Spielte das hochalpine Österreich vor 95 Jahren etwa eine Rolle für die weltberühmten Möbel und Bauten von Charlotte Perriand? Genau das
wollten wir Trüffelsucher von der Alpinen Kultur gern letzte Woche von zwei Superspezialisten hören: Von der Tochter Pernette Perriand-Barsac (Foto) und ihrem Ehemann Jacques Barsac, die in Paris die Archives Charlotte Perriand leiten. Nun, vielleicht eine kleine Rolle! „Sicher ist nur“, so die beiden auf unsere Frage, „dass Charlotte schon in den 1930er Jahren in den Nachtzug von Paris
nach Sankt Anton stieg, um dort mit ihren Ski die Weihnachtsferien zu verbringen“. Das ist doch ein Grund mehr für alle Alpen- und Kulturfreunde, einen Blick in die frisch eröffnete neue Ausstellung zu werfen, die jetzt unter dem Titel „Charlotte Perriand. Moderne leben – Design, Fotografie, Architektur“ im Museum der Moderne in Salzburg auf dem Mönchsberg gastiert. Sie lässt das Werk der bedeutenden Gestalterin (1903 bis 1999) extrem aktuell erscheinen.
Im Vordergrund der Schau, die in Teilen schon in Krefeld zu sehen war und noch zur Fundaçió Joan Miró in Barcelona weiterzieht, steht die Epoche zwischen etwa 1927 und 1945. Perriand arbeitete bis 1937 im Pariser Office des
Stararchitekten Le Corbusier an den kühlen, funktionalistischen Metallmöbeln, die bis heute mit großem Erfolg von der italienischen Firma Cassina produziert werden. In den – ebenfalls in Salzburg reich präsentierten – Jahren danach entwarf die naturbegeisterte Gestalterin erste Hocker und Stühle aus Holz (rechts) nach dem Vorbild alpiner Bauernmöbel, die sie vor allem aus Savoyen kannte und aus Yenne bei Grenoble, wo ihre Großeltern lebten. Solche rustikalen Melkschemel und Dreibeinstühle stellten für sie den Inbegriff eines Lebens im Einklang mit der Natur dar, wie sie selbst es in ihrer Freizeit führte. Josep Lluís Sert, ein Kollege bei Le Corbusier, kannte Charlotte Perriand gut und schrieb 1956: „Sie liebt die Volksarchitektur und bäuerliche Einrichtung, weil sie die Menschen liebt und kennt. Diese Volksarchitektur ist das Gegenteil von dem, was gefragt ist; sie ist normal, menschlich und hat eine ganz eigene Schönheit. Sie kommt nicht so schnell aus der Mode wie unsere Stilobjekte“. Weitere Teile ihrer ersten
österreichischen Retrospektive widmen sich Perriands Natur- und Sachfotografie, die sie früh in Ausstellungen und Artikel integrierte, sowie ihrem Exil in Japan. Die bekennende Kommunistin verbrachte ab 1940 sechs Jahre im Fernen Osten, wo sie Gestaltungsaufträge des japanischen Handelsministeriums bekam und minimalistische Möbel aus Bambus und Holz (im Bild die Chaiselongue basculante) entwarf.
Das aufsehenerregendste Exponat in Salzburg ist aber zweifellos der Nachbau einer hochalpinen Schutzhütte auf der Basis von Originalplänen durch Studierende der TU München und der Fachhochschule Salzburg. 1937
präsentierte sie das leichtgewichtige Refuge Bivouac auf der Pariser Weltausstellung am Ufer der Seine. In den Wintermonaten 1938/39 wurde es dann, nicht allzuweit von Chamonix und Mont Blanc entfernt, auf dem Sattel des Mont Joly unter Realbedingungen erprobt. Perriand hatte die vorgefertigte Biwakschachtel aus Holz, Aluminium, Seilverspannungen und einem Rahmengestell aus Befestigungsrohren zusammen mit Freunden dort selbst in 2200 Meter Höhe aufgebaut. Es
war die frühe Version eines Tiny House – mit viel Stauraum, einem Tisch und mehreren flachen Sitz-Truhen, ausgedacht als Schlaf- und Ruheplatz für bis zu zehn Bergsteiger oder Skifahrer, die auf dem Weg zum Gipfel pausieren wollten. Perriand hatte bei eigenen Erkundungen genau solche Schutzbauten immer wieder vermisst. Man erkennt in Salzburg jetzt in dem fast 90 Jahre alten Entwurf, dessen Bestandteile nur 40 Kilo wiegen, eine starke Aktualität, auch die extreme Expertise und das Gespür der Schöpferin. Der begehbare Nachbau des Refuge Bivouac, 2025 aus Kiefernsperrholz und Aluminium gefertigt, ist zur Zeit der Mittelpunkt der Ausstellung. Er soll nach der Ausstellung in Salzburg bleiben. Wo genau, steht noch nicht fest, sagte uns Museumsdirektor Harald Krejci.
Charlotte Perriand schaffte es als eine der ganz wenigen Frauen, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit bedeutsamen Beiträgen in die
Gestaltungsgeschichte einzugehen. In Salzburg steht dafür maßgeblich ein von ihr einst geschaffener und nun von Cassina initiierter Modellraum mit ihren Möbelentwürfen für das Architekturbüro von Le Corbusier. Die Reinterpretiation einer Wohnung aus Küche, Bad, Schlafraum und Salon mitsamt Mobiliar, Leuchten, Stoffen erweckt ein Originalenvironment vom Pariser Herbstsalon des Jahres 1929 zum Leben. Die Möbel in diesem Raum (die meisten sind Reeditionen) dürfen von den Besuchern der Salzburger Schau ausprobiert werden. In einem weiteren Lern-Raum können Sessel mit verschiedenen Oberflächen
(Wellpappe, Baumwolle, Leder) getestet und bewertet werden. Andere Highlights der Ausstellung sind Perriands modulare Aufbewahrungsmöbel, die sie aus fernöstlichen Traditionen weiterentwickelte (unten bunte Regalstützen), ihre Zeichnungen von Wurzeln, Hölzern, Tierknochen und Steinen sowie Gemälde des kubistischen Malers Fernand Léger, der in der Zwischenkriegszeit ein enger Freund und Mitstreiter war.
Charlotte Perriand, Absolventin der Pariser Union Centrale des Arts Décoratifs, führte ein Leben, das einerseits eng mit dem Glamour der 1920er Jahre verbunden war. Kaum 25-jährig entwarf sie als Partnerin Le Corbusiers die wichtigsten der eleganten Möbel aus Leder und Metall für dessen schon damals weltbewegende Gebäude. Zugleich war sie in ihrer Freizeit stets eng mit der Natur, dem einfachen Leben und ganz normalen Leuten verbunden. Viele Wochenenden im Jahr bereiste sie die Alpen, um sich vornehmlich im Wallis, in Savoyen oder nahe Grenoble und Annecy als Sportlerin zu betätigen. Das ist die vielleicht wichtigste Lektion dieser Ausstellung: Dass die Adjektive „edel“ und „einfach“ weder in menschlichen noch in gestalterischen Dingen einen Gegensatz darstellen. Wir haben uns in Salzburg, gemäss den Interessen der Alpinen Kultur, natürlich vor allem auf den montanen Wochenendunterschlupf und andere schlichte und humane Aspekte gestürzt. Es gibt aber noch viele andere kleine Aspekte in dieser Schau. Unbedingt hinfahren und entdecken!
Alexander Hosch
„Charlotte Perriand. Moderne leben – Design, Fotografie, Architektur“, Museum der Moderne auf dem Mönchsberg, Salzburg, bis 13.9. 2026; www.museumdermoderne.at
Parallel läuft in Grenoble eine zweite Schau: „Charlotte Perriand. La montagne re-créative“, musée de Grenoble, bis 23. August 2026. Sie zeigt Perriands zwischen 1927 und 1938 realisierte Fotografien vom Gebirge; www.museedegrenoble.fr

Unsere früheren Beiträge über Charlotte Perriand:
Wir von der Alpinen Kultur lieben ja vor allem die Berge. Aber mindestens
gefahren – nach Sanremo. Denn kaum 50 km von unserer Skipiste an der 2755 hohen Rocca dell´Abbisso fängt schon die Blumenriviera an. Auch in Italien laufen nämlich die Südalpen direkt am Mittelmeer aus. Oder besser gesagt: die Ligurischen Alpen! Was das allein schon für ein magischer Name ist.
nach Blüten, Zitrusfrüchten und frischen Kräutern. Am nächsten Morgen stieg auch noch das große Blumenfest, eine Art Privatfasching mit viel Tanz und einer Wagenparade (Fotos oben und ganz unten). Der größte Unterschied der italienischen Riviera zur benachbarten Côte d´Azur ist ja der Blumenwahnsinn – tausende Gewächshäuser scheinen überall die Hügel hochzuklettern, alle Plätze und Lokale sind festlich mit Nelken, Ranunkeln, Strelitzien und Anemonen geschmückt. So wurde die kleine Kurstadt vor 150 Jahren zum Paradies für
Urlauber. Erst kamen aus ganz Europa die Adligen, die Zarin Maria Alexandrowna ließ an der Promenade, die immer noch Corso Imperatrice heißt, sogar die ersten Palmen pflanzen. An diese Zeit erinnern im Zentrum die Zwiebelkuppeln der russisch-orthodoxen Kirche, die noch immer viel eigene Community hat. Drinnen drängeln sich dann die Ikonen. Neben einem prachtvoll mit Murano-Leuchtern und Ornamenten im Liberty Style glänzenden Casino (Foto) ist die kleine, bunte Schwester der Basilius-Kathedrale (Fotos ganz unten) die exzentrische Topsehenswürdigkeit von Sanremo.
Im Frühstücksbereich des neuen Hotel Europa Palace sagte dann als erstes Vico Magistrettis wunderbare Atollo-Tischleuchte aus den Seventies
freundlich „Buon mattino“ zu uns. Da bekamen wir Designaficonados sofort feuchte Augen – und noch viel bessere Laune. Unser nach sechs Jahren Umbau vor nicht allzulanger Zeit wieder eröffnetes Hotel von 1874 verbindet ganz offensichtlich das Beste aus zwei Welten. Der Komfort des fin de siècle trifft auf äußerst erfrischende Kunstwerke und einen Einrichtungs-Look ganz von heute – 
Zwar machen die typischen Bagni oder stabilimenti balneari (Strandbäder) von Sanremo um diese Zeit gerade erst auf. Aber die hartgesottensten Gäste
saßen mit ihrem caffè schon draußen. Und wir schwammen natürlich, zum ersten Mal in diesem Jahr, in freier Natur. Wenn auch nur kurz und arg fröstelnd. Wie kommt es, dass es hier so viel günstiger ist als in Montecarlo oder in französischen Seebädern wie dem nahen Menton? Sanremo jedenfalls, das sagen alle, hat auch noch ebenso viel Charme und Geschichte wie Nizza oder Cannes. Die Franzosen, so sahen wir, shoppen am liebsten Kleidung und Lebensmittel. Nicht wenige verbringen hier auch ihre Ferien.

Panoramaterrasse kostet allerdings ein Vielfaches. Die Interieurs sind mit Holz und dunklem Stahl minimalistisch eingerichtet, überall brilliert das Designkonzept aus filigranen Midcentury-Möbeln sowie Sesseln und Stühlen in verschiedenen
Grüntönen und in Altrosa. Irgendwann während ihres Aufenthalts müssen Urlaubende unbedingt mal ins schicke und pittoreske neue Lokal Babeuf spazieren. Dessen italienische Tapas, am besten mit Anchovis, haben wir in den Altstadtgassen entdeckt. Dazu wird Roséwein aus Dolceacqua gereicht.
Da nehmen wir uns doch gleich vor, auch nächstes Frühjahr wieder unsere Skistation in den ligurischen Alpen ein paar Tage früher zu verlassen – um Ostern gemütlich-elegant am Meer von Sanremo ausklingen zu lassen. Die Heimfahrt wird uns wieder ein Stück durch die französischen Seealpen, und dann über Cuneo, Turin, Mailand und den Gardasee führen. Was für ein Trip! Wirklich nirgendwo lassen sich die letzten Skiferien besser mit dem allerersten Badeurlaub des Jahres verbinden.
Hotel Europa Palace: Doppelzimmer aktuell ab 250 Euro, je nach Saison auch günstiger. Ganzjährig geöffnet; Wellness & Gym, Haustiere bis 25 kg erlaubt
Der Eintritt in die Russisch-Orthodoxe Kirche Cristo Salvatore von 1913 kostet pro Person 1 Euro.
Das Babeuf in der Altstadt von Sanremo, via Palma 20/22, ist auf mediterrane Küche spezialisiert und auf natürliche lokale Weine wie den weißen Vermentino bzw. Rosé oder Rosso aus Dolceacqua. 
Die Architekturbiennale in Venedig ist stets ein Parcours feinster Ideen. Er wird allerdings noch immer vom etwas angestaubten Konzept der
Was ist Scarch? Ein Mix der englischen Begriffe für „Skulptur“ und „Architektur“, den Not Vital schon früher erfand. 2003 erbaute er in Niger, zusammen mit lokalen Handwerkern, einen Pyramidenturm aus rotem Lehm. Diesmal hat er einen poetischen Treppenturm aus sanft spiegelndem Aluminium errichtet. Wie damals, heißt er „House to Watch the Sunset“. Not Vital führt das inzwischen globalisierte Scarch-Vorhaben damit mitten in die berühmte Palladio-Kirche aus dem 16. Jahrhundert – eben San Giorgio Maggiore. Sein dreigeschossiger Turm mit Stufen an drei Seiten steht im Zentrum der Vierung unter der Kuppel und interpretiert die venezianische Renaissancewelt neu. Man kann sogar sagen, er prägt sie für ein halbes Jahr (bis 21. 11.) kräftig um. Es gibt oben einen 3 x 3 Meter großen Raum und Zugänge an drei Seiten, zu drei Etagen. Danach wandert dieses letzte Scarch-Projekt nur noch nach Tonga im Südpazifik.
Not Vital, der rund um die Welt an vielen Orten wohnende und arbeitende Schweizer, hat in Palladios Meisterwerk jenseits des 13 Meter hohen Stufenturms noch fünf andere Skulpturen und Installationen versteckt. Die Environments gehen allesamt Beziehungen zu den Gemälden und Dekorationen ein und wurden, zusammen mit den Mönchen, zwischen Altarraum, Chor, Kreuzgang 
und Kloster platziert: Zwei minimalistische Silberobjekte, eine Neon-Schrift, ein futuristisches Geweih, eine Textilarbeit. Eine Silberarbeit – im meist unzugänglichen Konklave-Raum, in dem 1800 ein neuer Papst gesucht wurde – etwa repräsentiert genau diesen damals neu gewählten Pius VII. Not
Vitals anspruchsvolles und enigmatisches Konzept integriert die von Palladio mit sinnestäuschenden
Bodenmustern und in beispielloser Schönheit errichtete Kirche, das Kloster und die originalen Gemälde von Tintoretto und Carpaccio, die hier real hängen, als wäre all das nichts.
Generationen gleich, die etwa als Zuckerbäcker das Engadin verließen und später wieder heimkehrten. «Randolins» (Rätoromanisch für Schwalbe) nannte man sie. Und wenn diese Vorfahren zurückkamen, sagten sie in ihrer Mundart: «Che Bellezza Esa Na Sana Che Bellezza Hanna» (welche Schönheit, sie wissen nicht, welche Schönheit sie haben). Genau das
verkündet Not Vitals skulpturales Neonschriftbild jetzt auch in San Giorgio Maggiore. Che bello, wie schön! Noch eine Achse zwischen der Serenissima in der Lagune und Not Vitals Unterengadiner Alpen, wo im heimatlichen Tarasp ein weiterer 13 Meter hoher Treppenturm in den Himmel ragt.
Und so steht auch dieses nomadische, transkontinentale Projekt Not Vitals wieder dafür, dass unser Planet eine große gemeinsame Heimat sein soll.
Mit Zaha Hadid von oben in die Alpen zu schauen, das geht schon länger. In Innsbruck muss man dazu nur im Turmstüberl der von der
Nun aber existiert endlich dieses spaceshipartige Boardinghouse mitten in der Fischer-von-Erlach-Altstadt. Seine 45 silbrigweiß schimmernden Glasfaser-Bubbles schauen wie Argusaugen aus dem Zuckerbäckerbarock in alle Richtungen. Sogar die Tapete (Foto) passt sich an. Für Business- oder Feriengäste, die die
kleinen und großen Wohnungen jetzt – zumindest während der Lockdownzeit – auch tageweise buchen können, heißt das: Sie residieren quasi im Computerbarock. Alles ist digital, vom Check-In über den Zutritt ins Zimmer per QR-Code zu den Service-Apps per TV-Gerät bis hin zum Raumgefühl. Das Bett kann man problemlos als Zentrum seines Cockpits verstehen. Nur die barocke Turmspitze der Stadtpfarrkirche draußen liegt herrlich analog und glasklar vor der Nase. Während man selbst gemütlich bei seinem ersten Espresso im raumhohen Fenster sitzt.
Und sonst? Stehen etwa Lichtschwerter statt Lampen auf dem Nachttisch? Fliegen die Frühstücks-Toasts hier wie Ufos am aufgesperrten Mund vorbei? Nein. Die futuristischen
Zaha-Hadid-Sofas für Moroso oder ihre Alessi-Käsereibe waren dann doch zu teuer für den Hotelgebrauch. Aber auch so rundet angemessen dynamisches Mobiliar das Architekturkonzept ab – man wohnt also perfekt organisch-schrägwinklig. Und genauso futuristisch, wie es von draußen den Anschein hat. Text: Alexander Hosch
Argos by Zaha Hadid Architects, Boardinghouse mit 21 serviced Apartments, 30 bis 80 Quadratmeter. Zur Zeit teilweise ab nur 75 € pro Nacht,
Die Stadt Linz ist irgendwie so un-mozartig. Auch ziemlich un-wienerisch und überhaupt: schwer antibarock. Das war sie schon im 20. Jahrhundert.
Seit 2016 gibt es dort einstündige Bootstouren, die von April bis Oktober jeden Samstag stattfinden, den Rest des Jahres bei individueller Buchung (und für
Gruppe von elf bis 20 Personen) an einem vereinbarten Vor- oder Nachmittag. Dann führt ein fachkundiger Guide (in der Regel aus der Graffiti- oder Hip-Hop-Szene) über die Wellen zu den einzelnen Kunstwerken des Muralismo. Man staunt über die Geschichten der Bilder und die Übertragungstechniken mit und ohne Schablone. Einige der berühmtesten Graffiti-Writers und Mauermaler der Welt, Künstler aus 30 Nationen wie die Szenegrößen Aryz, Roa, Dexter, Nychos und 1UP nahmen in den letzten
sieben Jahren die Gelegenheit wahr, in der „Hafengalerie“ bis zu 50 Meter hohe Industriebauten zu besprühen oder mit der Rolle zu bemalen: Nach der Tour können Teilnehmer – wie auch euer Autor das tat – im Crashkurs von professionellen Sprayern das Erzeugen eigener Murals und Tags lernen. Einmalig.
Citymarketing in Verbindung getreten. Aber wenn jene weltberühmte Zeichnung vom Punkerpenner, der einen schwulen Polizisten küsst (ein Cartoon, das einst der Linzer Karikaturist Gerhard Haderer erfand), hier im Hafen nun in der Form eines 5-Meter-Graffitos weiterlebt, dann ist dies ein höchst aktuelles Statement, das mindestens bis zum Dachstein leuchtet. Und es stellt auch heute noch eine wichtige und dringend notwendige Rebellion gegen Spießermief und biederen Alltagsgeschmack dar. Gerade in Österreich.
Text und Fotos: Alexander Hosch
Anton Bruckner wurde hier geboren. Franz Schubert hat mit Blick auf diese Stadt oft Ferien verbracht. Mozart schrieb 1783 in vier Tagen die „Linzer
Vor ein paar Jahren hat Linz nochmal nachgeladen. 2013 entstand mit dem Musiktheater am Volksgarten, das der Londoner Architekt Terry Pawson erbaute, jene neue Bühne für Szenisches, die bislang fehlte. Ein Fries aus weißen Klaviertasten scheint das geräumige Haus zu krönen. Die vier
verschiedenen Fassadenseiten spielen mit verklammerten Mustern aus Streifen oder Fugen. Technisch ist das Musiktheater eines der modernsten Opernhäuser Europas.
Minuten mit der Bergbahn hin, die hier das Trambahnnetz teilt. Der Besucher fühlt sich zwischen den Plastiken des grünen Freigeländes ein bisschen wie in Stanford. Die Gartenbänke auf den kleinen Kiesflächen sehen wie Miniaturgebäude aus. Und die diversen Säle klingen täglich – sei es zur Übung oder zum öffentlichen Genuss. Die Architektur der jungen Lokalmatadoren MOD ist meisterhaft das Nadelstreifenmuster, das in Form schräger oder vertikaler weißer Lamellen mit wechselnden Abständen die Fassade umhüllt, nimmt dem Bau die Masse, gibt ihm dafür durch Kipp- und Schwingmetaphern eine sublime Eleganz. Man sieht von da oben die Donau, die Stadt und gar nicht so selten den fast 3000 Meter hohen Dachstein – Oberösterreichs mächtigsten Alpenberg.
Als wäre das kleine Linz eine Weltstadt, sind an manchen Wochenenden zusätzlich zum permanenten Klassiksturm auch noch Superstars des Pop zu Gast: Am 8. Juni waren etwa die Toten Hosen da, tags darauf Bryan Ferry. So was ist hier normal.