Pflanzenfundstück

johanniskrautJohanniskraut, 2013

Die elegante Fotoserie „Florilegium“ von Sabine Berthold wird 2016 weitergehen. Sie ist eine Sammlung von weitem Begriff – nicht nur, weil die Digitalprints (Größen 20 x 30, 30 x 45, 60 x 90 cm) sowohl Blüten, Blätter und vignette_alpenstaunenKräuter als auch Stängel, Halme, Samenkapseln, Früchte oder Ausschnitte davon – pars pro toto – zeigen. Zu den vegetabilen „Darstellern“ der filigranen und manchmal bizarren Stillleben gehören Mitbringsel von Freunden, Trouvaillen aus dem Urlaub und aus dem Wohnkaufhaus, am Wegrand gefundene oder speziell gesuchte Pflanzen, Blumen, die vom Balkon auf die Großstadtstraße gefallen sind, Ableger aus dem Garten, florale Fundstücke, die am Gelände der Großmarkthalle zwischen nicht mehr gebrauchten Gleisen heranwuchsen, exotisches Fallgut aus dem Botanicum… Nicht alle sind aus den Alpen oder Voralpen. Aber viele. Wie das Johanniskraut (oben) vom Südufer des Starnberger Sees, sozusagen der nördlichste Quadratmeter des Murnauer Mooses.   ah

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Eukalyptus, 2015

Mehr Motive:  http://www.sabine-berthold-fotografie.de/

Das Glitzerbonbon von Genf

vignette_strassenrandperlen4Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es überraschende neue Architekturen und alte, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir haben sie besucht.  #2

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Objekt Vacheron Constantin 1 und 2, Hauptquartier und Uhrenmanufaktur / Adresse Chemin de Tourbillon 10, CH-1228 Plan-les-Ouates bei Genf / Koordinaten N 46.1661   O 6.1000 / Bauzeit 2002-2014 / Bau-Grund  Die älteste existierende Uhrenfabrik der Welt wollte endlich auch mal die neueste Uhrenfabrik der Welt sein / Aktuelle Nutzung   Management und Produktion! Leider muss, wer rein will, zur Führung geladen sein. Sonst lernt er den Werkschutz kennen – www.vacheronconstantin.com / Schönster Augenblick  Bei gewissen Sonneneinfallswinkeln irisieren die Jalousien vor der langen Glasfront in Regenbogenfarben.

Warum man immer dran vorbeifährt:  Nur ein Wimpernschlag noch, dann kommt die französische Grenze. Wer nichts von dieser Architektur weiß, passiert die Manufaktur an der Autobahn A 1 deshalb leider, ohne sie richtig wahrzunehmen.
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Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!  Das neue Hauptquartier der 1755 gegründeten Uhrenfabrik liegt ein paar Kilometer südlich von Genf in Plan-les-Ouates, direkt an der A 1. Der berühmte, in Paris und New York praktizierende Architekt Bernard Tschumi aus Lausanne durfte noch nicht allzu viel in seinem Heimatland Schweiz bauen. Doch mit Anbruch des neuen Jahrtausends hat man ihn, der bis vor Kurzem Dekan der Architekturfakultät der Columbia University in New York war, zuhause endlich entdeckt. Er schuf hier fließende Fassaden mit einem fast nahtlos wirkenden, silbern glänzenden Metallüberzug – eine verführerische Willkommensgeste. Fast sieht es aus, als habe Tschumi einen Silberschokoladeguss über das elegante Headquarter und die flache Produktionshalle laufen lassen. Im Hintergrund die Savoyer Alpen, bis in den Frühsommer mit einem Schneerand verziert.
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Wie man hinkommt: Bei der Ausfahrt Perly (kurz hinter Genf bzw. von Frankreich aus unmittelbar hinter der Grenze) die A 1 verlassen und unter der Autobahn durch nach Plan-les-Ouates und zum Eingang der Fabrik. Wer ohnehin von der A 1 auf die 1a in Richtung Genfer Innenstadt biegen möchte, umkurvt stattdessen Vacheron Constantin automatisch und kriegt aus der Zufahrtstraßenornamentik heraus schöne Blicke im Vorbeifahren.

(copyright Sabine Berthold & Alexander Hosch)

Frühjahrsskifahren

AK_LESARCS-2Die frohe Botschaft für Frühjahrsskifahrer kommt aus Frankreich, genauer: Savoyen. Dort, wo die Skistationen der Architekturmoderne nicht unten im Tal, sondern so hoch wie möglich, zwischen 1600 und 2000 Metern, angelegt worden sind, braucht man auch im April nicht auf das kalte Feuer aus den Schneekanonen zu warten, um guten Gewissens seine Kurven zu ziehen. Das weiße Zeug ist einfach sowieso da. Manche dieser Reißbrett-Skidörfer liegen sogar auf mehr als 2300 Metern – so wie Val Thorens im größten Skigebiet der Welt, den Trois Vallées in der Tarentaise. vignette_alpenstaunenDort kann man sogar im Mai noch Skifahren. Les Arcs, etwas weiter nördlich, liegt nicht ganz so hoch – aber dafür führt dieses Skigebiet an der Aiguille Rouge im Vanoise-Massiv auf in Europa kaum schlagbare 3.226 Meter Höhe. Und meist stellt sich, gleich gegenüber des Gondelausstiegs, der Mont Blanc in den Blick. Alles ist im Frühjahr übersichtlich und klar: die Zahl der Menschen, die Aussicht, die in Savoyen stets bestens präparierten Pisten. Durcheinanderkommen kann man trotzdem – wie an der Skischaukel zwischen Les Arcs und La Plagne der Wegweiser-Schnappschuss von Anfang April (oben) beweist. Da wünscht sich der wegsuchende Pistenfuchs doch gleich in einen der vielen vollendet verständlichen französischen Autokreisverkehre zurück.  ah

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Das Bulle Café im Skigebiet bei Les Arcs 2000

Zürich, over the top

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Die Frauen, die 1971 zwischen aufstrebenden Künstlern, Hausbesetzern und feministischen Darbietungen das Modelabel Thema Selection sowie den zugehörigen Laden in der Zürcher Altstadt gründeten, wollten im Kopf so weit wie möglich weg von den Alpen. Keine Erhebung sollte ihren Horizont begrenzen. Afrika, Japan, London, Paris und Hollywood schneiderten mit, als der „Wickeljupe“, die „Kimonojacke“ oder das „Wäscherinnenkleid“ entstanden. Vorbilder waren Marlene Dietrich, Militäruniformen und die Hüte von Barbara Stanwyck oder Hedy Lamarr. Denn Thema Selection entfloh der Hippiemode mit burschikosen Frauenarbeitskleidern, die Hosentaschen hatten und aus Harris Tweed waren – aber mit Unterwäschespitze. Der Stil dieser Mode war androgyn, frivol und over the top, voller Grenzverletzungen und Irritationen.

fc_7890 Als die amerikanische Vogue das Häuflein 1974 entdeckte, wurden die Designerinnen um Ursula Rodel und Sissi Zoebeli populär. Der Laden entwickelte sich zum Treffpunkt der Kosmopoliten und Andersartigen. Ganz in der Nähe begann die arty Anarchie von Peter Fischli und David Weiss zu toben. Auch Warhol war befreundet, kaufte aber nix. Die Deneuve schon. Im nächsten Umkreis schufen weitere Künstler wie Urs Lüthi oder die Kuratorin Bice Curiger, die später die Zeitschrift Parkett gründete. Irgendwann in den 1990ern kam Thema Selection mit bunten Handdrucken, gemischt aus Folklore und Pucci, doch noch in den Alpen an: Diese wurden im Gebirgskanton Glarus geprintet.

fc_Cover fc_7875Ein künstlerischer neuer Bildband erzählt jetzt diese Schweizer Story zwischen den Gipfeln von Mode und Gesellschaft. Dick ist er und zeitschriftig – mit vielen Polaroids, Schnitten, Skizzen, Manifesten und Meinungen von wirklich allen alten Freunden. Aber sehr schön. Man freut sich über jeden einzelnen Zürcher Wilden, der dort in den letzten 45 Jahren, nicht allzufern von Eiger, Mönch und Jungfrau, sein Nonkonformistenwesen trieb. Und den Laden gibt es immer noch. (www.themaselection.ch, Spiegelgasse 16, CH-8001 Zürich)    Alexander Hosch

Gina Bucher, „Female Chic –Thema Selection / Die Geschichte eines Modelabels“, 70 Euro, broschiert, 632 Seiten, 400 Farbabbildungen, Texte von This Brunner, Elisabeth Bronfen, Sibylle Berg u.a., 22.8 × 30 cm, ISBN 978-3-905929-87-4, www.editionpatrickfrey.com

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Das Kastell am San Bernardino-Tunnel

vignette_strassenrandperlen4Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir nehmen uns die Zeit und besuchen sie. #1
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Objekt  Castello di Mesocco / Adresse  CH-6563 Mesocco, Graubünden / Koordinaten  N 46°22.864 ´    E 009°13.965 ́  / Bauzeit   Zirka 1050 bis 1500 / Bau-Grund  Der ideale Ort für eine uneinnehmbare Burg!  / Aktuelle Nutzung  www.castellomesocco.ch / Schönster Augenblick  Bei Sonne in den hügeligen Freiflächen zwischen Ringmauer und Ruinen (frei zugänglich)


Warum man immer dran vorbeifährt:
  Gerade hatten wir noch die Windungen der alten Alpentransversale Via Mala nebenan bestaunt, da überrascht uns die teilweise zwei- und teilweise vierspurige Autobahn 13 (E 43) mit dem langen Tunnel am San Bernardino – das „Tor zum Tessin“. Der Blick dahinter nimmt uns den Atem. Ah, das Land, wo Milch und Honig fließen. Und da, eine Märchenburg! Zu spät…

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Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss:  Jeder versteht, warum schon die Menschen der Jungsteinzeit hier siedelten. Die vor einigen Jahren restaurierten Ruinen des Castello liegen auf einem mächtigen Fels im Misox. Vorburg, Kirche, Kern- und Hauptburg bilden zwischen Grünflächen eine der größten Anlagen der Schweiz. Über 300 Jahre – bis 1480 – herrschten hier die Freiherren (und späteren Grafen) Sax über das Tal. Dann kaufte ein Mailänder Condottiere das Kastell. Die neidischen Grauen Bünde besetzten es 1526. Danach verfiel es. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden einige Türme wiederhergestellt. Kunsthistorisch besonders: Reste mittelalterlicher Malerei auf Stein und ein Campanile mit Doppelbogenmotiv. Am Fuß des Burghügels steht die Kirche Santa Maria von 1050 mit ihrem großen Fresko von 1469 aus Monats- und Heiligenbildern sowie Christi Geburt und Tod. Auch sie ist relativ frisch restauriert.

Wie man hinkommt: Von Süden (Tessin) die Ausfahrten Mesocco Süd oder Nord nehmen. In der Gegenrichtung aus Chur nach dem Tunnel raus (Mesocco Nord), auf den Parkplatz neben der Autobahn, zu Fuß über die kleine Brücke und hinauf. 200 Meter nach der Chiesa Santa Maria folgt die Burg.

(copyright: Sabine Berthold & Alexander Hosch)

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Ins Edelstein-Tal

Kleine Flucht....Ins Edelstein-Tal
Die scheue Krimiautorin Agatha Christie fand Bohinj zu schön, um ihre Romanfiguren hier morden zu lassen. Weil ihr im Wocheiner Tal niemand auf die Nerven ging? Bis heute gibt es nur wenige Hotels und kaum touristischen Tand. Herrisch schiebt sich der an diesem Frühlingstag noch schneebedeckte Triglav in die Kulisse der Julischen Alpen. fluchtbergfoto_300In Ribčev Laz erinnert eine Bronzegruppe an die Erstbesteigung des höchsten Bergs Sloweniens. Am 26. August 1778 erreichten die vier Wocheiner Lovrenc Willomitzer, Luka Korošec, Stefan Rožič und Matija Kos den Gipfel. Finanziert wurde die Expedition von Sigmund Freiherr Zois von Edelstein, der mit Eisenwerken ein Vermögen verdient hatte. Der großzügige Aristokrat und Förderer geologischer Forschung unterhielt nicht nur einen „Musenhof“ in Ljubljana, sondern trug auch eine spektakuläre Mineralienkollektion zusammen. Inzwischen ist sie im Naturhistorischen Museum der Hauptstadt zuhause. Glanzlicht der umfangreichen Sammlung: der nach ihm benannte Zoisit. Seit der Entdeckung der Varietät Tansanit 1967 besitzt das seltene Mineral sogar Edelsteinqualität. Nun klingt der Name des Freiherrn doppelt schön und würdevoll. Am Talschluss, wo sich der Savica-Wasserfall im karstigen Fels der Komarča versteckt, stößt man wieder auf dessen Mäzenatengeist. 1807 besuchte der alpenvernarrte Erzherzog Johann von Österreich den Katarakt. Anlass genug für Sigmund Zois, eine Marmortafel zu Ehren des hohen Gasts im Aussichtspavillon zu stiften. Zahlreiche Besucher verstehen den Stein offenbar als Einladung zum Einritzen von Namen- und Liebesgraffiti. Kein Wunder, dass so viele bei diesem Seufzer-Panorama über Wocheiner See und Berg Vogel schwach werden.   Alexandra González

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Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner

Als Drehort sind die Alpen einsame Spitze. Doch nicht jedes Werk, das hier entstand, wird auch als Bergfilm wahrgenommen. Wir stellen Fundstücke abseits des klassischen Genres vor, vom Klischee des Helden im Fels befreit: Die heimlichen Alpenfilme #1

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Wenn Skiflieger eine Schanze bewältigen, haben sie den Adrenalinspiegel eines Menschen in Todesangst. Mit jedem Sprung wachsen sie über sich hinaus. Auch Walter Steiner, bester Skiflieger seiner Zeit, führte ein Leben zwischen Höllenfurcht und rauschhafter Entrückung. Diese Extremzustände waren es, die Werner Herzog an dem „Vogelmenschen“ aus dem schweizerischen Toggenburg so faszinierten. 1974 drehte er seine existenzialistische Dokumentation „Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner“ an den Mammut-Schanzen in Oberstdorf und im einst jugoslawischen Planica (heute Slowenien), während des Trainings und der Weltmeisterschaft. Aber was heißt schon Dokumentarfilm bei diesem Regisseur, der die künstlerischen Bilder und die Originalmusik von Popol Vuh derart suggestiv einsetzt. Es ist eine Arbeit über rücksichtslose Wettkampfbedingungen und das Erproben von Naturgesetzen. Die wichtigsten Verbündeten dabei: ein Paar ellenlange Ski. Wie jäh und grauenvoll Flüge enden können, filmt Herzog in Superzeitlupe. Nicht auszuhalten, wie die Gliedmaßen eines bewusstlosen Athleten ihr groteskes Ballett aufführen. Als Jugendlicher hatte Herzog selbst Skispringen trainiert, doch sein bester Freund kam dabei fast um. So entwickelte er eine Panik, die seine Sehnsucht nur noch mehr befeuerte. „Die Erdenschwere, die geht mir auf den Geist“, sagte er einmal, „ich will das nicht haben. Ich will mich dagegen auflehnen, auch wenn das natürlich ganz sinnlos ist.“ Zum Glück war Werner Herzog dem „Vogelmenschen“ begegnet, im Brotberuf ein sensibler Holzbildhauer. Und erfuhr hautnah, wie ein anderer an seiner statt den Traum vom Fliegen auslebte.   Alexandra González

www.wernerherzog.com