Alpiennale

 Die Architekturbiennale in Venedig ist stets ein Parcours feinster Ideen. Er wird allerdings noch immer vom etwas angestaubten Konzept der „Nationalpavillons“ begleitet. Oft finden sich deshalb die schönsten Spots und Events außerhalb der eigentlichen Hauptausstellung in den sogenannten Giardini. Auch diesmal. Man fahre etwa von der zentralen Boots-Station San Zaccaria einfach mit einem Vaporetto der Linie 2 nach gegenüber zur in die Lagune gebetteten Insel von San Giorgio Maggiore. Neben einem Bambus-Majli nach thailändischer Tradition, das Simón Vélez extra in den Garten des alten Benediktinerkonvents baute, findet sich dort noch ein zweiter kostenloser Biennale-Höhepunkt: das Projekt Scarch des Graubündner Künstlers Not Vital. Direkt in der Basilika.

Was ist Scarch? Ein Mix der englischen Begriffe für „Skulptur“ und „Architektur“, den Not Vital schon früher erfand. 2003 erbaute er in Niger, zusammen mit lokalen Handwerkern, einen Pyramidenturm aus rotem Lehm. Diesmal hat er einen poetischen Treppenturm aus sanft spiegelndem Aluminium errichtet. Wie damals, heißt er „House to Watch the Sunset“. Not Vital führt das inzwischen globalisierte Scarch-Vorhaben damit mitten in die berühmte Palladio-Kirche aus dem 16. Jahrhundert – eben San Giorgio Maggiore. Sein dreigeschossiger Turm mit Stufen an drei Seiten steht im Zentrum der Vierung unter der Kuppel und interpretiert die venezianische Renaissancewelt neu. Man kann sogar sagen, er prägt sie für ein halbes Jahr (bis 21. 11.) kräftig um. Es gibt oben einen 3 x 3 Meter großen Raum und Zugänge an drei Seiten, zu drei Etagen. Danach wandert dieses letzte Scarch-Projekt nur noch nach Tonga im Südpazifik.

Not Vital, der rund um die Welt an vielen Orten wohnende und arbeitende Schweizer, hat in Palladios Meisterwerk jenseits des 13 Meter hohen Stufenturms noch fünf andere Skulpturen und Installationen versteckt. Die Environments gehen allesamt Beziehungen zu den Gemälden und Dekorationen ein und wurden, zusammen mit den Mönchen, zwischen Altarraum, Chor, Kreuzgang und Kloster platziert: Zwei minimalistische Silberobjekte, eine Neon-Schrift, ein futuristisches Geweih, eine Textilarbeit. Eine Silberarbeit – im meist unzugänglichen Konklave-Raum, in dem 1800 ein neuer Papst gesucht wurde – etwa repräsentiert genau diesen damals neu gewählten Pius VII.  Not
Vitals anspruchsvolles und enigmatisches Konzept integriert die von Palladio mit sinnestäuschenden Bodenmustern und in beispielloser Schönheit errichtete Kirche, das Kloster und die originalen Gemälde von Tintoretto und Carpaccio, die hier real hängen, als wäre all das nichts.

Ursprung und Referenz von Not Vitals Turmhäusern, die immer gleich geformt, aber immer aus anderen Materialien mit regionalen Bezügen sind, ist für den heute 73-jährigen Schweizer übrigens die einfache Baumhütte. Als Kind im Engadin hatte er selbst eine. Er zog danach in die Welt hinaus. Damit tat er es früheren Generationen gleich, die etwa als Zuckerbäcker das Engadin verließen und später wieder heimkehrten. «Randolins» (Rätoromanisch für Schwalbe) nannte man sie. Und wenn diese Vorfahren zurückkamen, sagten sie in ihrer Mundart: «Che Bellezza Esa Na Sana Che Bellezza Hanna» (welche Schönheit, sie wissen nicht, welche Schönheit sie haben). Genau das verkündet Not Vitals skulpturales Neonschriftbild jetzt auch in San Giorgio Maggiore. Che bello, wie schön! Noch eine Achse zwischen der Serenissima in der Lagune und Not Vitals Unterengadiner Alpen, wo im heimatlichen Tarasp ein weiterer 13 Meter hoher Treppenturm in den Himmel ragt.

Und so steht auch dieses nomadische, transkontinentale Projekt Not Vitals wieder dafür, dass unser Planet eine große gemeinsame Heimat sein soll.

Text: Alexander Hosch.

Fotos: Sabine Berthold

Not Vital, Scarch, offizieller kollateraler Beitrag zur 17. Architekturbiennale Venedig (in der Basilica San Giorgio Maggiore, bis 21.November), www.ropac.net

Das Argusaugenhaus von Graz

Mit Zaha Hadid von oben in die Alpen zu schauen, das geht schon länger. In Innsbruck muss man dazu nur im Turmstüberl der von der Avantgarde-Architektin gebauten Bergiselskischanze einkehren. Sie überragt die Brennerautobahn als modernes Tiroler Maskottchen. Just seit Beginn der Coronazeit – Februar 2020 – ist jetzt auch der Hadid-Blick von unten auf die Berge möglich: Aus der Stadtmitte von Graz heraus.

In Richtung Klagenfurt erblickt man die Lavantthaleralpen mit den steirischen Gipfeln Ameringkogel und Rappoldkogel. Und im Norden den 1445 Meter hohen Grazer Hausberg Schöckl (von dessen Spitze aus wiederum sich sogar der Triglav in Slowenien erspähen lässt). Aber zurück in die City. 17 Jahre dauerte es, bis Zaha Hadids Konzept „Argos“ als Glamour-Neubau fertig war. Die Österreicher setzten – in Wien, in Tirol, in der Steiermark – schon früh auf die exklusive Architektur der irakischstämmigen Londonerin, die 2016 überraschend mit nur 65 Jahren starb. Dennoch gab es auch in Graz wieder unzählige Streitpunkte zu klären. 

Nun aber existiert endlich dieses spaceshipartige Boardinghouse mitten in der Fischer-von-Erlach-Altstadt. Seine 45 silbrigweiß schimmernden Glasfaser-Bubbles schauen wie Argusaugen aus dem Zuckerbäckerbarock in alle Richtungen. Sogar die Tapete (Foto) passt sich an. Für Business- oder Feriengäste, die die kleinen und großen Wohnungen jetzt – zumindest während der Lockdownzeit – auch tageweise buchen können, heißt das: Sie residieren quasi im Computerbarock. Alles ist digital, vom Check-In über den Zutritt ins Zimmer per QR-Code zu den Service-Apps per TV-Gerät bis hin zum Raumgefühl. Das Bett kann man problemlos als Zentrum seines Cockpits verstehen. Nur die barocke Turmspitze der Stadtpfarrkirche draußen liegt herrlich analog und glasklar vor der Nase. Während man selbst gemütlich bei seinem ersten Espresso im raumhohen Fenster sitzt.

Und sonst? Stehen etwa Lichtschwerter statt Lampen auf dem Nachttisch? Fliegen die Frühstücks-Toasts hier wie Ufos am aufgesperrten Mund vorbei? Nein. Die futuristischen Zaha-Hadid-Sofas für Moroso oder ihre Alessi-Käsereibe waren dann doch zu teuer für den Hotelgebrauch. Aber auch so rundet angemessen dynamisches Mobiliar das Architekturkonzept ab – man wohnt also perfekt organisch-schrägwinklig. Und genauso futuristisch, wie es von draußen den Anschein hat.                      Text: Alexander Hosch

Argos by Zaha Hadid Architects, Boardinghouse mit 21 serviced Apartments, 30 bis 80 Quadratmeter. Zur Zeit teilweise ab nur 75 € pro Nacht, www.argos-graz.at

Und irgendwann kommt Banksy

Die Stadt Linz ist irgendwie so un-mozartig. Auch ziemlich un-wienerisch und überhaupt: schwer antibarock. Das war sie schon im 20. Jahrhundert. Linz ist eine Arbeiterstadt, geprägt vom Stahlwerk Voest-Alpine, das früher mal eine Nazi-Waffenschmiede war und auf den Namen Hermann Göring Werke hörte. Bitter. Aus dieser schwierigen Situation und der herausfordernden geografischen Lage zwischen den beiden zuckersüßen und zartschnörkeligen Bestsellercities Salzburg und Wien heraus hat sich Linz seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts nachhaltig befreit – und immer wieder etwas Besonderes draus gemacht. Bessere neue Architektur. Interessantere Kunst. Jüngere Musik. 2012 kam eine weitere Sensation dazu: Mural Harbor – das ist ein Freiluft-Art-Laboratorium mit Galerie, Workshops, Touren und inzwischen mehreren hundert teils riesenhaften Graffiti-Kunstwerken, die auf nicht mehr gebrauchten Speichern in den Hafenbecken an der Donau prangen.

Seit 2016 gibt es dort einstündige Bootstouren, die von April bis Oktober jeden Samstag stattfinden, den Rest des Jahres bei individueller Buchung (und für Gruppe von elf bis 20 Personen) an einem vereinbarten Vor- oder Nachmittag. Dann führt ein fachkundiger Guide (in der Regel aus der Graffiti- oder Hip-Hop-Szene) über die Wellen zu den einzelnen Kunstwerken des Muralismo. Man staunt über die Geschichten der Bilder und die Übertragungstechniken mit und ohne Schablone. Einige der berühmtesten Graffiti-Writers und Mauermaler der Welt, Künstler aus 30 Nationen wie die Szenegrößen Aryz, Roa, Dexter, Nychos und 1UP nahmen in den letzten sieben Jahren die Gelegenheit wahr, in der „Hafengalerie“ bis zu 50 Meter hohe Industriebauten zu besprühen oder mit der Rolle zu bemalen: Nach der Tour können Teilnehmer – wie auch euer Autor das tat – im Crashkurs von professionellen Sprayern das Erzeugen eigener Murals und Tags lernen. Einmalig.

Klar, das Verbotene und Klandestine ist hier ein Stück weit mit Kommerz und Citymarketing in Verbindung getreten. Aber wenn jene weltberühmte Zeichnung vom Punkerpenner, der einen schwulen Polizisten küsst (ein Cartoon, das einst der Linzer Karikaturist Gerhard Haderer erfand), hier im Hafen nun in der Form eines 5-Meter-Graffitos weiterlebt, dann ist dies ein höchst aktuelles Statement, das mindestens bis zum Dachstein leuchtet. Und es stellt auch heute noch eine wichtige und dringend notwendige Rebellion gegen Spießermief und biederen Alltagsgeschmack dar. Gerade in Österreich.

Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

Mural Boat? Mural Walk? Buchung+Info: www.muralharbor.at, +43 6646575142

Linzer Mucke

Anton Bruckner wurde hier geboren. Franz Schubert hat mit Blick auf diese Stadt oft Ferien verbracht. Mozart schrieb 1783 in vier Tagen die „Linzer Symphonie“. Und Beethoven vollendete dort 1812 seine Achte – Linz ist eine Musikstadt, schon immer gewesen. Seit 1979 gibt es jedes Jahr rund ums Brucknerhaus, die Donau und das Ars Electronica Center die berühmte “Klangwolke”. In den 1980er Jahren kam die Institution Posthof dazu: ein junger Ort für anspruchsvollen Rock und für Punk-Musik, an dem früh heutige Legenden wie The Fall aus London oder Suzanne Vega aus New York gastierten.

Vor ein paar Jahren hat Linz nochmal nachgeladen. 2013 entstand mit dem Musiktheater am Volksgarten, das der Londoner Architekt Terry Pawson erbaute, jene neue Bühne für Szenisches, die bislang fehlte. Ein Fries aus weißen Klaviertasten scheint das geräumige Haus zu krönen. Die vier verschiedenen Fassadenseiten spielen mit verklammerten Mustern aus Streifen oder Fugen. Technisch ist das Musiktheater eines der modernsten Opernhäuser Europas.

Kurz darauf – 2015 – wurde in den Hügeln, auf halbem Weg zum Pöstlingberg, für 850 Studierende der Anton Bruckner Privatuniversität noch ein ähnlich komfortables neues Gebäude errichtet. Musik, Komposition, Tanz und Schauspiel lassen sich hier studieren. Man kommt von der Stadt aus in zehn Minuten mit der Bergbahn hin, die hier das Trambahnnetz teilt. Der Besucher fühlt sich zwischen den Plastiken des grünen Freigeländes ein bisschen wie in Stanford. Die Gartenbänke auf den kleinen Kiesflächen sehen wie Miniaturgebäude aus. Und die diversen Säle klingen täglich – sei es zur Übung oder zum öffentlichen Genuss. Die Architektur der jungen Lokalmatadoren MOD ist meisterhaft das Nadelstreifenmuster, das in Form schräger oder vertikaler weißer Lamellen mit wechselnden Abständen die Fassade umhüllt, nimmt dem Bau die Masse, gibt ihm dafür durch Kipp- und Schwingmetaphern eine sublime Eleganz. Man sieht von da oben die Donau, die Stadt und gar nicht so selten den fast 3000 Meter hohen Dachstein – Oberösterreichs mächtigsten Alpenberg.

Als wäre das kleine Linz eine Weltstadt, sind an manchen Wochenenden zusätzlich zum permanenten Klassiksturm auch noch Superstars des Pop zu Gast: Am 8. Juni waren etwa die Toten Hosen da, tags darauf Bryan Ferry. So was ist hier normal.

Text und Fotos: Alexander Hosch

 

 

 

 

 

 

 

 

http://www.musiktheater.at/

https://www.bruckneruni.at/de/home/

https://www.posthof.at/programm/alles/