Nach Èze

DSC_0018Im Nid d´Aigle, dem Adlernest hoch über der Côte d´Azur, lässt Patrick auf alpinen 420 Metern zum Rosé eine Socca servieren, den typischen Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl, mit kleinen mediterranen Spezialitäten darauf gebreitet – Salade Nicoise, mit Spinat gefüllte Babycroissants, Gambas. fluchtbergfoto_300Ein lokales Likörchen hinterher und noch ein Café expres. Dann steigen wir zu zweit die letzten Schritte in den Exotischen Garten von Èze im Departement Alpes-Maritimes, der eine Festungsruine umgibt und unmittelbar über dem Restaurant liegt. In dem Park besucht Patrick immer seinen schwarzen Kater. Vor einiger Zeit hat er sein Zuhause hundert Meter weiter unten verlassen, um hier im Paradies zu leben. Man sieht von dem 1949 angelegten Park aus über die halbe Riviera, und manchmal bis St. Tropez und nach DSC_0020Korsika. Agaven, Aloen, Palmen, Kakteen aus Neuseeland, Süd- und Mittelamerika wurden damals von Jean Gastaud, dem Schöpfer des berühmteren Nachbargartens von Monaco angepflanzt, eine superbe botanische Kollektion von Sukkulenten, die zwischen 15 später installierten Mädchenskulpturen heranwachsen. Wüstenpflanzen, darunter das Meer und die drei Corniches, links Monaco, rechts das Cap Ferrat. Wunderschön und äußerst bizarr. Der Kater ist aber wegen der interessanten Mahlzeiten umgezogen.      Alexander Hosch

Le Jardin Exotique d´Èze, Tel. +33 4 93 41 26 00, www.eze-tourisme.com

 

Vertigo in Ljubljana

vignette_2_stadtUnmöglich, nicht an „Vertigo“ zu denken, Alfred Hitchcocks filmischen Whirlpool des Terrors, wenn man auf diesen Aussichtsturm klettert. Seit 1848 bekrönt er die Burg von Ljubljana. Es kostet einige Überwindung, die als Doppelhelix angelegte Wendeltreppe hinaufzutaumeln. Der Blick haftet an den schmiedeeisernen Stufen mit Drachenmotiv – dem Wahrzeichen der Stadt. Jetzt bloß nicht in die gähnende Tiefe starren. Zum Glück sind diIMG_0303e korallenrot lackierten Sicherheitsstäbe eng gesetzt wie das Gitter eines Raubtierkäfigs. Auf der Plattform werden alle Tapferen schließlich mit einem fulminanten Panorama belohnt. In der Ferne sieht man die Steiner Alpen, am Fuße des Burgbergs mäandert die Ljubljanica und schneidet das Stadtbild entzwei. Diesseits der mittelalterliche Teil, drüben das moderne Ljubljana.   ag

IMG_0292
Noch bis 31. Dezember: Ljubljana ist die European Green Capital 2016 www.greenljubljana.com

Die silberne Kobra von Innsbruck

vignette_strassenrandperlen4Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen. Und schöne ältere, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.  #3

bergisel_schanze
Objekt
Bergiselskischanze / Adresse Bergiselweg 3, A-6020 Innsbruck / Koordinaten  N 47°14.810’, O 011°23.987’ / Bauzeit  2001-2002 / Bau-Grund   Von wegen, Innsbruck liegt hinterm Architektur-Mond! / Aktuelle Nutzung  Skisprungwettbewerbe, Training, Besichtigungen (Kombikarte Schanze/Museum TirolPanorama); tagsüber Café-Restaurant in der Kanzel, abends privat zu buchen / Öffnungszeiten  www.bergisel.info / Schönster Augenblick  Immer die nächste Vierschanzentournee (meist 3./4. Januar)

Warum man immer dran vorbeifährt:  Weil man sich ja doch wieder nicht stilgemäß herunter zu fliegen traut! Jeder Aufstieg über 455 Stufen ist ein Sieg. Aber jeder Abgang ohne Ski an den Füßen eine kleine Niederlage.

bergiselschanze

bergiselschanzeWeshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss: Jetzt, wo bald erneut die Urlaubskarawane über den Brenner zieht, fällt sie allen hoch über der Autobahn wieder groß in den Blick: Die Bergiselschanze von Zaha Hadid. Zuerst musste die britisch-irakische bergisel_schanzeArchitektin von ungefähr 1975 bis 2000 lesen, man könne ihre Entwürfe gar nicht bauen. Und von 2001, kaum dass die Ersten standen, bis 2016 schrieben dann die Chauvis und Bau-Spießer: bääh, Spektakel, das ist ja eine Stararchitektin, und auf den Häusern fehlt der Giebel. Vor Kurzem ist die einzige berühmte Frau im Architekturzirkus mit nur 65 Jahren gestorben. Sie war das schillerndste Talent der Bauwelt, und zusammen mit David Bowie der größte Verlust für die Kunstwelt in diesem Jahr. – Gut also, dass Zaha Hadid zu Lebzeiten immer brav gebaut hat, wie sie wollte. Bei uns im Familienauto freuen sich jedenfalls mit jeder Alpenüberquerung alle als wär´s der Eiffelturm, wenn die silberne Kobra auftaucht, schemenhaft zuerst, dann schillernd, dann immer klarer. Früher sahen Skischanzen wie Kreuzungen aus Fernsehturm, Hochspannungsmast und Kohleförderanlage aus. In Innsbruck dagegen spielte die Mathematikerin und Dekonstruktivistin Hadid elegant mit dem Eindruck von Instabilität, mit extremen Winkeln und Überhängen. Das ist auch für jeden Besucher eine schwindelerregende Sache – wie eine Achterbahnfahrt. Schon der sportive Aufstieg zu Fuß oder alternativ die Fahrt per Schrägzug an den Schanzenrumpf und im Fahrstuhl hoch zum Turm-Café sind Erlebnisse. Die immer leicht verkippte Rundum-Aussicht von der Terrasse über Stadt, Berge und Inntal ist dann der eigentliche Clou. Wer ganz viel Glück hat, erlebt, wie unterhalb seiner Frühstücks-Tasse trainierende Meisterspringer aus der Luke gleiten. Und womöglich wird im Januar Michael Hayböcks neuer Schanzenrekord (138 Meter) gleich wieder geknackt.

Wie man hinkommt: Statt auf die A 13 Richtung Brenner abzubiegen, fährt man von der Inntalautobahn bei Innsbruck-Mitte raus. Von da über Klostergasse, alte Brennerstraße und Hohlweg auf den Bergiselweg. Parkplatz beim Kaiserjägermuseum. Von hier zum Stadion fünf Gehminuten.

(copyright: Sabine Berthold & Alexander Hosch)

bergisel_schanze

Die fetten Jahre sind vorbei

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #2

vignette_film4_rz

Berlin 2003. Die Piratenpartei existiert nicht einmal als Idee. Traditionelle Protestformen haben sich als Flop erwiesen. Da gehen drei junge Aktivisten – absolut glaubwürdig gespielt von Daniel Brühl, Stipe Erceg und Julia Jentsch – neue Wege: Sie brechen in Villen ein, schichten das Mobiliar zu Türmen auf, die aussehen wie Skulpturen von Olaf Metzel und hinterlassen die Nachricht „Die fetten Jahre sind vorbei“ – so auch der Titel dieser mit Handkamera gedrehten Low-Budget-Produktion. Im Hause Hardenberg werden sie von dem Eigentümer (der undurchdringliche Burghart Klaußner) überrascht. Das in Bedrängnis geratene Trio entführt den Klassenfeind auf eine hoch über dem Tiroler Achensee gelegene Hütte.

Täglich kämpfte sich die Filmcrew über eine schmale Schotterpiste zu dem Schlupfwinkel ohne Strom und fließendes Wasser. Als böte das Karwendel-Panorama dem Denken Raum zur Richtungsänderung, verhandelt der österreichische Regisseur Hans Weingartner hier oben Möglichkeiten und Grenzen des politischen Tuns. Hardenberg entpuppt sich als Alt-Linker. Freie Liebe. Dutschke forever. Doch „irgendwann willste auch mal deine rostige Karre loswerden und machst Karriere“. Und die drei Freunde erkennen auf der Alm, dass Rebellion ohne Moral eine Mogelpackung ist.   Alexandra González

https://www.universumfilm.de/filme/140764/die-fetten-jahre-sind-vorbei.html