Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit:
Heimlicher Alpenfilm #23
„Mary Shelley’s Frankenstein“ wurde am Genfersee geboren, im „feuchten, unfreundlichen Sommer“ 1816, wie sich die Schriftstellerin im Vorwort zu ihrem Schauerroman erinnert. Der Ausbruch eines indonesischen Vulkans hatte das Weltklima ins Schwanken gebracht, und das Extremwetter fesselte die Dichterrunde um Lord Byron, Mary und Percy B. Shelley an die Villa Diodati. Was lag näher, als einen Wettstreit um die beste Gespenstergeschichte auszurufen?
Bereits in seiner Kindheit war der mexikanische Filmemacher Guillermo del Toro, virtuoser Puppenspieler im Dark-Fantasy-Genre, vom berühmtesten Monster der Literaturgeschichte fasziniert. Nun hat er selbst eine Version des aus Leichenteilen zusammengeflickten Kaventsmannes zum Leben erweckt, unterstützt von einem tollen Cast, darunter Jacob Elordi, Mia Goth und Christoph Waltz. Nur Oscar Isaac gibt seinem Victor Frankenstein eine zu schrille Note. Del Toros bildmächtige, oscarreife, streckenweise allerdings etwas rühselig geratene Neuinszenierung läuft seit 7. November bei Netflix.
Unter dem Eindruck der Experimente Darwins grübelt Shelley über die Ursprünge des Lebens, thematisiert die menschlichen Manipulationsversuche wiewohl das Scheitern der Vernunft – und pflanzt so ihrem Werk eine geradezu seherische Brisanz ohne Verfallsdatum ein. Indessen konzentriert sich del Toro auf den Humanismus in dem Horrorklassiker: das Ungeheuer als unverdorbener Naturmensch, der sich nach Liebe sehnt, nur äußerlich ein Monstrum.
Bloß einen kurzen Moment der Ruhe gönnt Guillermo del Toro dem Wesen, (mit stoischer Empfindsamkeit gespielt von dem hünenhaften Elordi), nachdem es der Folterkammer seiner Herkunft entkommen ist und als heimlicher Gast in einem abgeschiedenen Bauernhof Unterschlupf findet. Der blinde Bewohner dieser Holzhütte wittert seine Präsenz ebenso wie seine Gutmütigkeit und lässt es gewähren. In diesem geschützten Raum lernt es sprechen, lesen und entwickelt erst eine Vorstellung, dann den drängenden Wunsch nach Identität und Zugehörigkeit. „Mein Name ist Osymandias“, stammelt die Kreatur in Anlehnung an das Sonett von Marys Ehemann Percy Bysshe Shelley über den Kontrast von Selbstherrlichkeit und Ruin, an dem sie sich abgearbeitet hat.

Und nur in dieser Phase der Filmerzählung scheint die Landschaft wohlwollend: Der Alpenkamm im Hintergrund wirkt als Beschützer der Idylle, die sich im satten Wiesengrün und im unschuldigen Weiß eines Blütenteppichs, später auch in den Schneeflocken manifestiert. Guillermo del Toro zitiert die süßliche Überfülle der präraffaelitischen Naturvisionen. Überhaupt hat er sich großzügig am Bilderbuffet der Romantik bedient. Caspar David Friedrichs „Watzmann“ und das „Eismeer“ (beide unten) standen ebenso Pate wie die Christusdarstellungen von William Holman Hunt mit ihrer Kreuzigungssymbolik und den flatternden Bändern. Frankensteins Monster als Messias, das ist schon ziemlich kühn und neu gedacht.

Caspar David Friedrich war nie in den Alpen und hat in seinen Bergbildern dennoch Wirklichkeitstreue mit Theatralik genial verknüpft. Und Guillermo del Toro drehte seinen „Frankenstein“ nicht an den Originalschauplätzen des Romans – etwa der Gletscher über Chamonix oder das Nordpolarmeer – sondern unter anderem in schottischen Gefilden um Glasgow, Stirling und Arbroath sowie in den kanadischen Rocky Mountains. Er fand aber umso eindringlichere Bilder für Mary Shelleys Vorstellungswelt, die sich auf mehreren Schweiz- und Frankreichreisen formte: „Und darüber ragten die weißen, schimmernden Kuppeln und Pyramiden der Alpen in überirdischer Pracht, wie Wohnungen von Wesen, die so ganz anders sind als wir.“

Im Gletschersystem des Mont Blanc – das „Mer de Glace“ floss Mitte des 19. Jahrhunderts noch wie ein flaches, aber aufgewühltes Eismeer vom Bergmassiv bis hinunter in das Tal von Chamonix und ist seitdem um mehr als zwei Kilometer geschrumpft – stoßen Schöpfer und Kreatur wieder aufeinander. „Auch wenn ich nur Stückwerk bin, ich denke, ich fühle. Mach eine wie mich“, fleht das vermeintliche Monstrum, nun ganz Menschenkind und in seiner Einsamkeit gefangen, im Film seinen Erzeuger um eine Gefährtin an. Frankenstein ist grausam genug, den Herzenswunsch harsch abzulehnen, und die traurige Gestalt wendet sich nun in Rage gegen ihren Schöpfer.
Bei Shelley entrinnt niemand in der unermesslichen Weite von Eis und Schnee, im „Brüllen der stürzenden Lawinen“ den Naturkräften. Weder den äußeren noch den im Menschen selbst schlummernden. Die Überlegenheit des „modernen Prometheus“ (so der Untertitel des Romans) ist gescheitert und begraben wie Caspar David Friedrichs Schiff in den aufgetürmten Schollen des Eismeers, wohin Frankensteins Geschöpf schließlich flüchtet. Im Film erlöst dieser skurrile Messias seinen Vater, ihm selbst bleibt dies versagt.
Text © Alexandra González
https://www.netflix.com/de/title/81507921

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