Drei Seile für ein Halleluja

p10105873 S – das ist jetzt die Zauberformel am Stubaigletscher. Sie steht für „drei Seile“ – ein Zugseil, zwei Tragseile. Mit ihnen hält die nagelneue 3-S-Eisgratbahn, wenn sie bis auf 2.900 Meter hochfährt, künftig Windspitzen bis 130 Kilometer vignette_alpenstaunenaus (und nicht mehr nur bis 60). Warum? Wegen der „Windsperrtage“. Das ist das Horrorwort für Skiliftbesitzer. Bislang musste die Stubaier Bergbahn an zehn bis fünfzehn Tagen zwischen Oktober und April geschlossen bleiben, weil es zu stürmisch war für die Auffahrt. Obwohl man oben prima hätte Skifahren können. Ein Jammer. Bei der offiziellen Einweihung am 3. Dezember hieß es jetzt, dass davon wohl nur ein bis zwei stille Tage übrig bleiben werden. Das substanzielle Lifting hat stolze p101057865 Millionen Euro gekostet und ist damit übrigens Österreichs größte Einzelinvestition in die Ski-Zukunft. Für dieses Geld bekam Stubai eine innovative Gletscherbahn-Konstruktion von der Sterzinger Leitner-Gruppe und eine nagelneue Architektur für die versetzte Talstation sowie passende Anbauten an Berg- und Mittelstation

p1010541Neben den lichtfurchfluteten Stationen aus transluzenten Doppelstegplatten sind die orangefarbenen neuen Panoramagondeln der zweite Hingucker. Die bekannte italienische Designschmiede Pininfarina hat die 48 Kabinen so exklusiv wie First Class Bereiche entworfen. Zu den je 24 Sitzen mit Rundumblick kommen acht Stehplätze. Weil die Bahn auch noch schnell ist, verdoppelt sich die Transportfrequenz zum Gletscher auf stündlich 3000 Fahrgäste, die während der 11 Minuten zum Eisgrat freies WLAN haben. Der schnittigste Baukörper stehtp1010547 übrigens im Tal: Seine durchscheinende, angerundete Kubatur erinnert an einen Hochgeschwindigkeits-Zug. Anthrazitfarbener Beton kleidet die Flachteile.

Zum Gestaltungskonzept des größten österreichischen Gletscherskigebiets gehört schon länger die bei mildem Winterwetter begehbare Aussichtsplattform „Top of Tyrol“ von den Innsbrucker LAAC p1010382Architekten, die auf 3.210 Metern den Blick über 109 Dreitausender frei gibt. Und der silberne Käfig der „Jochdohle“ – ein Metall-Glas-Rondell mit dem höchst gelegenen Restaurant Österreichs darin. Etwas unterhalb gibt es im „Schaufelspitz“ in der Bergstation Eisgrat zur Spitzen-Lage auch noch Spitzen-Verpflegung: Denn Küchenchef David Kostner hat seit 2015 bei Gault Millau nicht weniger als zwei Hauben auf.

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Nietzsches Weg nach oben

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Man vergisst oft, dass die Alpen bis ans Mittelmeer reichen. Hier aber nicht, dafür ist es zu steil. Der Aufstieg von Èze-Bord-de-Mer direkt an der Côte d´Azur nach Èze-Village in den Felsen darüber wurde 1883 durch Friedrich Nietzsche veredelt. Er beflügelte den Philosophen zum Finale vignette_alpenstaunenseines berühmtesten Werks. „Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger“, verkündet sein Zarathustra zu Anfang des dritten Teils, „ich liebe die Ebenen nicht.“ Also hinauf! An der Côte, wo Nietzsche zwischen 1883 und 1887 fünf Winter verbrachte, wurde das malerische zweigeteilte Dorf zwischen Nizza und Monaco sein Lieblingsort. Die südlichen Felsen der Alpes-Maritimes steigen über Èze dramatisch auf 700 Höhenmeter an. Dort wanderte Nietzsche vom Bahnhof unten am Meer immer wieder in den mittelalterlichen Ortsteil hinauf – stets den gleichen Pfad wählend. Und beobachtete, wie das Gehen sein Denken veränderte. Wie der Aufstieg die Gedanken erhitzte. Und gleichzeitig klärte.

Natürlich haben sie in Èze den paradiesischen Pfad zwischen Palmen, Kräutern, Büschen, Felsen, Himmel und Mittelmeer längst nach dem hier img_8935schöpfenden deutschen Dichter benannt. So kann der Spaziergänger, wenn er denn will, den eineinhalbstündigen Aufstieg ganz als Ausflug in die nietzscheanische Seelenlandschaft zwischen Erhabenheit und Unendlichkeit erleben. Andere werden vielleicht lieber die Prunkvilla des Stabhochsprungweltrekordlers Bubka am Wegesrand bewundern. Oder ganz oben das Superluxushotel Château Chèvre d´Or  betrachten, in dem hier immer die Promis absteigen. Wenn schon, das stört keinen großen Geist.

Wie sprach nochmal Zarathustra? „Und was mir nun noch als Schicksal und Erlebnis komme, ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selbst.“ Klingt eigentlich recht bodenständig und gemittet. Womöglich hat der bergsteigende Nietzsche da in Èze, bevor er dies schrieb, einfach die Frühform eines echten Flow erlebt. Alexander Hosch

Chemin de Nietzsche, 06360 Èze, Côte d´Azur, Alpes-Maritimes, Info: Tel. +33 4 93 41 26 00, www.eze-tourisme.com

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Klar, man könnte durch die Alpen ganze Nietzsche-Pfade hauen! Von Sils Maria im Engadin bis an die Côte d´Azur, wo er überall dichtete,. Und weiter durchs Piemont nach Turin, wo ihn ab 1889 der Wahnsinn umnachtete. Am schönsten ist es auf dem Chemin de Nietzsche in Èze, hier der Blick nach unten und auf den Horizont.

Das einfache Leben

DSC_0204…war schon immer gar nicht so leicht. Als die Pariser Art-déco-Designerin Eileen Gray privat ab 1928 für den Urlaub einen schlichten neuen Stil in ihrem Ferienhaus E1027 bei Monaco erprobte, kam ihr bald der weltberühmte Architekt Le Corbusier in die Quere. Er wollte auch ein einfaches Leben, allerdings ein anderes. Kurioserweise fand er es genau auf dem Grundstück neben Eileen Gray. Heute werden auf Auktionen Millionen für ein frei schwingendes Original-Sitzmöbel aus dem einfachen Leben von Eileen Gray (oder aus dem von Le Corbusier) gezahlt.

vignette_alpenstaunen Da ist es ein Glück, dass seit Kurzem in Roquebrune-Cap Martin zwischen Monaco und Menton, also da wo an der Felsküste der Côte d´Azur die Seealpen endgültig ins Mittelmeer

Detail aus einer Unité de Camping - auch von LC
Detail aus einer Unité de Camping – auch von LC

übergehen, jeder für ein paar Euro dieses Ferienparadies der Moderne besichtigen kann. In einer gemeinsamen tollen Führung, allerdings nur auf Reservierung, entfalten Le Corbusiers Blockhütte „Cabanon“ von 1951 (gerade vor vier Wochen ins Weltkulturerbe gewählt) und Eileen Grays frischDSC_0081 restauriertes Ferienhaus von damals ihre Reize. Es sieht jetzt – mit Hängematte und Astralpanorama- endlich wieder wie ein kleiner weißer Dampfer der Moderne aus, muss indes im Winter dringend weiter saniert werden (wofür man noch einen big spender sucht, also bitte melden). Anschließend sollte man sich unbedingt an einem der benachbarten Strände seinen eigenen Platz fürs einfache Leben suchen – oder wenigstens, so wie der Autor – siehe unten, eine schöne Strandbar. Formidable!              Alexander Hosch

Maison en bord de mer E1027 (von Eileen Gray) und Le Cabanon (von Le Corbusier): bis in den Frühherbst täglich zwei geführte Besichtigungen von 2 ½ Stunden für je 12 Personen. Reservierungen: Association Cap Moderne, F-06190 Roquebrune-Cap Martin, www.capmoderne.com.Die große Geschichte dazu: in der Süddeutschen Zeitung vom 13.8. („Die Frau vom Meer“, Feuilleton).

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Noch ein verstecktes Paradies in Cap Martin. Tipp: Rund 1000 Meter von E1027.

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Aromatherapie für die Augen

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Es ist nur zwei oder drei Stunden am Tag schön, so wie den ganzen Juni über? Macht nichts, das reicht, wenn man in München wohnt: Einfach mittags im Internet das frisch vignette_alpenstaunengepostete Bild eines Freundes vor Eibsee und Zugspitze entdecken. Begeistert sein. Kurz entschlossen in nur sechzig Minuten selber nach Grainau hinter Garmisch fahren. In weiteren fünfundsiebzig Minuten zum Eibsee hochwandern. Am See-Ufer riecht es dann so herrlich nach Zeder, als wäre man am südlichen Mittelmeer. Ist der Duft etwa echt hier heimisch – oder hat nur jemand dieses angesagte neue Grillholz gekauft? Egal. Reinspringen, Panorama mit Zugspitze und Stand-Up-Paddler genießen, wieder runterlaufen, heimfahren. Geht alles locker bis zum Abendessen. Und wochentags garantiert ohne Stau. Beim Abstieg an der wunderschön in der Etappe gelagerten Almblumenwiese noch eine Prunella vulgaris (Kleine Braunelle) pflücken, für den nächsten Fotostudio-Tag.         ah

Prunella vulgaris von einer Almwiese unterhalb des Eibsees
Prunella vulgaris von einer Almblumenwiese unterhalb des Eibsees, gefunden am  12. Juni 2016

Grün-Blauer Reiter

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Heinrich Campendonk, der jüngste Maler des Blauen Reiter, lugt kaum aus dem Schatten von Marc, Macke, Münter, Klee und Kandinsky hervor – so berühmt sind die Anderen. Das könnte sich jetzt ändern: Am 4. Juni eröffnet das alte Penzberger Stadtmuseum. Mit Anbau und unter neuem Namen.

Man kann dort nun viele kleine Feinheiten entdecken. Wie das ins Treppenhaus integrierte farbige Campendonk-Glasfenster, die typischen schmalen ak_dsc_0193bExpressionistenrahmen aus Weichholz (einer soll sogar von „Brücke“-Kollege Ernst Ludwig Kirchner stammen) oder die realen Berge Benediktenwand und Herzogstand im Hintergrund. Sie geben der Kunst bei jedem Wetter eine charmante Alpenkulisse.

ak_dsc_0215bausschnitt25Mit einer dunkeltonigen, silbern aufblitzenden neuen Klinkerziegel-Architektur, welche die Kubatur eines bestehenden Bergarbeiterhauses verdoppelt, stellt sich die ehemalige Grubenstadt in den Voralpen nun endlich der alten Verbindung zum Blauen Reiter. Die höchst speziellen Penzberger Koloniehäuschen und ihre hügelige bäuerliche Umgebung sind als Staffage auf vielen Gemälden, Zeichnungen und Glasbildern Campendonks zu sehen, von dem die Stadt seit Kurzem mehr Arbeiten als jede andere besitzt – um die 300.

1911 luden die Münchner Avantgardisten den Krefelder Campendonk (1889-1957) zu sich nach Bayern ein. Bis 1922 lebte und arbeitete er in den Voralpen, erst im nahen Sindelsdorf, dann in Seeshaupt am Starnberger See. ak_dsc_0139b
Besonders Klee war ein enger Vertrauter. Campendonk stilisierte seinen Expressionismus bis ans Lebensende, sichtbar beeinflusst von den älteren Malerfreunden, als naiv-geheimnisvolle, oft in grün-blaues Dämmerdunkel getauchte Naturwelt. In den melancholischen, bisweilen auch irgendwie chagallesken Szenerien kommen zu jeder Epoche Mond und Sterne, Kühe, Ziegen, Marionettenfiguren oder liegende Akte vor. Zu sehen und zu schätzen ab sofort 50 Kilometer südlich von München.    Alexander Hosch

Ab 4. Juni: Museum Penzberg – Sammlung Campendonk, Karlstraße 25, 82377 Penzberg; www.museum-penzberg.deak_dsc_0145bk

Pflanzenfundstück

johanniskrautJohanniskraut, 2013

Die elegante Fotoserie „Florilegium“ von Sabine Berthold wird 2016 weitergehen. Sie ist eine Sammlung von weitem Begriff – nicht nur, weil die Digitalprints (Größen 20 x 30, 30 x 45, 60 x 90 cm) sowohl Blüten, Blätter und vignette_alpenstaunenKräuter als auch Stängel, Halme, Samenkapseln, Früchte oder Ausschnitte davon – pars pro toto – zeigen. Zu den vegetabilen „Darstellern“ der filigranen und manchmal bizarren Stillleben gehören Mitbringsel von Freunden, Trouvaillen aus dem Urlaub und aus dem Wohnkaufhaus, am Wegrand gefundene oder speziell gesuchte Pflanzen, Blumen, die vom Balkon auf die Großstadtstraße gefallen sind, Ableger aus dem Garten, florale Fundstücke, die am Gelände der Großmarkthalle zwischen nicht mehr gebrauchten Gleisen heranwuchsen, exotisches Fallgut aus dem Botanicum… Nicht alle sind aus den Alpen oder Voralpen. Aber viele. Wie das Johanniskraut (oben) vom Südufer des Starnberger Sees, sozusagen der nördlichste Quadratmeter des Murnauer Mooses.   ah

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Eukalyptus, 2015

Mehr Motive:  http://www.sabine-berthold-fotografie.de/

Frühjahrsskifahren

AK_LESARCS-2Die frohe Botschaft für Frühjahrsskifahrer kommt aus Frankreich, genauer: Savoyen. Dort, wo die Skistationen der Architekturmoderne nicht unten im Tal, sondern so hoch wie möglich, zwischen 1600 und 2000 Metern, angelegt worden sind, braucht man auch im April nicht auf das kalte Feuer aus den Schneekanonen zu warten, um guten Gewissens seine Kurven zu ziehen. Das weiße Zeug ist einfach sowieso da. Manche dieser Reißbrett-Skidörfer liegen sogar auf mehr als 2300 Metern – so wie Val Thorens im größten Skigebiet der Welt, den Trois Vallées in der Tarentaise. vignette_alpenstaunenDort kann man sogar im Mai noch Skifahren. Les Arcs, etwas weiter nördlich, liegt nicht ganz so hoch – aber dafür führt dieses Skigebiet an der Aiguille Rouge im Vanoise-Massiv auf in Europa kaum schlagbare 3.226 Meter Höhe. Und meist stellt sich, gleich gegenüber des Gondelausstiegs, der Mont Blanc in den Blick. Alles ist im Frühjahr übersichtlich und klar: die Zahl der Menschen, die Aussicht, die in Savoyen stets bestens präparierten Pisten. Durcheinanderkommen kann man trotzdem – wie an der Skischaukel zwischen Les Arcs und La Plagne der Wegweiser-Schnappschuss von Anfang April (oben) beweist. Da wünscht sich der wegsuchende Pistenfuchs doch gleich in einen der vielen vollendet verständlichen französischen Autokreisverkehre zurück.  ah

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Das Bulle Café im Skigebiet bei Les Arcs 2000