur mit der Preisgabe von Namen russischer Agenten freikaufen. Aber was heißt schon Freiheit, wenn einem der KGB auf den Fersen ist? “Ich weiß, dass sie mich überall suchen, dann sterbe ich lieber im heimischen Wald”, beschreibt dieser Mann ohne Vergangenheit und ohne Zukunft knapp sein Schicksal. Nun nimmt er es selbst in die Hand.

Die Ökonomie der Worte, Gestik und Mimik hat Ventura bekanntlich perfektioniert und diese Begabung entfaltet sich vollkommen in seinem Gesicht, wenn Tibère nach 16 Jahren in einem Bistro erstmals wieder ein Gläschen Côtes du Rhône trinkt. Mehr Ruhe gönnt der Film ihm nicht. Es ist eine harte, atemlose Jagd, weichgezeichnet nur vom typischen Sfumato der Siebzigerjahre-Bilder, in Zügen, gestohlenen Autos, hinter den fadenscheinigen Vorhängen von Provinzhotels. Seine Flucht führt ihn an den Alpenrand nach Genf und Grenoble. Doch der heimische Wald, das wird für Tibère der Col de Gleize nördlich von Gap.

In diesem nervösen, hochspannenden Film zeigt die Kamera die Landschaft nun erstmals in der Totalen. Der Herbst hat sich auf die Flanken der Dauphiné-Alpen gelegt. Tibère scheint den Häschern nicht zu entkommen und blickt dem Tod ins Auge. Ohne jedes Pathos hat Ventura die Tragik seiner Figur ausgereizt. Großes Schauspielerkino, für das er die dramatische Kulisse der Berge eigentlich nicht bräuchte.

Alexandra González

Ich - Die Nummer 1

“Ich – Die Nummer eins” heißt der Film in der deutschen Fassung (Tobis). Sie ist als DVD über Amazon erhältlich.

 

Die purpurnen Flüsse

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #7

Eine Berg-Universität. Der Rektor herrscht übers Tal wie ein Bürgermeister. In dem Kritik- und Kassenerfolg von 2000 über Eugenik, Inzucht und Forscherwahn brillieren Jean Reno und Vincent Cassel als ungleiche Kommissare, die sich, Rätsel für Rätsel, eine störrische Provinzwelt erschließen. Eine Verschwörerclique aus Bibliothekaren und Krankenpflegern hat dort ein grausames Elitezuchtsystem im Stil der Nazis angelegt, um aus kernigen Älplern und Professoren den vollkommenen Menschen zu kreuzen. Wie alle wirklich guten Krimis bleibt auch Mathieu Kassovitz´ Filmwerk übers Ende hinaus mysteriös. Beim Final Cut wurden sogar noch einige der Erklärszenen herausgeschnitten.

Aber wer hat diesen Horror-Thriller je als Bergfilm gesehen? Er ist es zweifellos. Weil es bei den Dreharbeiten zu schneien begann, musste das Buch teilweise täglich umgeschrieben werden. Grenoble, das Olympiastadion von Albertville, Chamonix unterm Mont Blanc, Argentière und ein halbes Dutzend anderer Alpendörfer waren Schauplätze, um den Phantasieort Guernon zu repräsentieren. Als alpine Gangster-Uni dient das geographische Forschungsinstitut von Modane-Avrieux, das wie ein Freimaurerschloss über der Landschaft hängt. Gletscherforscher pirschen mit den Ermittlern durch die weiße Pracht, und 90 Minuten lang vollziehen sich Andeutungen, Leichenfunde, Fluchten und Verfolgungsjagden zwischen Gondeln, Winterstürmen und Abstiegen in Höhlen aus ewigem Eis. Bis zum Showdown mit Eispickel, Lawine und Pistenraupe.                      Alexander Hosch

http://tobis.de/film/die-purpurnen-fluesse/

DVD von Tobis/Universal Film GmbH (bei ebay zirka 6,99 €)