Sportgastein

 

Immer wenn das Frühjahr kommt,  lockt mich Sportgastein. Dann ist es warm, die Sonne scheint, der Schnee passt da oben, auf fast 3000 m, auch. Auf dem Kreuzkogel gibt es neben dem Blick aufs Tauerngebirge dann noch eine wunderbare Erinnerung an die Zukunft von Gestern: Die Gipfelkugel aus Metall des Salzburger Architekten Gerhard Garstenauer aus dem Jahr 1972. Sie ist eines der letzten  Überbleibsel einer visionären Zeit im Gasteinertal.

Ostern würde ich am liebsten gleich nochmal vorbei schauen!

Text und Fotos: Sabine Berthold

Mehr Infos über die Kugel hier: Alexander Hosch, Winzig Alpin, Innovative Architektur im Mini-Format, 2018, DVA Randomhouse

https://www.randomhouse.de/Buch/Winzig-alpin/Alexander-Hosch/DVA-Bildband/e533604.rhd

 

Die rot-weiß-rote Dramaqueen an der Inntalautobahn

#11     

Und schon wieder dran vorbei gefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Bauwerke, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.

Objekt   Klosterkirche zum Heiligen Karl Borromäus / Ort   Volderwaldstraße 3, A-6060 Volders, Tirol /  Koordinaten  N 47° 16.970’  E 011° 33.215’ / Bauzeit   1620–54 / Bau-Grund   Die Pest kann uns mal! / Stil   früher Autobahn-Manierismus / Aktuelle Nutzung  Kirche des Servitenordens / Öffnungszeiten  tagsüber; Messe Fr 7 Uhr, So + Feiertage 10.30 und 18.30 Uhr / Schönster Augenblick   zehn Minuten vor Sonnenuntergang

Warum man immer dran vorbeifährt:   Hinter Hall wird die A12 durch einen Lärmschutzwall fast zur Röhre. Plötzlich poppt ein Kranz bauchiger Kapellen neben der Fahrbahn auf. Zu spät…

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!   Die rot-weiß-rote Karlskirche wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg vom Arzt Hippolytus Guarinoni zu Ehren des 1610 gestorbenen Mailänder Pestheiligen Karl Borromäus gebaut. Kaiser Rudolf unterstützte ihn. Sie ist ein rares Meisterwerk des Manierismus nördlich der Alpen. Dieser Übergangsstil von der Renaissance zum Barock kultivierte Übertreibungen – hier sind es die drei Kapellen, die einander wegzudrücken scheinen. Guarinonis Grundriss ist stark vom etwa zeitgleich erbauten Petersdom in Rom inspiriert. Der Papst sollte Augen machen! Der größte Schatz hier, neben dem Kuppelfresko, ist die Pietà (1707) von Andreas Damasch, links vom Eingang („Brugg’n-Mutter“). Die Serviten sind Mariendiener. Darstellungen der Schmerzvollen Maria, deren Verehrung auf die große Pest 1347–52 zurückgeht, sind typisch für den Orden.

Wie man hinkommt:  Die A12 Richtung Innsbruck in Wattens verlassen, auf der Bundesstraße bis Volders. In Gegenrichtung zwischen Hall und Wattens am Autobahnparkplatz hinterm Lärmschutzwall raus. Ganz vorn durchs Gebüsch steigen. Daneben liegt die Kirche.

Text:  Alexander Hosch          Fotos:  Sabine Berthold

 

 

Heimatarchitektur… ?

IMG_9162 (768x1024)IMG_9127 (768x1024)   … ist eigentlich ein Begriff, bei dem mein emotionales Ich sofort reflexartig Reißaus nimmt. Der Ausweg: Ich denke fest an Steven Holl. Der vignette_2_stadtstammt aus New York City und hat auf seine Baustellen in der Wachau vor allem sich selbst mitgebracht: Seine Poesie, seine Musikalität, seine Lust am Aquarellieren, seine zeitgemäße Avantgarde. Nun ist – inmitten von Trauben für Zweigelt und Grünen Veltliner – vor ein paar Jahren in Langenlois bei Krems zuerst ein fruchtiges Weingut herangereift. Und danach noch ein smaragdiges Hotel.

Von den Traditionen Niederösterreichs schnitt sich Holl nur die zwei Scheiben ab, die er wirklich haben wollte: Erstens fing er die faszinierenden Himmelsbilder über der Donautaler Reblandschaft mit riesigen Glasfenstern ein – sie dringen jetzt, gerahmt von den Leisten der Lochblechfassade, DSC_0301 (1024x681)in jede einzelne Gästesuite. Aquarelle der Natur. Zweitens nahm er die Grundrisse der berühmten Felsenkeller als Blaupause. Nach ihrem Muster kerbte Holl die Einschnitte für die Fenster und für die Fassadensprünge seiner Weinwelt aus Aluminium unweit der Alpen ein, die dadurch fast so wild zerklüftet wirkt wie der Großglockner-Sockel. Außerdem ließ der Mann, der mal ein Wohnhaus auf Long Island „Writing With Light House“ genanIMG_9036 (768x1024)nt IMG_9033 (768x1024)hat (weil die Sonne den weißen Innenwänden rund um die Uhr neue Schatten zeichnet), die Umrisse der langgezogenen, bis zu 900 Jahre alten Kellergänge in eine abstrakte Zeichensprache übersetzen und hinterleuchtete Hohlreliefs basteln. Sie adeln jede Hotelzimmertür zum individuellen Kunstwerk.

Die Amerikaner haben für solche einheimischen Elemente den Begriff „vernacular architecture“ erfunden. Auch Frank Lloyd Wright und Mies van der Rohe arbeiteten zu Zeiten und bei manchen Bauaufgaben damit. Vernacular in der modernen Architektur bedeutet: Man nimmt etwas (aber nicht zu viel) im besten Sinn Bodenständiges, Ehrliches von dem Ort auf, an dem baut, und verbindet es mit dem eigenen Stil. So biedert sich ein Architekt nicht an, respektiert aber die geliebte, kostbare Vergangenheit der Anderen. Wie die uralten Langenloiser Felsenkeller, zu deren filigranen Labyrinthen Holls silbernglänzendes Felsmassiv mit Alublechhaut Zutritt gewährt. Und in denen wohl jeder Wachauer schöne Erinnerungen findet. –  So eine Heimatarchitektur? Immer gern.       Alexander Hosch

Zwei weitere Häuser von Steven Holl findet ihr in meinem Buch „Traumhäuser am Wasser“ vorgestellt:  Das private Writing With Light House auf Long Island /USA und eine Kunstsammler-Villa in Südkorea.             https://www.callwey.de/buecher/traumhauser-am-wasser/

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