Der Weg ist die Kunst

Man muss sich die Schweiz durchlöchert wie einen Emmentaler Käse vorstellen. Hauptverkehrsadern sprengen die Eidgenossen am liebsten als Tunnel durch den Fels. Doch die Kulturgeschichte des Transits beginnt hoch oben, bei den Wegen, die sich über die Berge schlängeln: Uralte Saumpfade, Napoleons Alpentrassen und Kutschenwege der Belle Époque veranschaulichen den steten Flow von Waren, Menschen und ihren Ideen. Leider sind nicht all diese historischen Passagen in ihrer Originalsubstanz erhalten. Umso erfreulicher, dass eine neue Publikation der Baukulturorganisation Schweizer Heimatschutz einige der bestehenden Strukturen erlebbar macht. Dazu fischte man 35 Wanderrouten aus einem Pool alter Transportstrecken, die seit den 1980er Jahren erforscht und kartiert wurden.

Doch wo beginnen? Entlang der bernischen Salzstraße Via Salina, auf der das für die Käseherstellung so bedeutende weiße Gold aus dem Ausland über ein mittelalterliches Wegesystem mit eingetieften Radspuren gekarrt wurde? Oder an der Alten Axenstraße mit ihren Panoramaaussichten auf den Vierwaldstättersee? Ein fulminanter Start wäre auch die Tour auf der Fährte Napoleons, der 1805 am Simplonpass die erste Kunststraße der Alpen fertigstellen ließ.

Ambition macht selbst vor Wasserwegen nicht halt. Nichts Geringeres als eine schiffbare Traversale zwischen dem Mittelmeer und der Nordsee wollte man im 17. Jahrhundert im Waadtland verwirklichen. Allerdings: Nach zehn Jahren Bauzeit kapitulierten die Visionäre angesichts 59 noch zu bezwingender Höhenmeter und 40  Schleusen, die hätten realisiert werden müssen. Die Route entlang des Ancien Canal d’Entreroches erzählt von diesem zerschellten Traum. Auch die Baumeister der 1811 begonnenen Verbindung von Bern zum Gotthard über den Sustenpass mussten ihren Ehrgeiz hier oben begraben – sie wurde nie fertiggestellt. Den Abstieg zu Fuß entlang der ursprünglich geplanten Trasse versüßen heute Ausblicke auf eine zweite atemraubende Serpentinenstraße, die erst 1946 in die Landschaft eingebettet wurde.

Sämtliche lose Routenblätter sind mit detaillierten Kartenausschnitten, Fotografien sowie Tipps zur Reiseplanung ausgestattet und in einem handlichen Schuber untergebracht. Der Weg ist das Ziel. Wer also im Sommer mal wieder in einer Schweizer Blechlawine feststeckt, hat neben Proviant und Langmut besser auch diese Publikation im Gepäck. Zumindest um sich wegzuträumen.  Alexandra González

 

„Heimatschutz unterwegs. Historische Pfade“, CHF 28. www.heimatschutz.ch, sämtliche Wegstrecken sind auf schweizmobil.ch hinterlegt.   

Big in Japan, winzig in Krumbach

Irritationen sind die Würze des Lebens. Es war eine der besten jüngeren Ideen der alpinen Architektur, den Bregenzerwald mit sieben Buswartehäuschen aus der Hand internationaler Architekten zu bestreuen. Architekturzentrum Wien und Vorarlberger Architektur-Institut taten sich dafür mit dem neugegründeten Verein Kultur Krumbach und lokalen Handwerksbetrieben zusammen. Beauftragt wurden unter anderem: der Chilene Smiljan Radic, Pritzkerpreisträger Wang Shu aus China und die Spanier von Ensamble Studio.

Die gelben Landbusse halten nun seit 2014 im Tausend-Seelen-Dorf Krumbach und seiner Umgebung bei extrovertierten kleinen Paradiespavillons, die vor dem Wetter schützen und die Gedanken entführen sollen. Zwischen Schule, Tennisplatz, Gasthaus und Jägerheim. Auf Hügelspitzen, in Talsenken und neben Tannenwäldchen.

Für die irritierendste Irritation kann man sich bei Sou Fujimoto aus Japan bedanken. In Vorarlberg kommt er mit einer Kleinigkeit groß raus. Man übersieht sein Mikado aus der Ferne fast: Der Architekt legte in Krumbach statt einer Hütte einen weißen Stangenwald an, der abstrakt an eine Gruppe

Bäume erinnert. Das ist Hoch-Kultur: Wartende können die Metall-Äste über Holzstufen erklimmen. Bei leichtem Regen beschirmen einen die Trittstufen (ein bisschen). Eine heitere Etüde, die sehr gute Laune macht. Moderne Architektur kommt erst bei den Menschen an, wenn sie ihren Alltag durchdringt, philosophiert Jürgen Habermas. Hier ist das ganz wunderbar gelungen.    Alexander Hosch                                                           Fotos: Sabine Berthold

Rustiklamourös

Wie der letzte Schrei der Designmode einmal in die Alpen kam? Ganz einfach. Man schrieb das Jahr 1946, und Charlotte Perriand war gerade von einer sehr inspirierenden, sechs Jahre dauernden Reise nach Japan und Vietnam zurück. Sie übernahm gleich als Erstes den Auftrag, in den französische Alpen ein Hotel der neuen Art einzurichten. Für die erste Skistation der neuen Art: Méribel. Unter anderem entwarf die Architektin und Designerin damals für das Le Doron einen Hocker, der an die Melkschemel der Kuh- und Schafhirten erinnerte. Die kannte sie, weil sie ihre Kindheit in Savoyen, nicht allzuweit von den „Drei Tälern“, zu denen Méribel nun gehört, verbrachte hatte.

Auch wenn auf heutigen Auktionen die sechsstelligen Erlöse eher Unikate erzielen, die Perriand um 1927 mit Le Corbusier oder in den 1950ern mit Jean Prouvé entwarf: Der Hocker Méribel wurde ihr populärstes Möbel. Er ist es immer noch. Denn den minimalistischen Schemel, der sich auch als Tischchen gut macht, gibt es als Reedition bei Cassina. Nur das Hotel Le Doron sieht innen jetzt leider ganz anders aus. Schließlich müssen die schwer begehrten Einrichtungen aus der alten Zeit alle auf Versteigerungen (siehe dazu mein Bericht in der SZ am 21./22. Oktober über die Auktion „Charlotte for ever“) ihre Holz-Haut zu Markte tragen.

    Unbeschadet dagegen: Perriands Berg-Architektur. Lange Zeit nach Méribel ließ sie zwischen 1960 und 1990 in neuen Skidörfern auf 1600, 1800 und 2000 Meter Höhe für mehrere zehntausend Gäste im Jahr die Hotels und Residenzen von Les Arcs bauen. Sie sind wahre filigrane Gegengebirge aus Menschenhand, mit viel Holz, Glas und Sonnenterrassen – überall scheinen die Strahlen bis in die letzten Winkel. Unsere Fotos stammen aus den Jahren 2012 bis 2016 und zeigen u. a. die Résidence de La Cascade in Arc 1600 von Perriand und Guy Rey-Millet sowie andere Gebäude, die sie dort zusammen mit dem Atelier d`Architecture de la Montagne (AAM) entwickelt hat; sie zeigen auch den heute über 90-jährigen Rey Millet und sein persönliches Mini-Appartement in La Cascade / Arc 1600 – eines der wenigen, das noch original eingerichtet ist. Mit der legendären Fensterbank, mit den Schwenklampen, mit den Hockern. „Wir waren ein Team ohne Anführer“, sagte uns Rey-Millet 2012 im Interview, als wir zum ersten Mal da waren. „Aber Charlotte Perriand war die Wichtigste – unsere Muse!“

Wir Gäste staunten bei ihm über orange-emailliertes Metall an den Herdzeilen und über eine Kunststoff-Kapsel mit Komplett-Bad. Und uns begeisterten die vielen klugen, eleganten Stauraum- und Ablagemöbel. Kästchen, Bibliotheken, Sideboards und Regale waren in ihrem Leben die größte Domäne der Charlotte Perriand – nichts hat sie mehr fasziniert. „Luxus bedeutet nicht Gold oder Baccaratschliff“, rief uns der alte Architekt damals noch zum Abschied zu. „Wahrer Luxus ist, wenn man den Raum zu nutzen weiß!“

 

 

Text: Alexander Hosch

 

 

 

Fotos: Sabine Berthold

Herbst der Partisanen

Das untere Sarca-Tal erstreckt sich von der Limarò-Schlucht bis nach Riva del Garda. Mit alten Villen ist es gesegnet, mit Renaissance- und Barockkirchen, mildem Klima und einer bizarren Landschaft aus Gesteinsmassen, die urzeitliche Bergstürze hier hinterlassen haben. Ein Paradies für Sportler, Naturfreunde, Kulturbeflissene. Was viele Besucher nicht wissen: In diesem verwöhnten Landstrich am Flusslauf der Sarca formierte sich in den frühen Vierzigerjahren wirkungsvoller Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Am Ende des zweiten Weltkriegs verdankte Riva del Garda der Partisanenbrigade Eugenio Impera gar seine Befreiung.

Das MAG, ein Museum in der Festung von Riva, idyllisch vom Gardasee umspült, hat zu diesem besonders dramatischen Abschnitt italienischer Geschichte die bemerkenswerte Ausstellung „Achtung Banditen!“ realisiert. Zahlreiche Vintagefotos, Originalurkunden, Texte auf Italienisch und Englisch sowie Videoinstallationen dokumentieren die Anstrengungen der alpinen Rebellen im Kampf gegen die Gräuel der deutschen Besatzung . Unter die Haut geht die Schau, wenn man plötzlich Historie in den Händen hält: Eigens wurde das einst in Rivas Via Verdi angesiedelte Gestapo-Büro rekonstruiert – in diesem Dienstzimmer lassen sich nun eine Kartothek öffnen und die Karteikarten mit den Biografien der Partisanen betrachten und befühlen, wie überhaupt der Heldenmut einer ganzen Region in der Ausstellung ein Gesicht bekommt. 

Die Schau zeichnet die Entwicklung von Jugendlichen aus dem Sarca-Tal nach, die vom Faschismus über den lebensreformatorischen Antifaschismus der „Figli della montagna“ (Kinder der Berge) zum militanten Widerstand wechselten. Sie erzählt von der tragischen Nacht zum 28. Juni 1944, als die Nationalsozialisten elf Partisanen exekutierten und von den Narben, die die Bevölkerung nach Kriegsende davontrug.

Résistance ist also kein heroisches Privileg der Franzosen, sondern auch integraler Bestandteil der Geschichte des Trentino, wo sich der Widerstand vor allem entlang der Provinzgrenzen bildete. Zivilcourage hieß hier einfach Resistenza.

Alexandra González

 

Achtung Banditen! Widerstand im unteren Sarcatal. 1943 bis 1945. MAG Museo Alto Garda, Riva del Garda. Bis Sonntag, 5. November 2017. Der Katalog zur Ausstellung kostet 2 Euro.
http://www.museoaltogarda.it/de/mostre/temporanee/exhibits/exhibit/achtung_banditen_la_resistenza_del_basso_sarca_1943-1945

Hinter Glas am See

„Das Blaue Land hinter Glas“ heißt ein Kunst-Schwerpunkt, den vier Museen (Murnau, Kochel, Penzberg, Bernried) von Ende September bis Februar groß mit Symposien und Ausstellungen zum Expressionismus inszenieren. Vorteil, wenn man schon jetzt im Sommer hinfährt: Man kann bei dem kleinen Ausflug gleich in vier verschiedene oberbayerische Seen – wie den Kochelsee oben – springen! Und einige wichtige Hinterglasbilder befinden sich ohnehin in den Dauerausstellungen. Wir haben sie vorab schon mal besucht.

Erste Station: das Schlossmuseum (u.) in Murnau am Staffelsee. Hier sieht man, dass Abstraktion und Herrgottswinkel in Oberbayern schon seit über 100 Jahren beste Freunde sind. Denn eines Tages nahm Gabriele Münter, die in Murnau seit 1909 mit ihrem Lebensgefährten Wassily Kandinsky  ein Landhaus hatte, einfach die Ettaler Gnadenmaria und die Madonna von Altötting aus ihrer Schnitzfigurensammlung. Und baute sie voller Hingabe als Motive in ihre expresssionistischen Gemälde ein. Die Blaue Reiterin machte auf diese Weise aus den vertrauten Alltagsdevotionalien etwas aufregend Neues. Zu sehen, wie auch rund 15 von Münters schönsten Hinterglasbildern, in der aktuellen Ausstellung Gabriele Münter und die Volkskunst, bis 12. November, www.schlossmuseum-murnau.de . (Plakat-Foto rechts A. Hosch). Vor oder nach dem Kunstbesuch lockt das Strandbad am See.

Zweite Station: das Franz Marc Museum am Kochelsee (l.). Marc hat nicht so viele Hinterglasbilder geschaffen – er fiel ja schon 1916. Gerade sein frühes Großformat in dieser Technik, „Landschaft mit Tieren und Regenbogen“ von 1909 (unten ein Ausschnitt), wirkt indes wie ein Potpourri der ikonischen Motive des ganzen frühen Blauen Reiters: Die Gouache auf Glas, collagiert mit Siberfolie und Papieren, versammelt Pferde, Pflanzen und Gestirne. Wenig bewegte die Künstler der beginnenden Moderne mehr als die friedliche Revolution einer kosmischen Einheit von Mensch und Tier. Dieses Hinterglasmotiv war Marc selbst so wichtig, dass er es schon 1912 in der epochalen Schau in der Münchner Galerie Thannhauser zeigte. Heute kann das schöne Bild jederzeit im 1. Stock des Museums besucht werden; das Drumherum folgt dann erst im Oktober: Franz Marc – Landschaft mit Tieren und Regenbogen, Studioausstellung zur Entstehungsgeschichte (15.10.2017-18.2.2018, Kochel, www.franz-marc-museum.de). Gleich unterhalb des Museums empfehlen sich ein Schwimmsteg oder die Bootsanlegestelle des Kochelsees.

Nur ein paar Kilometer weiter erzeugte in Sindelsdorf auch der jüngste Blaue Reiter, Heinrich Campendonk, voller Verve Hinterglasbilder. Sogar 76 Stück. Bis in die 1950er Jahre. Der Rheinländer hatte sich 1911 von Franz Marc begeistern lassen und war nach Oberbayern in dessen Nachbarschaft umgezogen, später weiter nach Seeshaupt am Starnberger See. Gisela Geiger leitet in Penzberg, also praktisch nebenan, unsere dritte Station: die erst 2016 eröffnete Sammlung Campendonk. Sie verantwortete auch den neuen Catalogue Raisonné und schätzt darin Campendonks lange übersehene Glasgemälde einerseits wegen „der Steigerung der Leuchtkraft der Farben“, andererseits wegen der „subtil eingesetzten grafischen Strukturierung“ als Höhepunkte in seinem Gesamtwerk ein. Heinrich Campendonk, Die Hinterglasbilder, 244 Seiten, 467 farbige Abbildungen, sieben Textbeiträge zu Motiven, Technik und Materialien, Wienand Verlag, 49,90 € (Cover-Ausschnitte oben und u. l.). Das großformatige Buch gibt die raffinierten Techniken preis – Bronze-Einsprengsel, Marmorierung, radierte Flächen und Stupfen mit der Fingerkuppe –, mit denen Campendonk die magische Transparenz erzielte und  seine Motive unverwechselbar machte. Dieses allererste Werksverzeichnis nur für Hinterglasbilder eines Blauen Reiters zeigt gepunktete, schraffierte und karikaturhaft umrissene Tiere, Pflanzen, Mädchen, Bauern und Pierrots – in diesem Stil war dieser Künstler den französischen Fauves oft näher als deutschen Kollegen. Einige werden später in der Schau „Tiefenlicht. Malerei hinter Glas von August Macke bis Gerhard Richter“ (23.9.2017 – 7.1.2018, www.museum-penzberg.de)  vertreten sein.

Der nächste Badestopp könnte auf dem Weg von Penzberg nach Norden an einem der 20 Osterseen stattfinden (Naturschutzgebiet mit ausgewiesenen Schwimmstellen). Zwanzig Kilometer weiter liegt unsere Station Nummer vier: Im Buchheim Museum der Phantasie Bernried (links) versammelt die Präsentation Über Nonnenspiegel und Zirkusschweine (13.10.-18.2.2018, www.buchheimmuseum.debayerische Hinterglasbilder des 19. und frühen 20. Jahrhundert, wie sie Münter, Jawlensky, Marc, Macke und Co. damals als Vorbilder dienten. Hier können sich die Besucher, mit Blick auf den Starnberger See, entweder selbst in Hinterglasmalerei versuchen oder die malerischen Segelschiffe (Foto unten) besuchen, die einen Spaziergang weiter in der Marina gleich rechts liegen.   Alexander Hosch

Ur-Hölle und Berghotel

150 Jahre Wege und Schutzhütten. Was die Menschen in den Ostalpen gebaut haben, versammelt jetzt ein neues zweibändiges Werk, herausgegeben vom Deutschen Alpenverein, dem Österreichischen Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol. Man erfährt, dass in diesen eineinhalb Jahrhunderten über 500 Hütten entstanden und 30.000 Kilometer Wege gebaut und gepflegt wurden. Die zwei Bücher sind das Ergebnis eines gemeinsamen Forschungsprojekts zur Kulturgeschichte und Architektur, welches die Alpenvereine gemeinsam vor drei Jahren begannen. Band 1 enthält Aufsätze und Fotoserien von Spezialisten zur Kulturhistorie, zu Bau und Erhalt, zum Denkmalcharakter und zu neuen ökologischen Architekturformen, zur Sozialgeschichte zwischen Wirt und Gästen, aber auch zu Politik und Hütten-Logistik.

Klar wird zum Beispiel, dass die Hütten über die Jahre immer größer werden mussten. Die Buch-Macher, darunter die Archivare der Alpenvereine, zeigen mit Fotos, Modellen, Beschreibungen und Zeichnungen auch, dass nicht jeder Satteldach-Traum, der auf dem Foto klein und herzig aussieht, tatsächlich ein Idyll ist, das sich auch in die Landschaft einfügt. Man kann nachlesen, wie schwierig es in den politischen Wirren nach dem 2. Weltkrieg gewesen sein muss, die geldfressenden Hütten entlegener Sektionen des Alpenvereins (“Dresdner Hütte”, “Magdeburger Hütte”) in der veränderten Welt bewohnbar zu halten. Oder man lernt, wie sich weit entfernt lebende Städter in den Bergen verwirklichten und mit Tatkraft am Wege- und Hüttenbau beteiligten,. Der nämlich blieb stets Aufgabe der einzelnen Sektion. Immer gab es dabei Diskussionen unter den Mitgliedern und Funktionären darüber, was angemessen ist: mehr Komfort oder mehr Zurückhaltung gegenüber der Natur. Band 2 liefert dann eine wertvolle Übersicht sämtlicher 569 ostalpinen Schutzhütten, die im Bereich der drei genannten Alpenvereine in den letzten eineinhalb Jahrhunderten gebaut worden sind. Schönes, nützliches Werk!

In der zugehörigen neuen Ausstellung im Alpinen Museum auf der Münchner Praterinsel stehen gegenüber den Stationen in Innsbruck und Bozen deutsche Hütten im Vordergrund, alte und ganz junge. So erhielt, um ein Beispiel zu nennen, die Fiderepasshütte der Sektion Oberstdorf am Eingang des Mindelheimer Klettersteigs 2013 einen zurückhaltenden Relaunch, indem Architekt Rainer Schmid die 40 Schlafplätze elegant unter die Terrasse verlegte. Im Garten des Alpinen Museums wurde andererseits vor Kurzem die jüngst unter der Zugspitze abgebaute Höllentalangerhütte von 1894 (“Ur-Hölle”) originalgetreu wieder aufgebaut – eine Dokumentation von Geschichte. Nicht mehr vorhandene Konstruktionselemente sind mit Eisen materiell abgesetzt, um strukturelle Eingriffe klarzumachen. Die Einrichtung – Stühle, Bänke, ein Tisch, Bettenlager für zehn Personen – wurde dagegen in der ursprünglichen Form neu geschreinert, was sich im helleren Holzton ausdrückt. Nebenan im Museum sind Modelle der Hütten, Fotografien, Gemälde, Möbel und Gebrauchsgerät zu sehen, sie schlagen den Bogen von der kargen frühen Unterkunft um 1870 zu den heutigen “Berghotels”.              Alexander Hosch

Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen, 2 Bände, 674 Seiten. Herausgegeben von DAV, ÖAV und AVS, Böhlau Verlag, 49,90 €, ISBN 978-3-412-50203-4. Sonderausgabe für Alpenvereinsmitglieder im DAV Shop und im Alpinen Museum: 34,90 €

Die gleichnamige Ausstellung im Alpinen Museum dauert bis 8. April 2018. https://www.alpenverein.de/Kultur/

Superweiß

Das Besondere an den Bildern von Walter Niedermayr liegt in der Entsättigung der Farben. Der Schnee, das Foto, das Bild ist nach diesem Eingriff oft so porentief weiß, dass man es selbst dann nicht mehr für wirklich hält, wenn man gerade aus einem tiefverschneiten Alpenort vom Skiurlaub gekommen ist. Real wird abstrakt. So ist es dem Südtiroler recht.

Das unglaublich helle Weiß des Schnees ist das Markenzeichen des Bozener Fotografen. Superweiß. Dazu die kleinen Skifahrer, die riesenhaften Berge, einzelne farbige Akzente – Schneestangen, Anoraks. Auf diese Weise hat Niedermayr in seinen Großformaten vor 15 Jahre Titlis in der Schweiz in Szene gesetzt und, zehn Jahre später, das amerikanische Skimekka Aspen in Colorado. Seine neueste Serie beschäftigt sich mit einem anderen Skimekka, Lech am Arlberg. Dafür wurde Niedermayr von der Vereinigung „allmeinde commongrounds“ 2015/16 eingeladen, in vier einwöchigen Aufenthalten „Raumaneignungen“ abzubilden.

Das Fazinierende ist auch hier, dass seine Fotografien zwar topografische Klarnamen wie LECH HEXENBODEN haben, aber nie wirklich wahr wirken. Das Bild ist stets mehr Kunst als Foto. Es ist komponiert, auch das Bergrelief will nicht Abbildung sein. Das Panorama der Gipfel hat mit den Skifahrern nichts zu tun. Und auch nicht mit dem Schnee, der großen Masse weißer Farbe, die auf vielen Bildern den meisten Platz einnimmt. Weder „stimmen“ die Proportionen, noch die Schatten, noch die Farben. Und wenn Niedermayr die Bilder zu Diptychen zusammenstellt, lässt er verschiedene Winkel und Blickweisen aufeinanderprallen. Das sorgt für zusätzliche Irritation. Es verstärkt die abstrakte Position des Fotografen, der von hoch droben auf die Objekte seines Schaffens blickt – wie ein Theaterdichter auf das Bühnengeschehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Er habe die Farben der Alpen nicht ausgehalten, erklärt der Bozener, der selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, im abgedruckten Interview, „es war einfach zu klischeehaft“. So begann es. Durch die Entsättigung nahm Niedermayr seinen Foto-Alpen das Saftige und brachte durch diese Verfremdung den Minimalismus ins Spiel. Die bevölkerten Berge, die dennoch immer sein Thema sind, finden durch das Weiß (in sommerlichen Bildern: das entsättigte Grau oder Grün) zur ursprünglichen Stille zurück. Die Kritik wird zu Poesie.

Norwegen, Neuseeland, Dolomiten – es sind immer touristische Landschaften, die Niedermayrs Interesse wecken. Meistens sind diese Fotos, wie gesagt, voller Schnee. Die Menschen durcheilen ameisenhaft die superweißen Prärien – als Skifahrer, als Touristen. Man sieht auch, ebenfalls klein, ihre Schöpfungen: Brücken, Skilifte, Schutzhütten, Werbebanner. Enorm sind dagegen die Gipfel. Und die Distanz. Sie gibt den Bergen ihre Größe zurück, und ihre Würde. Die Natur wirkt riesengroß, die Menschen winzig klein.

Nach allem, was Walter Niedermayr dazu sagt, verändert er seine Fotos nicht digital, sondern verkürzt nur den Zeitraum der Belichtung. Das lässt sie „zu hell“ erscheinen. Man möchte im ersten Moment gern die Sonnenbrille aufsetzen, so wie beim Skifahren, wenn eine gleißende Schneefläche blendet. Dann aber mag man gar nicht mehr wegschauen.

Alexander Hosch

www.hatjecantz.de

Walter Niedermayr: Raumaneignungen – Lech 2015/2016, Hatje Cantz, 2017, 39,80 Euro.

Dies ist das sechste Buch, das Niedermayr zusammen mit Hatje Cantz herausgibt. 49 Diptychen in individuellen Größen werden darin gezeigt, die meisten messen im Original zwischen 100 und 200 Zentimetern (plus einige kleinere/ größere). 1 Essay, 1 Interview. Das Motiv Lech Monzabonalpe 05 wird in der Edition Hatje Cantz für 1.500 € angeboten

 

Drei Seile für ein Halleluja

p10105873 S – das ist jetzt die Zauberformel am Stubaigletscher. Sie steht für „drei Seile“ – ein Zugseil, zwei Tragseile. Mit ihnen hält die nagelneue 3-S-Eisgratbahn, wenn sie bis auf 2.900 Meter hochfährt, künftig Windspitzen bis 130 Kilometer vignette_alpenstaunenaus (und nicht mehr nur bis 60). Warum? Wegen der „Windsperrtage“. Das ist das Horrorwort für Skiliftbesitzer. Bislang musste die Stubaier Bergbahn an zehn bis fünfzehn Tagen zwischen Oktober und April geschlossen bleiben, weil es zu stürmisch war für die Auffahrt. Obwohl man oben prima hätte Skifahren können. Ein Jammer. Bei der offiziellen Einweihung am 3. Dezember hieß es jetzt, dass davon wohl nur ein bis zwei stille Tage übrig bleiben werden. Das substanzielle Lifting hat stolze p101057865 Millionen Euro gekostet und ist damit übrigens Österreichs größte Einzelinvestition in die Ski-Zukunft. Für dieses Geld bekam Stubai eine innovative Gletscherbahn-Konstruktion von der Sterzinger Leitner-Gruppe und eine nagelneue Architektur für die versetzte Talstation sowie passende Anbauten an Berg- und Mittelstation

p1010541Neben den lichtfurchfluteten Stationen aus transluzenten Doppelstegplatten sind die orangefarbenen neuen Panoramagondeln der zweite Hingucker. Die bekannte italienische Designschmiede Pininfarina hat die 48 Kabinen so exklusiv wie First Class Bereiche entworfen. Zu den je 24 Sitzen mit Rundumblick kommen acht Stehplätze. Weil die Bahn auch noch schnell ist, verdoppelt sich die Transportfrequenz zum Gletscher auf stündlich 3000 Fahrgäste, die während der 11 Minuten zum Eisgrat freies WLAN haben. Der schnittigste Baukörper stehtp1010547 übrigens im Tal: Seine durchscheinende, angerundete Kubatur erinnert an einen Hochgeschwindigkeits-Zug. Anthrazitfarbener Beton kleidet die Flachteile.

Zum Gestaltungskonzept des größten österreichischen Gletscherskigebiets gehört schon länger die bei mildem Winterwetter begehbare Aussichtsplattform „Top of Tyrol“ von den Innsbrucker LAAC p1010382Architekten, die auf 3.210 Metern den Blick über 109 Dreitausender frei gibt. Und der silberne Käfig der „Jochdohle“ – ein Metall-Glas-Rondell mit dem höchst gelegenen Restaurant Österreichs darin. Etwas unterhalb gibt es im „Schaufelspitz“ in der Bergstation Eisgrat zur Spitzen-Lage auch noch Spitzen-Verpflegung: Denn Küchenchef David Kostner hat seit 2015 bei Gault Millau nicht weniger als zwei Hauben auf.

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Nietzsches Weg nach oben

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Man vergisst oft, dass die Alpen bis ans Mittelmeer reichen. Hier aber nicht, dafür ist es zu steil. Der Aufstieg von Èze-Bord-de-Mer direkt an der Côte d´Azur nach Èze-Village in den Felsen darüber wurde 1883 durch Friedrich Nietzsche veredelt. Er beflügelte den Philosophen zum Finale vignette_alpenstaunenseines berühmtesten Werks. „Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger“, verkündet sein Zarathustra zu Anfang des dritten Teils, „ich liebe die Ebenen nicht.“ Also hinauf! An der Côte, wo Nietzsche zwischen 1883 und 1887 fünf Winter verbrachte, wurde das malerische zweigeteilte Dorf zwischen Nizza und Monaco sein Lieblingsort. Die südlichen Felsen der Alpes-Maritimes steigen über Èze dramatisch auf 700 Höhenmeter an. Dort wanderte Nietzsche vom Bahnhof unten am Meer immer wieder in den mittelalterlichen Ortsteil hinauf – stets den gleichen Pfad wählend. Und beobachtete, wie das Gehen sein Denken veränderte. Wie der Aufstieg die Gedanken erhitzte. Und gleichzeitig klärte.

Natürlich haben sie in Èze den paradiesischen Pfad zwischen Palmen, Kräutern, Büschen, Felsen, Himmel und Mittelmeer längst nach dem hier img_8935schöpfenden deutschen Dichter benannt. So kann der Spaziergänger, wenn er denn will, den eineinhalbstündigen Aufstieg ganz als Ausflug in die nietzscheanische Seelenlandschaft zwischen Erhabenheit und Unendlichkeit erleben. Andere werden vielleicht lieber die Prunkvilla des Stabhochsprungweltrekordlers Bubka am Wegesrand bewundern. Oder ganz oben das Superluxushotel Château Chèvre d´Or  betrachten, in dem hier immer die Promis absteigen. Wenn schon, das stört keinen großen Geist.

Wie sprach nochmal Zarathustra? „Und was mir nun noch als Schicksal und Erlebnis komme, ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selbst.“ Klingt eigentlich recht bodenständig und gemittet. Womöglich hat der bergsteigende Nietzsche da in Èze, bevor er dies schrieb, einfach die Frühform eines echten Flow erlebt. Alexander Hosch

Chemin de Nietzsche, 06360 Èze, Côte d´Azur, Alpes-Maritimes, Info: Tel. +33 4 93 41 26 00, www.eze-tourisme.com

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Klar, man könnte durch die Alpen ganze Nietzsche-Pfade hauen! Von Sils Maria im Engadin bis an die Côte d´Azur, wo er überall dichtete,. Und weiter durchs Piemont nach Turin, wo ihn ab 1889 der Wahnsinn umnachtete. Am schönsten ist es auf dem Chemin de Nietzsche in Èze, hier der Blick nach unten und auf den Horizont.